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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In den letzten Tagen seines Aufenthaltes in Orel besuchte Pierre sein alter Bekannter, der Freimaurer Graf Willarski, der ihn im Jahre 1807 in die Loge eingeführt hatte. Willarski war mit einer reichen Russin verheiratet, die im Gouvernement Orel große Güter besaß, und bekleidete jetzt in der Stadt vorübergehend einen Posten im Verpflegungsamt.

Als Willarski erfahren hatte, daß Besuchow in Orel war, kam er, obgleich sie früher nie näher miteinander bekannt gewesen waren, zu Pierre mit jenen vertrauten Freundschaftsbezeigungen, wie sie Menschen gewöhnlich zum Ausdruck bringen, die einander in der öden Fremde begegnen. Willarski langweilte sich in Orel und war glücklich, einen Menschen seiner Kreise zu treffen, der, wie er annahm, dieselben Interessen hatte wie er.

Aber zu seiner Verwunderung bemerkte Willarski bald, daß sich Pierre vom wirklichen Leben sehr entfernt hatte und, wie er Pierre beurteilte, in Apathie und Egoismus verfallen war.

»Vous vous encroûtez, mon cher«, sagte er zu ihm.

Dennoch war Willarski jetzt lieber mit Pierre zusammen als früher und besuchte ihn jeden Tag. Für Pierre dagegen war, wenn er Willarski ansah und ihm zuhörte, der Gedanke sonderbar und unwahrscheinlich, daß er selber noch vor kurzer Zeit ebenso gewesen sein sollte.

Willarski war verheiratet, Familienvater und mit den Gutsgeschäften seiner Frau, mit seinem Dienst und seiner Familie beschäftigt. Aber er hielt alle diese Beschäftigungen nur für einen Hemmschuh des wahren Lebens und achtete sie gering, weil sie nur sein und seiner Familie persönliches Wohl zum Zweck hatten. Sein ganzes Interesse wurde von militärischen, administrativen, politischen und freimaurerischen Bestrebungen verschlungen. Pierre gab sich keine Mühe, Willarski andere Anschauungen beizubringen, er verurteilte ihn nicht, ergötzte sich aber mit dem ihm jetzt ständig eigenen stillen und fröhlichen Spott an dieser seltsamen, ihm nur zu wohl bekannten Erscheinung.

In seinen Beziehungen zu Willarski, zur Prinzessin, zum Arzt und zu allen Leuten, mit denen er jetzt zusammenkam, trat bei Pierre ein neuer Zug zutage, der ihm die Zuneigung aller Menschen erwarb: er anerkannte die Möglichkeit, daß jeder Mensch in seiner Weise denken, fühlen und die Dinge ansehen konnte, und gab die Unmöglichkeit zu, einem Andersgesinnten durch Worte eine andere Überzeugung beizubringen. Diese Anerkennung einer Individualität in jedem Menschen, die Pierre früher aufgeregt und gereizt hatte, bildete jetzt die Grundlage für die Teilnahme, die er den Menschen entgegenbrachte. Der Unterschied in den Ansichten der Menschen, die manchmal in vollkommenem Widerspruch zu ihrem Leben standen, bereitete Pierre jetzt Freude und rief in ihm ein sanft-spöttisches Lächeln hervor.

In praktischen Dingen fühlte Pierre jetzt unerwarteterweise, daß er nun den Schwerpunkt besaß, der ihm früher gefehlt hatte. Früher hatten ihn alle Finanzfragen, besonders die Bitten um Geld, denen er als schwerreicher Mann sehr oft ausgesetzt war, immer in eine aufgeregte Ratlosigkeit versetzt, aus der er kaum einen Ausweg gefunden hatte. Soll ich es ihm geben oder nicht? hatte er sich immer gefragt. Ich habe das Geld, und er braucht es. Aber ein anderer braucht es noch mehr. Wer braucht es nun am nötigsten? Vielleicht sind beide Betrüger? Aus all diesen Bedenken hatte er früher nie einen Ausweg finden können und allen gegeben, solange er noch etwas zu geben hatte. Und in demselben Zweifel hatte er sich früher bei jeder Frage, die sein Vermögen betraf, befunden, wenn ihm einer gesagt hatte, er müsse so, und ein anderer, er müsse anders vorgehen.

Jetzt merkte er zu seiner Verwunderung, daß es in allen diesen Fragen für ihn weder Zweifel noch Bedenken gab. Jetzt stand in seinem Innern ein Richter auf, der nach irgendwelchen, Pierre selber unbekannten Gesetzen entschied, was er zu tun hatte und was nicht.

Er stand Geldsachen noch ebenso gleichgültig gegenüber wie früher, aber er wußte nun mit Sicherheit, was er zu tun und zu lassen hatte. Zum erstenmal waltete dieser neue Richter seines Amtes bei der Bitte eines gefangenen französischen Obersten, der zu Pierre kam, ihm viel von seinen Heldentaten erzählte und letzten Endes fast forderte, ihm viertausend Franken zu geben, damit er sie seiner Frau und seinen Kindern schicken könne. Pierre schlug ihm sein Verlangen ohne die geringste Mühe und Anstrengung ab und wunderte sich nachher darüber, wie einfach und leicht das gewesen war, was er früher für unlösbar schwer gehalten hatte. Zur gleichen Zeit aber, da er dem Obersten seine Forderung abschlug, faßte er bei sich den Entschluß, unbedingt eine List anzuwenden, um vor seiner Abreise aus Orel den italienischen Offizier dazu zu bringen, Geld von ihm anzunehmen, dessen er sichtlich bedurfte. Ein neuer Beweis für Pierres gefestigten Überblick über praktische Dinge waren seine Entscheidungen in der Frage der Schulden seiner Frau und der Wiederherstellung und Nichtwiederherstellung seiner Häuser und Landhäuser in Moskau.

