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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ja, ja, so, so …« sagte Pierre, beugte sich mit dem ganzen Körper zu Prinzessin Marja vor und hörte gierig ihre Erzählung an. »Ja, ja, so ist er also ruhiger, milder geworden? Er hat mit allen Kräften seiner Seele so sehr immer nur das eine gesucht: vollständig gut zu sein, daß er den Tod gar nicht hat fürchten können. Die Fehler, die er hatte, wenn er überhaupt welche besaß, rührten nicht von ihm selber her. So ist er also milder geworden?« fragte Pierre noch einmal. »Welch ein Glück, daß er Sie wiedergesehen hat«, fügte er plötzlich, zu Natascha gewandt, hinzu und sah sie mit Augen voller Tränen an.

Nataschas Gesicht fing an zu zucken. Sie runzelte die Stirn und senkte einen Augenblick die Augen. Eine Weile schwankte sie: sollte sie reden oder nicht?

»Ja, es war ein Glück«, sagte sie dann mit leiser Bruststimme, »für mich war es sicherlich ein Glück.« Sie schwieg. »Und er … er … er sagte, er habe sich das gerade in dem Augenblick gewünscht, als ich zu ihm kam …«

Nataschas Stimme versagte. Sie wurde rot, preßte die Hände auf den Knien zusammen, überwand sich aber dann mit sichtlicher Anstrengung, hob den Kopf und begann schnell zu sprechen.

»Ich wußte noch nichts, als wir von Moskau fortfuhren. Ich wagte nicht, nach ihm zu fragen. Da plötzlich sagte mir Sonja, daß er mit uns führe. Ich machte mir keine Gedanken, keine Vorstellungen, in welchem Zustand er sei, ich mußte ihn nur unbedingt sehen, bei ihm sein«, sagte sie mit zitternder Stimme und atmete schwer.

Und ohne sich unterbrechen zu lassen, erzählte sie, was sie noch keinem Menschen erzählt hatte: alles, was sie in den drei Wochen ihrer Reise und ihres Aufenthalts in Jaroslawl durchgemacht hatte.

Pierre hörte ihr mit offenem Munde zu und wandte seine Augen, die voll Tränen standen, nicht von ihr ab. Während er ihr lauschte, dachte er weder an den Fürsten Andrej noch an den Tod noch an das, was sie erzählte. Er hörte ihr zu und fühlte nur Mitleid mit ihr wegen des Schmerzes, den sie jetzt beim Erzählen empfand.

Die Prinzessin zog die Stirn in Falten, um die Tränen zurückzuhalten. Sie saß neben Natascha und hörte zum erstenmal die Geschichte der letzten Tage der Liebe ihres Bruders und Nataschas.

Diese quälende und zugleich beglückende Aussprache war für Natascha sichtlich ein Bedürfnis.

Sie sprach, vermischte die nichtigsten Einzelheiten mit den tiefsten Seelengeheimnissen und schien gar kein Ende finden zu können. Dabei wiederholte sie einige Male dasselbe.

Vor der Tür hörte man Dessalles Stimme, der fragte, ob Nikoluschka hereinkommen dürfe, um gute Nacht zu sagen.

»Das ist alles, alles …« sagte Natascha.

Während Nikoluschka hereintrat, stand sie schnell auf und eilte so hastig zur Tür, daß sie sich mit dem Kopf an dem Pfosten stieß, der durch eine Portiere verdeckt war, und lief, weniger vor Schmerz als vor Kummer stöhnend, aus dem Zimmer.

Pierre blickte nach der Tür, durch die sie hinausgegangen war, und begriff nicht, warum er nun plötzlich allein auf der Welt zurückgeblieben war.

Prinzessin Marja weckte ihn aus seiner Zerstreutheit und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihren Neffen, der soeben ins Zimmer trat.

Nikoluschkas Gesicht, das dem des Vaters sehr ähnlich war, übte auf Pierre in diesem Augenblick weicher Stimmung eine solche Wirkung aus, daß er das Kind küßte, hastig aufstand, sein Taschentuch zog und ans Fenster trat. Er wollte sich von Prinzessin Marja verabschieden, diese aber hielt ihn zurück.

»Nein, Natascha und ich gehen oft vor drei Uhr nachts nicht schlafen, bitte bleiben Sie doch noch da. Ich werde gleich das Abendessen auftragen lassen. Gehen Sie immer hinunter, wir kommen gleich.«

Bevor Pierre hinausging, sagte die Prinzessin noch zu ihm: »Das ist das erstemal, daß sie so von ihm gesprochen hat.«

18

Pierre wurde in das große, erleuchtete Speisezimmer geführt. Einige Augenblicke später hörte man Schritte, und die Prinzessin trat mit Natascha ins Zimmer. Natascha war ruhig, aber wieder lag ein ernster Ausdruck ohne jedes Lächeln auf ihrem Gesicht. Prinzessin Marja, Natascha und Pierre empfanden in gleicher Weise jenes peinliche Gefühl, das gewöhnlich einem ernsten, vertrauten Gespräch folgt. Die frühere Unterhaltung fortzusetzen ist unmöglich, von Nichtigkeiten zu reden, schämt man sich, ganz zu schweigen aber ist unangenehm, weil man gern reden möchte und einem das Schweigen daher vorkommt, als verstelle man sich.

