Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Petja drehte flink seinen Kopf hin und her und blickte, bemüht, nichts Wichtiges zu versäumen, bald auf den kleinen Tambour, bald auf Denissow, bald auf den Kosakenhauptmann und bald auf die Franzosen, die den Weg entlang nach dem Dorf zogen.
»Ob nun Dolochow kommt oder nicht, nehmen müssen wir den Transport! … Nicht wahr?« sagte Denissow mit lustig blitzenden Augen.
»Die Stelle ist günstig«, erwiderte der Kosakenhauptmann.
»Die Infanterie schicken wir dort unten vor, durch die Sümpfe«, fuhr Denissow fort. »Die schleichen bis an den Garten heran. Sie mit ihren Kosaken reiten dort herum«, Denissow zeigte auf einen Wald hinter dem Dorf, »und ich mit meinen Husaren hier. Und dann auf einen Schuß …«
»Durch das Tal wird es nicht gehen, dort ist Sumpf«, erwiderte der Kosakenhauptmann. »Da bleiben die Pferde stecken, wir müssen mehr nach links …«
Während sie so halblaut miteinander sprachen, krachte unten im Tal am Teich ein Schuß, ein Rauchwölkchen stieg auf, dann knallte es noch einmal, und man hörte das freudige, einstimmige Aufschreien von Hunderten von Franzosen, die sich auf dem Abhang befanden. Im ersten Augenblick fuhren Denissow und der Kosakenhauptmann zurück. Sie waren so nahe, daß es ihnen vorkam, als seien sie der Grund dieser Schüsse und dieses Geschreis. Doch das Schießen und Schreien galt nicht ihnen: unten durch die Sümpfe lief ein Mann, der etwas Rotes anhatte. Offenbar schossen und schrien die Franzosen seinetwegen.
»Das ist ja unser Tichon«! rief der Kosakenhauptmann.
»Bei Gott, das ist er!«
»So ein Halunke!« brummte Denissow.
»Er kommt durch!« rief der Kosakenhauptmann und kniff die Augen zusammen.
Der Mann, den sie Tichon nannten, lief an den kleinen Fluß und stürzte sich hinein, daß das Wasser hoch aufspritzte. Eine Weile blieb er verschwunden, dann kroch er, ganz schwarz vom Schlamm, auf allen vieren wieder ans Ufer und lief weiter. Die Franzosen, die hinter ihm her waren, machten halt.
»Ein Sapperlotskerl!« sagte der Kosakenhauptmann.
»So eine Bestie!« murmelte Denissow mit demselben ärgerlichen Ausdruck.
»Was hat er nur so lange gemacht?«
»Wer ist denn das?« fragte Petja.
»Das ist unser Schleichposten. Ich hatte ihn ausgeschickt, um einen ›Aussager‹ zu fangen.«
»Ach so, ja, ja«, sagte Petja und nickte schon bei Denissows ersten Worten, als sei ihm alles klar, obgleich er in Wirklichkeit gar nichts davon verstand.
Tichon Schtscherbaty war einer der nützlichsten Leute in der ganzen Freischar. Er war ein Bauer aus Pokrowskoje bei Gshatj. Als Denissow zu Anfang seiner Tätigkeit nach Pokrowskoje gekommen war und, wie immer, den Dorfschulzen gerufen und gefragt hatte, was ihm über die Franzosen bekannt sei, hatte dieser, als wolle er sich entschuldigen, wie alle Schulzen, zur Antwort gegeben, er wisse von nichts und habe nichts gesehen. Doch nachdem Denissow ihm erklärt hatte, sein Ziel sei, die Franzosen zu schlagen, und an ihn die Frage gerichtet hatte, ob der Feind sich nicht auch hier gezeigt habe, antwortete der Schulze, »Mirodeure« seien allerdings dagewesen, aber bei ihnen im Dorf gebe sich nur ein Mann mit solchen Dingen ab, und das sei Tischka Schtscherbaty. Denissow ließ nun diesen Tichon zu sich rufen, lobte ihn wegen seines Eifers und sagte in Gegenwart des Schulzen noch ein paar Worte über Treue gegen Kaiser und Vaterland und Haß gegen die Franzosen, deren sich alle Söhne Rußlands zu befleißigen hätten.
»Wir tun den Franzosen nichts Böses«, erklärte Tichon, der durch diese Worte Denissows sichtlich zaghaft geworden war. »Wir haben nur sozusagen aus Liebhaberei mit diesen Bürschchen unsern Schabernack getrieben. ›Mirodeure‹ haben wir allerdings zu Dutzenden totgeschlagen, aber etwas Böses haben wir ihnen nicht angetan …«
Als Denissow, der diesen Bauer bereits vollständig vergessen hatte, am nächsten Tag von Pokrowskoje aufbrach, wurde ihm gemeldet, Tichon sei bei der Freischar geblieben und bitte, mitziehen zu dürfen. Denissow befahl, ihn unter seinen Leuten zu lassen.
