Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nicht durch Verstand oder Wissenschaft, sondern durch sein ganzes russisches Wesen wußte und fühlte Kutusow, was jeder russische Soldat fühlte: daß die Franzosen besiegt waren, daß die Feinde flohen und daß man sie hinausgeleiten mußte. Gleichzeitig aber fühlte er auch, übereinstimmend mit den Soldaten, die ganze Schwere dieses nach Schnelligkeit und Jahreszeit unerhörten Marsches.
Den Generälen aber, insonderheit den nichtrussischen, die sich auszeichnen, jemanden in Erstaunen setzen und Gott weiß wozu irgendeinen Herzog oder König gefangen nehmen wollten – diesen Generälen schien es jetzt, wo doch jeder Kampf nicht nur scheußlich, sondern sogar sinnlos war, so recht an der Zeit, eine Schlacht zu liefern und irgend jemanden zu besiegen. Kutusow zuckte nur die Achseln, wenn sie ihm, einer nach dem anderen, ihre Aktionspläne unterbreiteten, die sie mit dieser halbverhungerten Armee in schlechten Stiefeln und ohne Pelze unternehmen wollten, die schon ohne Schlacht in einem Monat bereits auf die Hälfte zusammengeschmolzen war und mit der man selbst wenn sich die Flucht unter den günstigsten Bedingungen vollzog, bis zur Grenze noch eine größere Entfernung zurückzulegen hatte als die bisher durchmessene.
Dieses Streben, sich auszuzeichnen und zu manövrieren, zurückzuwerfen und abzuschneiden, trat ganz besonders dann hervor, wenn die russischen Truppen auf die französische Armee stießen.
Das geschah bei Krasnoje, wo man eine der drei französischen Kolonnen anzutreffen glaubte und auf Napoleon selbst mit vielen tausend Mann stieß. Trotz aller Gegenmittel, die Kutusow anwendete, um einen verderblichen Zusammenstoß zu vermeiden und seine Truppen davor zu bewahren, dauerte das Niederwerfen der aufgelösten Franzosenhaufen durch die erschöpften russischen Mannschaften dennoch drei Tage.
Toll hatte die Disposition dazu entworfen: »Die erste Kolonne marschiert« und so weiter, und wie immer kam alles anders, als es in der Disposition stand. Prinz Eugen von Württemberg schoß vom Berg aus auf die vorüberfliehenden Scharen der Franzosen und verlangte Verstärkung, die jedoch nicht eintraf. Die Franzosen umgingen die Russen in der Nacht, zerstreuten sich, versteckten sich in den Wäldern und schlugen sich, jeder so gut er konnte, nach vorwärts durch.
Miloradowitsch, der gesagt hatte, er wolle von den Haushaltsangelegenheiten seiner Abteilung nichts wissen, der nie zu finden war, wenn man ihn brauchte, der Ritter ohne Furcht und Tadel, wie er sich selber nannte, der gern mit den Franzosen unterhandelte, schickte ihnen Parlamentäre, forderte, daß sie sich ergäben, verlor Zeit und tat nicht das, was ihm befohlen war.
»Ich schenke euch diese Kolonne, Kinder«, sagte er, zu seinen Truppen hinreitend, und zeigte den Kavalleristen die Franzosen.
Und die Kavalleristen trieben ihre Pferde, die sich kaum mehr vorwärts bewegen konnten, mit Sporen und Säbeln an und ritten unter größter Anstrengung im Trab auf die geschenkte Kolonne zu, das heißt auf einen Haufen erfrorener, steif gewordener, verhungerter Franzosen, und die geschenkte Kolonne streckte die Waffen und ergab sich, was sie schon längst beabsichtigte.
Sie erbeuteten bei Krasnoje sechsundzwanzigtausend Gefangene, Hunderte von Geschützen und einen Stock, den man Marschallstab nannte, stritten sich, wer sich dabei am meisten ausgezeichnet habe, und waren stolz darauf. Sie bedauerten nur, nicht Napoleon selbst oder einen anderen Helden oder Marschall gefangen zu haben, und machten sich gegenseitig, vor allem aber auch Kutusow, darüber Vorwürfe.
Die Menschen, die sich von ihren Leidenschaften hinreißen ließen, waren nur die blinden Vollstrecker eines traurigen Gesetzes der Notwendigkeit. Aber sie hielten sich selber für Helden und bildeten sich ein, daß das, was sie taten, etwas Würdiges und Edles sei. Sie beschuldigten Kutusow und behaupteten, er habe sie von Anfang des Feldzugs an daran gehindert, Napoleon zu besiegen, sei nur auf Befriedigung seiner eignen Leidenschaften bedacht gewesen, habe nicht aus Polotnjanyje-Sawody[229] ausrücken wollen, weil er dort seine Ruhe gehabt habe, habe bei Krasnoje den Marsch aufgehalten, weil er bei der Nachricht von Napoleons Anwesenheit völlig den Kopf verloren habe, und es sei zu mutmaßen, daß er mit Napoleon im Einverständnis stehe, von ihm erkauft worden sei[*][230], und so weiter, und so weiter.
Und nicht nur die Zeitgenossen haben, von ihren Leidenschaften hingerissen, dies behauptet, auch die Nachwelt und die Geschichte haben Napoleon den Beinamen »der Große« zuerkannt, während Kutusow im Ausland als schlauer, ausschweifender, schwacher Greis und Höfling, bei den Russen als unentschlossen und unselbständig hingestellt wird, der nur durch seinen russischen Namen von Nutzen gewesen sei.
5
In den Jahren 1812 und 1813 wurde Kutusow ganz offen grober Fehler beschuldigt. Der Kaiser war unzufrieden mit ihm. In einer geschichtlichen Darstellung, die kürzlich auf allerhöchsten Befehl geschrieben worden ist, wird gesagt, Kutusow sei ein schlauer Höfling und Lügner gewesen, der Napoleons Namen gefürchtet habe und durch seine Fehler bei Krasnoje und an der Beresina die russischen Truppen des Ruhmes beraubt habe, einen völligen Sieg über die Franzosen zu erringen[*][231].
Dies ist das Schicksal nicht der großen Männer, nicht eines grandhomme, wie ihn der russische Geist nicht anerkennt, sondern das Schicksal jener seltenen, immer vereinzelt dastehenden Menschen, die den Willen der Vorsehung begreifen und ihm ihren eignen, persönlichen Willen unterordnen. Haß und Verachtung der Menge bestrafen diese Menschen für das Anerkennen höherer Gesetze.
Für die russischen Geschichtsschreiber – es ist seltsam und furchtbar, das sagen zu müssen – ist Napoleon, dieses nichtigste Werkzeug der Geschichte, der nie und nirgends, nicht einmal in der Verbannung, menschliche Würde gezeigt hat, stets ein Gegenstand des Entzückens und der Begeisterung: er ist grand. Kutusow hingegen, ein Mann, der vom Anfang seiner Tätigkeit bis zu deren Ende im Jahre 1812, von Borodino bis nach Wilna nicht ein einziges Mal, nicht durch eine einzige Handlung, nicht durch ein einziges Wort sich selber untreu wird, der ein in der Geschichte ungewöhnliches Beispiel der Selbstaufopferung und des Erkennens der Bedeutung künftiger Ereignisse aus der Gegenwart darstellt, Kutusow wird von ihnen als unschlüssiger, jämmerlicher Mensch hingestellt, und wenn sie von ihm und dem Jahr 1812 sprechen, so ist es immer, als schämten sie sich ein wenig.
Und dabei kann man sich schwer eine Gestalt in der Geschichte vorstellen, deren Tätigkeit so fest und beharrlich auf ein und dasselbe Ziel gerichtet gewesen wäre. Und auch ein Ziel kann man sich schwer vorstellen, das würdiger und dem Willen unseres ganzen Volkes entsprechender gewesen wäre. Und noch schwerer kann man ein anderes Beispiel in der Geschichte finden, wo ein Ziel, das sich eine geschichtliche Persönlichkeit gesetzt hat, so vollkommen erreicht worden wäre wie jenes, worauf Kutusows Tätigkeit im Jahre 1812 gerichtet war.
Kutusow sprach nie von vierzig Jahrhunderten, die von den Pyramiden auf ihn herabsähen, nie von den Opfern, die er dem Vaterland bringe, nie von dem, was er zu vollbringen gedenke oder schon vollbracht habe, er sprach überhaupt nie von sich selbst, spielte keinerlei Rolle, sondern zeigte sich immer als der einfachste, gewöhnlichste Mensch und sagte stets die schlichtesten, alltäglichsten Dinge. Er schrieb Briefe an seine Töchter und an Madame de Stael, las Romane, liebte die Gesellschaft schöner Frauen, machte seine Späße mit den Generälen, Offizieren und Soldaten und widersprach nie jemandem, der ihm etwas beweisen wollte. Als Graf Rastoptschin an der Jausabrücke auf Kutusow zusprengte und ihm persönlich vorwarf, er sei schuld an Moskaus Untergang, und sagte: »Sie haben doch versprochen, Moskau nicht ohne Schlacht preiszugeben?« erwiderte Kutusow: »Ich werde Moskau auch nicht ohne Schlacht hingeben«, obwohl Moskau bereits preisgegeben war. Als Araktschejew, vom Kaiser gesandt, zu ihm kam und sagte, Jermolow müsse zum Befehlshaber der Artillerie ernannt werden, antwortete Kutusow: »Ja, das habe ich soeben auch schon gesagt«, obgleich er vor einem Augenblick noch ganz anders gesprochen hatte. Was kümmerte es ihn, der damals inmitten der verständnislosen Menge, die ihn umgab, allein den gewaltigen Sinn der Ereignisse begriff, was kümmerte es ihn, ob Graf Rastoptschin ihm oder einem anderen das Unglück der Hauptstadt zuschrieb? Und noch weniger interessierte es ihn, wer zum Befehlshaber der Artillerie ernannt wurde.
229
Polotnjanyje-Sawody: Dorf im Gouvernement Kaluga.
Wilsons Aufzeichnungen. (Anm. d. Verf.)
Geschichte des Jahres 1812 von Bogdanowitsch: Charakteristik Kutusows und Betrachtung der unbefriedigenden Resultate der Schlacht bei Krasnoje. (Anm. d. Verf.)