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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich halte es für meine Pflicht, Euer Majestät von dem Zustand Dero Truppen bei den verschiedenen Armeekorps in Kenntnis zu setzen, die ich in den letzten zwei, drei Tagen an verschiedenen Durchgangsstellen zu beobachten in der Lage war. Sie befinden sich fast in Auflösung. Die Zahl der Soldaten, die ihren Fahnen folgen, beträgt bei allen Regimentern höchstens ein Viertel, die anderen marschieren für sich nach verschiedenen Richtungen und auf eigne Faust, in der Hoffnung, Nahrungsmittel zu finden, und um von der Disziplin befreit zu sein. Im allgemeinen sehen sie Smolensk als den Punkt an, wo sie sich wieder sammeln sollen. In den letzten Tagen hat man auch beobachtet, daß viele Soldaten ihre Waffen und Munition wegwerfen. Wie die Dinge jetzt liegen, erfordert es das Dienstinteresse, daß Euer Majestät, welches auch Dero fernere Absichten sein mögen, die Truppen in Smolensk sammeln und anfangen lassen, sie von allem Überflüssigen zu befreien: von Kampfunfähigen wie Mannschaften ohne Pferde und Waffen, von unnützem Gepäck und Artilleriematerial, das zu den gegenwärtigen Kräften in keinem Verhältnis mehr steht. Außerdem müssen unsere Soldaten jetzt unbedingt ein paar Ruhetage und Proviant haben, denn sie sind von Hunger und Müdigkeit erschöpft, und in den letzten Tagen sind viele unterwegs und in den Biwaks gestorben. Dieser Zustand wird immer ärger und gibt zu der Befürchtung Anlaß, daß, wenn nicht baldige Abhilfe geschaffen wird, man in einer Schlacht kaum mehr Herr über die Truppen sein wird. Den 9. November, dreißig Werst von Smolensk.«

Die Franzosen fielen über Smolensk her, das ihnen wie das Gelobte Land vor Augen geschwebt hatte, schlugen hier einander des Proviants wegen tot, plünderten ihre eignen Magazine, und nachdem sie alles ausgeraubt hatten, liefen sie weiter.

Alle marschierten, ohne selber zu wissen, warum und wohin sie gingen. Noch weniger als alle anderen wußte dies das Genie Napoleon, da ihm niemand etwas befahl. Und doch behielten er und seine Umgebung ihre bisherigen Gewohnheiten bei: man schrieb Befehle, Briefe, Rapporte, ordres du jour und nannte sich gegenseitig: Sire, mon cousin, prince d’Eckmühl, roi de Naples und so weiter. Aber die Befehle und Rapporte standen nur auf dem Papier, niemand führte sie aus, weil man sie eben nicht ausführen konnte, und wenn sie einander auch Majestät, Hoheit und Vetter titulierten, so fühlten doch alle, daß sie jämmerliche, schändliche Menschen waren, die viel Unheil angerichtet hatten, wofür sie jetzt büßen mußten. Und wenn sie auch so taten, als kümmerten sie sich um die Armee, so dachte doch jeder nur an sich und daran, wie er so bald wie möglich von hier fortkommen und sich retten könne.

17

Die Operationen der russischen und französischen Truppen während des Rückzugs von Moskau bis zum Njemen waren wie ein Blindekuhspiel, wo zwei Spielenden die Augen verbunden werden, und der eine von ihnen ab und zu mit einem Glöckchen läutet, um dem, der ihn fangen soll, kundzutun, wo er sich befindet. Zuerst klingelt der, der gefangen werden soll, munter darauflos und fürchtet sich nicht vor dem Feind, wenn es ihm aber dann schlecht geht, bemüht er sich, unhörbar weiterzuschleichen, flieht seinen Feind und rennt meist, obwohl er meint, vor ihm davonzulaufen, geradewegs in seine Arme.

Anfangs ließ die Napoleonische Armee noch von sich hören – dies war in der ersten Zeit des Rückzugs auf der Kalugaer Straße –, dann aber, nachdem sie den Weg nach Smolensk eingeschlagen hatten, liefen sie davon, indem sie mit der Hand den Klöppel des Glöckchens festhielten, und rannten oft, in der Meinung, zu entkommen, geradewegs auf die Russen zu.

