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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In Dorogobusch hatten ein paar Gefangene, die man in einen Pferdestall eingesperrt hatte, während die Soldaten der Geleitmannschaft fortgegangen waren, um ihre eignen Magazine zu plündern, die Stallwand untergraben und waren geflohen. Doch die Franzosen hatten sie wieder eingefangen und erschossen.

Die frühere Ordnung, die man beim Auszug aus Moskau beobachtet hatte, nach der die gefangenen Offiziere von den Soldaten getrennt marschierten, war schon längst nicht mehr eingehalten worden. Alle, die laufen konnten, gingen zusammen, und Pierre hatte sich schon vom dritten Marschtag an wieder Karatajew und dem grauen, krummbeinigen Hund zugesellt, der sich Karatajew zum Herrn auserwählt hatte.

Am dritten Tag nach ihrem Abmarsch von Moskau hatte Karatajew wieder jenes Fieber bekommen, an dem er im Moskauer Lazarett gelitten hatte, und je schwächer er wurde, um so mehr hielt sich Pierre von ihm fern. Pierre wußte nicht warum, aber von der Zeit an, da Karatajew schwächer wurde, mußte er sich Gewalt antun, um zu ihm zu gehen. Und war er dann einmal zu ihm hingegangen und hatte jenes leise Stöhnen, mit dem sich Karatajew gewöhnlich an den Rastorten niederlegte, gehört, und den immer stärker werdenden Geruch, der von ihm ausströmte, gespürt, so ging er gleich wieder möglichst weit von ihm weg und dachte nicht mehr an ihn.

In der Gefangenschaft, in der Baracke, war Pierre nicht durch seinen Verstand, sondern durch sein ganzes Wesen und Leben zu der Erkenntnis gekommen, daß der Mensch für das Glück geschaffen sei, daß das Glück in ihm selber liege, in der Befriedigung aller natürlichen Bedürfnisse, und daß alles Unglück nicht vom Mangel herrührte, sondern vom Überfluß. Jetzt aber, in diesen letzten drei Wochen des Marsches, hatte er noch eine neue, tröstende Wahrheit erkannt: er hatte erkannt, daß es auf der Welt nichts Fürchterliches gibt, hatte erkannt, daß es für den Menschen keinen Zustand geben konnte, wo er völlig unglücklich und unfrei gewesen wäre, ebenso wie für ihn kein Zustand völligen Glückes und uneingeschränkter Freiheit vorhanden war. Er hatte erkannt, daß es eine Grenze für alles Leid und eine Grenze für alle Freiheit gibt, und daß diese Grenze nicht allzu weit gezogen ist: daß ein Mensch, der darunter leidet, daß in sein rosa Bett ein Blättchen gefallen ist, dieselben Schmerzen empfindet wie er jetzt, wenn er auf dem bloßen, feuchten Erdboden einschlief, wo die eine Seite seines Körpers kalt und die andere warm war. Er hatte erkannt, daß er früher ebenso gelitten hatte, wenn er seine engen Ballschuhe anzog, wie er jetzt litt, wo er bereits vollständig barfuß ging – sein Schuhwerk war längst in Fetzen – und seine Füße wundgelaufen waren. Er hatte erkannt, daß er damals, als er aus freiem Willen, wie er glaubte, seine Frau geheiratet hatte, nicht freier gewesen war als jetzt, wo man ihn nachts in einen Pferdestall einsperrte.

Von allem, was auch er später Leiden nannte, was er aber jetzt kaum spürte, waren das Schlimmste die bloßen, wundgelaufenen, mit Schorf bedeckten Füße. Das Pferdefleisch schmeckte ganz gut und war nahrhaft. Der Salpetergeruch des Pulvers, das man statt des Salzes verwandte, war sogar angenehm. Große Kälte gab es nicht, tagsüber beim Marschieren war es immer heiß, nachts hatten sie ein Feuer, und die Läuse, die ihn bald auffraßen, wärmten seinen Körper. So war nur eines schwer in der ersten Zeit, und das waren die Füße.

Am zweiten Marschtag besah Pierre am Wachtfeuer seine mit Schorf bedeckten Füße und hielt es für unmöglich, mit solchen Füßen weiterzumarschieren. Als aber dann alle aufbrachen, ging auch er, anfänglich zwar hinkend, dann aber, als ihm die Füße warm geworden waren, taten sie ihm nicht einmal mehr weh, obgleich sie am Abend einen noch fürchterlicheren Anblick boten. Aber er sah sie nicht an und dachte an etwas anderes.

Jetzt erst begriff Pierre den ganzen Umfang menschlicher Lebenskraft, und wie erlösend das dem Menschen innewohnende Vermögen ist, seine Aufmerksamkeit abzulenken, ebenso erlösend wie das Ventil eines Dampfkessels, das den überflüssigen Dampf herausläßt, sobald seine Dichtigkeit ein bestimmtes Maß überschritten hat.

