Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Er hatte früher nicht vermocht, das Große, Unendliche, Unergründliche in irgend etwas zu sehen, sondern nur gefühlt, daß es irgendwo sein müsse, und es darum gesucht. In allem, was nahe lag und verständlich war, hatte er nur das Beschränkte, Kleinliche, Weltliche und Sinnlose gesehen. Er hatte sich mit einem geistigen Fernrohr bewaffnet und ins Weite geschaut, dorthin, wo das Kleinliche, Alltägliche in nebelhafter Ferne ihm groß und unendlich erschienen war, und zwar nur, weil er es nicht deutlich sehen konnte. So war ihm bald das europäische Leben, bald die Politik, Freimaurerei, Philosophie, Philanthropie als das Gesuchte erschienen. Aber schon damals, in jenen Augenblicken, die er früher Schwäche nannte, hatte sein Geist jene Ferne durchdrungen, und er hatte auch dort dieselbe Kleinlichkeit, Alltäglichkeit und Sinnlosigkeit wahrgenommen. Jetzt aber hatte er gelernt, das Große, Ewige und Unendliche in allem, was ihn umgab, zu sehen, und um es besser sehen und sich an seinem Anblick ergötzen zu können, warf er nun, wie es nur natürlich war, das Fernrohr weg, durch das er bisher über die Köpfe seiner Mitmenschen hinweggeschaut hatte, und betrachtete froh das ewig wechselnde, ewig große, unergründliche und unendliche Leben um sich herum. Und je näher er hinschaute, desto ruhiger und glücklicher wurde er. Die furchtbare Frage: Warum? die früher alles, was von seinem Geist aufgebaut worden war, wieder niedergerissen hatte, war jetzt für ihn nicht mehr vorhanden. Auf diese Frage Warum? lag jetzt in seinem Innern immer die einfache Antwort bereit: weil es einen Gott gibt, jenen Gott, ohne dessen Willen kein Haar von des Menschen Haupt fällt.
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Pierre hatte sich in seiner äußeren Art fast gar nicht verändert. Auf den ersten Blick war er noch ganz derselbe wie früher. Er war ebenso zerstreut wie immer und schien nicht mit dem beschäftigt, was er vor Augen hatte, sondern mit seinen eignen, besonderen Gedanken. Der Unterschied zwischen seinem früheren und seinem jetzigen Zustand lag nur darin, daß, wenn er früher etwas vergessen hatte, was vor ihm war oder was man zu ihm gesagt hatte, er mit schmerzlich gerunzelter Stirn gleichsam etwas in weiter Ferne zu erspähen versucht, aber doch nicht zu finden vermocht hatte. Jetzt vergaß er auch manchmal das, was man zu ihm sagte und was vor ihm lag, aber mit einem kaum merklichen Lächeln heftete er dann seinen Blick gerade auf jenen Gegenstand, der vor ihm war, und lauschte dem, was man zu ihm sagte, obgleich es den Anschein hatte, als sehe und höre er etwas ganz anderes. Früher hatte er den Eindruck eines zwar guten, aber unglücklichen Menschen gemacht, und deshalb hatten sich die Leute unwillkürlich von ihm ferngehalten. Jetzt spielte ein Lächeln der Lebensfreude beständig um seine Lippen, und aus seinen Augen strahlte die Teilnahme für andere und die Frage: Seid ihr ebenso zufrieden, wie ich es bin? Und darum fühlten sich alle in seiner Gegenwart wohl.
Früher hatte er viel geredet, war beim Sprechen hitzig geworden und hatte wenig zugehört. Jetzt ließ er sich beim Reden selten hinreißen und verstand so gut zuzuhören, daß die Leute ihm mit Vorliebe ihre verborgensten Herzensgeheimnisse erzählten.
