Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ja«, erwiderte Prinzessin Marja, »er hat sehr gewonnen.«
»Und der kurze Rock und das geschorene Haar, ganz, ganz als wenn er aus dem Bad käme … wie Papa das immer …«
»Ich kann verstehen, daß er« – sie meinte den Fürsten Andrej – »keinen mehr geliebt hat als ihn«, warf Prinzessin Marja ein.
»Und doch sind sie beide so verschieden. Es heißt ja immer, daß Männer dann die besten Freunde werden, wenn sie einander nicht gleich sind. Das muß wohl wahr sein. Nicht wahr, er ist ihm in nichts ähnlich, in nichts?«
»Nein, und doch ist er ein wunderbarer Mensch.«
»Nun, gute Nacht!« erwiderte Natascha.
Und jenes schelmische Lächeln lag noch lang wie vergessen auf ihrem Gesicht.
19
Pierre konnte an diesem Tag lange nicht einschlafen. Er ging im Zimmer auf und ab, runzelte, mit schweren Gedanken beschäftigt, bald finster die Stirn, zuckte ab und zu die Schultern oder fuhr plötzlich zusammen, dann aber lächelte er wieder glücklich vor sich hin.
Er dachte an den Fürsten Andrej, an Natascha, an ihre Liebe. Bald war er eifersüchtig auf ihre Vergangenheit, bald machte er sich wegen dieser Eifersucht Vorwürfe, bald verzieh er sie sich wieder. Es war schon sechs Uhr morgens, und immer noch ging er im Zimmer auf und ab.
Was soll ich machen, wenn es eben nicht anders geht? Was tun? Es muß wohl so sein, sagte sich Pierre, zog sich hastig aus und legte sich glücklich und erregt, aber ohne Zweifel und mit Entschlossenheit aufs Bett.
Es muß sein, wie seltsam, wie unmöglich auch dieses Glück scheint. Ich muß alles tun, damit sie die Meine wird, sagte er sich.
Noch vor einigen Tagen hatte er den Freitag für seine Abreise nach Petersburg bestimmt. Als er am Donnerstag aufwachte, kam Saweljitsch zu ihm, um seine Befehle für das Einpacken der Sachen zur Reise entgegenzunehmen.
Wie denn nach Petersburg? Was ist mit Petersburg? Wer will nach Petersburg? fragte er sich unwillkürlich, wenn auch nur im stillen. Ja, da war doch damals, ehe das geschah, etwas, weshalb ich nach Petersburg fahren wollte, fiel ihm ein. Warum nicht? Vielleicht fahre ich auch hin. Wie gut er ist, wie aufmerksam! Wie er an alles denkt! dachte er und sah in Saweljitschs altes Gesicht. Und was für ein liebes Lächeln er hat, dachte er weiter.
»Wie steht’s, Saweljitsch, möchtest du noch immer nicht frei sein?« fragte ihn Pierre.
»Wozu sollte ich frei sein wollen, Erlaucht? Ich habe mein Leben lang beim alten Grafen, Gott hab ihn selig, zufrieden gelebt, und auch bei Ihnen ist es mir nicht schlecht gegangen.«
»Aber deine Kinder?«
»Den Kindern wird es nicht anders ergehen, Erlaucht. Bei solchen Herren kann man schon leben.«
»Nun ja, aber meine Erben?« fragte Pierre. »Wenn ich nun auf einmal wieder heiraten sollte … Das könnte doch sein«, fügte er unwillkürlich lächelnd hinzu.
»Das wäre nur gut, Erlaucht, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf?«
Wie er sich das denkt, als ob das so leicht wäre, dachte Pierre. Er hat keine Ahnung, wie furchtbar, wie gefährlich das ist. Entweder zu früh oder zu spät … Entsetzlich!
»Was belieben Sie zu befehlen? Belieben Sie morgen abzufahren?« fragte Saweljitsch.
»Nein. Ich möchte es noch etwas aufschieben. Ich sage es dir dann. Nimm mir’s nicht übel, wenn ich dir Scherereien gemacht habe«, erwiderte Pierre und dachte, als er Saweljitschs Lächeln sah: Wie sonderbar, daß er nicht weiß, daß es für mich jetzt kein Petersburg mehr gibt, sondern vor allem nur das eine entschieden werden muß. Übrigens weiß er es sicher und verstellt sich bloß. Ob ich mit ihm davon spreche? Was denkt er wohl? fragte sich Pierre. Nein, später einmal.
Beim Frühstück erzählte Pierre der Prinzessin, daß er gestern bei Prinzessin Marja gewesen sei. »Und stellen Sie sich vor, wen ich dort traf«, fuhr er fort. »Natascha Rostowa.«
Die Prinzessin gab sich den Anschein, als fände sie in dieser Nachricht nichts Außergewöhnliches, ganz als ob er ihr erzählte, er habe Anna Semjonowna gesehen.