Er sah und hörte nicht, wie die zurückgebliebenen Gefangenen erschossen wurden, obgleich schon über hundert von ihnen auf solche Weise umgekommen waren. Er dachte nicht an Karatajew, der von Tag zu Tag schwächer wurde und zweifellos bald dasselbe Schicksal erleiden mußte. Noch weniger dachte Pierre an sich selber. Je schwieriger seine Lage wurde, je furchtbarer die Zukunft ihm drohte, um so unabhängiger von jener Lage, in der er sich befand, kamen ihm die freudigen, tröstenden Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen.

13

Am 22. Oktober, gegen Mittag, ging Pierre auf der schmutzigen, schlüpfrigen Heerstraße bergan und schaute auf seine Füße und auf die Unebenheiten des Weges. Manchmal warf er einen Blick über die ihm bekannte Menge, die ihn umgab, dann aber schaute er wieder auf seine Füße. Sowohl das eine wie das andere war sein und ihm wohlbekannt. Der bläuliche, krummbeinige Graue lief lustig an der Seite des Weges, hob zum Beweis seiner Geschicklichkeit und inneren Befriedigung ab und zu das eine Hinterbein und lief auf dreien, galoppierte dann wieder auf allen vieren und stürzte sich bellend auf die Krähen, die auf den Leichen saßen. Der Graue sah lustiger und gepflegter aus als in Moskau. Auf allen Seiten lagen die Überreste der verschiedensten Lebewesen, vom Menschenfleisch bis zum Pferdefleisch, in den unterschiedlichsten Stadien der Zersetzung, die Wölfe wurden von den vorüberziehenden Menschen abgehalten, so daß der Graue sich nach Herzenslust sattfressen konnte.

Es regnete seit dem frühen Morgen. Manchmal schien es, wie wenn es nun aufhören und der Himmel sich aufklären wollte, aber immer setzte nach solch einer kurzen Pause das Unwetter nur noch stärker ein. Die vom Regen durchweichte Straße nahm das Wasser schon gar nicht mehr auf, so daß in den Wagenspuren ganze Bäche dahinflossen.

Pierre marschierte, warf hier und da einen Blick zur Seite und zählte die Schritte, immer drei auf einmal, indem er dafür einen Finger einbog. Was den Regen anbetraf, so sagte er sich innerlich: Immer zu, immer zu, nur immer toller!

Es kam ihm vor, als denke er an nichts, aber in der Ferne und Tiefe hing seine Seele großen und tröstlichen Gedanken nach. Es war dies der feinste geistige Auszug aus seinem gestrigen Gespräch mit Karatajew.

Gestern während der Nachtrast hatte Pierre an seinem niedergebrannten Feuer gefroren, war deshalb aufgestanden und zum nächsten Feuer gegangen, das besser brannte. An diesem Feuer, zu dem er nun trat, saß Platon, hatte den Mantel wie ein Meßgewand über den Kopf gezogen und erzählte den Soldaten mit seiner fließenden, angenehmen, aber schwachen und kranken Stimme eine Geschichte, die Pierre kannte. Es war schon nach Mitternacht. Um diese Zeit lebte Karatajew gewöhnlich von seinen Fieberanfällen wieder auf und pflegte besonders lebhaft zu sein. Als Pierre zum Feuer trat, die schwache, kranke Stimme Platons hörte und sein von der Flamme grell beleuchtetes, jammervolles Gesicht sah, fühlte er einen unangenehmen Stich durchs Herz. Er erschrak über sein Mitleid mit diesem Menschen und wollte wieder fortgehen, aber ein anderes Feuer war nicht da, und so nahm er denn an dieser Stelle Platz, bemüht, Platon nicht anzusehen.

»Nun, wie steht’s mit deiner Gesundheit?« fragte er.

»Was ist Gesundheit? Man weint wohl über eine Krankheit, aber Gott schickt nicht gleich den Tod«, erwiderte Karatajew und kehrte sogleich zu seiner angefangenen Erzählung zurück.

»Siehst du, Kamerad«, fuhr er mit einem Lächeln auf dem abgezehrten, blassen Gesicht und einem besonders frohen Glanz in den Augen fort: »Siehst du, Kamerad …«

Pierre kannte diese Geschichte schon längst. Ihm allein hatte sie Karatajew wohl schon sechsmal erzählt, und immer mit einem besonderen, freudigen Gefühl. Doch wie genau Pierre diese Geschichte auch kennen mochte, er lauschte ihr doch jetzt wieder wie etwas Neuem, und das stille Entzücken, das Karatajew sichtlich beim Erzählen empfand, ging auch auf Pierre über. Es war die Geschichte von einem alten Kaufmann, der mit seiner Familie ehrsam und gottesfürchtig lebte und einmal mit einem Geschäftsfreund, einem reichen Krämer, zur Messe fuhr.

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