Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Pierre lachte.
»Nicht einmal, nicht ein einziges Mal. Alle denken immer: in der Gefangenschaft zu sitzen bedeute dasselbe, wie bei Napoleon zu Gast zu sein. Ich habe ihn nicht nur nie gesehen, sondern auch nichts von ihm gehört. Ich befand mich in weit schlechterer Gesellschaft.«
Das Abendessen war beendet, und Pierre, der sich anfänglich geweigert hatte, von seiner Gefangenschaft zu erzählen, ließ sich allmählich dazu hinreißen.
»Aber das ist doch wahr, daß Sie hier geblieben sind, um Napoleon umzubringen?« fragte ihn Natascha mit leichtem Lächeln. »Ich habe es mir damals gleich gedacht, als wir Ihnen beim Sucharewturm begegneten. Wissen Sie noch?«
Pierre gab zu, daß dies richtig war, und kam von diesem Augenblick an, durch die Fragen der Prinzessin Marja und vor allem Nataschas dahingebracht, in ein ausführliches Erzählen seiner Abenteuer hinein.
Anfangs erzählte er in jener spöttischen, sanften Art, mit der er jetzt alle Menschen und vor allem sich selber betrachtete, dann aber, als er zu der Schilderung der Schrecken und der furchtbaren Leiden, die er gesehen hatte, gekommen war, ließ er sich, ohne es selber zu merken, hinreißen und erzählte mit der verhaltenen Erregung eines Menschen, der starke Eindrücke in der Erinnerung noch einmal durchlebt.
Prinzessin Marja blickte mit sanftem Lächeln bald auf Pierre, bald auf Natascha. Durch seine ganze Erzählung hindurch sah sie nur Pierre und seine Güte. Natascha saß, den Kopf auf die Hand gestützt, da, folgte Pierres Schilderungen mit einem je nach seinen Worten ständig wechselnden Gesichtsausdruck, ohne sich auch nur einen Augenblick ablenken zu lassen, und durchlebte sichtlich mit ihm zusammen noch einmal alles, was er erzählte. Und nicht nur ihr Blick, sondern auch die Ausrufe und kurzen Fragen, die sie dazwischen warf, zeigten Pierre, daß sie aus allem, was er sagte, immer gerade das in sich aufnahm, was er wiedergeben wollte. Man sah, daß sie nicht nur das verstand, was er erzählte, sondern auch das, was er schildern wollte, aber nicht mit Worten auszudrücken vermochte. Sein Erlebnis mit dem Kindchen und der Frau, bei deren Verteidigung er gefangengenommen worden war, gab er auf folgende Weise wieder: »Es war ein entsetzliches Schauspieclass="underline" verlassene Kinder, einige im Feuer zurückgeblieben … Ich war dabei, wie man ein Kind herausholte … Frauen, denen man die Sachen vom Leibe raubte, die Ohrringe abriß …«
Pierre wurde rot und stockte.
»Dann kam eine Patrouille und nahm alle, auch die, die nicht geraubt hatten, alle Männer fest. Also auch mich.«
»Sicher erzählen Sie nicht alles, sicher haben Sie irgend etwas getan …« sagte Natascha und schwieg, »… etwas Gutes.«
Pierre berichtete weiter. Als er die Hinrichtung schilderte, wollte er die furchtbaren Einzelheiten umgehen, aber Natascha verlangte, daß er nichts auslasse.
Pierre wollte von Karatajew zu erzählen anfangen – er war längst vom Tisch aufgestanden, ging im Zimmer auf und ab, und Natascha verfolgte ihn mit den Augen –, aber er hielt inne.
»Nein, Sie können das nicht verstehen, was ich von diesem einfältigen Menschen, der weder lesen noch schreiben konnte, gelernt habe.«
»Doch, doch, erzählen Sie nur«, rief Natascha. »Wo ist er jetzt?«
»Er wurde erschossen, fast vor meinen Augen.«
Und Pierre begann von der letzten Zeit ihres Rückzuges zu erzählen, von Karatajews Krankheit – seine Stimme zitterte unaufhörlich – und von seinem Tod.
Er gab seine Erlebnisse so wieder, wie er sich selbst ihrer noch nie erinnert hatte. Es war, als sähe er alles, was er durchlebt hatte, jetzt in neuem Licht. Während er Natascha alles erzählte, empfand er den seltenen Genuß, den Frauen durch Zuhören einem Mann gewähren können, nicht jene geistreichen Frauen, die sich beim Zuhören bemühen, sich das Gesagte einzuprägen, um ihren Geist zu bereichern und es bei Gelegenheit wiederzugeben, oder es sich aneignen und schnell ihre geistreichen Bemerkungen darüber machen, die sie in dem kleinen Haushalt ihres Verstandes ausgearbeitet haben, sondern echte Frauen, die mit der Fähigkeit begabt sind, das Beste auszuwählen und in sich aufzunehmen, was in den Worten eines Mannes liegt. Natascha war, ohne es selber zu wissen, ganz Ohr: ihr entging kein Wort, keine Schwankung in der Stimme, kein Blick, kein Zucken eines Gesichtsmuskels, keine seiner Gesten. Im Flug erhaschte sie die Worte, noch ehe sie ausgesprochen waren, trug sie geradewegs in ihr geöffnetes Herz und erriet den geheimen Sinn von Pierres ganzer Seelenarbeit.
