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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Sie hatte sich noch nie zuvor in ihrem Leben so geschämt. Obwohl sie nicht ausstehen konnte, daß alle anderen Zdorab behandelten, als wäre er gar nicht da, hatte sie ihn genauso behandelt. Und über seine Gefühle hatte sie keinen Gedanken verschwendet, als wären sie völlig unwichtig. Doch nachdem sie ihn nun mit ihrem geringschätzigen Eheangebot erzürnt hatte, war sie der Ansicht, ihm Unrecht zugefügt zu haben und es wiedergutmachen zu müssen. »Es tut mir leid«, sagte sie.

»Mir nicht«, sagte Zdorab. »Wir vergessen dieses Gespräch einfach, heiraten heute abend und müssen dann nicht mehr miteinander sprechen-Einverstanden?«

»Du magst mich wirklich nicht«, sagte Schedemei.

»Als ob es dich, auch nur einen Augenblick lang gekümmert hätte, ob ich oder ein anderer dich mag, solange wir dich nur nicht von deiner Arbeit abhalten.«

Schedemei lachte. »Du hast recht.«

»Anscheinend lernen wir beide uns jetzt besser kennen, aber dabei hat einer von uns mehr geleistet als der andere.«

Sie nickte und akzeptierte den Tadel. »Natürlich werden wir uns wieder unterhalten müssen.«

»Ach ja?«

»Du mußt mir zeigen, wie ich an diese Informationen über die Erde herankomme.«

»Die genetischen Daten?«

»Und die Kontinentalverschiebung. Du vergißt, daß ich Samen mitführe, die einige auf der Erde ausgestorbene Spezies ersetzen sollen. Ich muß die Form der Landmassen kennen. Und noch viel mehr.«

Er nickte. »Das kann ich dir zeigen. Solange dir klar ist, daß ich dir nur vierzig Millionen Jahre alte Extrapolationen anbieten kann. Vielleicht ist das alles hinfällig — ein kleiner Fehler am Anfang hätte mittlerweile riesige Ausmaße angenommen.«

»Du weißt doch, ich bin Wissenschaftlerin«, sagte sie.

»Und ich Bibliothekar«, sagte Zdorab. »Ich zeige dir gern, wie du an die Informationen über die Erde herankommst. Gewissermaßen durch die Hintertür — ich fand einen Weg durch die Informationen über die Landwirtschaft, über die Schweinezucht, so unglaublich es klingt. Deine Art von Arbeit trägt dazu bei, daß man sich für einfach alles interessiert. Komm, nimm mir gegenüber Platz und lege die Hand auf den Index. Ich hoffe, du bist für ihn empfänglich.«

»Einigermaßen«, sagte Schedemei. »Wetschik und Nafai haben mir alles erklärt, und ich habe bereits Informationen nachgeschlagen. Hauptsächlich arbeite ich jedoch mit meinem Computer. Ich war der Ansicht, bereits alles zu wissen, was der Index über mein Spezialgebiet enthält.«

Sie nahm ihm gegenüber Platz, er legte den Index zwischen sie, und beide beugten sich vor, stützten die Ellbogen auf den Knien ab und legten die Hände auf die goldene Kugel. Ihre Hände berührten die seinen, aber er zog sie nicht zurück, und sie zitterten auch nicht. Es waren einfach kühle, ruhige Hände, als habe er die Berührung gar nicht bemerkt.

Sie vernahm augenblicklich die Stimme des Index, die Zdorabs Fragen beantwortete und die Namen von Pfaden und Dateien und Unterdateien im,Speicher der Überseele nannte. Doch noch während die Namen aufklangen, verlor sie den Faden, denn seine Finger berührten die ihren. Nicht, daß sie etwas für ihn empfand; sie störte, daß er nichts für sie empfand. Er wußte seit über einem Monat, daß sie seine Frau werden würde oder man dies zumindest von ihnen erwartete; er hatte sie beobachtet, das hatte er ganz bestimmt. Und doch konnte sie nicht einmal einen Funken von Begierde feststellen. Er hatte ihr Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen ihnen ohne einen Anflug von Bedauern hingenommen. Und er ertrug ihre Berührung, ohne das geringste Anzeichen von sexueller Spannung zu zeigen.

Schedemei war sich nie häßlicher und weniger begehrenswert vorgekommen als in diesem Augenblick. Es war absurd t — noch vor ein paar Minuten hatte sie solche Verachtung für diesen Mann empfunden, daß ihr schlecht geworden wäre, hätte er irgendein sexuelles Interesse an ihr gezeigt. Aber er war jetzt nicht mehr derselbe, er war jetzt eine viel interessantere Person, eine intelligente Person mit einem Verstand und einem Willen, und obwohl sie ihm nicht unbedingt große Liebe oder auch nur sexuelles Verlangen entgegenbrachte, hatte sie soviel neuen Respekt für ihn, daß sein völliger Mangel an Begehren für sie schmerzhaft war.

