Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Auch in Rußland machte sich, wie jene Historiker erzählen, in dieser Zeit eine Reaktion bemerkbar, als deren Haupturheber Alexander I. bezeichnet wird, jener selbe Alexander I., der bei seinem Regierungsantritt nach ihren eignen Schilderungen der Haupturheber der liberalen Bewegungen und dann der Haupturheber der Rettung Rußlands gewesen war.
Es gibt in der russischen Literatur der Gegenwart, vom dichtenden Gymnasiasten bis zum gelehrten Historiker, keinen Menschen, der nicht sein Steinchen auf Alexander wegen unrichtiger Handlungen in dieser Zeit seiner Regierung geworfen hätte.
Er hätte soundso vorgehen müssen. In dem und dem Fall hat er gut, in jenem schlecht gehandelt. Zu Anfang seiner Regierung und während des Jahres 1812 hat er sich vortrefflich gezeigt, aber er hat falsch gehandelt, als er Polen eine Verfassung[234] gab, als er in die Heilige Allianz[235] eintrat, als er Araktschejew die Macht in die Hände gab, als er Golizyn und dem Mystizismus[236] und später Schischkow und Photius seine Gunst schenkte, hat unrichtig gehandelt, als er sich in den Frontdienst der Armee mischte, das Semjonower Regiment kassierte[237]… und so weiter, und so weiter.
Man müßte zehn Bogen vollschreiben, um alle die Vorwürfe aufzuzählen, die die Historiker Alexander I. machen auf Grund jener Kenntnis vom Heil der Menschheit, die sie ihr eigen nennen.
Welchen Sinn haben diese Vorwürfe?
Gerade die Handlungen Alexanders I. die den Beifall der Historiker finden, als da sind: die liberalen Anfänge seiner Regierung, sein Kampf mit Napoleon, die Festigkeit, die er im Jahre 1812 gezeigt hat, der Feldzug von 1813, entspringen sie nicht alle denselben Quellen: den Bedingungen des Blutes, der Erziehung, des Lebens, kurz allem, was die Persönlichkeit Alexanders gerade so hervorgebracht hat, wie sie eben war, denselben Quellen, aus denen auch jene Handlungen entspringen, die die Historiker an ihm auszusetzen haben, als da sind: die Heilige Allianz, die Wiederaufrichtung Polens, die Reaktion der zwanziger Jahre?
Worin besteht aber der Kern dieser Vorwürfe?
Darin, daß eine solche geschichtliche Persönlichkeit wie Alexander I, die auf der höchsten nur möglichen Stufe menschlicher Macht wie im Brennpunkt des blendenden Lichtes aller auf sie vereinten Strahlen der Geschichte stand, eine Persönlichkeit, die dem stärksten Einfluß von Intrigen, Täuschungen, Schmeicheleien und Selbstüberhebung, wie sie nun einmal von jeder Machtstellung untrennbar sind, ausgesetzt war, eine Persönlichkeit, die jeden Augenblick in ihrem Leben die Verantwortung für das, was in Europa geschah, auf sich lasten fühlte, eine Persönlichkeit, die bei alledem keine Phantasiegestalt, sondern ein Mann von Fleisch und Blut war wie andere Menschen auch, mit eignen Gewohnheiten, Leidenschaften und eignem Streben zum Guten, Schönen und Wahren – daß eine solche Persönlichkeit vor fünfzig Jahren nicht etwa ohne Tugenden war – das werfen ihm die Historiker nicht vor –, sondern daß sie nur nicht jene Anschauungen vom Wohl der Menschheit hatte, wie sie jetzt ein Professor vertritt, der sich von Kindesbeinen an mit der Wissenschaft beschäftigt, das heißt mit dem Lesen von Büchern, dem Anhören von Vorlesungen und dem Abschreiben dieser Bücher und Vorlesungen in ein zusammenfassendes Heftchen.
Doch selbst wenn man annimmt, daß sich Alexander I. in seiner Ansicht von dem, was das Wohl der Völker ausmacht, geirrt habe, muß man, ob man will oder nicht, in gleicher Weise zugeben, daß auch die Historiker, die über Alexander zu Gericht sitzen, sich nach Verlauf einiger Zeit in ihren Ansichten über das Wohl der Menschheit als ebenso unzuverlässig erweisen werden. Die Annahme ist um so natürlicher und unvermeidlicher, als wir beim Verfolgen der geschichtlichen Entwicklung sehen, daß sich die Aussichten über das Wohl der Menschheit mit jedem Jahr, mit jedem neuen Schriftsteller ändern, so daß das, was früher als Glück angesehen wurde, nach zehn Jahren als Unglück erscheint, und umgekehrt. Und nicht genug damit, sogar schon zu ein und derselben Zeit finden wir in der Geschichte vollständig entgegengesetzte Ansichten darüber, was zum Heil und zum Unheil war: die einen rechnen Alexander die Verfassung Polens und die Heilige Allianz als Verdienst an, die anderen machen ihm einen Vorwurf daraus.