In Orel suchte ihn sein Oberverwalter auf, und Pierre veranschlagte mit ihm seine allgemeinen Einkünfte. Durch den Brand Moskaus hatte er nach den Berechnungen des Oberverwalters gegen zwei Millionen verloren.

Zum Trost für diesen Verlust rechnete der Oberverwalter Pierre vor, daß sich seine Einkünfte trotz dieser Einbuße nicht verringern, sondern vielmehr vergrößern würden, wenn er sich weigere, die Schulden, die die Gräfin hinterlassen hatte, zu bezahlen, wozu er durchaus berechtigt sei, und wenn er von der Wiederherstellung seiner Häuser in und bei Moskau absehe, die jährlich achtzigtausend Rubel an Unterhaltung kosteten und nichts einbrachten.

»Ja, ja, das stimmt schon«, sagte Pierre und lachte belustigt. »Ich brauche ja das alles auch gar nicht. So bin ich also durch die Zerstörung nur noch reicher geworden.«

Doch im Januar kam Saweljitsch aus Moskau, berichtete über den Zustand des Hauses und über einen Voranschlag, den ihm ein Baumeister für die Wiederherstellung der Häuser in und bei Moskau gemacht hatte, und sprach von alledem wie von einer abgemachten Sache. Zur gleichen Zeit erhielt Pierre Briefe vom Fürsten Wassilij und anderen Bekannten aus Petersburg. In allen Briefen war von den Schulden seiner Frau die Rede. Und Pierre sah ein, daß der Plan des Oberverwalters, der ihm anfänglich gefallen hatte, doch nicht richtig war, und daß er zur Regelung der Angelegenheiten seiner Frau doch nach Petersburg reisen und doch in Moskau bauen müsse. Warum er das mußte, wußte er nicht, aber er wußte genau, daß es nötig war. Infolge dieses Entschlusses verringerten sich seine Einkünfte um drei Viertel. Aber er mußte es tun, das fühlte er.

Willarski reiste ebenfalls nach Moskau, und sie verabredeten, zusammen zu fahren.

Schon in Orel, während der ganzen Zeit seiner Genesung, hatte Pierre ein Gefühl des Glücks, der Freiheit und der Lebensfreude empfunden, als er sich aber im Verlauf seiner Reise nun in der freien Welt fühlte und Hunderte von neuen Gesichtern sah, da wurde dieses Gefühl immer stärker. Während der ganzen Zeit seiner Reise fühlte er sich glücklich wie ein Schuljunge, der Ferien hat. Alle Leute: der Postkutscher, der Stationsaufseher, die Bauern auf der Landstraße und in den Dörfern hatten für ihn eine neue Bedeutung. Die Gegenwart und die Bemerkungen Willarskis, der ständig darüber jammerte, daß Rußland so arm und ungebildet sei und so weit hinter Westeuropa zurückstehe, trugen nur dazu bei, Pierres Glücksgefühl zu erhöhen. Da, wo Willarski starre Leblosigkeit sah, erblickte er eine außerordentlich mächtige Lebenskraft, jene Kraft, die in diesem weiten Lande auch unterm Schnee das Leben dieses gesunden, eigenartigen und einzigen Volkes erhielt. Er widersprach Willarski nicht, sondern hörte ihm mit glücklichem Lächeln zu, als wäre er mit ihm einverstanden, da ja diese vermeintliche Zustimmung das einfachste Mittel war, Auseinandersetzungen zu vermeiden, bei denen doch nichts herauskommen konnte.

15

So schwer es zu erklären ist, warum und wohin die Ameisen aus einem zerstörten Haufen hasten, die einen mit Sandkörnchen, Eiern und Toten beladen vom Haufen fort, die anderen wieder zum Haufen zurück, warum sie sich stoßen, überholen, bekämpfen – ebenso schwer ist es auch, die Gründe anzugeben, warum sich die Russen nach dem Abzug der Franzosen an jenem Platz zusammendrängten, der früher den Namen Moskau trug. Doch ebenso wie man beim Anblick der um den zerstörten Haufen herumrennenden Ameisen aus der Streitbarkeit, Energie und unendlichen Menge der wimmelnden Insekten trotz der völligen Vernichtung des Haufens erkennen kann, daß alles zerstört ist außer einem immateriellen, unzerstörbaren Etwas, das die ganze Kraft des Haufens ausmacht – so erkannte man selbst in jenem Moskau vom Monat Oktober, obgleich es dort weder eine Obrigkeit noch Kirchen noch Heiligtümer noch Reichtum noch Häuser gab, dennoch dasselbe Moskau wieder, das es im August gewesen war. Alles war zerstört bis auf jene immaterielle, alles vermögende, unzerstörbare Kraft.

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