Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Hinten, an der Stelle, wo Karatajew gesessen hatte, heulte der Hund.
Dummes Vieh, was heult es nur? dachte Pierre.
Die gefangenen Kameraden, die neben Pierre gingen, sahen sich ebenfalls nicht nach jener Stelle um, von woher der Schuß und dann das Heulen des Hundes gekommen waren, aber ein harter Zug lag auf allen Gesichtern.
15
Im Dorf Schamschewo machten das Depot, die Gefangenen und der Train des Marschalls halt. Alle drängten sich dicht um die Wachtfeuer. Auch Pierre trat auf ein Feuer zu, aß von dem gebratenen Pferdefleisch, legte sich mit dem Rücken gegen die Flamme und schlief sofort ein. Er versank wieder in einen solchen Schlaf, wie er nach der Schlacht bei Borodino in Moshaisk über ihn gekommen war.
Wieder gingen in seiner Seele tatsächliche Ereignisse und Traumvorstellungen ineinander über, wieder teilte ihm jemand – war er es selber oder ein anderer? – seine Gedanken mit, und zwar dieselben Gedanken wie in Moshaisk.
Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, alles bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben ist, gibt es auch die Wonne des Selbsterkennens in sich selbst. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Seligste von allem ist, das Leben zu lieben im eignen Leiden, im eignen unschuldigen Leiden.
Karatajew! fuhr es Pierre durch den Sinn.
Und plötzlich stand vor Pierres Seele wie lebend ein längst vergessener, alter, milder Lehrer, der ihn in der Schweiz in Geographie unterrichtet hatte. Paß auf, sagte der Alte und zeigte Pierre einen Globus. Dieser Globus war eine lebendige, fließende Kugel, ohne bestimmte Umrisse. Ihre ganze Oberfläche bestand aus Tropfen, die eng aneinander gedrückt waren. Diese Tropfen waren in steter Bewegung und veränderten sich: bald flossen mehrere in einen zusammen, bald teilte sich ein großer in viele kleine. Jeder Tropfen hatte das Bestreben, sich auszudehnen und so viel Platz wie nur möglich einzunehmen, doch die anderen, die denselben Wunsch hatten, engten ihn ein, vernichteten ihn manchmal oder flossen auch mit ihm zusammen.
Da hast du das Leben, sagte der alte Lehrer.
Wie klar und einfach das ist! dachte Pierre. Daß ich das nicht früher gewußt habe!
Im Mittelpunkt ist Gott, und jeder Tropfen sucht sich auszubreiten, um Ihn in möglichst großen Ausmaßen widerzuspiegeln. Und so wächst jeder Tropfen, fließt zusammen, wird eingepreßt, verschwindet von der Oberfläche, sinkt in die Tiefe und steigt wieder empor. Auch er, Karatajew … auseinandergeflossen … verschwunden … Vous avez compris, mon enfant? sagte der Lehrer.
»Vous avez compris, sacré nom!« schrie eine Stimme, und Pierre erwachte.
Er richtete sich hoch und setzte sich auf. Am Feuer kauerte ein Franzose, der soeben einen russischen Soldaten beiseitegestoßen hatte, und briet sich an seinem Ladestock ein Stück Fleisch. Geschickt drehte sein muskulöser, behaarter, roter Arm mit aufgestreiftem Ärmel und kurzen Fingern den Ladestock. Sein verbranntes, finsteres Gesicht mit den zusammengezogenen Brauen war im Schein des Feuers deutlich zu sehen.
»Ça lui est bien égal«, brummte er, hastig zu einem Soldaten gewandt, der neben ihm stand. »Brigand! Va!«
Der Soldat drehte seinen Ladestock und warf Pierre einen finsteren Blick zu. Pierre wandte sich ab und blickte ins Dunkle. Ein russischer Soldat, ein Gefangener, der, den der Franzose weggestoßen hatte, saß abseits vom Feuer und streichelte etwas mit der Hand. Pierre sah näher hin und erkannte das graue Hündchen, das neben dem Gefangenen saß und mit dem Schwanz wedelte.
»Na, bist du auch gekommen?« sagte Pierre. »Aber Pla…« fing er an, sprach aber nicht zu Ende.