Prinzessin Marja folgte ebenfalls seinen Worten, nahm Anteil an ihnen, aber sie sah jetzt etwas anderes, das ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: sie sah die Möglichkeit von Liebe und Glück zwischen Natascha und Pierre. Und dieser Gedanke, der ihr jetzt zum erstenmal kam, erfüllte ihr Herz mit Freude.
Es war drei Uhr nachts. Die Diener kamen mit müden, ernsten Gesichtern und steckten neue Kerzen auf, aber niemand bemerkte sie.
Pierres Erzählung war zu Ende. Natascha sah ihn immer noch mit lebhaft glänzenden Augen unverwandt und aufmerksam an, als wolle sie noch das übrige, was er vielleicht nicht ausgesprochen hatte, mit ihrem Geist durchdringen. Pierre blickte in verschämter, glücklicher Verwirrung dann und wann zu ihr hinüber und sann darüber nach, was er nun sagen könne, um das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Prinzessin Marja schwieg. Niemand dachte daran, daß es drei Uhr nachts und Zeit zum Schlafen war.
»Da heißt es immer: Unglück, Leiden«, fuhr Pierre fort, »wenn man mich aber jetzt, in diesem Augenblick, fragen würde: Möchtest du der bleiben, der du vor der Gefangenschaft warst, oder noch einmal von Anfang an dies alles durchleben? – dann nur um Gottes willen noch einmal Gefangenschaft und Pferdefleisch. Wir denken immer, wenn wir aus dem gewohnten Geleise geworfen werden, ist alles aus, und doch fängt erst dann das Neue, Gute an. Solange Leben ist, ist Glück. Vor uns liegt noch viel, viel. Das sage ich Ihnen«, wandte er sich an Natascha.
»Ja, ja«, sagte sie, auf den Anfang seiner Worte antwortend, »auch ich wünschte nichts anderes, als alles noch einmal von Anfang an zu durchleben.«
Pierre sah sie aufmerksam an.
»Ja, und weiter nichts«, bestätigte Natascha.
»Das kann nicht sein, das kann nicht sein«, rief Pierre. »Es ist meine Schuld, daß ich lebe und leben möchte, und ebenso ist es auch bei Ihnen.«
Plötzlich senkte Natascha den Kopf auf ihre Hand und fing an zu weinen.
»Was hast du, Natascha?« fragte Prinzessin Marja.
»Nichts, nichts.« Sie lächelte durch Tränen Pierre zu.
»Gute Nacht, es ist Zeit schlafen zu gehen.«
Pierre stand auf und empfahl sich.
Wie immer kamen Prinzessin Marja und Natascha im Schlafzimmer noch einmal zusammen. Sie sprachen von dem, was Pierre erzählt hatte. Prinzessin Marja wollte ihre Ansicht über Pierre nicht aussprechen, und auch Natascha redete nicht von ihm.
»Nun, gute Nacht, Marie«, sagte Natascha. »Weißt du, ich habe Angst: wir sprechen nie von ihm« – dem Fürsten Andrej –, »aus Furcht, unsere Gefühle in den Staub zu ziehen, und dabei vergessen wir ihn.«
Prinzessin Marja seufzte schwer und anerkannte durch diesen Seufzer die Wahrheit dessen, was Natascha gesagt hatte, aber mit Worten stimmte sie ihr nicht bei.
»Könnte man ihn denn je vergessen?« fragte sie.
»Es hat mir heute so wohl getan, alles auszusprechen, so wohl, und dabei war es doch schwer und schmerzlich. Aber es tat mir sehr wohl«, wiederholte Natascha. »Ich bin überzeugt, daß er ihn wirklich geliebt hat. Deshalb habe ich ihm auch alles erzählt … Es schadet doch nichts, daß ich es ihm erzählt habe?« fragte sie plötzlich und wurde rot.
»Pierre? O nein! Was ist er doch für ein prächtiger Mensch!« rief Prinzessin Marja aus.
»Weißt du, Marie«, fing Natascha plötzlich mit jenem schelmischen Lächeln an, das Prinzessin Marja lange nicht mehr auf ihrem Gesicht gesehen hatte. »Er ist so rein, so glatt, so frisch geworden, als käme er gerade aus dem Bad. Du verstehst mich doch? Aus einem moralischen Bad. Habe ich nicht recht?«