Auch die Prinzessin, die sich nie viel aus Pierre gemacht und, seit sie sich nach dem Tode des alten Grafen ihm verpflichtet wußte, eine besonders feindliche Gesinnung gegen ihn genährt hatte, fühlte zu ihrem Ärger und ihrer Verwunderung nach kurzem Aufenthalt in Orel, wohin sie gekommen war, um Pierre zu beweisen, daß sie es trotz seiner Undankbarkeit für ihre Pflicht halte, ihn zu pflegen – auch die Prinzessin fühlte bald, daß sie ihn gern hatte. Pierre bemühte sich in keiner Weise um ihr Wohlwollen, aber er betrachtete sie mit Neugier. Früher hatte die Prinzessin das Gefühl gehabt, daß er sie mit gleichgültigen und spöttischen Blicken ansehe, und hatte sich wie von anderen Menschen auch von ihm zurückgezogen und ihm nur die streitbare Seite ihres Charakters gezeigt. Jetzt aber spürte sie im Gegenteil, daß er gleichsam bis zu den innersten Tiefen ihres Lebens schürfte, und so zeigte sie ihm anfänglich mit Mißtrauen, dann aber voll Dankbarkeit alle verborgenen, guten Seiten ihres Wesens.
Der listigste Mensch hätte sich nicht kunstgerechter in das Vertrauen der Prinzessin einstehlen können, indem er die Erinnerung an ihre beste Jugendzeit in ihr wachrief und seine Teilnahme dafür bekundete. Und doch war Pierres ganze List nur, daß er seine eigne Genugtuung darin suchte, in der verbitterten, vertrockneten und auf ihre Art stolzen Prinzessin menschliche Gefühle zu wecken.
Ja, er ist ein sehr, sehr guter Mensch, wenn er sich nicht unter dem Einfluß schlechter Elemente befindet, sondern solcher Menschen, wie ich bin, sagte sich die Prinzessin.
Die Veränderung, die mit Pierre vorgegangen war, bemerkten auch sein Diener Terentij und Waska auf ihre Art. Sie fanden, daß er viel einfacher und natürlicher geworden war. Oft, wenn Terentij den Herrn ausgekleidet und ihm gute Nacht gesagt hatte, blieb er mit den Stiefeln und Kleidern in der Hand stehen und wartete, ob der Herr nicht ein Gespräch mit ihm anknüpfen werde. Und meist hielt Pierre Terentij dann zurück, wenn er merkte, daß dieser sich gern mit ihm unterhalten wollte.
»Na, aber erzähle doch mal … wie habt ihr euch denn damals Essen verschafft?« fragte er.
Und Terentij fing an zu erzählen von der Zerstörung Moskaus und vom seligen Grafen und stand lange da mit dem Rock über dem Arm und erzählte und hörte auf das, was Pierre erwiderte, und ging dann mit dem angenehmen Bewußtsein ins Vorzimmer hinaus, daß sein Herr ihm nahestand und freundliche Gefühle für ihn hegte.
Der Arzt, der Pierre behandelte und jeden Tag besuchte, saß, obgleich er es wie alle Ärzte für seine Pflicht hielt, sich den Anschein zu geben, als sei ihm jede Minute um der leidenden Menschheit willen kostbar, oft stundenlang bei Pierre und erzählte ihm seine Lieblingsgeschichten und seine Beobachtungen über das Benehmen der Kranken im allgemeinen und der Damen im besonderen.
»Ja, mit solch einem Menschen unterhält man sich gern; das ist doch etwas anderes als mit Leuten aus der Provinz«, meinte er.
In Orel lebten einige gefangene französische Offiziere, und der Arzt brachte einmal einen von ihnen, einen jungen Italiener, mit.
Dieser Offizier fing nun an, Pierre öfter zu besuchen, und die Prinzessin lachte über die zärtlichen Gefühle, die der Italiener für Pierre zeigte.
Der Italiener war offenbar nur dann glücklich, wenn er Pierre besuchen und sich mit ihm unterhalten durfte. Er erzählte ihm von seiner Vergangenheit, von seinem häuslichen Leben, von seiner Liebe, und schüttete ihm sein Herz aus, das voll Entrüstung gegen die Franzosen und vor allem gegen Napoleon war.
»Wenn alle Russen auch nur ein klein wenig so sind wie Sie«, sagte er zu Pierre, »c’est un sacrilège que de faire la guerre à un peuple comme le vôtre. Sie, der Sie so viel von den Franzosen erduldet haben, empfinden nicht einmal Haß gegen sie.«
Auch diese leidenschaftliche Liebe des Italieners hatte sich Pierre nur dadurch erworben, daß er in ihm die besten Seiten seiner Seele wachgerufen und seine Freude an ihnen gehabt hatte.