Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der Mann, der Frankreich verheert hat, kommt allein, ohne Verschwörung und ohne Soldaten, nach Frankreich zurück. Jeder Wachtposten kann ihn verhaften, aber durch einen seltsamen Zufall nimmt ihn nicht nur kein Mensch fest, sondern alle empfangen mit wahrer Begeisterung einen Mann, dem sie tags zuvor geflucht haben und in vier Wochen wieder fluchen werden.
Denn dieser Mensch ist nötig, um auch noch den letzten gemeinsamen Akt zu rechtfertigen.
Der Akt ist zu Ende.
Die letzte Rolle ist ausgespielt. Den Schauspieler bedeutet man, das Flittergewand abzulegen und Schminke und Puder abzuwaschen. Man braucht ihn nun nicht mehr.
Und im Verlauf mehrerer Jahre spielt nun dieser Mensch auf seiner einsamen Insel vor sich selber eine klägliche Komödie, ersinnt Intrigen und Lügen, um seine Taten zu rechtfertigen, wo eine Rechtfertigung doch schon gar nicht mehr nötig ist, und zeigt so der ganzen Welt, wie das beschaffen gewesen ist, was sie für eine Kraft gehalten hat, während es doch eine unsichtbare Hand war, die sie geleitet hat. Nachdem das Drama zu Ende ist und der Schauspieler seine Flitter abgelegt hat, zeigt ihn der Regisseur dem Publikum: Seht her, an wen ihr geglaubt habt! So sieht er aus! Seht ihr jetzt, daß nicht er euch bewegt hat, sondern ich?
Doch die durch die Kraft der Bewegung geblendeten Leute vermögen das lange nicht zu fassen.
Noch größere Folgerichtigkeit und Notwendigkeit tritt im Leben Alexanders I. in Erscheinung, der an der Spitze der Gegenbewegung von Osten nach Westen stand.
Was für Eigenschaften brauchte ein Mann, der, alle anderen überragend, an der Spitze dieser Bewegung stand?
Er brauchte Gerechtigkeitsgefühl, Interesse an europäischen Angelegenheiten, das nicht durch kleinliche Einflüsse getrübt und abgezogen wurde, brauchte geistige Überlegenheit über seinesgleichen, über die Herrscher jener Zeit, brauchte milde und anziehende Charaktereigenschaften, brauchte persönlichen Haß gegen Napoleon.
Und dies alles besitzt Alexander I. Dies alles hat sich durch unzählige sogenannte Zufälle während seines ganzen vorhergegangenen Lebens bei ihm entfaltet: durch seine Erziehung wie durch die liberalen Anfänge seiner Regierung, durch die Räte seiner Umgebung und durch Austerlitz, Tilsit und Erfurt.
Während des Volkskrieges tritt diese Persönlichkeit nicht in Aktion, denn da ist sie nicht nötig. Aber sobald sich die Notwendigkeit eines allgemeinen europäischen Krieges zeigt, tritt dieser Mann im gegebenen Augenblick auf seinen Platz, vereint die Völker Europas und führt sie zum Ziel.
Das Ziel ist erreicht. Nach dem letzten Krieg von 1815 steht Alexander auf der höchsten Höhe menschlicher Macht. Und wie verwendet er sie?
Alexander I. der in Europa Frieden stiftet, der von Jugend an nur nach dem Heil seiner Völker strebt, der erste Urheber liberaler Verbesserungen in seinem Vaterland, erkennt jetzt, da er scheinbar die größte Macht und daher auch die größte Möglichkeit besitzt, alles zum Heil seiner Völker zu unternehmen, während Napoleon in der Verbannung kindische und lügenhafte Pläne entwirft, wie er die Menschheit beglücken würde, wenn er die Macht in Händen hätte – Alexander I. erkennt plötzlich, nachdem er seine Berufung erfüllt und die Hand Gottes über sich gefühlt hat, die Eitelkeit dieser vermeintlichen Macht, wendet sich von ihr ab, legt sie in die Hände minderwertiger Leute, die er verachtet, und sagt nur: »Nicht uns, nicht uns, sondern deinem Namen[239] wohnt die Macht inne. Ich bin auch nur ein Mensch wie ihr; laßt mich wie ein Mensch leben und an meine Seele und an Gott denken.«
Wie die Sonne und jedes Atom im Äther ein in sich abgeschlossener runder Körper und zugleich nur ein Teilchen in dem durch seine gewaltigen Ausmaße für den Menschen unfaßbaren All ist, so trägt auch jede Persönlichkeit ihr eigenes Ziel und ihre eigene Bestimmung in sich, um dadurch den allgemeinen Zielen zu dienen, die für den Menschenverstand unerreichbar sind.
