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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Er saß auf dem Teppich, die Beine übereinander geschlagen, den Index auf dem Schoß, die Hände auf der Kugel ruhend, die Augen geschlossen. Er verbrachte jeden freien Augenblick mit dem Index — aber da er nur so wenige Freizeit hatte, war er gar nicht so oft hier. Meistens war Issib bei ihm, doch am Spätnachmittag hütete Issib den Garten — der lange Arm seines Stuhls war ziemlich wirksam, wenn es darum ging, die Paviane daran zu hindern, sich an den Melonen gütlich zu tun, und er hatte mit ihm schon Vögel aus der Luft geschlagen. Zu dieser Zeit war Zdorab allein mit dem Index, und der einzige Respekt, den die Gruppe ihm erwies, bestand darin, ihn dann in Ruhe zu lassen — vorausgesetzt, das Abendessen köchelte bereits vor sich hin, und niemand sonst wollte den Index benutzen. In diesem Fall wurde Zdorab dann beiläufig verscheucht.

Als sie ihn dort mit geschlossenen Augen sitzen sah, hätte sie fast geglaubt, daß er mit dem großen Verstand der Überseele kommunizierte. Aber dafür hatte er natürlich nicht den nötigen Grips. Er prägte sich wahrscheinlich nur die Haupteinträge des Index ein, damit er Wetschik oder Nafai oder Luet oder Schedemei helfen konnte, die Informationen zu finden, die sie suchten. Selbst bei dem Index war Zdorab nicht mehr als ein Diener.

Er sah auf. »Willst du den Index benutzen?« fragte er nachsichtig.

»Nein«, sagte sie. »Ich will mit dir sprechen.«

Erschauderte er? Eine schnelle, unwillkürliche Bewegung seiner Schultern? Nein, er hatte nur mit den Achseln gezuckt, mehr nicht.

»Ich habe erwartet, daß du mich irgendwann sprechen willst.«

»Alle erwarten es, und deshalb bin ich bis jetzt noch nicht zu dir gekommen.«

»Na schön«, sagte er. »Und warum jetzt?«

»Weil ersichtlich ist, daß in dieser Gemeinschaft die Unverheirateten im Lauf der Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten werden. Du magst damit zufrieden sein, ich aber nicht.«

»Mir ist nicht aufgefallen, daß du in Vergessenheit gerätst«, sagte Zdorab. »Bei den Beratungen hört man auf deine Stimme.«

»Sie hören mir geduldig zu«, sagte Schedemei. »Aber ich habe keinen Einfluß.«

»Niemand hat Einfluß«, sagte er. »Dies ist die Expedition der Überseele.«

»Ich habe mir schon gedacht, daß du es nicht verstehst«, sagte Schedemei. »Stelle dir diese Gemeinschaft einmal als Pavianherde vor. Du und ich, wir werden immer weiter an den Rand der Herde getrieben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir nichts mehr sind.«

»Aber das spielt doch nur eine Rolle, wenn man unbedingt jemand sein will.«

Schedemei konnte kaum glauben, daß er es mit solchen Worten ausdrückte. »Ich weiß, daß du völlig ohne Ehrgeiz bist, Zdorab, aber ich habe nicht vor, als Mensch einfach so zu verschwinden. Und mein Vorschlag ist ganz einfach. Wir lassen einfach von Tante Rasa die Zeremonie durchführen, wir teilen ein Zelt, und das ist es dann auch schon. Niemand muß wissen, was zwischen uns geschieht. Ich will keine Kinder von dir haben, und mir liegt nicht besonders viel an deiner Gesellschaft. Wir schlafen einfach in einem Zelt und werden nicht mehr an den Rand der Herde gedrängt. So einfach ist das. Einverstanden?«

»Na schön«, sagte Zdorab.

Sie hatte damit gerechnet, daß er dies sagte, daß er mitspielte. Aber wie er es gesagt hatte … Etwas sehr Unterschwelliges schwang in seinen Worten mit.

»Du hast es so haben wollen«, sagte sie.

Er sah sie verständnislos an.