Und plötzlich stieg vor seiner Seele, gleichzeitig und in andere Erinnerungen übergehend, der Gedanke an jenen Blick auf, mit dem ihn Platon, als er unter dem Baum saß, angesehen hatte, und er dachte an den Schuß, den er dann von dieser Stelle her vernommen hatte, an das Heulen des Hundes, an die schuldigen Gesichter der beiden Franzosen, die an ihm vorbeigelaufen waren, an das noch rauchende Gewehr in der einen Hand und an Karatajews Fehlen an diesem Rastort. Schon war er nahe daran, sich bewußt zu werden, daß Karatajew erschossen worden war, aber im selben Augenblick stieg in seiner Seele, Gott weiß woher, die Erinnerung an einen Sommerabend auf, den er mit einer schönen Polin auf dem Balkon seines Hauses in Kiew verbracht hatte. Und ohne die einzelnen Erinnerungen des heutigen Tages zu verbinden und einen Schluß aus ihnen zu ziehen, schloß Pierre die Augen, und das Bild des Sommerabends verschmolz mit der Erinnerung an ein Bad und an jene fließende, wogende Kugel, und er versank irgendwohin in eine tiefe Flut, so daß das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug.
Kurz vor Sonnenaufgang weckten ihn laute, schnell aufeinander folgende Schüsse und Geschrei. Franzosen liefen an Pierre vorüber.
»Les cosaques!« schrie einer von ihnen, und gleich darauf sah sich Pierre von einer Menge russischer Gesichter umringt.
Lange konnte Pierre nicht fassen, was geschehen war. Von allen Seiten vernahm er das Freudengeschrei seiner Leidensgefährten.
»Brüder! Landsleute! Kameraden!« schrien weinend vor Freude alte Soldaten und umarmten die Kosaken und Husaren.
Die Husaren und Kosaken umringten die Gefangenen, und in aller Eile gaben sie dem einen ein Kleidungsstück, einem anderen ein Paar Stiefel, einem dritten ein Stück Brot. Pierre saß mitten unter ihnen, schluchzte und konnte kein Wort hervorbringen; er umarmte den ersten besten Soldaten, der auf ihn zutrat, und küßte ihn unter Tränen.
Dolochow stand am Tor des zertrümmerten Gutshauses und ließ die Schar der entwaffneten Franzosen an sich vorüberziehen. Die Franzosen waren durch alles, was geschehen war, aufgeregt und redeten laut durcheinander, doch als sie an Dolochow vorübergingen, der sich mit seiner Peitsche leicht gegen die Stiefel schlug und sie mit seinen kalten, gläsernen, nichts Gutes versprechenden Augen ansah, verstummte ihr Gespräch. Dolochow gegenüber stand einer seiner Kosaken und zählte die Gefangenen, indem er nach jedem Hundert einen Kreidestrich an das Tor machte.
»Wieviel sind es jetzt?« fragte Dolochow den Kosaken, der die Gefangenen zählte.
»Bald das zweite Hundert voll«, erwiderte der Kosak.
»Filez, filez«, sagte Dolochow, der diesen Ausdruck von den Franzosen gelernt hatte, und in seinen Augen leuchtete, wenn seine Blicke denen der vorüberziehenden Gefangenen begegneten, ein grausamer Glanz auf.
Denissow ging mit finsterem Gesicht, die Mütze in der Hand, hinter den Kosaken her, die Petja Rostows Leiche zu der Grube hintrugen, die man im Garten für ihn gegraben hatte.
16
Vom 28. Oktober an, als der Frost einsetzte, nahm die Flucht der Franzosen einen noch tragischeren Charakter an: die Leute erfroren oder sie erhitzten sich an den Wachtfeuern zu Tode, während der Kaiser, die Könige und Herzöge in ihren Pelzen und Kutschen mit dem geraubten Gut unbeirrt weiterfuhren. Seinem innersten Wesen nach blieb der Prozeß der Flucht und Zersetzung der französischen Armee jedoch ganz derselbe.
Von Moskau bis Wjasma waren von der dreiundsiebzigtausend Mann starken französischen Armee – die Garde nicht eingerechnet, die in dem ganzen Krieg weiter nichts getan hat, als zu plündern – nur sechsunddreißigtausend Mann übriggeblieben, während die Verluste durch Schlachten kaum mehr als fünftausend Mann betrugen. Dies war das erste Glied der Progression, aus dem sich die folgenden mathematisch genau bestimmen ließen. Von Moskau bis Wjasma, von Wjasma bis Smolensk, von Smolensk bis zur Beresina, von der Beresina bis nach Wilna schmolz die französische Armee im selben Umfang zusammen und ging zugrunde, ganz unabhängig von höheren oder geringeren Kältegraden, von Verfolgung, Wegversperrung und allen sonstigen Umständen, jeder für sich genommen. Hinter Wjasma rotteten sich die Franzosen, die bis dahin drei Kolonnen gebildet hatten, zu einem einzigen Haufen zusammen und marschierten so bis zum Schluß.
Man weiß ja, welche Abweichungen von der Wahrheit größere Heerführer bei der Schilderung der Lage ihrer Truppen sich zu erlauben pflegen. Berthier schrieb an den Kaiser: