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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Mit großer Ehrfurcht und einem geheimen Schauder dachte Messer Celsi an seine Unterhaltung mit dem gelehrten Apotheker, der ihn die ganze Zeit wie eine Viper mit seinen Schlangenaugen angestarrt hatte. Auf den Regalen standen Krüge, die nach den aufgeklebten Etiketten «Alexandrinischen Sirup», «Rhabarbertinktur» und «Schildkrötensirup» enthielten. In flachen Schalen lagen Krebsaugen, Kellerasseln, Muscheln, andere waren gefüllt mit Edelsteinsplittern, aus denen Hyazinthlatwerge hergestellt wurde, die, nach den Worten des Apothekers zu urteilen, imstande war, beinahe die Toten aufzuwecken. Messer Celsi war besonders beeindruckt gewesen von den ausgestopften Eidechsen, Straußeneiern, Schlangen und anderen merkwürdigen Tieren, die von der holzgetäfelten Decke herabhingen.

Der Rat des Apothekers, zur Schärfung des Verstandes gebratenen Speck zu essen, schien seine Wirkung nicht zu verfehlen. Messer Celsi glaubte zu spüren, wie seine Gedanken schneller arbeiteten und legte sich, um zu noch größeren Leistungen angespornt zu werden, ein zweites Stück Speck auf das Brot.

Die Magd, die Ernestos Ankunft gemeldet hatte, bekam glänzende Augen. Sie hatte nicht oft Gelegenheit, Speck oder Fleisch zu essen; denn Messer Celsi war ein sparsamer Mann, wenn es um sein Gesinde ging. Wie hätte er sonst ein Stück Land nach dem anderen zu seinem ererbten Besitz erwerben können? Sparsam und schlau, dazu gebratenen Speck jeden Morgen! Der Rat des Apothekers war Goldes wert.

«Laß Ernesto draußen warten!» befahl Messer Celsi und grub seine Zähne in das weiße fettgetränkte Brot.

Lange stand Ernesto geduldig vor dem Haus; das Bein und die Achselhöhlen schmerzten. Und die Hoffnung war wie ein winziges Flämmchen, das um ein Birkenscheit huscht, erlischt und plötzlich an einer anderen Stelle unvermutet wieder sein Zünglein ausstreckt.

«Setzt Euch doch, Ernesto! Dort, auf die Steinstufen!» sagte die Magd mitleidig. «Der Herr ist noch beim Frühstück.»

Aber Ernesto wollte kein Mitleid. Störrisch blieb er stehen, den Blick auf den Misthaufen in der Mitte des Hofes gerichtet.

Ob er mir heute wieder einen Kapaun anbieten wird, dachte er, sich selbst verspottend.

Im Stall scharrten ungeduldig die Pferde. Zwei Frauen mit hochbeladenen Tragkörben gingen durch das Hoftor. Die Last, die sie trugen, mußte schwer sein; denn sie beugten tief die Rücken und sahen weder rechts noch links.

Am frohesten waren die Hühner, die eifrig mit ihren Schnäbeln im Mist herumpickten.

Auch das demütigende Warten fand ein Ende.

Messer Celsi empfing Ernesto in seinem Arbeitszimmer, das er sich nach dem Vorbild venezianischer Kaufleute eingerichtet hatte.

«So, da bist du ja. Ich habe mir schon gedacht, daß du kommst. Der Messer Celsi ist nämlich schlauer, als du denkst. Ob ich dir heute noch die zweihundert Zechinen geben werde — ich weiß es nicht, Landsmann…» Er warf die Haarsträhne zurück und versuchte, Ernesto mit dem kalten Schlangenblick des Apothekers anzusfhen. Nach dem ausgedehnten Frühstück fühlte er sich im vollen Besitz seiner Verstandeskräfte, und er nahm sich vor, dem Apotheker ein Geschenk zu überreichen, vielleicht ein Ferkel oder einen Schinken. Solche Leute mußte man sich gewogen halten. Ernesto hatte plötzlich keine Lust mehr, möge geschehen, was wolle, den demütigen Bittsteller zu spielen. Er richtete sich, so gut es ging, auf und sagte: «Ich wollte die zweihundert Zechinen holen, die Ihr mir angeboten habt, Messer Celsi. Aber wenn Ihr sie mir nicht geben wollt, gehe ich wieder.» Er drehte sich auf seinen Krücken herum und humpelte zur Tür. Messer Celsi sah verdutzt den breiten Rücken und hatte gar keine Zeit, zornig zu werden.

«Bleib doch, Ernesto», sagte er, «so war's doch nicht gemeint.» Auf einmal spürte er, daß er zuviel fetten Speck gegessen hatte. Sein Gesicht verfärbte sich. «Bleib nur!» rief er mit erstickter Stimme und lief hinaus.

Ernesto sah ihm kopfschüttelnd nach. Bald kam Messer Celsi, noch bleich, aber sonst wieder wohl, zurück. Sein erster klarer Gedanke galt dem Apotheker; der Quacksalber hatte ihm anscheinend einen tüchtigen Bären aufgebunden. Er beschloß, ihm keinen Schinken und kein Ferkel zu schicken.

«Du sollst deine zweihundert Zechinen bekommen», sagte er zu Ernesto, «was Messer Celsi verspricht, das hält er auch. Darfst nicht denken, daß ich dich vergessen habe. Dein Papierchen liegt schon bereit, brauchst nur dein Zeichen daraufzumachen, und alles ist in Ordnung… Nachher kannst du noch etwas gebratenen Speck essen!»

Ernesto verzichtete auf den gebratenen Speck. Er ließ sich die Bedingungen vorlesen, trat an das Stehpult und malte ungeschickt sein Zeichen auf das «Papierchen», das ihm noch manches Kopfzerbrechen verursachen sollte.

Mit feierlichem Ernst zählte Messer Celsi zweihundert Zechinen auf den Tisch.

«Nimm sie, Ernesto», sagte er, als gäbe er ihm seine Tochter zur Frau, «der Messer Celsi meint es gut mit dir.»

«Ihr schenkt sie mir ja nicht!» erwiderte Ernesto, erbost über das Getue des reichen Bauern, «ich muß sie ja bis auf den letzten Soldo zurückzahlen.»

Er schüttete die Geldstücke in ein viereckiges Tuch und knüpfte dessen vier Zipfel zusammen.

Messer Celsi geleitete seinen Schuldner höflich zur Tür.

Polissena hatte Kapitän Matteo mit säuerlicher Miene begrüßt. Sie konnte ihn eigentlich gut leiden, ärgerte sich nur, weil er Benedetto immer zum Trinken anregte. Während des Mittagessens ereigneten sich zum Ergötzen der drei Gesellen einige heitere Zwischenfälle. Meister Benedetto, mutig durch den genossenen Wein, trieb Polissena in ungewohntem Befehlston zur Eile an und ließ sich durch ihre schrille Stimme nicht im mindesten einschüchtern. Kapitän Matteo, der vermitteln wollte, wurde durch eine verächtliche Handbewegung Polissenas zum Schweigen gebracht.

Trotz allem schmeckte ihnen das Mittagsmahl vorzüglich. Kapitän Matteo und Meister Benedetto hatten es sehr eilig, wieder zu ihrem Fäßchen zu kommen. Auch die drei Gesellen und Giovanni begaben sich an ihre Arbeit.

Der Himmel hatte sich dicht mit weißen Wolken bezogen. Giovanni sah den Vater kommen und lief ihm freudig entgegen. «Ich dachte schon, Ihr kommt nicht mehr, Papa», rief er. «Was du nur denkst, Giovanni!» Ernesto hob das zusammengeknüpfte Tuch und ließ die Zechinen gegeneinanderklingen. «Hörst du das?» Sein Gesicht war froh wie lange nicht. «Du bekommst schöne Kleider, und ich werde mir von Meister Benedetto ein Boot bauen lassen.» «Papa, wo habt Ihr das viele Geld her?» fragte Giovanni verwundert. «Ich hab's mir von Messer Celsi geborgt. Mach dir keine Sorgen. Ich werde jeden Tag zum Fischen hinausfahren und das Geld mit der Zeit zurückzahlen.»

Giovanni, der von Gelddingen wenig verstand, freute sich mit dem Vater.

«Komm nur, Papa. Das müssen wir gleich dem Meister Benedetto sagen. Ich werde ihn bitten, daß ich beim Bau unseres Bootes helfen kann.»

Lächelnd hinkte der Vater zu Benedettos Schuppen. Er blieb einen Augenblick stehen und sah auf die Lagune hinaus. Bald würde er wie die anderen Fischer mit seinem Boot sich auf dem Wasser wiegen, die Netze auswerfen und die Angeln legen, bei warmem und kaltem Wetter, im Regen und bei Sonnenschein. «Schön wird es, Ernesto», sprach er sich selbst Mut zu. «Schön!»

AUF DER SUCHE

DIE HOFFNUNG, DASS PAOLO LEBTE UND SICH aus irgendeinem Grunde verbarg oder sogar gefangengehalten wurde, war in Marcos Herzen noch nicht gestorben. Nach seiner Unterredung mit Giannina irrte er den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht durch die Gassen, schaute in Hafentavernen und Weinhäuser hinein, stand auf der Ponte della moneta und der Ponte della paglia, streifte über größere und kleinere Plätze, befragte Bettler und Matrosen, Brezelhändler und Soldaten und mußte sich am Ende sagen, daß es sinnlos sei, in einer Stadt mit mehr als hundertfünfzigtausend Seelen einen einzelnen Menschen finden zu wollen, von dem man nichts weiter wußte, als daß er auf unbegreifliche Weise während einer nächtlichen Bootsfahrt verschwunden war.

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