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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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So heilte auch Nataschas wunde Seele. Sie hatte geglaubt, ihr Leben sei zu Ende. Aber plötzlich zeigte ihr die Liebe zur Mutter, daß der Kern des Lebens, die Liebe, doch noch in ihr war. Die Liebe erwachte, und so erwachte auch das Leben.

Die letzten Tage des Fürsten Andrej hatten ein enges Band zwischen Natascha und Prinzessin Marja geknüpft. Das neue Unglück brachte sie einander noch näher. Prinzessin Marja schob ihre Abreise auf und pflegte Natascha in den letzten drei Wochen wie ein krankes Kind. Die Tage, die Natascha im Zimmer ihrer Mutter zugebracht hatte, waren über ihre körperlichen Kräfte gegangen.

Eines Tages bemerkte Prinzessin Marja gegen Mittag, wie Natascha unter Fieberschauern zitterte. Sie führte sie in ihr Zimmer und bat sie, sich auf ihr Bett zu legen. Natascha legte sich auch hin, doch als Prinzessin Marja die Vorhänge heruntergelassen hatte und hinausgehen wollte, rief Natascha sie zu sich heran.

»Ich möchte nicht schlafen, Marie, setz dich zu mir.«

»Du bist müde, versuche nur einzuschlafen.«

»Nein, nein. Warum hast du mich hierher geführt? Sie wird rufen.«

»Es geht ihr viel besser. Sie hat heute so gut gesprochen«, entgegnete Prinzessin Marja.

Natascha lag auf dem Bett und blickte im Halbdunkel Prinzessin Marja ins Gesicht.

Ist sie ihm ähnlich? dachte sie. Ja, und auch wieder nicht. Aber sie ist anders, fremd, ganz neu und unbekannt. Und sie liebt mich. Was muß in ihrer Seele sein? Nur Gutes. Aber wie? Was mag sie denken? Was hält sie wohl von mir? Ja, sie ist ein prächtiger Mensch!

»Mascha«, sagte sie schüchtern und zog Prinzessin Marjas Hand zu sich heran, »Mascha, denke nicht, daß ich schlecht bin. Nicht wahr? Mascha, du Liebe, Gute. Wie gern ich dich habe. Wir wollen gute, gute Freunde sein.«

Und Natascha umarmte Prinzessin Marja und küßte ihr die Hände und das Gesicht. Prinzessin Marja schämte und freute sich gleichzeitig über diesen Gefühlsausbruch.

Von diesem Tag an herrschte zwischen Prinzessin Marja und Natascha jene leidenschaftliche, zärtliche Freundschaft, wie sie nur zwischen Frauen vorzukommen pflegt. Sie küßten sich unaufhörlich, sagten einander die zärtlichsten Worte und verbrachten die meiste Zeit zusammen. Sobald die eine hinausging, wurde die andere unruhig und beeilte sich, wieder mit ihr zusammenzukommen. Miteinander fühlten sie sich in größerer Übereinstimmung als jede einzelne mit sich selbst. Es bildete sich zwischen ihnen ein Gefühl heraus, das stärker war als Freundschaft, es war das Gefühl, ausschließlich in Gegenwart des anderen leben zu können.

Manchmal schwiegen sie stundenlang, manchmal fingen sie, wenn sie schon im Bett lagen, zu reden an und unterhielten sich dann bis zum Morgen. Meist sprachen sie von der fernsten Vergangenheit. Prinzessin Marja erzählte von ihrer Kindheit, von ihrer Mutter, ihrem Vater, von ihren Träumereien, und Natascha, die sich früher mit ruhigem Nichtverstehen von einem solchen Leben in Demut und Ergebenheit und von der Poesie christlicher Selbstaufopferung abgewandt hatte, lernte nun, da sie sich durch Liebe mit Prinzessin Marja verbunden fühlte, auch ihre Vergangenheit lieben und jene Seite ihres Lebens begreifen, für die sie bisher kein Verständnis gehabt hatte. Sie gedachte nicht, ihr eignes Leben so in Demut und Selbstaufopferung zu führen, weil sie gewohnt war, andere Freuden zu suchen, aber sie lernte in der anderen diese ihr früher unverständliche Tugend lieben und schätzen. Und auch für Prinzessin Marja eröffnete sich, wenn sie Nataschas Erzählungen von ihrer Kindheit und ersten Jugend lauschte, eine bisher unverstandene Seite des Lebens: der Glaube an das Leben, an die Freuden des Lebens.

Immer noch sprachen sie niemals von ihm, um, wie es ihnen schien, jene hohen Gefühle, die in ihnen waren, nicht durch Worte zu verletzen, aber dieses Schweigen hatte zur Folge, daß sie ihn nach und nach vergaßen, ohne es sich selber einzugestehen.

Natascha war blaß und mager geworden und fühlte sich körperlich so schwach, daß alle fortwährend von ihrer Gesundheit sprachen, und dies war ihr angenehm. Doch manchmal überkam sie unerwartet nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern auch Angst vor Krankheit, Schwäche und vor dem Verlust ihrer Schönheit, und unwillkürlich musterte sie mitunter aufmerksam ihren nackten Arm und erschrak über seine Magerkeit oder betrachtete morgens im Spiegel ihr langes Gesicht, das ihr bejammernswert schien. Sie meinte zwar, das müsse wohl so sein, aber es war ihr doch schrecklich und traurig.

Einmal lief sie schnell nach oben und kam dabei völlig außer Atem. Sogleich dachte sie sich wider Willen etwas aus, was sie noch unten zu tun habe, und lief dann noch einmal nach oben, um ihre Kraft zu prüfen und sich selber zu beobachten.

Ein andermal, als sie nach Dunjascha rief, fing ihre Stimme dabei an zu zittern. Da rief sie noch einmal nach ihr, obgleich sie ihre Schritte bereits hörte, rief mit demselben Brustton, mit dem sie früher gesungen hatte, und lauschte dem Klang.

Sie wußte es nicht und hätte es nicht geglaubt, aber durch die Schlammschicht, die über ihrer Seele lagerte und ihr undurchdringlich schien, sproßten doch schon von unten her feine, zarte, junge Grasspitzen, die Wurzel fassen und mit ihren lebensfrohen Trieben bald den Kummer, der sie niederdrückte, überwuchern mußten, so daß er bald nicht mehr zu sehen und zu merken sein würde. Die Wunde verheilte von innen heraus.

Ende Januar fuhr Prinzessin Marja nach Moskau, und der Graf bestand darauf, daß Natascha mit ihr reisen sollte, um die dortigen Ärzte zu befragen.

4

Nach dem Zusammenstoß bei Wjasma, wo Kutusow seine Truppen von dem Streben, anzugreifen, abzuschneiden und so weiter, nicht hatte zurückhalten können, ging die weitere Flucht der Franzosen und die Verfolgung der Russen ohne fernere Schlachten vonstatten. Sie flohen so schnell, daß die hinterhereilende russische Armee nicht nachkommen konnte, daß die Pferde der Kavallerie und Artillerie zusammenbrachen und daß alle Nachrichten über ihre Bewegungen immer unzutreffend waren.

Die Mannschaften der russischen Armee waren durch die ununterbrochenen Märsche, meist vierzig Werst in vierundzwanzig Stunden, so erschöpft, daß sie nicht schneller vorwärts kommen konnten.

Um den Grad der Erschöpfung im russischen Heer zu verstehen, braucht man sich nur die Bedeutung der Tatsache klar vor Augen zu führen, daß die russische Armee, die hunderttausend Mann stark aus Tarutino ausgezogen war und während ihres ganzen Marsches kaum mehr als fünftausend Gefallene und Verwundete und keine hundert Gefangenen eingebüßt hatte, mit nur fünfzigtausend Mann in Krasnoje ankam.

Die Jagd der Russen hinter den Franzosen her übte auf die russische Armee dieselbe zersetzende Wirkung aus, wie die Flucht auf die Franzosen selber. Der Unterschied bestand nur darin, daß die russische Armee freiwillig vorging, ohne daß wie bei den Franzosen das Verderben drohend über ihnen schwebte, und daß die zurückbleibenden Kranken bei den Franzosen in die Hände des Feindes fielen, während die Nachzügler der Russen auf heimischem Boden blieben. Der Hauptgrund für das Zusammenschmelzen von Napoleons Armee war die Schnelligkeit ihres Marsches, wofür die entsprechende Verringerung der russischen Truppen den sichersten Beweis liefert.

Wie bei Tarutino und bei Wjasma war Kutusows ganze Tätigkeit nur darauf gerichtet, soweit es in seiner Macht stand, diesen für die Franzosen so verderblichen Marsch nicht etwa aufzuhalten – wie die Herren in Petersburg und die russischen Generäle bei der Armee es wollten –, sondern ihn zu fördern und seinen eignen Truppen das Vorgehen zu erleichtern.

Aber außer der durch die Schnelligkeit des Marsches hervorgerufenen Erschöpfung und den gewaltigen Verlusten, die sich mit der Zeit bei den Truppen herausstellten, veranlaßte noch ein anderer Grund Kutusow, die Armee langsamer vorrücken zu lassen und abzuwarten. Das Ziel der Russen war, die Franzosen zu verfolgen. Welchen Weg der Feind nahm, wußte niemand, und deshalb mußten unsere Truppen, je näher sie den Franzosen auf den Fersen waren, um so größere Strecken zurücklegen. Nur wenn man in einiger Entfernung folgte, konnte man auf dem kürzesten Weg die Bogen abschneiden, die der Feind machte. All die künstlichen Manöver, die von den Generälen vorgeschlagen wurden, bestanden in Truppenverschiebungen und Vergrößerungen der Märsche, während das einzig Vernünftige doch nur darin bestand, diese Märsche abzukürzen. Und auf dieses eine Ziel war Kutusows Tätigkeit denn auch während des ganzen Feldzugs von Moskau bis Wilna gerichtet, nicht zufällig und zeitweise, sondern so beharrlich, daß er es auch nicht ein einziges Mal aus den Augen verlor.

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