Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Ein süßes Schmerzgefühl kam wieder über sie, und schon traten ihr die Tränen in die Augen, aber plötzlich fragte sie sich: Wem sage ich das? Wo ist er, und was ist er jetzt? Und ein trockener, rauher Zweifel hüllte wieder alles ein, und abermals blickte sie mit krampfhaft zusammengezogenen Brauen dorthin, wo er war. Und wieder schien es ihr, als werde sie gleich, gleich das Geheimnis durchdringen … Doch gerade in dem Augenblick, als das Unbegreifliche sich ihr zu enthüllen schien, berührte das laute Klirren der Türklinke schmerzlich ihr Ohr. Eilig und unvorsichtig trat die Zofe Dunjascha ins Zimmer mit einem so erschrockenen Gesichtsausdruck, wie man ihn sonst nicht an ihr kannte.
»Bitte zum Papa, schnell«, sagte Dunjascha mit seltsam aufgeregter Miene. »Ein Unglück … über Peter Iljitsch … ein Brief …« stieß sie schluchzend hervor.
2
Neben dem allgemeinen Gefühl der Entfremdung von allen Menschen empfand Natascha in dieser Zeit noch ein besonderes Gefühl der Entfremdung gegen die Personen ihrer eignen Familie. Alle ihre Angehörigen, Vater, Mutter, Sonja, waren ihr so nah, so gewohnt und alltäglich, daß all ihre Worte und Gefühle ihr wie eine Entweihung jener Welt vorkamen, in der sie in der letzten Zeit gelebt hatte. Sie stand ihnen nicht nur gleichgültig gegenüber, sondern betrachtete sie beinahe feindselig. Sie hörte wohl Dunjaschas Worte über Peter Iljitsch und ein Unglück, verstand aber nichts davon.
Was für ein Unglück sollte bei ihnen geschehen, was könnte das für ein Unglück sein? Bei ihnen geht ja doch alles seinen alten gewohnten, ruhigen Gang, sagte sich Natascha in Gedanken.
Als sie in den Saal trat, kam der Vater eilig aus dem Zimmer der Gräfin. Sein Gesicht war voller Falten und ganz naß von Tränen. Man sah, er war aus dem Zimmer geeilt, um dem Schluchzen, das ihm die Kehle zuschnürte, freien Lauf zu lassen. Als er Natascha erblickte, winkte er verzweifelt mit den Armen und brach in ein gequält krampfhaftes Schluchzen aus, das sein rundes, weiches Gesicht entstellte.
»Pe … Petja … geh, geh … sie … sie … ruft …« und er schluchzte auf wie ein Kind, lief mit kleinen Schritten auf seinen schwach gewordenen Beinen eilig auf einen Stuhl zu, fiel fast auf ihn nieder und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.
Wie ein elektrischer Strom fuhr es plötzlich durch Nataschas ganzes Wesen. Etwas wie ein furchtbarer, betäubender Schlag traf ihr Herz. Sie fühlte einen entsetzlichen Schmerz, als sei etwas in ihr gerissen, als müsse sie sterben. Aber gleich nach diesem Schmerz fühlte sie sich frei von der Abkehr vom Leben, die wie ein Verbot auf ihr gelastet hatte. Als sie den Vater sah und durch die Tür einen furchtbaren, gellenden Schrei ihrer Mutter hörte, vergaß sie augenblicklich sich selbst und ihr eignes Leid.
Sie lief auf den Vater zu, aber er winkte ihr kraftlos ab und zeigte nach dem Zimmer der Mutter. Prinzessin Marja trat bleich und mit zitterndem Kinn aus der Tür, nahm Nataschas Hand und sagte etwas zu ihr. Natascha sah sie nicht und hörte nicht, was sie sprach. Mit schnellen Schritten ging sie ins Nebenzimmer, blieb einen Augenblick stehen, als kämpfe sie mit sich selber, und lief dann auf die Mutter zu.
Die Gräfin lag in seltsam unbequemer Stellung auf einem Sessel und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Sonja und eine Zofe hielten sie an den Armen fest.
»Ruft Natascha, Natascha!« … schrie die Gräfin. »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr … Er lügt … Ruft Natascha!« schrie sie und stieß die um sie Herumstehenden von sich. »Geht alle fort, es ist nicht wahr! Tot! … Ha-ha-ha!… Es ist nicht wahr!«
Natascha stemmte ein Knie auf den Sessel, beugte sich über die Mutter, umfaßte sie, richtete sie mit überraschender Kraft auf, drehte ihr Gesicht zu sich hin und preßte sich an sie.
