Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Die beiden Kaufleute stiegen in einem Gasthof ab und legten sich schlafen. Am nächsten Morgen wurde der Geschäftsfreund des Kaufmanns ermordet und beraubt aufgefunden. Das blutige Messer fand man unter dem Kopfkissen des alten Kaufmanns. Dieser wurde nun vor Gericht gestellt, mit der Knute bestraft, es wurden ihm die Nasenlöcher aufgerissen – »ordnungsgemäß und wie es sich gehört«, sagte Karatajew – und man schickte ihn zur Zwangsarbeit nach Sibirien.
»Und siehst du, Kamerad« – an dieser Stelle von Karatajews Erzählung trat Pierre gerade hinzu –, »nach dieser Geschichte mochten nun wohl ein Dutzend Jahre vergangen sein oder noch mehr. Der Alte lebt als Sträfling in Sibirien. Er fügt sich, wie es sich gehört, und tut nichts Böses. Nur um seinen Tod bittet er den lieben Gott. Also schön … Da sitzen nun einmal nachts die Sträflinge zusammen, so wie jetzt wir, und der Alte ist auch dabei. Und sie kommen darauf zu sprechen, wofür jeder leidet, womit er sich gegen Gott versündigt hat. Und sie fangen an zu erzählen: Der hat einen Menschen erschlagen, der zwei, der ist ein Brandstifter, und der hat sich ohne jeden Grund aus dem Staub gemacht. Nun fragt man den Alten: ›Wofür mußt denn du büßen, Alterchen?‹ ›Ich, meine lieben Brüder‹, sagte er, ›ich büße für meine eignen Sünden und für die Sünden der Menschheit. Ich habe keinen Menschen erschlagen, habe nicht fremdes Gut genommen, sondern immer nur dem bedürftigen Nächsten von dem Meinen abgegeben. Ich war Kaufmann, liebe Brüder, und besaß großen Reichtum.‹ So und so, sagt er und erzählt ihnen, wie sich die Sache zugetragen hat, alles der Reihe nach. ›Ich murre nicht‹, sagt er. ›Gott hat mich heimgesucht. Nur meine Frau und meine Kinder tun mir leid‹, sagt er. Dabei bricht der Alte in Tränen aus. Und da ist nun zufällig unter den Sträflingen derselbe Mensch, weißt du, der damals den Kaufmann ermordet hatte. ›Wo war das, Alterchen?‹ fragt er. ›Wann und in welchem Monat?‹ Und er fragt immer weiter. Es drückt ihm fast das Herz ab. Und er geht so auf den Alten zu, und auf einmal, plumps, liegt er ihm zu Füßen. ›Deinetwegen Alterchen‹, sagt er, ›bist du ins Elend geraten. Es ist die reine Wahrheit‹, sagt er, ›dieser Mann leidet ganz und gar unschuldig, Kinder. Ich selber‹, sagt er, ›habe die Tat begangen und dir, als du schliefest, das Messer unter den Kopf gelegt. Vergib mir, Alterchen‹, sagt er, ›vergib mir um Christi willen.‹«
Karatajew schwieg, blickte mit seligem Lächeln ins Feuer und schob das Brennholz zurück.
»Der Alte aber sagt: ›Mag dir Gott verzeihen, denn wir alle‹, sagt er, ›sind vor Gott Sünder. Ich büße für meine Sünden‹, und er brach in bittere Tränen aus. Und was glaubst du, mein Falke«, sagte Karatajew, und sein Lächeln wurde immer heller und strahlender vor Begeisterung, als läge in dem, was er jetzt erzählen wollte, der Hauptreiz und ganze Sinn der Geschichte: »Was glaubst du, mein Falke? Dieser Mörder stellt sich selber der Obrigkeit. ›,Ich habe sechs Menschenleben auf dem Gewissen‹, sagt er – er war ein großer Bösewicht –, ›aber am meisten bereue ich das mit dem Alten. Er soll meinetwegen keine Träne mehr vergießen.‹ Er klärt alles auf, es wird zu Protokoll genommen und das Papier an die zuständige Stelle weitergeleitet. Das war weit weg, und es dauerte lange, bis das Gericht den Fall erledigt hatte und alles zu Papier gebracht worden war, wie das bei den Behörden so sein muß. Die Sache kam bis zum Zaren. Endlich kam ein Befehl vom Zaren: Der Kaufmann sei freizulassen, und man solle ihm eine Entschädigung geben, soviel, wie das Gericht festgesetzt hatte. Das Papier kommt zurück, und man fängt an, nach dem Alten zu sehen. ›Wo ist denn jener Alte, der unschuldig verurteilt worden ist? Es ist ein Schreiben vom Zaren eingelaufen!‹ Und sie suchen und suchen.« Karatajews Kinn fing an zu zittern. »Gott hatte ihn erlöst – er war tot. Ja, so war es, mein Falke«, schloß Karatajew und blickte lange mit stillem Lächeln vor sich hin.
