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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Wo halten die Pflanzen ihre Uhr versteckt? fragte mich meine Mutter, weil ich in der Schule Naturkunde hatte.

— Und wie sieht die Zeit aus? fragte ich zurück und zitierte damit einen damals populären Chanson.

Vielleicht war meine Mutter nicht dauernd außer sich, sie war es aber oft. Unbedingt im Zusammenhang mit großen wissenschaftlichen Entdeckungen oder bei Unglücken. Als eine amerikanische Wasserstoffbombe bei einem oberirdischen Test alle Berechnungen übertraf und dreiundzwanzig nichtsahnende japanische Fischer mit Flockengestöber überraschte und verstrahlte, verließ sie das erste Mal ungekämmt die Wohnung. Aber diese Erinnerung kann so nicht stimmen, zu diesem Zeitpunkt war ich erst drei Jahre alt. Als der angebliche virale Ursprung aller Krebserkrankungen gefunden worden war (Dr. Helene Toolan und ihrem Hamster-Test sei gedankt — ENDLICH!), glühte meine Mutter wie eine Alarmleuchte, lief durch alle Zimmer und scheuchte die ganze Tantenschar auf. Sie erzählte uns mit dem aktuellen» Spiegel «in der Hand, daß darüber hinaus eine revolutionäre Behandlungsmethode gefunden worden sei (die von Dr. Issels), und meinte voller Erleichterung, daß 4711-Toni, eine Großgroßachteltante, die ausnahmsweise nicht bei uns wohnte und deren Vater vor dem Krieg in Ostrau Vertreter der Kölner Firma gewesen war, hoffentlich nicht würde sterben müssen. Oder sie schilderte mir Chruschtschows Trommelfeuer vor der UNO und spielte mir sein legendäres Auf-den-Tisch-Hauen mit einem Schuh nach. Sie schlug mit einem Pantoffel auf den Tisch und freute sich über meine aufgerissenen Augen. Für mich sah es so aus, als ob sie in New York persönlich dabei gewesen wäre.

Ich war lange Jahre Mutters Lehrling, Mutters Anzutschkind, und ich lernte es gründlich, mich genauso wie sie über jeden Unsinn, Reinfall, jede Neuigkeit oder jeden Quantensprung der Technik zu freuen, mich von allen ankommenden Wellen überschäumen zu lassen. Es war schön, gemeinsam mit ihr in die Hände zu klatschen, es war heilsam, neben meiner Mutter zu lachen und mich von den süßen Seiten des Lebens unterhalten zu lassen. Vulkanausbrüche liebten wir genauso wie etwas erfrischendere Naturereignisse. Die Vulkane als solche vor allem wegen ihrer exotischen Namen: Krakatau, Kilauea, Popocatepetl. Sie gehörten zu den Eckpunkten von Mutters partiellem geographischen Wissen, sie leuchteten auf meinem inneren Globus wie die glühenden Enden ihrer Zigaretten, die ich zu sehen bekam, wenn sie mir im Dunkeln etwas zum Einschlafen erzählteund dabei rauchte. Gern malte sie mit ihrer Zigarette außerdem spiegelverkehrte Leuchtspur-Buchstaben in die Luft, die ich zu Wörtern zusammensetzen sollte. Aber nicht nur Vulkane, auch alle gewöhnlichen Orte, an welchen wir uns mal tatsächlich aufgehalten hatten, strahlten dank Mutters Energie wie Supernovae, sie strahlen für mich bis heute. Deshalb weiß ich immer noch topographisch genau, wo mir manche Neuigkeiten oder Geschichten erzählt wurden. Unsere Wohnung, viele Ferien- oder Ausflugsorte, die Routen in die Innenstadt, unsere Allee zum Hradschin oder die Wege in die Parks von Prag 6 — alles ist gepflastert mit kleinen Leuchtpunkten. An diesen Markierungen wurden später aber auch meine Begleitzweifel belebt. Und die große, bereits angesprochene Quizfrage lautete: Wäre es bei einem solchen Grad an erregibler Dauerversorgung nicht besser gewesen, mich eher auf eine angesengt-kakophonische statt auf eine harmonische Zukunft gefaßt zu machen?

