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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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[222], die Bergvölker im Kaukasus und nun auch die Russen im Jahre 1812.

Einen derartigen Krieg nannte man Freischarenkrieg in der Annahme, durch diese Bezeichnung seine Bedeutung erklärt zu haben. Indessen deckt sich diese Art der Kriegführung nicht nur mit keiner Regel, sondern läuft geradezu einer bekannten und als unfehlbar anerkannten taktischen Vorschrift zuwider. Diese Vorschrift sagt, daß der Angreifer seine Truppen zu konzentrieren habe, um im Augenblick des Zusammenpralls stärker zu sein als der Gegner.

Der Freischarenkrieg, der, wie die Geschichte lehrt, immer erfolgreich gewesen ist, schlägt ein dieser Regel geradezu entgegengesetztes Verfahren ein.

Dieser Widerspruch erklärt sich daraus, daß die Kriegswissenschaft die Kraft eines Heeres für gleichbedeutend hält mit seiner Zahl. Die Kriegswissenschaft sagt: Je größer ein Heer, desto größer die Kraft. Les gros bataillons ont toujours raison.

Wenn die Kriegswissenschaft dies behauptet, so ist dies dasselbe, wie wenn man in der Mechanik die Kräfte nur nach dem Verhältnis ihrer Masse einschätzen und sagen wollte, daß sie einander gleich oder ungleich seien, weil ihre Massen einander gleich oder ungleich sind. Kraft – das Ausmaß der Bewegung – ist Produkt aus Masse und einer Unbekannten X.

Ebenso ist beim Kriegshandwerk die Kraft der Truppen das Produkt aus Masse und einem Unbekannten X.

Da aber die Kriegswissenschaft in der Geschichte unzählige Beispiele sieht, wo sich die Masse der Truppen nicht mit ihrer Kraft deckt, wo kleine Abteilungen große besiegen, so anerkennt sie dunkel das Vorhandensein dieser unbekannten Größe und bemüht sich, sie bald in der geometrischen Aufstellung, bald in der Bewaffnung, bald – und das ist das Gewöhnlichste – in der Genialität der Heerführer zu finden. Doch das Einsetzen der Werte all dieser Koeffizienten ergibt keine mit den geschichtlichen Tatsachen übereinstimmenden Resultate.

Indessen braucht man sich nur von der feststehenden, die Helden begünstigenden, irrigen Ansicht von der Wirksamkeit der Befehle einer Oberleitung während des Krieges loszumachen, um dieses X zu finden.

Dieses X ist der Geist der Truppen, das heißt das größere oder geringere Verlangen all der Menschen, aus denen sich ein Heer zusammensetzt, zu kämpfen und Gefahren zu bestehen, völlig unabhängig davon, ob sich diese Menschen unter dem Kommando genialer oder nichtgenialer Feldherrn schlagen, in zwei oder drei Linien aufgestellt sind und mit Knüppeln oder Flinten, die dreißig Schuß in der Minute abgeben, kämpfen. Menschen, die das denkbar größte Verlangen haben, sich zu schlagen, werden sich auch immer in die allervorteilhaftesten Kampfbedingungen zu versetzen wissen.

Der Geist der Truppen ist der Multiplikator der Masse, der als Resultat die Kraft ergibt. Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Bedeutung dieses unbekannten Multiplikators, des Truppengeistes, zu bestimmen und auszudrücken.

Diese Aufgabe zu lösen wird nur dann möglich sein, wenn wir aufhören, statt der Bedeutung der Unbekannten X willkürlich jene Bedingungen einzusetzen, unter denen die Kraft zutage tritt, wie die Befehle der Heerführer, die Bewaffnung und so weiter, und sie für den Multiplikator zu halten, wenn wir dieses X in seiner ganzen Größe anerkennen, nämlich das größere oder geringere Verlangen, zu kämpfen und sich in Gefahr zu begeben. Erst wenn wir bekannte historische Tatsachen durch Gleichungen ausdrücken und den relativen Wert dieser Unbekannten vergleichen, können wir hoffen, sie selber zu bestimmen.

Zehn Mann, Bataillone oder Divisionen haben mit fünfzehn Mann, Bataillonen oder Divisionen gekämpft und den Sieg davongetragen, das heißt, sie haben alle ohne Ausnahme getötet oder gefangengenommen und selber dabei vier von ihren zehn verloren. Folglich sind auf der einen Seite vier, auf der anderen fünfzehn umgekommen. Demnach waren vier gleich fünfzehn, also 4 x = 15 y. Folglich x:y = 15:4. Diese Gleichung ergibt nicht den Wert der Unbekannten, aber sie ergibt das Verhältnis zwischen zwei Unbekannten. Bringt man nun verschiedene geschichtliche Tatsachen – Schlachten, Feldzüge, Kriegsperioden – einzeln genommen in die Form solcher Gleichungen, so erhält man eine Reihe von Zahlen, in denen die sie bedingenden Gesetze enthalten sein müssen und enthüllt werden können.