Bei der Schnelligkeit der fliehenden Franzosen und der verfolgenden Russen und bei der dadurch hervorgerufenen Erschöpfung der Pferde war an das Hauptmittel, eine annähernde Kenntnis der Lage zu erhalten, in der sich der Feind befand, nämlich an Kavalleriepatrouillen, nicht zu denken. Außerdem konnten Nachrichten, wenn man auch wirklich welche hatte, infolge des häufigen und schnellen Stellungswechsels beider Heere nie zur rechten Zeit eintreffen. Wenn am Zweiten die Nachricht einlief, daß die feindliche Armee am Ersten dort und dort gewesen sei, so hatte am Dritten, wenn man etwas hätte unternehmen können, der Feind schon wieder zwei Tagemärsche hinter sich und befand sich nun in einer ganz anderen Stellung.

Die eine Armee floh, die andere jagte hinterher. Von Smolensk aus standen den Franzosen viele verschiedene Wege offen, und man hätte meinen sollen, daß sie während der vier Rasttage hier Zeit gehabt hätten, auszukundschaften, wo sich der Feind befand, um sich etwas Vorteilhaftes auszudenken und etwas Neues zu unternehmen. Aber nach einem Aufenthalt von vier Tagen liefen ihre Scharen weder nach rechts noch nach links, sondern ohne Manöver und ohne alle Überlegung wieder auf der alten, schlechtesten Straße nach Krasnoje und Orscha – in der alten, selbstgetretenen Spur.

Da die Franzosen den Feind hinter sich, nicht vor sich wähnten, dehnten sich bei der Flucht ihre Scharen aus und waren oft vierundzwanzig Stunden voneinander entfernt. Allen voran floh der Kaiser, dann folgten die Könige, dann die Herzöge. Die russische Armee glaubte, Napoleon werde nach rechts über den Dnjepr gehen, was das einzig Vernünftige gewesen wäre, wandte sich deshalb nach rechts und kam auf die große Straße nach Krasnoje. Und wie beim Blindekuhspiel stießen hier die Franzosen auf unsere Vorhut. Als sie so unvermutet den Feind erblickten, gerieten sie in Verwirrung, machten in plötzlichem Schrecken halt, fingen dann aber wieder an zu fliehen und ließen die hinter ihnen herkommenden Kameraden im Stich. Hier zogen nun im Verlauf von drei Tagen die einzelnen französischen Abteilungen, eine nach der anderen, mitten durch die Reihen russischer Truppen hindurch: zuerst die Abteilung des Vizekönigs, dann die Davousts, dann die des Marschalls Ney. Sie alle ließen sich gegenseitig im Stich, gaben ihr Gepäck, ihre Artillerie und die Hälfte ihrer Leute preis und entkamen nur dadurch, daß sie in den Nächten nach rechts hin einen Bogen um die Russen machten.

Ney, der als letzter zog, weil er trotz der bedenklichen Lage der Franzosen oder gerade infolge dieser Lage die Diele, an der sie sich gestoßen hatten, schlagen wollte und sich mit der Sprengung der Mauern von Smolensk aufgehalten hatte, die doch keinem mehr im Weg waren – Ney, der mit seinem zehntausend Mann starken Korps als letzter zog, kam zu Napoleon nach Orscha mit nur tausend Mann, weil er alle seine Leute und alle seine Kanonen hatte im Stich lassen müssen und nur heimlich in der Nacht, vom Wald gedeckt, über den Dnjepr gelangt war.

Von Orscha flohen sie weiter, die Wilnaer Straße entlang, und setzten ihr Blindekuhspiel mit der Armee, die sie verfolgte, fort. An der Beresina gerieten wieder alle in Verwirrung, viele ertranken, viele ergaben sich; aber die, die über den Fluß kamen, flohen weiter. Ihr höchster Heerführer hüllte sich in seinen Pelz, setzte sich in einen Schlitten und jagte allein davon, alle seine Kameraden ihrem Schicksal überlassend. Wer konnte, floh ebenfalls, wer das nicht vermochte, ergab sich oder ging zugrunde.

18

Man sollte meinen, in diesem Feldzug, bei dieser Flucht der Franzosen, wo sie alles taten, was nur möglich war, um sich zugrunde zu richten, wo nicht eine einzige Bewegung dieser Massen irgendeinen Sinn hatte, vom Abschwenken auf die Kalugaer Straße angefangen bis zur Flucht ihres obersten Befehlshabers – man sollte meinen, in diesem Abschnitt des Feldzugs sei es jenen Historikern, die alle Bewegungen der Masse dem Willen eines einzigen Menschen zuzuschreiben pflegen, schlechterdings doch unmöglich, diesen Rückzug in ihrem Sinn zu schildern. Aber nein: Berge von Büchern sind von Geschichtsschreibern über diesen Feldzug geschrieben worden, und überall werden Napoleons Anordnungen, seine tiefsinnigen Pläne und Manöver, mit denen er die Truppen geleitet habe, sowie die genialen Dispositionen seiner Marschälle besonders hervorgehoben.

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