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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Drittens wäre es sinnlos gewesen, zur Vernichtung der französischen Armee eigne Truppen zu opfern, da sich jene schon ohne äußeren Anlaß von selber so fortschreitend zugrunde richtete, daß sie auch bei Wegversperrung nicht weniger Leute über die Grenze hätte bringen können, als sie im Dezember tatsächlich hinübergebracht hat, nämlich den hundertsten Teil des Gesamtheeres.

Sinnlos wäre viertens auch die Absicht gewesen, den Kaiser, die Könige und Herzöge gefangen zu nehmen, Leute, deren Gefangenschaft im höchsten Grad die weiteren Aktionen Rußlands behindert hätte, was die geschicktesten Diplomaten jener Zeit, wie Joseph de Maistre[228] und andere, auch zugegeben haben. Noch sinnloser wäre der Plan gewesen, die gesamten französischen Korps gefangen zu nehmen, da die eignen Truppen bis Krasnoje auf die Hälfte zusammengeschmolzen waren, und man zum Geleit der gefangenen Korps Divisionen hätte abtrennen müssen, wo schon die eignen Soldaten nicht immer volle Proviantrationen erhielten und die bisher gefangenen Franzosen bereits Hungers starben.

Der ganze tiefsinnige Plan, Napoleon und seiner Armee den Weg zu verlegen und sie gefangen zu nehmen, wäre wie das Vorgehen eines Gärtners gewesen, der, um das Vieh aus dem Garten zu jagen, das ihm die Beete zerstampft, an die Pforte rennt und das Vieh vor den Kopf schlägt. Das einzige, was sich zur Rechtfertigung einer solchen Tat sagen ließe, wäre, daß dieser Mann eben voll Gift und Galle gewesen sei. Aber nicht einmal dies hätte man von den Urhebern eines Einkreisungsplanes behaupten können, da nicht sie es waren, die unter den zerstampften Beeten litten.

Doch ganz abgesehen davon, daß ein Abfangen Napoleons und seiner Armee sinnlos gewesen wäre, war es sogar ein Ding der Unmöglichkeit.

Unmöglich war es erstens, weil die Wahrscheinlichkeit, daß Tschitschagow, Kutusow und Wittgenstein rechtzeitig an einer bestimmten Stelle zusammenkamen, so gut wie Null war und fast einer Unmöglichkeit gleichkam, wie sich ja erfahrungsgemäß schon die Bewegungen weniger Kolonnen auf eine Entfernung von fünf Werst in einer Schlacht nie mit den vorher entworfenen Dispositionen decken. So dachte auch Kutusow, als er bei Empfang des Planes äußerte, Dispositionen auf große Entfernungen zeitigten nie die gewünschten Erfolge.

Unmöglich war es zweitens, weil unvergleichlich mehr Truppen, als die Russen zur Verfügung hatten, dazu gehört hätten, um dem Beharrungsvermögen entgegenzuwirken, mit dem sich Napoleons Heer rückwärts bewegte.

Unmöglich war es drittens, weil der militärische Ausdruck »abschneiden« gar keinen Sinn hat. Abschneiden kann man ein Stück Brot, aber keine Armee. Eine Armee abzuschneiden, ihr den Weg zu versperren, ist schlechterdings unmöglich, da es ja rundherum immer noch genug Raum gibt, wohin sie durch einen Umweg gelangen kann, und dann ist ja auch noch die Nacht da, in der nichts gesehen werden kann, wovon sich die Kriegsgelehrten schon aus den Beispielen von Krasnoje und Beresina überzeugen könnten. Es ist unmöglich, jemanden gefangen zu nehmen, wenn er damit nicht einverstanden ist, wie man eine Schwalbe nicht fangen kann, obwohl man sie greifbar nah hat, wenn sie sich einem auf die Hand setzt. Gefangennehmen kann man nur jemanden, der sich wie die Deutschen nach den Regeln der Strategie und Taktik ergibt. Aber die französischen Truppen fanden dies begreiflicherweise nicht vorteilhaft, da ihnen in der Gefangenschaft ja ebenso bevorstand, vor Hunger und Kälte zu sterben, wie auf der Flucht.

Unmöglich war es viertens vor allem deswegen, weil noch nie, solange die Welt steht, ein Krieg unter so furchtbaren Umständen zum Austrag gekommen ist wie im Jahre 1812, und weil die russischen Truppen schon bei der Verfolgung der Franzosen alle ihre Kräfte anspannten und, ohne sich selber zugrunde zu richten, nicht mehr erreichen konnten.

Während ihres Marsches von Tarutino nach Krasnoje verlor die russische Armee fünfzigtausend Mann an Kranken und Zurückbleibenden, also eine Zahl, die der Bevölkerungsziffer einer kleinen Gouvernementsstadt gleichkommt. So verlor die Armee ohne jede Schlacht die Hälfte ihrer Leute.