Tichon, der anfänglich mit groben Arbeiten wie Feuer anzünden, Wasser holen, Pferde abhäuten und dergleichen beschäftigt wurde, legte bald große Lust und Fähigkeit zum Freischärlerkrieg an den Tag. Nachts ging er auf Beute aus und brachte jedesmal französische Uniformen oder Waffen mit und, wenn es ihm befohlen worden war, auch Gefangene. Denissow befreite Tichon von den schweren Arbeiten, nahm ihn mit sich auf Patrouille und zählte ihn den Kosaken bei.
Tichon saß nicht gern auf einem Pferd, ging lieber zu Fuß, blieb aber nie hinter den Berittenen zurück. Seine Waffenausrüstung bestand aus einer Muskete, die er mehr zum Spaß trug, einer Pike und einem Beil, das er zu handhaben verstand wie ein Wolf seine Zähne, mit denen dieser ebenso leicht einen Floh aus seinem Fell holt, wie er dicke Knochen zerbeißt. So spaltete Tichon, weit ausholend, mit seinem Beil gleich sicher einen Balken, wie er, das Beil am Kopf fassend, feine Holzkeile schnitt und Löffel schnitzte. In Denissows Freischar nahm er eine Ausnahmestellung ein. Sollte etwas besonders Schwieriges und Garstiges ausgeführt werden: war eine Fuhre, die im Schmutz steckengeblieben war, durch Anstemmen der Schulter wieder flottzumachen, war ein Gaul am Schwanz aus dem Sumpf zu ziehen, ein totes Pferd abzuhäuten, sollte einer mitten unter die Franzosen schleichen oder fünfzig Werst an einem Tag zurücklegen, so wiesen alle immer lachend auf Tichon.
»Was macht das diesem Satan aus, der mit seiner Pferdenatur«, sagte man von ihm.
Einmal hatte ein Franzose, den Tichon zum Gefangenen gemacht hatte, mit der Pistole auf ihn geschossen und ihn in die Weichteile des Rückens getroffen. Diese Wunde, die Tichon von außen wie von innen nur mit Branntwein heilte, wurde zum Gegenstand der lustigsten Späße in der ganzen Abteilung, auf die Tichon auch selber gern einging.
»Na, Bruder, hast wohl nun die Nase voll? Hat’s bei dir eingeschlagen?« fragten ihn lachend die Kosaken.
Tichon krümmte sich übertrieben, zog Grimassen, stellte sich grimmig und schimpfte in den komischsten Redewendungen auf die Franzosen. Doch dieser Vorfall hatte auf Tichon den Einfluß, daß er nach seiner Verwundung seltener Gefangene einbrachte.
Tichon war der nützlichste und tapferste Mensch in der ganzen Freischar. Niemand entdeckte öfter Gelegenheiten zu Überfällen, niemand fing und erschlug mehr Franzosen als er, und infolgedessen war er der Possenreißer für alle Kosaken und Husaren und spielte selbst gern diese Rolle. Auch jetzt hatte Denissow Tichon noch in der Nacht nach Schamschewo geschickt, um einen »Aussager« zu fangen. War er nun mit nur einem Franzosen nicht zufrieden gewesen oder hatte er es in der Nacht verschlafen – genug, er war am Tag durchs Gebüsch mitten unter die Franzosen geschlichen und nun, wie Denissow vom Berg aus sah, von ihnen entdeckt worden.
6
Nachdem Denissow noch einige Zeit mit dem Kosakenhauptmann über den Überfall von morgen gesprochen hatte, zu dem er jetzt bei der Nähe der Franzosen endgültig entschlossen zu sein schien, wandte er sein Pferd und ritt zurück.
»Na, Bruder, jetzt wollen wir zureiten und uns trocknen«, sagte er zu Petja.
Auf dem Weg nach dem Wächterhäuschen im Wald machte Denissow plötzlich noch einmal halt und spähte in den Wald hinein. Zwischen den Bäumen ging mit großen leichten Schritten ein Mann mit langen Beinen und langen, pendelnden Armen in Jacke, Bastschuhen und Kasanschem Hut dahin, eine Flinte über der Schulter und ein Beil im Gürtel. Als dieser Mann Denissow erblickte, warf er eilig etwas in die Büsche, nahm seinen nassen Hut mit der herunterhängenden Krempe ab und trat auf den Vorgesetzten zu. Es war Tichon. Sein pockennarbiges faltiges Gesicht mit den kleinen, zusammengekniffenen Augen strahlte selbstzufrieden und froh. Er warf den Kopf zurück und blickte Denissow starr an, als ob er ein Lachen unterdrücken wollte.