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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Prinzessin Marja, die kein Ende sah, stand zuerst auf, schützte Kopfschmerzen vor und machte Anstalten, sich zurückzuziehen.

»Also morgen fahren Sie nach Petersburg?« fragte sie.

»Nein, ich fahre nicht«, erwiderte Pierre schnell und erstaunt; fast, als ob er sich beleidigt fühlte. »Doch ja, nach Petersburg? Morgen. Aber ich nehme noch nicht Abschied. Ich komme noch einmal, um mir Aufträge zu holen«, setzte er hinzu, blieb vor Prinzessin Marja stehen, wurde rot, ging aber immer noch nicht fort.

Natascha reichte ihm die Hand und ging hinaus. Prinzessin Marja dagegen ließ sich, statt zu gehen, wieder auf einen Sessel nieder und sah Pierre mit ihrem leuchtenden, tiefen Blick ernst und aufmerksam an. Die Müdigkeit, von der sie vorhin so offen gesprochen hatte, war gänzlich vorüber. Sie seufzte lang und schwer, als bereite sie sich zu einer langen Aussprache vor.

Nachdem Natascha hinausgegangen war, war alle Verwirrung und Unbehaglichkeit plötzlich von Pierre gewichen und hatte einer lebhaften Erregung Platz gemacht. Schnell rückte er seinen Sessel nahe an Prinzessin Marja heran.

»Ja, auch ich wollte gern mit Ihnen sprechen«, sagte er, indem er auf ihren Blick wie auf Worte antwortete. »Prinzessin, helfen Sie mir! Was soll ich tun? Kann ich hoffen? Prinzessin, beste Freundin, hören Sie mich an. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich ihrer nicht wert bin, weiß, daß ich jetzt unmöglich mit ihr darüber sprechen kann. Aber ich will ihr Bruder sein … Nein, das nicht, das kann ich nicht, das will ich nicht …«

Er hielt inne und rieb sich Gesicht und Augen mit beiden Händen.

»Also sehen Sie«, fuhr er fort und gab sich sichtlich Mühe, im Zusammenhang zu reden, »ich weiß nicht, seit wann ich sie liebe. Aber nur sie allein, nur sie allein habe ich mein ganzes Leben lang geliebt und liebe sie so, daß ich mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen kann. Sie jetzt um ihre Hand zu bitten, dazu kann ich mich nicht entschließen, aber der Gedanke, daß sie vielleicht die Meine werden könnte, und ich diese Möglichkeit … diese Möglichkeit … versäumte … dieser Gedanke ist mir entsetzlich. Sagen Sie, darf ich hoffen? Raten Sie mir: was soll ich tun? Liebste Prinzessin!« bat er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, und berührte, da sie ihm keine Antwort gab, ihre Hand.

»Ich denke über das nach, was Sie mir gesagt haben«, erwiderte Prinzessin Marja ruhig. »Ich will Ihnen etwas sagen: Sie haben recht, jetzt mit ihr von Liebe zu reden …«

Die Prinzessin hielt inne. Sie wollte sagen: jetzt mit ihr von Liebe zu reden, ist unmöglich, brach aber ab, weil sie seit zwei Tagen die plötzliche Umwandlung Nataschas beobachtet hatte und wußte, daß Natascha nicht nur nicht beleidigt sei, wenn ihr Pierre seine Liebe ausspräche, sondern daß sie nichts dringender ersehnte.

»Jetzt mit ihr zu reden … geht nicht gut«, sagte Prinzessin Marja dennoch.

»Aber was soll ich nur tun?«

»Vertrauen Sie die Sache mir an«, fuhr sie fort. »Ich weiß …«

Pierre blickte der Prinzessin in die Augen.

»Nun?… Nun?…« sagte er.

»Ich weiß, daß Natascha Sie liebt … Sie lieben wird«, verbesserte sie sich.

Sie hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, als Pierre aufsprang und in äußerster Erregung ihre Hand ergriff.

»Warum glauben Sie das? Sie denken, ich darf hoffen? Sie glauben es?!«

»Ja, ich glaube es«, sagte Prinzessin Marja lächelnd. »Schreiben Sie an ihre Eltern, und vertrauen Sie die Sache mir an. Ich werde es ihr sagen, sobald es möglich ist. Es ist ja auch mein Wunsch. Und mein Herz fühlt, daß er in Erfüllung gehen wird.«

»Nein, das kann nicht sein! Wie glücklich ich bin! Aber es kann ja nicht sein … Wie glücklich ich bin! Nein, es ist unmöglich!« sagte Pierre immer wieder und küßte Prinzessin Marja die Hände.

»Reisen Sie nach Petersburg, das wird das beste sein. Ich werde Ihnen schreiben«, versprach sie.