Über das Wirken Alexanders und Napoleons läßt sich unmöglich sagen, ob es nützlich oder schädlich gewesen ist, denn wir können nicht erklären, wofür es nützlich oder schädlich war. Wenn ihr Wirken jemandem mißfällt, so nur deshalb, weil es mit der beschränkten Auffassung jener Menschen vom Heil der Menschheit nicht übereinstimmt. Was immer ich auch als Glück ansehen mag: die Erhaltung meines Vaterhauses in Moskau im Jahre 1812, den Ruhm der russischen Truppen, das Aufblühen der Petersburger und anderer Universitäten, die Befreiung Polens, die Machtstellung Rußlands, das europäische Gleichgewicht, die berühmte westeuropäische Aufklärung, Fortschritt genannt – in jedem Fall muß ich anerkennen, daß das Wirken jeder historischen Persönlichkeit außer diesem einen ja auch noch anderen, allgemeineren, mir unfaßbaren Zwecken gedient hat.
Doch nehmen wir an, die sogenannte Wissenschaft besäße die Möglichkeit, alle sich widersprechenden Parteien zu versöhnen, und hätte für geschichtliche Persönlichkeiten und Ereignisse einen unveränderlichen Maßstab des Guten und Bösen. Nehmen wir an, Alexander hätte in allen Dingen anders handeln können. Nehmen wir an, er hätte ganz nach der Vorschrift derer, die ihn jetzt beschuldigen und vom grünen Tisch aus die unendlichen Ziele der Menschheitsbewegung zu kennen behaupten, nach jenem Programm der Nationalität, Freiheit und Gleichheit und des Fortschrittes – ein anderes scheint es ja nicht zu geben – gehandelt, das ihm die in die Hand gedrückt hätten, die ihn jetzt beschuldigen; nehmen wir an, dieses Programm wäre möglich gewesen, ausgearbeitet worden, und Alexander wäre nach ihm verfahren – was wäre da aus der Tätigkeit all jener Leute geworden, die der damaligen Regierungsrichtung entgegenwirkten, einer Tätigkeit, die nach der Ansicht der Historiker doch gut und nützlich war? Diese Tätigkeit wäre nicht gewesen, es hätte kein Leben gegeben, nichts wäre gewesen.
Sobald man annimmt, das Leben der Menschheit könne durch Vernunft gelenkt und geleitet werden, macht man das Leben als solches unmöglich.
2
Nimmt man an, wie das die Historiker tun, daß die großen Männer der Weltgeschichte die Menschheit zu gewissen Zielen hinleiten, Zielen wie die Größe Rußlands oder Frankreichs, das europäische Gleichgewicht, die Verbreitung von Revolutionsideen, der allgemeine Fortschritt, oder was auch immer es sei, so kann man für manche Erscheinungen der Weltgeschichte ohne die Begriffe »Zufall« und »Genie« keine Erklärung finden.
Wäre das Ziel der europäischen Kriege zu Anfang unseres Jahrhunderts die Größe Rußlands gewesen, so hätte dies auch ohne jeden vorhergehenden Krieg und ohne jeden feindlichen Einfall ins Land erreicht werden können. Wäre Frankreichs Größe der Endzweck gewesen, so wäre es auch ohne Revolution und ohne Kaiserreich dazu gekommen. Sollte die Verbreitung von Ideen erreicht werden, so hätte das Drucken von Büchern diese Aufgabe viel besser erfüllt als die Soldaten. Sollten der Fortschritt, die Zivilisation angestrebt werden, so kann man wohl nicht zu Unrecht behaupten, daß es neben der Vernichtung von Menschen und Reichtümern noch andere, zweckmäßigere Mittel und Wege zur Verbreitung unserer Zivilisation gebe.
Warum kam es nun so und nicht anders? Nun, eben deshalb, weil es so kam.
»Der Zufall« schuf eine solche Lage, »das Genie« nutzte sie, sagt die Geschichte. Aber was ist ein »Zufall«? Was ist ein »Genie«?
233
Photius: (1792-1838), Archimandrit mit großem Einfluß auf Alexander, den er in seiner reaktionären Politik bestärkte.
234
Polen eine Verfassung: am 27 November 1815 gab Alexander I. dem ›Königtum Polen‹, wie der in Personalunion mit Rußland vereinigte Teil des Herzogtums Warschau bezeichnet wurde, eine Verfassung, die (formal) als die liberalste in Europa galt.
235
Heilige Allianz: vgl. Anm. 180.
236
Golizyn und dem Mystizismus: mit der Gründung der Petersburger Bibelgesellschaft 1812, die 1814 zur russischen Bibelgesellschaft unter Vorsitz des Oberprokurors des Heiligen Synod (vgl. Anm. 138) A.N. Golicyn erweitert wurde, wurde Religion, mystische Religiosität westeuropäischer Provenienz verbunden mit russischem Sektierertum regelrecht Mode.
237
das Semjonower Regiment kassierte: 1820 meuterte das Semjonow Garderegiment gegen seinen verhaßten, pedantischen Kommandeur Schwarz und wurde daraufhin aufgelost, die Rädelsführer grausam bestraft, die übrigen auf die Linienregimenter des ganzen Reichs verteilt.