»Du hast es von Anfang an so haben wollen.«

Und wieder etwas in seinem Blick …

»Und du hast Angst.«

Plötzlich blitzte es in seinen Augen wütend auf. »Jetzt hältst du dich für Huschidh, was? Du glaubst zu wissen, wie die Menschen zusammenpassen.«

Sie hatte noch nie gesehen, daß er wütend geworden war. Nicht einmal unterschwelligen Zorn hatte sie bemerkt, und ganz bestimmt keine heiße, aufblitzende Verachtung, wie sie sie jetzt erlebte. Sie hätte nie vermutet, daß es in Zdorab so eine Seite gab. Aber deshalb konnte sie ihn noch lange nicht besser leiden. Sein Verhalten erinnerte sie an das wütende Knurren eines geprügelten Hundes.

»Mir ist es wirklich gleichgültig«, sagte sie, »ob du mit mir schlafen willst oder nicht. Ich habe mich nie für Männer attraktiv gemacht — so etwas tun Frauen, die der Welt außer zwei Brüsten und einem Uterus nichts zu bieten haben.«

»Ich habe dich immer wegen deiner Arbeiten über die Genetik geschätzt«, sagte Zdorab. »Besonders wegen deiner Studie über genetische Abweichung bei sogenannten stabilen Spezies.«

Darauf hatte sie keine Antwort. Ihr war nie in den Sinn gekommen, daß jemand aus dieser Gruppe ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen gelesen, geschweige denn verstanden hätte. Sie alle hielten sie für eine Wissenschaftlerin, die wertvolle genetische Veränderungen erzeugen konnte, die man dann in fernen Städten verkaufen konnte — das war die Beziehung, die sie jahrelang mit Wetschik und seinen Söhnen gehabt hatte.

»Wenngleich ich bedauert habe, daß du damals noch keinen Zugang zu den genetischen Aufzeichnungen im Index hattest. Da er die genauen genetischen Kodes enthält, die die verschiedenen Spezies hatten, als sie die Schiffe von der Erde verließen, hätte er mehrere deiner Auffassungen bestätigen können.«

Sie war wie vor den Kopf geschlagen. »Der Index enthält solche Informationen?«

»Ich habe sie vor ein paar Jahren gefunden. Der Index wollte sie mir nicht geben. Mittlerweile kenne ich den Grund. Einiges der genetischen Informationen in seinem Speicher könnte man militärisch nutzen — man könnte Seuchen damit erzeugen. Aber es gibt Möglichkeiten, einige seiner Vorsichtsmaßnahmen zu umgehen. Ich habe sie gefunden. Ich war mir aber nie sicher, was die Überseele davon hält.«

»Und das sagst du mir erst jetzt?«

»Du hast mir nicht gesagt, daß du deine Forschungen fortsetzen willst«, sagte Zdorab. »Du hast diese Forschungsergebnisse vor Jahren veröffentlicht, als du frisch aus der Schule kamst. Es war dein erstes ernsthaftes Projekt. Ich nahm an, du wärst zu anderen Themen übergegangen.«

»Du benutzt den Index also für genetische Forschungen?«

Zdorab schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Wozu dann? Was hast du gerade studiert, als ich das Zelt betrat?«

»Die wahrscheinlichen Muster der Kontinentalverschiebung auf der Erde.«

»Auf der Erde? Die Überseele hat derart spezifische Informationen über die Erde?«

»Die Überseele wußte nicht, daß sie diese Information hatte. Ich mußte sie ihr gewissermaßen entlocken. Der Überseele sind nämlich ziemlich viele Dinge verborgen. Aber der Index hat den Schlüssel. Die Überseele war bei einigen Dingen, die ich in ihren Speichern gefunden habe, ziemlich verblüfft.«

Schedemei war so überrascht, daß sie lachen mußte.

»Du hältst das wohl für lustig«, sagte Zdorab. Er klang keineswegs amüsiert.

»Nein, ich wollte nur …«

»Es überrascht dich, daß ich außer dem Backen von Brot und dem Begraben von Fäkalien noch zu etwas anderem zu gebrauchen bin.«

Er hatte ihre vorhergehende Einstellung so genau getroffen, daß sie wütend wurde. »Es überrascht mich, daß du weißt, daß du nicht nur dazu imstande bist.«

»Du hast keine Ahnung, was ich von mir oder anderen weiß oder halte. Und du hast auch nicht versucht, es herauszufinden«, sagte Zdorab. »Du bist hier hereingekommen wie die oberste Göttin aller Pantheons und hast dich herabgelassen, mir die Ehe anzubieten, solange ich dich nicht anfasse, und erwartest auch noch, daß ich dankbar akzeptiere. Nun ja, das habe ich getan. Und du kannst mich weiterhin behandeln, als gäbe es mich gar nicht, das stört mich nicht weiter.«

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