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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Wenn man ihm den Vorschlag machte, in den Staatsdienst zu treten, oder über allgemeine Staats- oder Kriegsfragen stritt und dabei von der Annahme ausging, von diesem oder jenem Ausgang der Ereignisse hänge das Glück der Menschen ab, so hörte er mit sanftem mitleidigem Lächeln zu und setzte die Leute, die sich mit ihm unterhielten, durch seine sonderbaren Bemerkungen in Erstaunen. Aber sowohl jene, die, wie es Pierre schien, den wahren Sinn des Lebens, das heißt seine Liebe, verstanden hatten, wie auch jene Unglücklichen, die offenbar kein Verständnis dafür hatten – sie alle zeigten sich ihm während dieser Zeit in jenem grellen Licht des Gefühls, von dem er durchleuchtet war, so daß er ohne die geringste Anstrengung bei jedem Menschen, mochte er treffen, wen er wollte, mit einem Schlag erkennen konnte, was in ihm gut und liebenswert war.

Während er die Papiere seiner verstorbenen Frau durchsah und ihre Angelegenheiten ordnete, empfand er im Gedenken an sie kein anderes Gefühl als Mitleid, daß sie ein solches Glück, wie er es jetzt empfand, nie gekannt hatte. Fürst Wassilij, der nach Empfang eines neuen Ehrenamtes und eines neuen Ordens besonders stolz war, erschien ihm wie ein rührend guter alter Mann, mit dem man Mitleid haben mußte.

Pierre dachte später oft an diese glückselige Liebestollheit zurück. Alle Urteile, die er sich während dieser Zeit von Menschen und Dingen gebildet hatte, erwiesen sich ihm für immer als richtig. Er machte sich in der Folgezeit von diesen Anschauungen über Menschen und Dinge nicht nur nicht los, sondern nahm bei inneren Zweifeln und Widersprüchen oft wieder seine Zuflucht gerade bei jenen Ansichten, die er während dieser Zeit seiner Liebestollheit gehabt hatte, und dieser Standpunkt erwies sich immer als richtig.

Vielleicht, dachte er, erschien ich damals seltsam und lächerlich, aber ich war gar nicht so unvernünftig, wie ich schien. Im Gegenteil, ich war klüger und einsichtsvoller denn je, denn ich verstand alles, was sich im Leben zu verstehen lohnt, weil … weil ich glücklicher war.

Pierres Unvernunft bestand darin, daß er, um die Menschen zu lieben, nicht wie früher erst persönliche Gründe, die er gute Eigenschaften nannte, in den anderen suchte, sondern mit einem Herzen voll Liebe ohne jeden Grund alle Menschen umfaßte und stets unzweifelhafte Gründe fand, um derentwillen sie seiner Liebe wert waren.

21

Seit jenem ersten Abend, da Natascha, nachdem Pierre fortgegangen war, mit lustig spöttischem Lächeln zu Prinzessin Marja gesagt hatte, daß er in seinem kurzen Röckchen und kurzgeschnittenen Haar ganz, ganz so aussehe, als käme er aus dem Bad, seit jenem Augenblick keimte etwas Geheimes, Unüberwindliches in Nataschas Herzen, wovon sie selber gar nichts wußte.

Alles: ihr Gesicht, ihr Gang, ihr Blick, ihre Stimme – alles war mit einem Schlag verändert. Ihre Lebenskraft, an die sie selber nicht mehr geglaubt hatte, und ihre Hoffnungen auf Glück hatten die Oberhand gewonnen und forderten Befriedigung. Vom ersten Abend an schien Natascha alles vergessen zu haben, was mit ihr geschehen war. Seit jenem Augenblick klagte sie nicht ein einziges Mal mehr über ihren Zustand, sagte nicht ein Wort mehr über die Vergangenheit und scheute sich nicht mehr, frohe Pläne über die Zukunft zu entwerfen. Sie sprach wenig von Pierre, doch wenn ihn Prinzessin Marja erwähnte, strahlte ein lang erloschener Glanz aus ihren Augen, und ihre Lippen umspielte ein seltsames Lächeln.

Die Veränderung, die mit Natascha vorging, setzte Prinzessin Marja anfänglich in Erstaunen, doch als sie dann ihre Bedeutung erkannt hatte, stimmte sie sie traurig. Hat sie wirklich meinen Bruder so wenig geliebt, daß sie ihn so schnell vergessen kann? fragte sich Prinzessin Marja, als sie einmal über die erfolgte Veränderung nachdachte. War sie aber mit Natascha zusammen, so zürnte sie ihr nicht und machte ihr keine Vorwürfe. Die erwachende Lebenskraft kam sichtlich so unaufhaltsam und unerwartet über Natascha, daß Prinzessin Marja in ihrer Gegenwart fühlte, daß sie nicht das Recht habe, ihr Vorwürfe zu machen, nicht einmal in ihrem Herzen.