Schweigend gingen sie zu Tisch. Die Diener schoben die Stühle zurück und wieder an den Tisch heran. Pierre faltete die feuchte Serviette auseinander und blickte Natascha und Prinzessin Marja an, entschlossen, das Schweigen zu brechen. Beide hatten sichtlich soeben dasselbe beschlossen: aus beider Augen leuchtete die Zufriedenheit mit dem Leben und das Geständnis, daß es außer dem Leid auch noch Freude auf der Welt gibt.

»Trinken Sie Branntwein, Graf?« fragte Prinzessin Marja, und diese Worte verscheuchten mit einem Schlag alle Schatten der Vergangenheit. »Erzählen Sie doch etwas von sich«, fuhr sie fort. »Von Ihnen werden ja die unglaublichsten Wunderdinge berichtet.«

»Ja«, erwiderte Pierre mit jenem ihm jetzt zur Gewohnheit gewordenen, sanften Spottlächeln. »Mir selber hat man von mir solche Wunderdinge erzählt, wie ich sie nicht einmal im Traum gesehen habe. Marja Abramowna hat mich eingeladen und mir immer nur erzählt und erzählt, was mir begegnet sei oder begegnet sein soll. Auch Stepan Stepanowitsch hat mir beigebracht, wie ich erzählen müsse. Im allgemeinen habe ich die Beobachtung gemacht, daß es ein interessanter Mensch – und ein solcher bin ich ja jetzt – höchst bequem hat: man lädt mich ein und erzählt mir, was ich erlebt habe.«

Natascha lächelte und wollte etwas sagen.

»Uns wurde erzählt«, kam ihr Prinzessin Marja zuvor, »daß Sie durch den Brand Moskaus zwei Millionen verloren hätten. Ist das wahr?«

»Und doch bin ich dreimal so reich geworden«, erwiderte Pierre. Obgleich die Schulden seiner Frau und die Notwendigkeit zu bauen seine Vermögenslage geändert hatten, erzählte er immer noch, daß er dreimal so reich geworden sei.

»Was ich aber ganz sicher gewonnen habe«, fuhr er fort, »das ist diese Freiheit …« wollte er in ernstem Ton anfangen, überlegte sich aber, ob er fortfahren solle, da er merkte, daß dies doch ein zu egoistischer Gesprächsstoff sei.

»Sie bauen also?«

»Ja, Saweljitsch hat es so befohlen.«

»Sagen Sie, sie wußten also noch nichts vom Tod der Gräfin, als Sie in Moskau zurückblieben?« fragte Prinzessin Marja, wurde aber sogleich rot, da sie bemerkte, daß sie dadurch, daß sie diese Frage sogleich nach seinem Ausspruch über die Freiheit gestellt hatte, seinen Worten eine Bedeutung zuschrieb, die sie möglicherweise gar nicht hatten.

»Nein«, antwortete Pierre und war offenbar durch die Auslegung, die Prinzessin Marja der Erwähnung seiner Freiheit gegeben hatte, durchaus nicht peinlich berührt. »Ich erfuhr es erst in Orel, und Sie können sich vorstellen, welchen Eindruck diese Nachricht auf mich ausübte. Wir waren keine Mustergatten«, fuhr er mit einem Blick auf Natascha schnell fort und bemerkte auf ihrem Gesicht einen gespannten Ausdruck, wie er sich über seine Frau äußern werde, »aber dieser Tod hat mich dennoch furchtbar ergriffen. Wenn sich zwei Menschen zanken, haben immer beide schuld. Und die eigne Schuld gegen den, der nicht mehr lebt, wird plötzlich zu einer furchtbaren Last. Und dann, was für ein Tod … ohne Freunde, ohne Trost. Sie tut mir sehr, sehr leid«, schloß er und bemerkte mit Vergnügen eine freudige Zustimmung auf Nataschas Gesicht.

»Also sind Sie nun wieder Junggeselle und Heiratskandidat«, sagte Prinzessin Marja.

Pierre wurde plötzlich dunkelrot und bemühte sich lange, Natascha nicht anzusehen. Als er sich endlich entschloß, wieder einen Blick auf sie zu werfen, war ihr Gesicht kalt, streng und sogar, wie ihm schien, etwas verächtlich.

»Und haben Sie wirklich Napoleon gesehen und mit ihm gesprochen, wie man uns erzählt hat?« fragte Prinzessin Marja.

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