»Nach Petersburg? Abreisen? Nun gut, ich werde reisen. Aber morgen darf ich noch einmal zu Ihnen kommen?«

Am nächsten Tag kam Pierre, um sich zu verabschieden. Natascha war weniger lebhaft als die Tage zuvor, aber Pierre fühlte, wenn er ihr dann und wann ins Auge sah, daß er gleichsam versank, daß weder er noch sie auf der Welt war, sondern nur noch ein einziges Gefühl des Glücks. Ist es möglich? Nein, es kann nicht sein, sagte er sich bei jedem Blick, bei jeder Bewegung, bei jedem Wort von ihr, die seine Seele mit Glück erfüllten.

Als er beim Abschied ihre feine, magere Hand ergriff, behielt er sie unwillkürlich etwas länger in der seinen.

Soll wirklich diese Hand, dieses Gesicht, diese Augen, dieser ganze mir fremde Schatz weiblicher Reize auf ewig mein sein? Soll wirklich dies alles für mich etwas so Gewohntes werden, wie ich es für mich selber bin? Nein, das ist unmöglich! …

»Leben Sie wohl, Graf«, sagte Natascha mit lauter Stimme zu ihm, fügte aber dann flüsternd hinzu: »Ich werde Sie sehr erwarten.«

Und diese einfachen Worte und ihr Blick und Gesichtsausdruck dabei waren für Pierre zwei Monate lang der Gegenstand unerschöpflicher Erinnerungen, Deutungen und glücklicher Träumereien. Ich werde Sie sehr erwarten … Ja, ja, wie sagte sie doch? Ich werde Sie sehr erwarten … Ach, wie glücklich ich bin! Wie kommt das nur, daß ich so glücklich bin! sagte er zu sich selber.

20

In Pierres Seele vollzog sich jetzt nichts ähnlich dem, was während seiner Brautwerbung um Helene fast unter denselben Umständen in ihm vorgegangen war.

Er wiederholte nicht wie damals in schmerzlicher Scham die Worte, die er gesprochen hatte, warf sich nicht vor: Ach, warum habe ich nicht das und das gesagt, und warum, warum habe ich damals gerade gesagt: Je vous aime? sondern rief sich im Gegenteil jedes ihrer und seiner Worte ins Gedächtnis zurück, stellte sich dazu jeden einzelnen Gesichtszug, jedes Lächeln vor, mochte nichts weglassen noch hinzusetzen, sondern immer nur wiederholen, wiederholen. Von einem Zweifel, ob das, was er unternommen hatte, gut oder schlecht war, war jetzt nicht die Spur. Nur ein furchtbares Bedenken kam ihm manchmal in den Sinn: Habe ich das alles nicht etwa nur geträumt? Hat sich Prinzessin Marja auch nicht etwa geirrt? Bin ich nicht zu eingebildet und selbstbewußt? Ich glaube daran, plötzlich aber – und so muß es ja kommen – wird Prinzessin Marja es ihr sagen, und sie wird lächeln und antworten: Wie merkwürdig! Er hat sich wohl geirrt! Weiß er denn nicht, daß er ein Mensch, ganz einfach nur ein Mensch ist, während ich … Ich bin doch etwas ganz anderes, Höheres.

Dies war der einzige Zweifel, der Pierre häufig kam. Auch Pläne schmiedete er jetzt nicht mehr. Das bevorstehende Glück schien ihm so unglaublich, daß, wenn es sich wirklich erfüllen sollte, für ihn nichts mehr kommen konnte. Das war das Größte, das Letzte.

Eine glückselige, niegeahnte Liebestollheit, deren sich Pierre nie für fähig gehalten hätte, war über ihn gekommen. Die ganze Bedeutung des Lebens, nicht nur für ihn, sondern auch für alle Welt, schien ihm jetzt nur noch in seiner Liebe und in der Möglichkeit ihrer Gegenliebe zu liegen. Manchmal kam es ihm vor, als wären alle Leute nur mit dem einen Gegenstand beschäftigt: mit seinem künftigen Glück. Ihm schien, als wären sie alle ebenso glücklich wie er und suchten nur dieses Glück zu verbergen, indem sie sich stellten, als wären sie mit anderen Dingen beschäftigt. In jedem Wort, in jeder Bewegung sah er eine Anspielung auf sein Glück. Oft setzte er die Leute, mit denen er zusammentraf, durch seine bedeutsamen, glücklichen Blicke und sein Lächeln, das ein geheimes Einverständnis zum Ausdruck brachte, in Erstaunen. Sah er aber dann, daß diese Menschen ja gar nichts von seinem Glück wissen konnten, so bedauerte er sie von ganzem Herzen und war von dem Wunsch beseelt, ihnen klarzumachen, daß alles, womit sie beschäftigt waren, vollständiger Unsinn, Nebensache und nicht ihrer Aufmerksamkeit wert war.

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