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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Der Diener hob die Hände, als wolle er sich vor Schlägen schützen.

War es Messer Pietro Bocco, der seinen morgendlichen Rundgang durch das Haus begann? War es die Magd, die mit dem schweren Wäschekorb zur hölzernen Altane auf dem Dach des Hauses gehen wollte?

Der Diener drückte sich gegen die kühle Wand. Marco stellte sich neben ihn und überlegte die Worte, die er dem Oheim sagen würde.

Die Schritte bewegten sich auf die Treppe zu. «Lauft, junger Herr!» flüsterte der Diener mit bebenden Lippen.

Marco blieb unbeweglich stehen. Der Zorn wollte ihn übermannen über die unwürdige Rolle, die er zu spielen gezwungen war. Er drängte ihn zurück.

In diesen Augenblicken der fast unerträglichen Spannung bewegte ihn ein Gedanke: Paolo ist verschwunden. Am Abend geht er weg, und dann kehrt er nicht mehr wieder.

Die Schritte kamen über die ersten Treppenstufen.

Am Abend geht er weg, und dann kehrt er nicht mehr wieder. Dieser immer wiederkehrende Gedanke war stärker als seine Empfindungen für Giannina, als seine Sehnsucht nach fernen Ländern, berührte ihn schmerzlicher als vor Monden der Tod der Mutter.

Der Oheim sagte gestern: «Eben habe ich eine traurige Nachricht erhalten, die mich sehr nachdenklich stimmt. Dein treuer Paolo ist ertrunken!»

Und Marco durfte nicht aus der dunklen Ecke heraustreten und ihm ins Gesicht schreien: Ich will wissen, wo Paolo ist! Sagt es mir! Sagt es mir!

I muri parlanto! Die Mauern reden!

Messer Pietro Bocco ging die Treppen hinab und blieb im Hur stehen, als ahne er die Nähe von Menschen. Hörte er die hastigen Atemzüge des Dieners?

Er drehte sinnend den Kopf nach dem spärlichen Licht, das durch den Türspalt drang.

Seltsame Gedanken, die ein stolzes Gefühl der Überlegenheit erzeugten, entstanden in seinem Gehirn. Er verglich seinen Gewinn in der einen Nacht mit dem Gehalt eines Arztes. Die Republik von San Marco zahlte einem gelehrten Arzt 47 Lire di grossi und verlangte dafür von ihm, daß er zwei Schüler halte, monatlich einmal mit anderen Ärzten unter dem Vorsitz des Priors zusammenkomme, um über die Medizin, namentlich über zweifelhafte Fälle, zu disputieren, kostenlos Geringe und diese oder jene Adlige behandele und dafür sorge, daß in den Gärten der Guidecca bestimmte Heilkräuter angepflanzt wurden.

Und er, Pietro Bocco, hatte tausend Dukaten in einer Nacht verdient. Messer Pietro Bocco lächelte über den kühnen Vergleich, der ihm eingefallen war und nach seiner Ansicht die Überlegenheit des Kaufmannsgeistes über alle anderen Berufe, selbst die gelehrtesten, ausdrückte. Und was verlangte die Republik? spann er selbstgefällig seinen Gedanken weiter. Die Republik verlangte von ihm, daß er sich beim Salzschmuggel nicht erwischen ließ.

Endlich ging Pietro Bocco weiter, öffnete die schwere Tür am Ende des Hurganges und verschwand im geräumigen Gewölbe seines Warenlagers.

Der Diener zitterte an allen Gliedern. «Ich sage Euch, was ich weiß, junger Herr. Aber dann geht! Ich bitte Euch, geht!» «Du weißt also etwas?» fragte Marco schnell.

«Abends hielt eine große schwarze Barke vor unserem Haus. Das ist alles, was ich weiß. Doch geht nun, ich bitte Euch, ehe Messer Bocco zurückkommt! Paolo ist mit der schwarzen Barke weggefahren. Weiter weiß ich nichts, junger Herr. Geht! Der Herr kommt! Ich höre seine Schritte!»

Marco lief zum Haustor, öffnete es und huschte hinaus.

Mit einer schwarzen Barke ist er weggefahren. Endlich hatte er einen Anhaltspunkt. Das Hoffnungspflänzchen faßte wieder feste Wurzeln. Und die Uberzeugung, daß sein Oheim ihn belogen hatte, war stärker denn je. Er war plötzlich so froher Stimmung, daß er augenblicklich vergaß, was er eben im Dunkel des Treppenhauses erlebt hatte.

«Ich werde dich finden, Paolo», sagte er zu sich selbst, «du bist nicht ertrunken. Nein! Ihr lügt, Oheim, ich sage es Euch noch einmaclass="underline" Ihr lügt!»

Erst wollte er sofort und ohne weitere Überlegungen mit der Suche beginnen, aber dann besann er sich, daß es richtiger wäre, Giannina von dem Erfolg seiner Bemühungen zu benachrichtigen. Mit Freude im Herzen lief er nach Hause.

