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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Sie möchten gern hinlaufen und nachsehen, wie schwer sie ihn getroffen haben. Wartet nur, ihr werdet es schon sehen. Immer nur Manöver, immer nur Offensiven! dachte er. Und wozu das? Alle wollen sich auszeichnen. Als ob das Herumschlagen etwas Vergnügliches wäre. Sie sind ganz wie die Kinder, aus denen man auch nie richtig herausbekommt, wie eine Sache verlaufen ist, weil sie alle beweisen wollen, wie gut sie sich herumzuschlagen verstehen. Aber darauf kommt es ja hier nicht an.

Und was für kunstvolle Manöver sie mir alle vorschlagen! Sie denken, wenn sie sich zwei, drei Zufälligkeiten ausgedacht haben – der Gesamtplan aus Petersburg fiel ihm ein –, dann haben sie alles überdacht. Aber wie unzählige Zufälle gibt es!

Die ungelöste Frage, ob die Wunde, die er dem Feind bei Borodino beigebracht hatte, tödlich war oder nicht, schwebte ihm schon einen ganzen Monat lang vor. Einerseits hatten die Franzosen Moskau eingenommen, andererseits aber fühlte Kutusow unzweifelhaft in tiefster Seele, daß der furchtbare Schlag, bei dem er zusammen mit ganz Rußland alle seine Kräfte angespannt hatte, tödlich sein mußte. Doch auf jeden Fall mußte er dafür Beweise haben; auf sie wartete er schon vier Wochen lang, und je mehr Zeit verging, um so ungeduldiger wurde er. Während er in schlaflosen Nächten auf seinem Bett lag, tat er dasselbe, was seine jungen Generäle taten, dasselbe, was er ihnen zum Vorwurf machte: er dachte sich ebenso wie diese jüngeren Leute alle nur möglichen Zufälle aus, nur mit dem Unterschied, daß er auf diese Annahmen nichts gründete und deren nicht zwei oder drei, sondern Tausende sah. Je weiter er überlegte, desto mehr solcher Zufälle boten sich ihm dar. Er überdachte alle nur möglichen Bewegungen der Napoleonischen Armee, der ganzen oder auch nur einzelner Teile von ihr, nach Petersburg, auf ihn zu, um ihn herum, überdachte – und das fürchtete er am meisten – die Möglichkeit, daß Napoleon ihn mit denselben Waffen bekämpfen, in Moskau bleiben und ihn erwarten könne. Er erwog sogar einen Rückzug der Napoleonischen Armee nach Medyn und Juchnow. Doch das einzige, was er nicht voraussehen konnte, war das, was in Wirklichkeit geschah: jenes sinnlose, krampfhafte Hinundherwerfen der Napoleonischen Truppen während der ersten elf Tage nach ihrem Abmarsch von Moskau, wodurch eben das ermöglicht wurde, was Kutusow damals trotz allem noch nicht zu hoffen wagte: die vollständige Vernichtung der Franzosen.

Dolochows Meldung über die Division Broussier, die Nachrichten der Freischärler über das Elend in Napoleons Armee, Gerüchte über Vorbereitungen zum Abmarsch aus Moskau – dies alles bestätigte die Annahme, daß die französische Armee geschlagen war und sich zur Flucht anschickte. Aber das waren nur Annahmen, die der Jugend wichtig schienen, nicht aber Kutusow. Er wußte aus sechzigjähriger Erfahrung, was für ein Gewicht man Gerüchten beizulegen hat, wußte, wie geschickt Leute, die irgendeine Absicht haben, alle Nachrichten so zu gruppieren verstehen, daß sie das Beabsichtigte zu bestätigen scheinen, und wußte, wie gern man in einem solchen Fall alles wegläßt, was dem entgegenläuft. Und je mehr Kutusow es wünschte, um so weniger erlaubte er sich, daran zu glauben. Aber diese Frage nahm alle seine Seelenkräfte in Anspruch. Alles übrige war für ihn nur gewohnte Lebensausfüllung. Als solche gewohnte Zeitausfüllungen und Zugeständnisse an das Leben betrachtete er seine Gespräche mit den Stabsoffizieren, seine Briefe an Madame de Stael[220], die er von Tarutino aus schrieb, das Lesen von Romanen, das Verteilen von Auszeichnungen, seinen Briefwechsel mit Petersburg und so weiter. Der Untergang der Franzosen, den nur er vorausgesehen hatte, war sein einziger Herzenswunsch.

An all dies dachte er auch in der Nacht des 11. Oktober, als er, den Kopf auf die Hand gestützt, auf seinem Bett lag.

Da rührte sich etwas im Nebenzimmer, man vernahm Tolls, Konownizyns und Bolchowitinows Schritte.

»He, wer da? Herein, kommen Sie herein! Was gibt’s Neues?« rief ihnen der Feldmarschall zu.