Natascha gab sich so sehr und mit solcher Aufrichtigkeit dem neuen Gefühl hin, daß sie nicht einmal den Versuch machte zu verbergen, daß sie nicht mehr traurig, sondern glücklich und heiter war.

Als Prinzessin Marja nach ihrer Aussprache mit Pierre auf ihr Zimmer kam, traf sie Natascha auf der Schwelle.

»Hat er gesprochen? Ja? Hat er gesprochen?« fragte sie immer wieder.

Und ein glücklicher und zugleich rührender Ausdruck, der wegen ihres Glückes um Verzeihung bat, lag auf ihrem Gesicht.

»Ich wollte an der Tür horchen, aber ich wußte ja, daß du es mir sagen würdest.«

Wie verständlich, wie rührend für Prinzessin Marja dieser Blick war, mit dem Natascha sie ansah, wie leid ihr auch ihre Erregung tat, sie fühlte sich doch im ersten Augenblick durch Nataschas Worte gekränkt. Sie dachte an ihren Bruder und an seine Liebe.

Was ist da zu machen? Sie kann nicht anders, dachte Prinzessin Marja.

Und mit traurigem und etwas strengem Gesicht teilte sie Natascha alles mit, was Pierre zu ihr gesagt hatte. Als Natascha hörte, daß er nach Petersburg fahren wolle, wunderte sie sich.

»Nach Petersburg?« fragte sie noch einmal, als könne sie das nicht begreifen.

Doch als sie Prinzessin Marjas bekümmerten Gesichtsausdruck bemerkte, erriet sie den Grund ihrer Traurigkeit und fing plötzlich an zu weinen.

»Marie«, schluchzte sie, »sage mir, was ich tun solclass="underline" ich habe Angst, schlecht zu sein. Was du willst, werde ich tun; sage mir …«

»Liebst du ihn?«

»Ja«, flüsterte Natascha.

»Warum weinst du da? Ich freue mich für dich«, tröstete sie Prinzessin Marja, die um dieser Tränen willen Natascha bereits vollkommen ihre Glückseligkeit verziehen hatte.

»Es wird nicht so bald werden, aber doch dereinst. Denke dir, was für ein Glück, wenn ich seine Frau sein werde und du Nicolas heiratest.«

»Natascha, ich habe dich gebeten, nicht darüber zu sprechen. Reden wir von dir.«

Beide schwiegen.

»Warum fährt er nur nach Petersburg?« sagte Natascha dann plötzlich, gab sich aber schnell selber die Antwort: »Nein, nein, es muß schon so sein … Nicht wahr, Marie, es muß wohl so sein …«

Epilog

1

Sieben Jahre waren vergangen. Das erregte Meer der Geschichte Europas war wieder in seine Ufer zurückgetreten. Es schien still geworden zu sein, aber die geheimnisvollen Kräfte, die die Menschheit antreiben – geheimnisvoll deshalb, weil alle Gesetze, die jene Bewegungen bestimmen, uns noch unbekannt sind –, fuhren fort zu leben und zu weben.

Wenn auch die Oberfläche des geschichtlichen Meeres jetzt regungslos schien, so bewegte sich die Menschheit dennoch ebenso rastlos weiter, wie die Zeit vorwärts schreitet. Mancherlei Menschengruppen traten zusammen und lösten sich wieder; Ursachen zur Gründung und zum Verfall von Staaten und zu Verschiebungen ganzer Völker bereiteten sich vor.

Das Meer der Geschichte brauste nicht mehr wie früher mit heftigem Anprall von einem Ufer zum anderen: es wogte nur noch in der Tiefe. Die geschichtlichen Persönlichkeiten wurden nicht mehr wie früher durch die Wellen der Ereignisse von einem Ufer zum anderen geworfen, sie schienen immer nur an einem Fleck zu kreisen. Dieselben Persönlichkeiten, die früher an der Spitze ihrer Truppen die Bewegungen der Masse durch Befehle zu Kriegen, Feldzügen und Schlachten widergespiegelt hatten, warfen jetzt diese stürmischen Bewegungen nur noch durch politische und diplomatische Verhandlungen, durch Gesetze und Traktate zurück.

Diese Tätigkeit der historischen Größen nennen die Geschichtsschreiber Reaktion.

Wenn uns Historiker die Tätigkeit dieser geschichtlichen Persönlichkeiten schildern, die ihrer Ansicht nach die Ursache dessen waren, was sie Reaktion nennen, so verdammen sie diese Persönlichkeiten in Grund und Boden. Alle berühmten Leute jener Zeit, von Alexander und Napoleon bis zu Frau von Stael, Photius

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