Nicht diese Erzählung selber, aber ihr geheimer Sinn und jene begeisterte Freude, die beim Erzählen aus Karatajews Antlitz gestrahlt hatte, und der verborgene Sinn dieser Freude – das war es, was jetzt unklar und freudig Pierres Seele erfüllte.
14
»A vos places!« schrie plötzlich eine Stimme. Durch die Reihen der Gefangenen und Geleitmannschaften lief eine zitternde Erregung und Erwartung von etwas Freudigem. Von allen Seiten hörte man Kommandorufe. Von links her zeigte sich Kavallerie, die in guten Uniformen und auf guten Pferden im Trab um die Gefangenen herumritt. Auf allen Gesichtern lag jener Ausdruck der Spannung, wie ihn die Mannschaften beim Herannahen hoher Befehlshaber zu zeigen pflegen. Die Gefangenen drängten sich zu einem Haufen zusammen, man stieß sie vom Weg hinunter, und die Soldaten der Geleitmannschaft stellten sich in Reih und Glied.
»L’empereur! L’empereur! Le marechal! Le duc!«
Kaum waren die wohlgenährten Vorreiter vorüber, als eine Karosse, von vier Grauschimmeln gezogen, donnernd vorbeirollte. Pierre sah für einen Augenblick in das ruhige, schöne, dicke und weiße Gesicht eines Mannes im Dreispitz. Es war einer der Marschälle. Der Blick des Marschalls blieb an der grobkörnigen, auffallenden Gestalt Pierres haften, und der Ausdruck, mit dem der Marschall die Stirn in Falten legte und das Gesicht abwandte, schien Pierre Mitleid zu zeigen, aber auch den Wunsch, dieses Gefühl zu verbergen.
Der General, der das Depot leitete, trieb mit rotem, erschrockenem Gesicht sein mageres Pferd an und sprengte der Karosse nach. Einige Offiziere traten zusammen, Soldaten umringten sie. Sie alle hatten erregte, gespannte Gesichter.
»Qu’est-ce qu’il a dit? Qu’est-ce qu’il a dit?« hörte Pierre.
Während der Marschall vorüberfuhr, hatten sich die Gefangenen zu einem Haufen zusammengedrängt, und Pierre hatte Karatajew bemerkt, den er an diesem Morgen noch nicht gesehen hatte. Karatajew in seinem Mäntelchen saß an eine Birke gelehnt da. Auf seinem Gesicht lag noch der Ausdruck freudiger Rührung über seine gestrige Erzählung von den unschuldigen Leiden des Kaufmanns, aber er erstrahlte heute in noch besonderer Feierlichkeit.
Karatajew blickte Pierre mit seinen guten, runden Augen an, die jetzt von Tränen verschleiert waren, und wollte ihn offenbar zu sich rufen und ihm etwas sagen. Aber Pierre hatte Angst vor sich selbst. Er tat, als habe er Karatajews Blick nicht gesehen, und ging hastig fort.
Als sich die Gefangenen wieder in Bewegung setzten, sah sich Pierre noch einmal um. Karatajew saß am Wegrand neben der Birke, zwei Franzosen standen daneben und sagten etwas zu ihm. Pierre sah sich nicht mehr um. Hinkend stieg er den Berg hinan.
Hinter ihm, von da her, wo Karatajew gesessen hatte, krachte ein Schuß. Pierre hörte diesen Schuß deutlich, aber in dem Augenblick, als er ihn hörte, fiel ihm ein, daß er mit der vor der Durchfahrt des Marschalls begonnenen Berechnung, wieviel Tagemärsche ihnen noch bis Smolensk verblieben, ja noch nicht fertig war. Er fing an zu rechnen. Zwei französische Soldaten, von denen der eine sein von der Schulter genommenes, noch rauchendes Gewehr in der Hand hielt, liefen an ihm vorbei. Sie sahen beide blaß aus, und in dem Ausdruck ihrer Gesichter – der eine warf einen scheuen Blick auf Pierre – lag etwas, wie es Pierre bei der Hinrichtung auf dem Gesicht des jungen Soldaten gesehen hatte. Pierre sah den Franzosen an und erinnerte sich, wie dieser Soldat vorgestern sein Hemd beim Trocknen am Wachtfeuer verbrannt hatte, und wie er deshalb von den Kameraden ausgelacht worden war.