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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Er hat keinen Plan, fürchtet alles, aber die Parteien drängen sich ihm auf und verlangen seine Teilnahme.

Er allein mit seinem in Italien und Ägypten zur Entfaltung gelangten Ideal von Ruhm und Größe, mit seiner unsinnigen Selbstvergötterung, seiner Dreistigkeit im Verbrechen, seiner offenkundigen Lügerei – er allein ist imstande, das zu rechtfertigen, was sich vollziehen muß.

Er ist für diesen Platz, der ihn erwartet, notwendig und wird deshalb fast gegen seinen Willen und trotz seiner Unentschiedenheit, Planlosigkeit und aller Fehler, die er macht, in eine Verschwörung verwickelt, deren Zweck es ist, die höchste Macht an sich zu reißen, und diese Verschwörung wird von Erfolg gekrönt.

Man drängt ihn in eine Sitzung der führenden Männer. Erschrocken will er fliehen, hält sich für verloren, verstellt sich, fällt in Ohnmacht, redet sinnlose Dinge, die seinen Untergang hätten herbeiführen müssen. Aber die führenden Männer von Frankreich, früher so klug und stolz, verlieren in dem Gefühl, daß ihre Rolle ausgespielt ist, jetzt noch mehr den Kopf als er und sagen nicht das, was sie hätten sagen müssen, um die Macht in Händen zu behalten und ihn zu verderben.

Ein »Zufall«, Millionen von »Zufällen« geben ihm die Macht in die Hand, und wie auf Verabredung wirken alle Menschen mit, diese Macht zu befestigen. »Zufälle« geben den führenden Männern von Frankreich damals Charaktere, die sich ihm unterordnen können, »Zufälle« bilden den Charakter Pauls I. so, daß er Napoleons Macht anerkennt, »Zufälle« führen eine Verschwörung gegen ihn herbei, die ihm nicht nur nicht schadet, sondern seine Macht nur noch verstärkt. Ein »Zufall« liefert ihm Enghien in die Hände und zwingt ihn plötzlich, diesen zu töten, und gerade dadurch überzeugt er wieder, stärker als durch andere Mittel, die Menge davon, daß er recht hat, da ja die Macht in seinen Händen liegt. Ein »Zufall« will es, daß er alle seine Kräfte zu einem Zug nach England rüstet, der ihn sicherlich ins Verderben gestürzt hätte, aber dennoch diese Absicht nie ausführt, sondern unversehens Mack und die Österreicher überfällt, die sich ohne Schwertstreich ergeben. »Zufall« und »Genialität« verleihen ihm den Sieg bei Austerlitz, und »zufällig« anerkennen nun alle Leute, nicht nur die Franzosen, sondern ganz Europa – ausgenommen England, das an den Ereignissen, die sich vollziehen sollen, keinerlei Anteil nimmt –, obgleich sich früher alle mit Grauen und Abscheu von Napoleons Verbrechen abgewendet haben, seine Macht und den Titel, den er sich selber gegeben hat, sowie sein Ideal von Größe und Ruhm, das ihnen aus irgendeinem Grund herrlich und vernünftig scheint.

Wie zum Versuch und zur Vorbereitung auf den bevorstehenden Zug streben die Westmächte bereits in den Jahren 1805 bis 1809, immer stärker und zahlreicher werdend, wiederholt nach Osten. Im Jahre 1811 vereint sich jene Kriegsschar, die sich in Frankreich zusammengeschlossen hat, mit den Völkern Mitteleuropas zu einer einzigen gewaltigen Masse. Und mit dem Anwachsen der Masse entwickelt sich auch die Verantwortungskraft des Menschen, der an ihrer Spitze steht, immer schrankenloser. In der zehnjährigen Vorbereitungszeit, die diesem gewaltigen Zug vorangeht, kommt dieser Mann mit allen gekrönten Häuptern Europas zusammen. Die entthronten Herrscher der Welt können dem unsinnigen Napoleonischen Ideal von Größe und Ruhm kein vernünftigeres Ideal entgegenstellen. Einer nach dem anderen bemühen sie sich, ihm ihre Nichtigkeit zu zeigen. Der König von Preußen schickt seine Gemahlin[238], damit sie die Gewogenheit des großen Mannes erschmeichle, der Kaiser von Österreich hält es für eine Gnade, daß dieser Mensch die Tochter des Kaiserhauses ins Ehebett nimmt, und selbst der Papst, der Hüter des Heiligtums der Völker, dient mit seiner Religion dazu, diesen großen Mann nur noch größer zu machen.

