Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Die Piazza lag im Schein der Fackeln, die wie Perlenschnüre über dem vieltausendköpfigen Menschengewoge lagen. Marco ging teilnahmslos durch das bunte, geräuschvolle Treiben. Er war hungrig und müde. Der Anblick der vielen Menschen, die sich unter dem Schutz der Masken frei und ungezwungen bewegten, stimmte ihn traurig. Unschlüssig stand er vor dem Hauptportal der San-Marco-Kirche und sah zu den vergoldeten antiken Bronzerossen hinauf, die vor Jahrzehnten den Hippodrom von Byzanz geziert hatten, bis sie von dem Sieger Enrico Dandolo mit vielen anderen kostbaren Trophäen nach Venedig geschickt worden waren. Sie schienen jeden Augenblick von ihren steinernen Säulenpodesten in die Menge springen zu wollen.
Da läutete in der Mitte der Nacht die große Glocke auf dem San-Marco-Turm, mächtig das Summen der Menschenstimmen übertönend und wie ein klingender Hammer in die schmalen Steinschluchten fallend. Sie rief zum mitternächtlichen Gottesdienst. Der Torhüter öffnete das Portal, in leisem Gespräch schritten die Menschen in den Schatten der Kirche. Marco stand abseits und hegte die törichte Hoffnung, daß einer der Kirchgänger Paolo sein könne. Bettler umschwärmten die vornehm gekleideten Damen und Herren, die zur Messe gingen wie zu einem Fest.
Es hatte keinen Zweck, hier länger zu warten. Giannina saß zu Hause und ängstigte sich. Er hatte versprochen, ihr sofort Nachricht zu geben; aber was sollte er ihr sagen? Ganz anders wäre es, wenn er eine Spur, und sei sie noch so winzig, entdeckt hätte. Er fürchtete den fragenden Blick ihrer Augen, glaubte einen versteckten Vorwurf darin finden zu können.
Vielleicht bildete er sich das alles nur ein?
In einem Winkel seiner Gedanken saß ein quälendes Schuldbewußtsein, das er nicht zu bannen vermochte. Warum habe ich Paolo zu Pietro Bocco geschickt? Warum? Paolo, der ihn wie ein Vater beschützt hatte, treu und unaufdringlich, der Freund und Spielgefährte. Er wollte schreien: Paolo, wo bist du? Komm doch zurück!
Die tönende Glocke rief die Menschen in die Kirche. Marco ging hinein, um sich von den dunklen Gedanken zu befreien. In dem warmen Dämmerlicht schwiegen die unruhigen Stimmen. Der breite, von Säulen, Nischen und Bögen gesäumte Gang führte zu einem von vielen Kerzen erleuchteten Altar. Weihrauch- und Myrrhe-Geruch erfüllten den Raum, der so riesenhaft wirkte, als könnte er ganz Venedig in sich aufnehmen. Die Kuppeln, Bögen und Obermauern waren mit Mosaiken bedeckt, die sich farbenprächtig von dem goldenen Grund abhoben.
Schwer legte sich die verschwenderische Pracht auf die Sinne der Kirchgänger, Stolz und Furcht vor der Größe und Macht Venedigs weckend. Tempel und Kirchen fremder Länder waren geplündert worden, um das Innere und Äußere der San-Marco-Kirche zu schmücken; und noch immer waren Scharen von Künstlern und Handwerkern damit beschäftigt, die Ausstattung zu bereichern. Der Orient hatte den schönsten Marmor geliefert; fünfhundert Säulen aus Granit, rotem Marmor, Verde antico, Porphyr, Cipolino und Basalt, mit altrömischen, jonischen, korinthischen, arabischen und byzantinischen Kapitälen und Ornamenten fügten sich trotz aller Verschiedenheit zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Nach Tyrus und Byzanz, Dalmatien und Griechenland, Aquileja und den benachbarten Inseln hatte die Handelsrepublik ihre Saugarme ausgestreckt und sich mit List und Gewalt angeeignet, was ihr nützlich schien: Säulen, vergoldete Bronzerosse, die einst den Triumphbogen des römischen Imperators Trajanus schmückten, und das Recht, Handelsniederlassungen an allen wichtigen Punkten der Küsten des Mittelmeeres zu gründen.
Marco kniete auf den Arabesken des kühlen Steinbodens nieder und senkte den Kopf. Wie fernes Flügelrauschen schwebte der Gesang reiner Knabenstimmen durch den Raum.