»Kennen Sie sie?« fragte Pierre.
»Ich habe die Prinzessin manchmal gesehen«, erwiderte sie. »Ich hörte, daß man sie dem jungen Rostow zugedacht hat. Das wäre recht gut für die Rostows; sie sollen ja ihr ganzes Vermögen verloren haben.«
»Nein, ich meine, ob Sie die Komtesse Rostowa kennen?«
»Ich habe damals nur jene Geschichte von ihr gehört. Das war doch recht bedauerlich.«
Nein, sie versteht mich nicht oder verstellt sich, dachte Pierre. Ich will lieber auch mit ihr nicht darüber sprechen.
Auch die Prinzessin hatte Vorbereitungen für Pierres Reise getroffen, indem sie Proviant für ihn besorgt hatte.
Wie gut sie alle sind, dachte er, daß sie jetzt, wo sie doch sicher kein Interesse mehr daran haben können, sich noch mit alledem beschäftigen. Und das alles für mich, wie wunderbar das ist!
Am selben Tag kam der Polizeimeister zu Pierre und forderte ihn auf, einen Bevollmächtigten nach dem Facettenpalast zu schicken, um die Sachen entgegenzunehmen, die heute an ihre Eigentümer zurückerstattet würden.
Und auch der, dachte Pierre, während er dem Polizeimeister ins Gesicht sah, was für ein prächtiger, hübscher Offizier, und wie gut er ist! In einem Augenblick wie jetzt gibt er sich mit solchen Kleinigkeiten ab! Und da sagen die Leute noch, er sei unehrlich und lasse sich bestechen. So ein Unsinn. Und dann übrigens, warum sollte er sich nicht bestechen lassen? Er ist doch in solchen Anschauungen groß geworden. Sie tun es doch alle. Und ein so angenehmes, gutes Gesicht und Lächeln hat er, wenn er mich ansieht.
Zum Mittagessen fuhr Pierre zu Prinzessin Marja.
Während er die Straßen zwischen den niedergebrannten Häusern entlang fuhr, wunderte er sich über die Schönheit dieser Ruinen. Die Schornsteine der Häuser, die halbzerfallenen Mauern zogen sich, hier und da einander verdeckend, durch ganze Stadtteile, die niedergebrannt waren, und erinnerten durch ihren malerischen Anblick an die Burgen des Rheins und an das Kolosseum. Die Kutscher und Fahrgäste, die Zimmerleute, die Balken aufrichteten, die Hökerfrauen und Budenbesitzer, an denen Pierre vorüberfuhr, sie alle sahen ihn mit heiteren, strahlenden Gesichtern an und schienen zu sagen: Da ist er ja! Wollen mal sehen, was daraus wird!
Als Pierre in das Haus der Prinzessin Marja eintrat, überkam ihn ein Zweifel, ob er denn wirklich gestern hier gewesen sei, wirklich Natascha gesehen und wirklich mit ihr gesprochen habe. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt? Vielleicht komme ich jetzt her und sehe niemanden mehr? Aber kaum hatte er das Zimmer betreten, als er auch schon durch das augenblickliche Schwinden seiner Freiheit in seinem innersten Wesen fühlte, daß sie hier war.
Sie trug dasselbe schwarze Kleid mit den weichen Falten und dieselbe Frisur wie gestern, und doch war sie eine ganz andere. Wenn sie gestern, als er ins Zimmer trat, so gewesen wäre, hätte er sie augenblicklich wiedererkannt.
Sie war jetzt ganz so, wie er sie gekannt hatte, als sie noch fast ein Kind und als sie des Fürsten Andrej Braut gewesen war. Ein froher, fragender Glanz leuchtete aus ihren Augen, und auf ihrem Gesicht lag wieder der freundliche, seltsam schelmische Ausdruck.
Pierre nahm am Mittagessen teil und wäre den ganzen Abend dageblieben, wenn Prinzessin Marja nicht zum Abendgottesdienst gefahren wäre. So fuhr er mit ihnen fort.
Am nächsten Tag kam Pierre schon am Morgen, aß mit zu Mittag und blieb den ganzen Abend da. Obgleich sich Prinzessin Marja und Natascha sichtlich über den Gast freuten, obgleich Pierres ganzes Lebensinteresse jetzt nur in diesem Haus verankert war, schien gegen Abend doch jeder Gesprächsstoff erschöpft, und die Unterhaltung sprang beständig von einem nichtigen Gegenstand auf den andern über und kam oft ganz ins Stocken.
An diesem Abend blieb Pierre so lange da, daß Prinzessin Marja und Natascha einander manchmal verstohlen ansahen und spürbar darauf warteten, ob er nun nicht bald gehen werde. Pierre bemerkte dies, konnte sich aber nicht entschließen fortzugehen. Er empfand es drückend und peinlich, blieb aber doch, nur weil er nicht imstande war, aufzustehen und fortzugehen.