Und nicht Napoleon allein ist es, der sich so auf die Durchführung seiner Rolle vorbereitet, sondern noch mehr bringt ihn seine Umgebung dazu, die Verantwortung für alles, was sich vollzieht und noch vollziehen soll, auf sich zu nehmen. Keinen Schritt, keine Schandtat, keinen kleinlichen Betrug kann er verüben, der nicht sogleich im Mund seiner Umgebung zur Heldentat gestempelt würde. Das schönste Fest, das sich die Deutschen für ihn ausdenken können, wird für ihn der Triumph von Jena und Auerstedt. Und nicht er allein ist groß, groß sind auch seine Ahnen, Brüder, Stiefsöhne und Schwäger. Alles geschieht, um ihm den letzten Rest von Verstand zu rauben und ihn auf seine furchtbare Rolle vorzubereiten. Und in dem Augenblick, in dem er bereit ist, sind auch die Kräfte bereit.

Der einfallende Feind strebt nach Osten und erreicht sein Endzieclass="underline" Moskau. Die Hauptstadt wird eingenommen; die russischen Truppen sind schwerer geschlagen, als in allen früheren Kriegen von Austerlitz bis Wagram je ein feindliches Heer geschlagen worden ist. Da aber tauchen auf einmal statt jener »Zufälle« und jener »Genialität«, die ihn bisher durch eine ununterbrochene Reihe von Erfolgen so beharrlich bis zum vorbestimmten Ziel geführt haben, eine Unmenge entgegengesetzter »Zufälle« auf, vom Schnupfen bei Borodino bis zu den Frösten und dem Funken, der Moskau in Flammen setzt, und statt der »Genialität« tritt eine Dummheit und Gemeinheit hervor, die keine Beispiele kennt.

Das Einfallsheer flieht, kommt wieder zurück, flieht von neuem, und alle Zufälle sind jetzt auf einmal nicht mehr für, sondern immer nur gegen ihn.

Nun folgt ein Gegenzug von Osten nach Westen, der mit dem vorhergegangenen Zug von Westen nach Osten auffallende Ähnlichkeit hat. Dieselben Versuche wie beim ersten Kriegszug, in den Jahren 1805 bis 1809, gehen auch diesem großen Zug voran, dieselbe Bildung einer Kriegsschar von gewaltigem Ausmaß, dasselbe Anschließen der Völker Mitteleuropas, dasselbe Schwanken auf halbem Weg und dieselbe Hast, je näher das Ziel rückt.

Paris, das äußerste Ziel, ist erreicht. Napoleons Herrschaft und sein Heer sind zugrunde gerichtet. Er selber hat keine Bedeutung mehr. Alle seine Handlungen sind sichtlich jämmerlich und ekelhaft. Da tritt abermals ein unerklärlicher Zufall ein. Die Verbündeten hassen Napoleon, weil sie in ihm den Urheber ihrer Not sehen. Seiner Macht und Kraft beraubt, seiner Schandtaten und Ränke überführt, hätte er ihnen als derselbe außerhalb der Gesetze stehende Räuber erscheinen müssen, wie er ihnen zehn Jahre früher und ein Jahr später erschien. Doch infolge eines merkwürdigen Zufalls sieht dies niemand. Seine Rolle ist noch nicht zu Ende. Den Mann, der zehn Jahre vorher und ein Jahr nachher als ein außerhalb der Gesetze stehender Raubgeselle angesehen wird, schickt man auf eine nur zwei Tagereisen von Frankreich entfernte Insel, die man ihm als Eigentum überläßt, gibt ihm eine Leibwache mit und zahlt ihm, kein Mensch weiß wofür, Millionen aus.

4

Die Flut der Völker tritt allmählich in ihre Ufer zurück. Die Wellen der großen Bewegung verebben, und auf dem ruhig gewordenen Meer bilden sich Strudel, in denen die Diplomaten herumgewirbelt werden, wobei sie sich immer noch einbilden, daß gerade sie den Stillstand der Bewegung hervorgerufen haben.

Doch das ruhig gewordene Meer erhebt sich plötzlich abermals. Die Diplomaten glauben, daß sie, ihre Uneinigkeiten, die Ursache zu diesem neuen Ansturm der Kräfte sind. Sie erwarten einen Krieg zwischen ihren Herrschern. Die Lage scheint ihnen unentwirrbar. Aber die Woge, deren Heranbrausen sie fühlen, kommt nicht von der Seite, von der sie sie erwarten. Es ist die alte Woge, die sich noch einmal erhebt, und zwar von demselben Ausgangspunkt aus: von Paris. Das letzte Zurückfluten der Bewegung von Westen her vollzieht sich, ein Zurückfluten, das alle unentwirrbar scheinenden diplomatischen Verwickelungen lösen und der kriegerischen Bewegung dieser Periode ein Ende machen soll.

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238

Der König von Preußen schickt seine Gemahlin: Königin Luise von Preußen (1776-1810) hatte am 6. Juli 1807 in Tilsit vergeblich eine Unterredung mit Napoleon, um günstigere Friedensbedingungen auszuhandeln.

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