Und von einer Periode des Feldzugs, wo unsere Truppen ohne Stiefel und Pelze, ohne Schnaps und bei halben Rationen monatelang bei fünfzehn Grad Kälte im Schnee übernachteten, wo es nur sieben oder acht Stunden Tag war und die übrige Zeit Nacht, in der jeder Einfluß der Disziplin aufhört; wo die Leute nicht wie in der Schlacht nur auf wenige Stunden in den Todesbereich hineingeführt wurden, in dem es keine Disziplin mehr gibt, sondern monatelang jeden Augenblick mit dem Hunger- oder Kältetod rangen; wo binnen vier Wochen die Hälfte einer Armee zugrunde ging – von einer solchen Periode des Feldzuges erzählen uns nun die Historiker, daß Miloradowitsch einen Flankenmarsch hierhin hätte machen müssen und Tormasow dahin, während Tschitschagow dort hätte eintreffen müssen – auf Wegen, wo man bis über die Knie im Schnee einsank! – und wie der und der wirklich den Feind zurückgeworfen und abgeschnitten hat und so weiter, und so weiter.

Die russischen Truppen, von denen die Hälfte dabei umkam, taten alles, was möglich war und was sie tun mußten, um ein der Nation würdiges Ziel zu erreichen, und es ist nicht ihre Schuld, wenn andere Russen, die zu Hause im warmen Zimmer saßen, die Vorstellung nährten, daß etwas getan werde, das unmöglich war.

Dieser ganze sonderbare, jetzt unbegreifliche Widerspruch zwischen Tatsachen und Geschichtsschreibung rührt nur davon her, daß die Historiker, die diese Ereignisse geschildert haben, nur eine Geschichte der schönen Gefühle und Worte verschiedener Generäle geschrieben haben, aber nicht die Geschichte der Ereignisse.

Ihnen erscheinen diese und jene Worte Miloradowitschs, die Auszeichnungen, die der und der General erhielt, und die Annahmen der Heerführer interessant, doch die Frage der Fünfzigtausend, die in den Lazaretten und Gräbern zurückblieben, berührt sie überhaupt nicht, da dies nicht zu ihrem Forschungsgebiet gehört.

Und dabei braucht man nur das Studium aller Berichte und Pläne der Generäle beiseite zu lassen und in die Bewegung jener Hunderttausende von Menschen, die an den Ereignissen unmittelbaren Anteil nahmen, einzudringen, und alle Vorher unentwirrbar scheinenden Fragen sind auf einmal außerordentlich leicht und einfach und ohne jeden Zweifel zu lösen.

Die Absicht, Napoleon mit seiner Armee abzuschneiden, hat niemals bestanden außer in der Einbildung etwa eines Dutzends Menschen. Sie konnte gar nicht bestehen, weil sie sinnlos und unmöglich war.

Das Volk hatte nur das eine Ziel, die Heimat von den Eindringlingen zu befreien. Dieses Ziel wurde erreicht, erstens ganz von selbst, da ja die Franzosen flohen und es nur nötig war, diese Bewegung nicht aufzuhalten, zweitens durch die Wirkungen des Volkskrieges, der den Feind vernichtete, und drittens dadurch, daß die große russische Armee die Franzosen verfolgte und Gewalt angewendet hätte, wenn die Bewegung der Feinde ins Stocken geraten wäre.

Die russische Armee mußte wirken, wie eine Knute auf ein davonlaufendes Tier wirkt. Und der erfahrene Treiber wußte, daß es das vorteilhafteste ist, die Knute geschwungen zu halten und mit ihr zu drohen, nicht aber das davonlaufende Tier auf den Kopf zu schlagen.

Fünfzehnter Teil

1

Wenn ein Mensch ein Tier sterben sieht, packt ihn Grauen: das, was er selbst ist, ein Wesen wie er, wird vor seinen Augen vernichtet und hört auf zu sein. Wenn aber das sterbende Wesen ein Mensch ist, ein geliebter Mensch, so fühlt man außer dem Grauen vor der Vernichtung des Lebens einen Riß, eine Wunde im Herzen, die ebenso wie eine physische Verletzung manchmal tödlich sein kann, manchmal auch wieder heilt, jedenfalls aber wehtut und jede Berührung mit der Außenwelt scheut, die sie wieder aufreißen könnte.

Dies fühlten nach dem Tode des Fürsten Andrej Natascha und Prinzessin Marja in gleicher Weise. Innerlich gebeugt und geblendet von der drohenden Wolke des Todes, die über ihnen schwebte, wagten sie nicht, dem Leben ins Antlitz zu schauen. Behutsam schützten sie ihre offenen Wunden vor verletzenden, schmerzlichen Berührungen. Alles: ein auf der Straße schnell vorüberfahrender Wagen, der Ruf zum Mittagessen, die Frage der Zofe, was für ein Kleid sie hinlegen solle, und, was noch schlimmer war, jedes Wort unaufrichtiger, matter Teilnahme – dies alles reizte schmerzlich ihre Wunde, erschien ihnen wie eine Kränkung, störte die nötige Stille, in der beide dem in ihrer Seele noch nicht verklungenen, furchtbaren und ernsten Chor zu lauschen versuchten, und hinderten sie, in jene geheimnisvollen, unendlichen Fernen zu schauen, die sich ihnen für einen Augenblick auf getan hatten.

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228

Joseph de Maistre: (1753-1821), franzosischer Staatsphilosoph, wurde 1802 sardinischer Gesandter in Petersburg Ideologe der Konterrevolution.

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