Eine Biene, die auf einer Blume gesessen hatte, sticht ein Kind. Darum hat nun das Kind Angst vor allen Bienen und denkt, der Zweck der Bienen sei, die Menschen zu stechen. Der Dichter labt sich am Anblick der Biene, wie sie an einem Blütenkelch saugt, und denkt, der Zweck der Biene sei, den Duft der Blumen einzusaugen. Der Bienenzüchter beobachtet, wie die Biene den Blütenstaub sammelt und in den Korb trägt, und sagt nun, der Zweck der Biene sei das Einsammeln von Honig. Ein zweiter Imker, der sich das Leben im Bienenkorb noch näher angesehen hat, behauptet, die Biene sammle den Blütenstaub, um die jungen Bienen zu füttern und eine Königin hervorzubringen, und folglich sei ihr Zweck die Fortpflanzung der Art. Der Botaniker sieht, wie die Biene mit dem Blütenstaub einer zweihäusigen Pflanze zu einem Stempel hinfliegt und diesen befruchtet, und erblickt darin den Zweck der Biene. Ein anderer beobachtet das Wandern der Pflanzen, sieht, wie die Biene bei diesem Wandern mithilft, und dieser neue Beobachter kann denken, daß darin der Zweck der Biene bestehe. Doch der Endzweck der Biene wird weder durch den einen noch durch den anderen noch durch einen dritten Zweck erschöpft, den der Mensch zu entdecken imstande ist. Und je höher sich der Menschengeist bei der Entdeckung solcher Ziele emporschwingt, um so deutlicher wird er erkennen, daß ihm das Endziel unfaßbar ist.
Der Mensch bringt es nur bis zur Beobachtung der Verbindungslinien zwischen dem Leben der Biene und anderen Lebenserscheinungen. Und das gleiche gilt von den Zwecken historischer Persönlichkeiten und Völker.
5
Die Hochzeit Nataschas mit Besuchow, die im Jahre 1813 stattfand, war das letzte frohe Ereignis in der alten Familie Rostow. Im selben Jahr starb Graf Ilja Andrejewitsch, und wie das häufig der Fall zu sein pflegt, zerfiel mit seinem Tod die frühere Familie.
Die Ereignisse des letzten Jahres: der Brand Moskaus und die Flucht aus der Stadt, das Hinsiechen des Fürsten Andrej und Nataschas Verzweiflung, der Heldentod Petjas, das tiefe Leid der Gräfin – dies alles hatte Schlag auf Schlag das Haupt des alten Grafen getroffen. Er schien nicht mehr die Kraft in sich zu fühlen, alle diese Ereignisse zu begreifen, und begriff sie auch nicht, sondern senkte nur sein graues Haupt, als erwarte und erbäte er immer neue Schläge, die sein Ende herbeiführen möchten. Bald zeigte er sich verängstigt und zerstreut, bald unnatürlich lebhaft und unternehmend.
Eine Zeitlang nahmen ihn die äußeren Vorbereitungen zu Nataschas Hochzeit in Anspruch. Er bestellte Diners und Soupers und wollte offenbar lustig scheinen, aber seine Heiterkeit teilte sich nicht wie früher den anderen mit, sondern erweckte im Gegenteil das Mitleid aller, die ihn kannten und liebten.
Nachdem Pierre mit seiner Frau abgereist war, zeigte er sich stiller und fing an, über trübe Stimmungen zu klagen. Nach ein paar Tagen wurde er krank und mußte sich zu Bett legen. Obgleich die Ärzte ihm tröstlich zuredeten, war es ihm doch vom ersten Tag seiner Krankheit an klar, daß er nicht wieder aufstehen werde. Die Gräfin brachte vierzehn Tage, ohne sich auszukleiden, in einem Lehnstuhl neben seinem Bett zu. Jedesmal, wenn sie ihm die Medizin reichte, fing er an zu schluchzen und küßte ihr stumm die Hand. Am letzten Tag bat er unter Tränen seine Frau und seinen Sohn, der zwar nicht anwesend war, um Verzeihung, daß er mit ihrem Vermögen so schlecht gewirtschaftet hatte. Dies war die Hauptschuld, die er auf sich lasten fühlte. Nachdem er das Abendmahl genommen und die letzte Ölung empfangen hatte, starb er sanft und still. Am nächsten Tag war die kleine Rostowsche Mietswohnung voll von Bekannten, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen wollten. Und alle diese Bekannten, die so oft bei ihm gegessen und getanzt und so oft über ihn gelacht hatten, sagten jetzt wie aus einem einstimmigen Gefühl der Rührung und des inneren Vorwurfs, und als wollten sie sich vor jemandem rechtfertigen: Ja, wie dem auch immer gewesen sein mag, ein prächtiger Mensch war er doch! Solche Leute trifft man heutzutage gar nicht mehr … Wer hätte nicht auch seine Schwächen?
239
»Nicht uns, nicht uns, sondern deinem Namen«: diese Worte ließ Alexander in die Gedenkmedaille auf das Jahr 1812 prägen.