Giannina, bereit für die Fahrt nach Murano, erwartete ihn schon sehnsüchtig. «Hast du etwas erfahren?» fragte sie, als sie sein erhitztes Gesicht sah.

«Paolo ist mit einer großen schwarzen Barke weggefahren, sage es Giovanni! Ich gehe gleich wieder fort, Bruder Lorenzo muß heute warten. Wir müssen die schwarze Barke finden!» Aufgeregt stieß er die Worte hervor.

Giannina nahm sie begierig auf. Die bedrückenden nächtlichen Gedanken und Träume verblaßten im Angesicht des von der Sonne durchfluteten Morgens.

Am liebsten hätte sie den Freund umarmt. «Wir werden sie schon finden, Marco», sagte sie zuversichtlich.

Alles ist ruhig ringsumher, das Wasser schimmert wie ein Spiegel und wirft das Licht gegen die Mauern; ein Barcarole, der einen Bogenschuß entfernt auf dem Boden seines Bootes liegt und in den wolkenlosen Himmel starrt, singt mit kräftiger Stimme eine Melodie, zu der er den Text selbst erfindet; eine Barke gleitet vorbei, kaum ist das Plätschern des Ruders zu hören.

Die Häuser stehen stumm, keine Menschenschritte, kein Wagengerassel stören die andächtige Stille inmitten der volkreichen Stadt.

In der Ferne nimmt ein zweiter Barcarole die Melodie auf und trägt sie weiter zu einem dritten. Frauen öffnen die Fenster, treten auf die Balkone hinaus und lauschen dem Gesang, der bald laut und in hellen Tönen jubelnd, bald leise und getragen über das Wasser schwingt. Die Sänger werfen sich die Worte wie farbig schillernde Bälle zu.

Giannina und Marco hatten keine Zeit zum Lauschen, aber ohne ihren Willen prägte sich das friedliche Bild in ihre Seelen ein.

Marco dachte daran, daß er für Giovanni das Kleiderbündel bereitgelegt hatte.

Er holte es aus seiner Stube und bat Giannina, es dem Freund zu überreichen.

Sie stand einen Augenblick, als verstünde sie nicht, was um sie vorging.

«Für Giovanni?» fragte sie und strich sich mit einer ungeschickten Bewegung das Haar aus der Stirn. «Da muß ich ja gleich gehen…»

«Denke an die schwarze Barke!» mahnte Marco. «Ich habe nun keine Zeit mehr. Arivederci, Giannina, bis heute abend!»

Er rief den Sänger, der augenblicklich stille ward, zu sich. Das Boot legte an, und Marco stieg ein. Schnell glitten sie über das sonnenbeschienene Wasser, verließen die Enge des kleinen Kanals und bogen nach mancherlei verschlungenen Wegen in den Canal Grande ein.

«Viele Barken gibt es, junger Herr», sagte der Barcarole, sein Boot geschickt durch den lebhaften Verkehr steuernd. «Man kann sie nicht zählen. Eine schwarze Barke sucht Ihr?» Er zog zum Zeichen des angestrengten Nachdenkens die Stirn in Falten. «Ich kann mich nicht erinnern, eine schwarze Barke gesehen zu haben.»

In dem Bestreben, seinem Fahrgast gefällig zu sein, schrie er jedem Bekannten zu:

«Kennst du eine schwarze Barke, Alfredo? Hast du eine schwarze Barke gesehen, Filippo?»

Aber bevor eine Antwort kommen konnte, waren sie schon aneinander vorbeigefahren. Das wettergebräunte Gesicht des Barcarole sah bekümmert aus über den Mißerfolg seiner Bemühungen.

Marco bat ihn zu schweigen. Nach den Angaben seines Oheims mußte die Barke ja in den Hafen von San Nicolo eingelaufen sein. «Fahrt zum Lido!» rief er dem Barcarole zu.

«Zum Lido», wiederholte der Barcarole begeistert. «Wir werden fliegen, junger Herr, noch nie seid Ihr so schnell zum Lido gekommen.» Er tauchte das Ruder ein und bewegte es mit kräftiger Hand. Wie ein Pfeil durchschnitt das schlanke Boot die Fluten.

Marco kannte die langgestreckte Insel des Lido mit den Häfen von San Nicolo, Tre Porti, Malamocco und Chioggia. Ihre hohen Sanddünen, künstliche Dämme und andere Befestigungsanlagen schützten die Lagunen vor den Wogen des Adriatischen Meeres. Wie ein gewaltiger Riegel, Naturelementen und Feinden Trotz bietend, lag der Lido vor Venedig. Mehr als einmal war die Sturmflut in die Buchten und Kanäle eingedrungen, hatte Teile des Ufers weggerissen und sich mit ihrer ungestümen Kraft gegen die Laguneninseln geworfen. Aber immer wieder verhinderten zupackende Menschenhände, daß die schäumenden Wogen Venedigs marmorne Pracht verschlangen.

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