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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Rückzug von Malo-Jaroslawez, wo Napoleon den Weg durch einen fruchtbaren Landstrich hätte einschlagen können und ihm die Parallelstraße offenstand, auf der ihn dann Kutusow verfolgte, dieser verfehlte Rückzug auf einem verödeten Weg wird uns aus verschiedenen, tiefsinnigen Erwägungen erklärt. Auf Grund ebensolcher tiefsinniger Erwägungen wird uns dann auch sein Rückzug von Smolensk nach Orscha geschildert. Außerdem wird seines Heldenmutes bei Krasnoje Erwähnung getan, wo er Vorbereitungen getroffen habe, eine Schlacht anzunehmen und sie selbst zu kommandieren, und einen Birkenstock in der Hand gehabt und gesagt haben solclass="underline" »Ich bin lange genug Kaiser gewesen, jetzt ist es an der Zeit, General zu sein.« Trotz alledem aber flieht er gleich darauf weiter und überläßt die auseinandergesprengten Teile seines Heeres, die hinter ihm sind, ihrem Schicksal.

Dann wird uns die Großzügigkeit der Marschälle vor Augen geführt, insbesondere die des Marschalls Ney, darin bestehend, daß er in der Nacht den Feind durch den Wald umgeht, über den Dnjepr setzt und ohne Fahnen und Artillerie mit nur einem Zehntel seines Armeekorps in Orscha ankommt.

Und endlich schildern uns die Historiker die letzte Abreise des großen Kaisers von seiner heldenmütigen Armee als etwas Erhabenes und Geniales. Sogar dieser letzte Schritt einer Flucht, die jeder Laie als letzten Grad der Gemeinheit bezeichnen wird, dessen sich zu schämen man jedes Kind lehrt, sogar dieser letzte Schritt findet bei den Historikern seine Rechtfertigung.

Und wo es schlechterdings unmöglich ist, den zwar dehnbaren Faden geschichtlicher Beurteilung noch weiter zu strecken, wo eine Handlung zu klar allem widerspricht, was die Menschheit gut oder auch nur gerecht nennt, da greifen die Historiker zu dem rettenden Begriff der Größe. Die Größe scheint bei ihnen den Maßstab für Gut und Böse auszuschließen[227]. Für einen Großen gibt es nichts Böses. Es gibt keine Schandtat, die man einem, der groß ist, als Schuld ankreiden könnte.

»C’est grand!« sagen die Historiker, und schon gibt es kein Gut und Böse mehr, sondern nur ein »grand« oder »nicht grand«. »Grand« ist gut, »nicht grand« ist böse. »Grand« ist ihrer Ansicht nach eine Eigenschaft ganz besonderer Wesen, die sie Helden nennen. Und als sich Napoleon in seinen warmen Pelz hüllte, nach Hause fuhr und die Umkommenden im Stich ließ, die nicht nur seine Kameraden, sondern Leute waren, die er, wie er glaubte, selber dorthin geführt hatte, da fühlte er: »que c’est grand«, und sein Gewissen war beruhigt.

Vom Erhabenen – er fühlte etwas Erhabenes in sich – zum Lächerlichen ist nur ein Schritt, sagte er, und die ganze Welt wiederholt fünfzig Jahre lang dasselbe: Erhaben! Groß! Napoleon der Große! Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.

Und keinem kommt es in den Sinn, daß das Zugeben einer Größe, an die der Maßstab von Gut und Böse nicht mehr angelegt werden kann, nur ein Eingestehen der eignen Bedeutungslosigkeit und maßlosen Nichtigkeit ist.

Für uns, die wir von Christus den Maßstab für Gut und Böse erhalten haben, gibt es nichts, was damit nicht zu messen wäre. Und wo keine Schlichtheit, Güte und Wahrhaftigkeit ist, da ist auch keine Größe.

19

Welcher Russe hätte beim Lesen der Schilderungen der letzten Feldzugsperiode von 1812 nicht das bedrückende Gefühl des Ärgers, der Unzufriedenheit und Unklarheit empfunden? Wer hätte sich nicht die Fragen vorgelegt: Warum hat man nicht alle Franzosen gefangengenommen und vernichtet, wo doch alle drei Armeen den Feind in überlegener Zahl umringt hatten, wo die in Auflösung begriffenen Feinde, von Hunger und Kälte bezwungen, sich haufenweise ergaben, und wo doch gerade das Ziel der Russen, wie uns die Geschichtsschreiber berichten, darin bestanden haben soll, die Franzosen aufzuhalten, ihnen den Weg zu verlegen und sie alle gefangen zu nehmen?

Wie kam es, daß jenes russische Heer, das mit unterlegenen Streitkräften den Franzosen eine Schlacht bei Borodino lieferte, sein Ziel nicht erreichte, als es die Franzosen von drei Seiten umringt hatte, um sie gefangen zu nehmen? Hatten die Franzosen wirklich so gewaltig viel vor uns voraus, daß wir sie selbst mit überlegenen Kräften, als wir sie schon umzingelt hielten, nicht hätten schlagen können? Wie konnte dies geschehen?

