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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Die Worte »Zufall« und »Genie« bezeichnen nichts tatsächlich Vorhandenes und können deshalb nicht begrifflich bestimmt werden. Sie bezeichnen nur einen bestimmten Grad im Verstehen einer Erscheinung. Ich weiß nicht, warum dieses oder jenes geschah, ich glaube es nicht wissen zu können, will es deshalb auch gar nicht wissen und sage: Es ist ein Zufall. Ich sehe eine Kraft, die eine Wirkung hervorbringt, die zu den allgemein menschlichen Eigenschaften in keinem Verhältnis steht, begreife nicht, woher dies kommt, und sage: Das ist ein Genie.

Einer Hammelherde muß der Hammel, den der Hirt jeden Abend an eine besondere Futterkrippe treibt und der aus diesem Grund doppelt so fett wird wie die anderen, als Genie erscheinen. Und der Umstand, daß Abend für Abend gerade dieser Hammel nicht in den gemeinsamen Stall gerät, sondern an eine besondere Futterkrippe mit Hafer, und daß dieser, gerade dieser fette Hammel dann zum Essen geschlachtet wird, muß ihnen als erstaunliche Verbindung von Genialität mit einer ganzen Reihe außerordentlicher Zufälle erscheinen.

Aber die Hammel brauchen nur den Gedanken aufzugeben, daß alles, was mit ihnen vorgeht, nur zur Erreichung ihrer eigenen Hammelziele geschieht, brauchen nur anzuerkennen, daß die ihnen zustoßenden Ereignisse noch andere Zwecke haben können, die sie nicht verstehen, und sogleich werden sie in allem, was mit dem gemästeten Hammel vorgeht, eine Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit erkennen. Wenn sie auch nicht begreifen werden, wozu er gemästet wird, so werden sie doch wenigstens begreifen, daß alles, was mit ihm geschieht, nicht ziellos vorgeht, und werden infolgedessen sowohl den Begriff »Zufall« als auch den Begriff »Genie« über Bord werfen.

Erst wenn wir auf das Einsehen wollen eines nahen, begreiflichen Zieles verzichten und zugeben, daß das Endziel für uns unfaßbar ist, werden wir die folgerichtige Entwicklung und Zweckmäßigkeit im Leben historischer Persönlichkeiten erkennen, wird sich uns der Grund der von ihnen hervorgebrachten Wirkungen offenbaren, die zu den allgemein menschlichen Fähigkeiten in keinem Verhältnis stehen, und wir werden die Worte Zufall und Genie nicht mehr anwenden.

Wir brauchen nur zuzugeben, daß uns der Zweck des Auf und niederwallens der Völker Europas unbekannt ist und daß wir nur die Tatsachen kennen, die in einem allgemeinen Morden zuerst in Frankreich, dann in Italien, in Afrika, in Preußen, in Österreich, in Spanien und in Rußland bestanden, und daß der Zug der Völker von Westen nach Osten und von Osten nach Westen das Wesen und Ziel dieser Ereignisse war: dann werden wir in Napoleons und Alexanders Charakter nicht nur keine Ausnahmeerscheinung und »Genialität« mehr sehen, sondern uns diese Persönlichkeiten gar nicht mehr anders als andere Menschen vorstellen können. Und jene kleinen Ereignisse, die diese Männer zu dem, was sie waren, gemacht haben, werden wir nicht mehr als »Zufälle« zu erklären brauchen, sondern deutlich erkennen, daß sie alle notwendig waren.

Haben wir aber darauf verzichtet, den Endzweck erkennen zu wollen, so wird uns auf einmal klar werden: wie man sich für eine Pflanze keine Blüten oder Samenkörner ausdenken kann, die zweckentsprechender wären als die, welche sie selber hervorbringt, ebenso ist man außerstande, sich zwei andere Männer vorzustellen, die mit allem, was sie durchlebt haben, bis zu einem solchen Grad und bis in so winzige Einzelheiten jener Bestimmung entsprochen hätten, die zu erfüllen ihnen vorausbestimmt war.

3

Kern und Grundidee aller europäischen Ereignisse zu Anfang unseres Jahrhunderts ist die kriegerische Massenbewegung der Völker Europas von Westen nach Osten und von Osten nach Westen. Den ersten Anstoß für diese Bewegung bildete der Zug von Westen nach Osten. Damit die Völker des Westens einen solchen Kriegszug wie den nach Moskau, den sie wirklich zustande brachten, ausführen konnten, war unbedingt nötig: erstens daß sie sich zu einer Kriegsschar von solcher Größe zusammenschlossen, die einem Anprall gegen die Kriegsschar des Ostens standhalten konnte; zweitens daß sie mit allen althergebrachten Überlieferungen und Gewohnheiten brachen, und drittens, daß sie bei der Ausführung ihres Kriegszuges an ihrer Spitze einen Mann hatten, der sowohl für sich selber als auch für sie alle vorkommenden Betrügereien, Plünderungen und Mordtaten, wie sie diesen Feldzug begleiteten, zu rechtfertigen verstand.

Mit der Französischen Revolution beginnt sich die ehemalige, nicht mehr genügend große Kriegsschar zu zersetzen, die alten Gewohnheiten und Überlieferungen gehen zugrunde, Schritt für Schritt bilden sich neue Maßstäbe, neue Eigenheiten und Gebräuche heraus, und jener Mann steigt allmählich empor, der an der Spitze der künftigen Bewegungen stehen und die Verantwortung für alle Ereignisse tragen sollte.

Ein Mann ohne Überzeugungen, ohne Gewohnheiten, ohne Überlieferungen, ohne Namen, der nicht einmal ein Franzose war, wird durch die, wie es scheinen könnte, seltsamsten Zufälle zwischen allen Frankreich aufwühlenden Parteien hindurchgeschoben und, ohne sich einer von ihnen anzuschließen, zu dieser weithin sichtbaren Stellung empor getragen.

Die Unwissenheit seiner Kameraden, die Schwäche und Ohnmacht der Gegner, sein eignes offenkundiges Lügen und seine glänzende, selbstbewußte Beschränktheit befördern diesen Menschen an die Spitze einer Armee. Die glänzende Verfassung der Soldaten des italienischen Heeres, die Unlust seiner Feinde, Krieg zu führen, seine eigne knabenhafte Keckheit und Selbstsicherheit erringen ihm kriegerischen Ruhm. Zahllose sogenannte Zufälligkeiten geben ihm bei seinem Aufstieg das Geleit. Die Ungnade, in die er bei Frankreichs führenden Männern fällt, wird ihm zum Segen. All seine Versuche, dem Weg untreu zu werden, der für ihn vorausbestimmt war, schlagen fehclass="underline" er wird nicht für den Dienst in Rußland angenommen, auch das Kommando nach der Türkei bekommt er nicht. Während der Kriege in Italien schwebt er zu wiederholten Malen am Rande des Abgrunds, wird aber immer wieder auf unerwartete Weise gerettet. Die russischen Truppen, eben jene, die seinen Ruhm zunichte machen konnten, betreten infolge diplomatischer Verhandlungen Europa nicht, solange er dort weilt.

Bei seiner Rückkehr aus Italien findet er die Regierung in Paris in jenem Zustand der Zersetzung vor, in dem alle Männer, die in eine solche Regierung geraten, unwiderruflich aufgerieben werden und zugrunde gehen. Doch auch aus dieser gefährlichen Lage eröffnet sich wie von selber für ihn ein Ausweg: die sinnlose Expedition nach Afrika, die jedes Grundes entbehrt. Und wieder geben ihm dabei jene sogenannten Zufälle das Geleit. Das uneinnehmbare Malta ergibt sich ohne einen Schuß, seine unvorsichtigsten Anordnungen werden von Erfolg gekrönt. Die feindliche Flotte, die in der Folge nicht ein einziges Boot mehr übersieht, läßt eine ganze Armee durch. In Afrika wird gegen die fast unbewaffneten Einwohner eine ganze Kette von Schandtaten verübt. Und die Menschen, die solche Schandtaten vollbringen, und vor allem ihr Führer reden sich ein, dies sei schön, ruhmvoll und herrlich und den Taten Cäsars und Alexanders des Großen an die Seite zu stellen.

Jenes Ideal von Ruhm und Größe, das darin besteht, daß man alles, was man tut, nicht nur nicht schlecht findet, sondern sich sogar noch jedes Verbrechens rühmt, indem man ihm eine dunkle, übernatürliche Bedeutung zuschreibt – dieses Ideal, das diesen Menschen und seine Verbündeten zeitlebens leiten sollte, gelangt in Afrika zu uneingeschränkter Entfaltung. Alles, was er nur unternimmt, glückt ihm. Sogar die Pest macht vor seiner Person halt. Das grausame Totschlagen der Gefangenen wird ihm nicht als Schuld angekreidet. Seine knabenhaft unvorsichtige, grundlose Abreise aus Afrika, wo er seine Kameraden in Not zurückläßt, wird ihm als Verdienst angerechnet, und wieder läßt ihn die feindliche Flotte zweimal entwischen. Und in dem Augenblick, da er, von den ihm geglückten Verbrechen schon völlig betäubt und auf seine Rolle vorbereitet, ohne jeden Grund nach Paris kommt, ist jene Zersetzung der republikanischen Regierung, die ihm noch vor einem Jahr zum Verderben hätte werden können, nun auf ihrem Höhepunkt angelangt, und so kann ihm, einem Mann, der außerhalb der Parteien steht, diese Anwesenheit jetzt nur von Nutzen sein.

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