»Mamachen! … Liebste! … Hier bin ich, mein Herz. Mamachen …« flüsterte sie ihr immer wieder zu, ohne auch nur einen Augenblick innezuhalten.
Sie ließ die Mutter nicht los und kämpfte zärtlich mit ihr. Dann verlangte sie ein Kissen und Wasser, knöpfte an dem Kleid der Mutter und riß es auf.
»Mein gutes, mein liebes … mein bestes Mamachen …« hörte sie nicht auf zu flüstern, küßte ihr immer wieder den Kopf, die Hände, das Gesicht, und fühlte, wie ihre Tränen in Strömen unaufhaltsam flossen und ihr Nase und Wangen kitzelten.
Die Gräfin drückte der Tochter die Hand, schloß die Augen und war einen Augenblick still. Plötzlich sprang sie mit ungewohnter Schnelligkeit auf, sah sich irr um, und als sie Natascha erblickte, drückte sie deren Kopf mit allen Kräften zusammen. Dann wandte sie Nataschas Gesicht, das sich vor Schmerz ganz verzogen hatte, zu sich hin und blickte lange hinein.
»Natascha, du hast mich lieb«, sagte sie in leisem, vertraulichem Flüstern. »Natascha, wirst du mich auch nicht betrügen? Wirst du mir die volle Wahrheit sagen?«
Natascha sah sie an, die Augen voll Tränen, und aus ihrem Gesicht sprach nur die Bitte um Verzeihung und Liebe.
»Mein liebes, mein gutes Mamachen«, wiederholte sie und spannte alle Kräfte ihrer Liebe an, wie um das Übermaß an Schmerz, das ihre Mutter niederdrückte, auf sich zu nehmen.
Und wieder rettete sich die Mutter nach ohnmächtigem Kampf mit der Wirklichkeit in die Welt des Wahnsinns, da sich alles in ihr gegen den Gedanken sträubte, daß sie leben könne, während ihr blühender, lebensfroher Sohn tot war.
Natascha wußte später nicht, wie dieser Tag und diese Nacht und auch der folgende Tag und die folgende Nacht vergangen waren. Sie tat kein Auge zu und wich nicht von der Mutter Seite. Ihre hartnäckige, geduldige Liebe hielt die Gräfin wie von allen Seiten umsponnen, und wenn sie ihr auch keine Aufklärung und keinen Trost bringen konnte, so rief sie sie doch ins Leben zurück.
In der dritten Nacht wurde die Gräfin auf kurze Zeit etwas ruhiger, und Natascha schloß die Augen und legte den Kopf auf die Lehne des Sessels. Da knarrte das Bett, und Natascha schlug die Augen wieder auf. Die Gräfin hatte sich aufgesetzt und sprach leise vor sich hin.
»Wie freue ich mich, daß du gekommen bist. Du wirst müde sein, willst du Tee haben?« Natascha trat auf sie zu. »Hübscher bist du geworden und männlicher«, fuhr die Mutter fort und nahm die Tochter bei der Hand.
»Mamachen, was sagen Sie da! …«
»Natascha, er ist nicht mehr … ist nicht mehr.«
Und sie umarmte die Tochter und fing zum erstenmal an zu weinen.
3
Prinzessin Marja schob ihre Abreise auf. Sonja und der Graf versuchten Natascha abzulösen, brachten es aber nicht fertig. Sie sahen, daß nur die Tochter ihre Mutter von der wahnsinnigen Verzweiflung abhalten konnte. Drei Wochen lang wich Natascha nicht von der Seite der Mutter, schlief auf einem Lehnstuhl in deren Zimmer, gab ihr zu essen und zu trinken und redete ihr ununterbrochen zu, weil nur der zärtliche, schmeichelnde Klang ihrer Stimme die Gräfin beruhigen konnte.
Die Herzenswunde der Mutter konnte nicht heilen. Petjas Tod hatte die Hälfte ihres Lebens weggerissen. Vier Wochen nach dieser Nachricht, die sie als frische, rüstige Fünfzigerin getroffen hatte, trat sie als müde Greisin, die am Leben keinen Anteil mehr nimmt, aus ihrem Zimmer. Aber dieselbe Wunde, die der Gräfin fast das Leben raubte, rief Natascha zum Leben zurück.
Eine Herzenswunde, die von einem Riß im Geistigen herrührt, heilt, so seltsam dies scheinen mag, auf ganz dieselbe Weise wie eine körperliche: nachdem sie in der Tiefe vernarbt ist und die Ränder sich scheinbar geschlossen haben, heilt sie – die seelische Wunde wie auch die körperliche – allein durch die von innen hervorquellende Lebenskraft.