Die Geschichte oder vielmehr das, was man als solche bezeichnet, beantwortet diese Fragen, indem sie behauptet, dies sei geschehen, weil Kutusow und Tormasow und Tschitschagow und der und der nicht diese und jene Manöver ausgeführt hätten.

Doch warum haben sie alle diese Manöver nicht ausgeführt? Warum zog man sie nicht vor Gericht und bestrafte sie, wenn sie wirklich daran schuld waren, daß das vorherbestimmte Ziel nicht erreicht wurde? Und selbst wenn man zugibt, daß Kutusow und Tschitschagow und andere an dem Mißerfolg der Russen schuld waren, so kann man immer noch nicht begreifen, warum unter solchen Umständen, wie sie für die russischen Truppen bei Krasnoje und an der Beresina vorlagen – in beiden Fällen waren sie an Streitkräften überlegen –, nicht die ganze französische Armee gefangengenommen wurde – samt ihren Marschällen, Königen und Kaisern, wenn dies nun einmal das Ziel der Russen war.

Eine Erklärung dieser sonderbaren Erscheinung, wie sie uns russische Geschichtsschreiber geben: daß Kutusow jeden Angriff verhindert habe, ist unbegründet, weil wir wissen, daß selbst Kutusows Wille die Truppen bei Wjasma und Tarutino vom Angreifen nicht zurückhalten konnte.

Warum wurde das russische Heer, das bei Borodino mit schwächeren Kräften den Sieg über einen auf der Höhe seiner Kraft stehenden Feind davontrug, nun mit überlegenen Streitkräften bei Krasnoje und an der Beresina von den in Auflösung begriffenen Franzosenhaufen besiegt?

Wenn das Ziel der Russen darin bestanden hat, Napoleon und seinen Marschällen den Weg abzuschneiden und sie gefangen zu nehmen, und wenn dieses Ziel nicht nur nicht erreicht, sondern auch jeder Versuch dazu immer wieder aufs schmachvollste vereitelt wurde, so haben die Franzosen vollkommen recht, wenn sie das letzte Stück des Feldzugs als eine Reihe von Siegen darstellen, und die russischen Geschichtsschreiber haben ganz und gar unrecht, wenn sie diese Periode als für Rußland siegreich bezeichnen.

Soweit die russischen Historiker die Logik für verpflichtend ansehen, kommen auch sie unwillkürlich, trotz aller lyrischen Ergüsse über Heldenmut und Hingabe und so weiter, zu diesem Ergebnis und müssen wider Willen zugeben, daß der Rückzug der Franzosen aus Moskau eine Reihe von Siegen für Napoleon und eine Niederlage für Kutusow gewesen ist.

Und doch merkt man, auch wenn sie den Nationalstolz ganz beiseite lassen, daß dieser Schluß einen Widerspruch in sich einschließt, da ja die Reihe der Siege auf seiten der Franzosen zu ihrer völligen Niederlage, die Reihe von Niederlagen auf seiten der Russen dagegen zur gänzlichen Vernichtung des Feindes und Befreiung des Vaterlandes geführt hat.

Die Quelle dieses Widerspruches liegt darin, daß die Geschichtsschreiber, die die Ereignisse auf Grund der Briefe von Herrschern und Generälen, auf Grund der Berichte, Meldungen, Pläne und so weiter erforschen, irrtümlicherweise ein Ziel voraussetzen, das im letzten Abschnitt des Feldzugs von 1812 nie bestanden hat, das Ziel nämlich, Napoleon mit seinen Märschällen und seiner ganzen Armee den Weg abzuschneiden und sie gefangen zu nehmen.

Ein solches Ziel hat man sich nie gesetzt und konnte man sich nicht setzen, weil es keinen Sinn gehabt hätte und ganz unerreichbar gewesen wäre.

Es hätte keinen Sinn gehabt, erstens weil Napoleons aufgelöste Armee sowieso mit einer Geschwindigkeit, wie sie größer nicht möglich war, aus Rußland floh, das heißt sie tat ganz von selber das, was jeder Russe nur wünschen konnte. Wozu noch allerlei Operationen gegen einen Feind unternehmen, der auch so schon davonlief, was er nur laufen konnte?

Zweitens wäre es sinnlos gewesen, Leute, deren ganze Energie auf die Flucht gerichtet war, auf ihrem Weg aufhalten zu wollen.

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227

Die Große scheint bei ihnen den Maßstab für Gut und Böse auszuschließen: hier spielt Tolstoi auf eine Diskussion an, die im Zusammenhang mit dem 1865 erschienen Buch von Louis-Napoleon Das Leben Julius Caesars und der dann vertretenen These vom Recht der starken Persönlichkeit, moralische Normen zu brechen, auch in der russischen Presse gefuhrt wurde.

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