Die taktische Regel, daß man bei einem Angriff in Massen vordringen, beim Rückzug aber einzeln zurückgehen müsse, bestätigt bloß unbewußt die Wahrheit, daß die Kraft eines Heeres nur von seinem Geist abhängt. Um Menschen ins Feuer zu führen, bedarf es einer größeren, nur durch Massenbewegung zu erreichenden Disziplin als dazu, den Verfolgern zu entrinnen. Aber diese Regel, bei der der Geist der Truppen ganz außer acht gelassen wird, erweist sich ständig als falsch und widerspricht der Wirklichkeit besonders auffällig in allen jenen Fällen, wo ein starker Aufschwung oder Verfall des Truppengeistes in Erscheinung tritt: bei allen Volkskriegen.

Obgleich sich nun nach dieser taktischen Regel die Franzosen bei ihrem Rückzug 1812 einzeln hätten zurückziehen müssen, drängen sie sich doch in Haufen zusammen, weil der Geist ihrer Truppen so gesunken ist, daß nur noch die Masse sie zusammenzuhalten vermag. Und die Russen, die umgekehrt der taktischen Regel nach in Massen hätten angreifen müssen, gehen in Wirklichkeit einzeln vor, weil ihr Geist so gehoben ist, daß selbst einzelne Leute, ohne daß jemand es ihnen befohlen oder sie dazu gezwungen hätte, auf die Franzosen losschlagen und sich allen Mühen und Gefahren unterziehen.

3

Der sogenannte Freischarenkrieg hatte begonnen, als der Feind in Smolensk eingezogen war.

Doch schon bevor diese Art des Kämpfens von unserer Regierung offiziell anerkannt worden war, hatten Kosaken und Bauern Tausende von Leuten der feindlichen Armee – Zurückgebliebene, Marodeure und Lastfahrer – ebenso instinktmäßig niedergeschlagen, wie Hunde einen zugelaufenen tollen Hund totbeißen. Denis Dawydow mit seinem russischen Urgefühl begriff als erster die ganze Bedeutung dieses furchtbaren Knüppels, der, ohne nach den Regeln der Kriegskunst zu fragen, die Franzosen niedermachte, und ihm gebührt der Ruhm, den ersten Schritt getan zu haben, um dieser Methode der Kriegführung Anerkennung zu verschaffen.

Am 24. August bildete sich unter Dawydow[223] die erste Freischar, und bald darauf entstanden viele andere. Je länger sich der Krieg hinzog, um so größer wurde die Zahl dieser Scharen.

Die Freischärler vernichteten die große Armee Stück für Stück. Sie suchten sich die welken Blätter aus, die von selbst von dem vertrockneten Baum, dem französischen Heer, abfielen, und schüttelten auch mitunter an diesem Baum selber. Im Oktober, also zu der Zeit, als die Franzosen nach Smolensk zurückflohen, gab es Hunderte solcher Freischaren von verschiedener Größe und Art. Es gab Abteilungen, die alle Gliederungen der Armee übernommen hatten, mit Infanterie, Artillerie, Generalstab und allen sonstigen Annehmlichkeiten des Lebens, dann wieder Abteilungen, die nur aus reitenden Kosaken bestanden, kleine, aus Fußvolk und Reitern gemischt, und Abteilungen von Bauern und Gutsbesitzern, von denen niemand etwas wußte. Da war ein Küster Anführer einer Freischar, die in einem Monat mehrere hundert Gefangene einbrachte, da war eine Dorfschulzenfrau Wassilissa[224], die Hunderte von Franzosen niedermachte.

Die letzten Tage des Oktober bildeten für diesen Krieg den Höhepunkt. Jene erste Periode des Krieges, in der die Freischärler noch selber über ihre Kühnheit gestaunt und jeden Augenblick gefürchtet hatten, von den Franzosen umringt und gefangen zu werden, in der sie nicht aus dem Sattel gekommen waren und sich, immer der Verfolgung gewärtig, zu Pferd in den Wäldern versteckt hatten – jene Periode war nun vorüber. Jetzt hatte diese Kriegführung schon klare Formen angenommen: alle wußten, was man sich gegen die Franzosen herausnehmen durfte und was nicht. Jetzt hielten nur noch jene Freischaren vieles für unmöglich, die mit einem Generalstab und nach allen Regeln der Kriegskunst arbeiteten und sich weitab von den Franzosen befanden. Die kleinen jedoch, denen das Handwerk schon vertraut war und die sich die Franzosen schon oft aus der Nähe angesehen hatten, hielten selbst das für möglich, woran die Führer großer Abteilungen nicht einmal zu denken wagten. Und nun gar die Kosaken und Bauern, die zwischen den Franzosen herumschlichen, die waren bereits der Ansicht, daß jetzt schlechterdings alles möglich sei.

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222

Guerilla-Kampfer in Spanien: die Bezeichnung guerilla (= kleiner Krieg) für Partisanenkrieg aus den Freiheitskämpfen der Spanier gegen Napoleon ist seither allgemein verbreitet.

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223

Denn Dawydow: vgl. Anm. 55.

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224

Wassilissa: Wassilissa Koschma, russische Bäuerin, kämpfte 1812 als Partisanenführerin gegen die Franzosen.

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