Dann wurde es still. Marco schloß die Augen und hörte das Murmeln des Priesters, der die Messe zelebrierte. Immer ferner klang es, bis er nichts mehr vernahm. Erst das Geräusch der Menschen, die leise aufstanden und flüsternde Bemerkungen tauschten, weckte ihn aus seinem halben Schlaf.
Er verließ die Kirche, ohne Trost und Hoffnung gefunden zu haben.
Als er nach Hause kam, empfing ihn Giannina schon am Haustor. Sie sah ihn an und wußte, daß sein Suchen vergebens gewesen war. Sein Gesicht war so schmal und müde, daß sich Mitleid in ihr regte. Lange war er weg gewesen; sie war froh, daß er nun endlich gekommen war.
«Nichts», sagte Marco und vermied es, das Mädchen anzusehen. «Wo sollte ich auch suchen? Wir wissen ja nichts, Giannina.»
Er warf die Müdigkeit von sich. «Morgen gehe ich noch einmal zu meinem Oheim», sagte er. «Er muß mir Auskunft geben.» «Geh nur schlafen jetzt, Marco.»
Sie gingen die Treppe hinauf.
Giannina hatte Angst vor dem morgigen Tag. Seitdem sie in Venedig war, fürchtete sie sich vor vielen Dingen, über die sie früher mit leichtem Sinn hinweggegangen war, vor der Dunkelheit, dem zuckenden Blitz und dem Grollen des Donners, vor dunklem Wasser unter einer Brücke, vor Schritten auf der Treppe, wenn sie in ihrer kleinen Schlafkammer lag. Das Verschwinden Paolos hatte die Angst noch verstärkt.
Wie von hundert Teufeln gejagt, sprang sie die schmale Stiege hinauf, riß die Tür auf, warf sich angezogen auf ihr Bett und zog die Decke über sich. Ihre Zähne klapperten, und ihr ganzer Körper schüttelte sich in kaltem Fieber.
«Giovanni! Morgen komme ich zu dir, Giovanni!» flüsterte sie unhörbar.
Langsam beruhigte sie sich.
Marco schlief nur wenige Stunden in dieser Nacht. Kaum drang das erste Licht in seine Stube, stand er auf und zog sich an. Maria brachte ihm mit verweinten Augen das Frühstück, stellte es wortlos auf den Tisch und ging hinaus.
Marco hatte sich in der Nacht einen Plan zurechtgelegt. Er sagte sich, daß es wenig Sinn hätte, noch einmal mit seinem Oheim zu sprechen, und wollte zuerst versuchen, von dem Diener Pietro Boccos etwas zu erfahren. Das Licht des neuen Tages färbte die Gedanken heller und weckte die erloschene Hoffnung. Mit neuem Mut schritt er zum Hause seines Oheims, lauschte wie ein Dieb an der Tür und drückte die Klinke nieder. Das Glück begünstigte ihn. Kaum war er eingetreten, kam der Diener die Treppen herab. Marco trat ihm in den Weg.
«Ich muß mit dir sprechen. Verhalte dich still, damit mein Oheim nichts merkt», flüsterte er.
Der Diener schien ihn nicht gleich zu erkennen. Seine Augen öffneten sich, als sei ihm ein böser Geist begegnet, die Lippen klappten schlaff auseinander. Er hatte kaum die Kraft, warnend den Zeigefinger an den Mund zu legen.
Marco, der ihm in dem engen, dämmerigen Hurgang gegenüberstand, empfand so deutlich wie nie zuvor, daß in diesem Hause die Furcht regierte, die Furcht vor den rücksichtslosen Entscheidungen des Herrn, die vor nichts zurückschreckten, die nur das eine Ziel kannten — gelbes, seelenloses Metall anzuhäufen: Geld!
In diesem Hause rann das Gold durch die Hände des Herrn und lähmte alle guten Empfindungen. Es mordete die Menschenliebe und weckte die Menschenfurcht.
«I muri parlanto», flüsterte der Diener und versuchte das Entsetzen abzuschütteln, «die Mauern reden, junger Herr, geht weg von hier! Ich bitte Euch!»
Marco folgte ihm in eine dunkle Ecke, peinlich berührt von der niederdrückenden Atmosphäre dieses Hauses. Am liebsten hätte er den kleinen, schmächtigen Diener an den Schultern gepackt und wachgerüttelt. Aber er kannte ja Pietro Bocco und verstand die Angst seiner Untergebenen. «Weißt du etwas über Paolo», fragte er hastig, «hast du ihn gesehen?» Eine Tür knarrte in den Angeln. Schritte im oberen Stock des Hauses!