Während ein Lakai die Kerze anzündete, erstattete Toll über den Inhalt der Meldung Bericht.

»Wer hat diese Meldung gebracht?« fragte Kutusow mit einem Gesicht, das Toll, als die Kerze angezündet war, durch seine kalte Strenge auffiel.

»Es kann nicht daran gezweifelt werden, Durchlaucht.«

»Rufe ihn herein, hier herein.«

Kutusow saß da und hatte das eine Bein aus dem Bett heraushängen, während sein schwerer Bauch auf dem anderen ruhte, das er unterschlagen hatte. Er kniff sein sehendes Auge zusammen, um den Abgesandten besser sehen zu können, als wolle er aus dessen Zügen herauslesen, was ihn so beschäftigte.

»Sag mal, mein Lieber«, redete er Bolchowitinow mit seiner sanften Greisenstimme an, indem er das über der Brust offenstehende Hemd zusammenzog. »Komm einmal näher heran. Was bringst du mir da für Histörchen? Was? Napoleon aus Moskau fort? Ist das auch wahr? Wie?«

Bolchowitinow berichtete von Anfang an und in allen Einzelheiten, was ihm aufgetragen worden war.

»Sprich schneller, schneller, spanne mich nicht auf die Folter!« unterbrach ihn Kutusow.

Als Bolchowitinow alles berichtet hatte, schwieg er und wartete auf einen Befehl. Toll wollte etwas sagen, doch Kutusow unterbrach ihn. Er wollte sprechen, aber plötzlich bedeckte sich sein Gesicht mit Runzeln und Falten, er winkte Toll nur mit der Hand ab und wandte sich nach der anderen Seite, nach der Ecke des niederen Raumes, wo die rauchgeschwärzten Heiligenbilder hingen.

»O du mein Gott und Schöpfer! Du hast unser Gebet erhört …« sagte er mit zitternder Stimme und faltete die Hände. »Rußland ist gerettet. Ich danke dir, Herrgott.« Und er brach in Tränen aus.

18

Von der Zeit an, da Kutusow diese Nachricht erhalten hatte, beschränkt sich seine Tätigkeit bis zum Ende des Feldzuges darauf, durch Macht, List und Bitten seine Truppen von unnötigen Angriffen, Manövern und Zusammenstößen mit einem Feind zurückzuhalten, der von selber in sein Verderben rannte. Dochturow geht nach MaloJaroslawez, aber Kutusow mit der ganzen Armee zögert noch und gibt den Befehl, Kaluga zu räumen, weil ihm der Rückzug hinter diese Stadt gut ausführbar scheint.

Kutusow geht überall zurück, doch der Feind wartet sein Zurückgehen nicht ab, sondern flieht in entgegengesetzter Richtung.

Die Geschichtsschreiber Napoleons schildern uns dessen kunstvolles Manöver bei Tarutino und Malo-Jaroslawez und werfen die Frage auf, was geworden wäre, wenn es Napoleon gelungen wäre, in die reichen südlichen Provinzen einzudringen.

Aber ganz abgesehen davon, daß nichts Napoleon gehindert hat, in diese südlichen Provinzen vorzudringen, da die russische Armee ihm ja den Weg freigab, vergessen diese Geschichtsschreiber ganz, daß Napoleons Heer durch nichts mehr zu retten war, weil es schon damals die sicheren Bedingungen des Verderbens in sich trug. Warum hätte diese Armee, die in Moskau so überreiche Lebensmittel vorgefunden und sie sich nicht zu bewahren gewußt, sondern sie mit Füßen getreten hatte, warum hätte diese Armee, die in Smolensk den Proviant nicht regelrecht zusammengetragen, sondern geraubt hatte, warum hätte diese Armee im Gouvernement Kaluga besser verfahren sollen, das doch mit ebensolchen Russen wie Moskau besiedelt war und wo das Feuer dieselbe Eigenschaft besaß, das zu verbrennen, was man ansteckte?

Diese Armee konnte nirgends besser werden. Seit der Schlacht bei Borodino und der Plünderung Moskaus trug sie die Keime der Zersetzung in sich.

Die Mannschaften dieser einstmaligen Armee flohen mit ihren Führern, ohne selber zu wissen wohin, nur in dem einen Wunsch, den Napoleon ebenso wie jeder Soldat hatte: die eigene Person sobald wie möglich aus dieser trostlosen Lage zu retten, die sie, wenn auch unklar, jetzt doch alle erkannten.

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220

Madame de Staeclass="underline" A. L. G. de Stael (1766-1817), französische Schriftstellerin, erklärte Gegnerin Napoleons, weshalb sie 1802 Frankreich verlassen musste. 1812 hielt sie sich eine Zeitlang in Moskau und Petersburg auf.

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