Eine neue Wunde an der gleichen alten Stelle, die den zerbrechlichen Schorf und die alten Narben aufriß, und sie blutete erneut wegen der Schande, eine Frau zu sein, die kein Mann haben wollte.

»Du bist unaufmerksam«, sagte Zdorab.

»Es tut mir leid«, sagte sie.

Er erwiderte nichts darauf. Sie öffnete die Augen. Er sah sie an.

»Nichts«, sagte sie und wischte die Träne weg, die an ihrer unteren Wimper hing. »Ich wollte dich nicht ablenken. Können wir von vorn anfangen?«

Aber er sah nicht wieder auf den Index. »Es ist nicht so, daß ich dich nicht begehre, Schedemei.«

Was? War ihr Herz nackt, daß er durch ihre Vortäuschungen und direkt in die Quelle ihres Schmerzes sehen konnte?

»Ich begehre überhaupt keine Frau.«

Sie brauchte einen Augenblick lang, bis sie begriffen hatte. Dann lachte sie. »Du bist ein Zhop.«

»Das ist wirklich ein altes Wort für den menschlichen Anus«, sagte Zdorab ruhig. »Manche wären verletzt, wenn man sie mit so einem Ausdruck belegt.«

»Aber niemand ahnt etwas«, sagte sie.

»Ich habe mich peinlich darum bemüht, daß niemand etwas ahnt«, sagte Zdorab, »und ich lege mein Leben in deine Hände, indem ich es dir verrate.«

»Ach, so dramatisch ist das doch nicht.«

»Zwei meiner Freunde wurden in der Hundestadt getötet.«

In der Hundestadt mußten die Männer wohnen, die in Basilika keine Frau hatten; es war verboten, daß ledige Männer in der Stadt wohnten oder auch nur über Nacht dort blieben.

»Einer wurde von einem Mob ergriffen. Die Leute hatten gehört, daß er ein Zhop war, ein Päderast. Sie hingen ihn an den Füßen an einem Fenster im ersten Stock auf, schnitten seine Geschlechtsteile ab und schlitzten ihn dann mit Messern auf. Der andere wurde von einem Mann hereingelegt, der so tat, als wäre er … einer von uns. Er wurde verhaftet, aber auf dem Weg zum Gefängnis hatte er einen Unfall. Und es war ein überaus seltsamer Unfall. Er unternahm einen Fluchtversuch, und irgendwie rutschte er aus, und beim Fallen lösten sich irgendwie seine Hoden und wurden in seine Kehle gedrückt, wahrscheinlich mit einem Besenstil oder mit einem Speergriff, und er erstickte daran, bevor jemand ihm zu Hilfe eilen konnte.«

»So etwas haben sie getan?«

»Oh, ich verstehe sogar, warum. Basilika war ein schwieriger Ort für Männer. Verstehst du, wir haben einen angeborenen Drang zur Dominanz, aber in Basilika mußten wir uns mit der Tatsache abfinden, daß wir keine Kontrolle hatten, außer, wir hatten Einfluß auf eine Frau. Die Männer, die außerhalb der Mauern in der Hundestadt lebten, waren allein durch die Tatsache, daß sie nicht in der Stadt lebten, als Männer zweiter Klasse gebrandmarkt, als Männer, die die Frauen nicht haben wollten. Die Männer aus der Hundestadt lebten mit der ständigen Unterstellung, keine richtigen Männer zu sein, einer Frau kein Vergnügen bereiten zu können. Ihre Identität als Männer stand in Frage. Und so hat die Furcht und der Haß auf Zhops« — er sprach das Wort mit versengender Verachtung aus — »Ausmaße erreicht, von denen ich nirgendwo sonst gehört habe.«

»Diese Freunde waren deine … waren sie deine Liebhaber?«

»Der eine, den man verhaftet hat — er war seit einigen Wochen mein Liebhaber, und er wollte die Beziehung fortsetzen, aber das ließ ich nicht zu. Ich hatte Angst, wenn wir weitermachten, würden die Leute vermuten, was es mit uns auf sich hatte. Um unser Leben zu retten, weigerte ich mich, ihn wiederzusehen. Er ging direkt von mir in die Falle. Du siehst also, Nafai und Elemak sind nicht die einzigen, die schon jemanden getötet haben.«

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