Meine induzierte Aufgeregtheit steigerte sich oft stark ungesund, warf mich gern aus der Spur. Diese Entgleisungen, also meine privat-internen Ausnahmezustände, wollte ich aus gutem Grund mit niemandem teilen — instinktiv auch nicht mit meiner Mutter. Wie sie sich sozial einordnen ließen, konnte ich allein nie ganz klären und nahm erst einmal an, solche Zustände wären pathologisch — und außerdem äußerst selten. Ich betrachtete diese warmen Schlammlawinen als sublime Heimsuchungen, die zu verkünden sich sowieso nicht gehört hätte. Zwischenzeitlich fürchtete ich sogar, auf eine abartige Seelenmutation hinzusteuern. Tatsächlich zeigte kein Mensch äußere Anzeichen dafür, ein mir ähnlicher Sonderling werden zu wollen. Niemand sonst erstarrte auf der Straße wie ich, um sein inneres Überkochen zu überstehen. Mit einer beseelten Trauerweide im Park kommunizierte ich sowieso schon seit langem als einziger, hatte ich das Gefühl. Die Weide stand unten im Park, ich ging an ihr jeden Tag mehrmals vorbei und konnte sie außerdem — eifersüchtig wie ich war — aus meinem Fenster beobachten. Zu unserer ersten physisch intensiven Begegnung kam es spätabends, es war bereits dunkel, und ich war unerlaubterweise aus der Wohnung entwischt, um den Arbeitern zuzusehen, die während dieser — einer einzigen — Nacht Straßenbahngleise und Weichen einer nahe gelegenen Kreuzung vollständig auswechseln mußten. Die Weide interessierte mich an diesem Abend eigentlich nicht. Trotzdem schaffte ich es nicht, an ihr einfach vorbeizurennen. Sie hauchte mich so feuchtwarm und luftbewegt an, daß ich stehenbleiben mußte. Sie erinnerte mich an einen gähnenden Tiger im Zoo, dem ich einmal zu nah gekommen war. Zwar fielen dauernd auch einige meiner Freunde durch gewisse Abnormitäten auf, sie wirkten sich auf sie aber nicht besonders verstörend aus, hatte ich den Eindruck. Hinter ihren Abnormitäten mußten andere Regungen gestanden haben. Die Verrücktheiten meiner Schulfreunde traute ich mich in der Regel auch mit keinem Wort zu kommentieren, uns hätten sowieso die passenden Tauschvokabeln gefehlt. Einer dieser Freunde — er war klein, dick und nicht besonders klug — setzte in der Schule gern auf seine körperliche Präsenz. Besonders dann, fiel mir auf, wenn sich sein Verstand in einer Sackgasse befand. Wenn sich dieser Kumpel plötzlich und ohne Anlaß auf den Fußboden in den Dreck warf und dort herumzukriechen begann, waren kein Geist, keine Worte, nichts Artikuliertes mehr gefragt. Er gab dabei höchstens wildes Wiehern oder Quietschen von sich. Ich sah so etwas Originelles gern, ahnte aber schon damals, daß sich vieles auf der Welt meinem halbgewalkten Verstand würde komplett entziehen wollen. Dieser Freund, den ich phasenweise wirklich mochte, kroch auf dem Fußboden nicht so, wie ich es von Soldaten aus Kriegsfilmen kannte, er scherte sich allerdings wie ein guter Soldat auch nicht um seine Kleidung, schob alle Schnipsel, Sand und Staub wie ein Besen vor sich her. Er warf sich gleich von Anfang anauf seinen fleischigen und für solche Kommandoaktionen günstig fettgepolsterten Rücken und schob sich im Klassenraum kraftvoll wie eine Wühlmaus unter Wasserdampf die Gänge lang. Erst einmal von vorn nach hinten, dann auch quer zwischen den Bänken — offenbar hatte ihn der Ehrgeiz gepackt, mit dem kompletten Raum auf Rückenfühlung zu kommen. Dieser frisch-entfesselte Prager Themroc verstand seine eigene rasende Botschaft sicher genauso wenig wie wir.

Meine Mutter pflegte und salbte sich jeden Tag gründlich. Und weil sie kein Sparbuch besitzen wollte, gab sie im Grunde ihr ganzes überschüssiges Geld für Parfüms, Schmuck, Kleider und Schuhe aus. Konnte ein mitfühlender und verständnisvoller Mensch zu so einem reizenden Geschöpf wie meine Mutter unfreundlich sein oder sie sogar schlecht behandeln? Konnte man so etwas Unschuldig-Wertvolles verlassen und dadurch ins bodenlose Unglück stürzen? Eigentlich hätte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein müssen. Zum Glück gelang mir irgendwann doch der Absprung — spät und erst nach mehreren Anläufen. Ich versuchte, den Abschied immer wieder blitzartig durchzuziehen, etwas Langgezogenes wie eine kontrollierte Ablösung hätte man mir nicht erlaubt. Bevor die räumliche Trennung noch nicht endgültig vollzogen war, fürchtete ich mich vor einer Schlacht, die in ein Schraubenzieherstechen, Hammer-Schädelhauen oder Kettensägenkreuzen hätte übergehen können, statt chirurgisch sauber ausgeführt zu werden.

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