Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Vierzehnter Teil
1
Die Schlacht bei Borodino, die darauf folgende Besetzung Moskaus und dann die Flucht der Franzosen, ohne daß eine weitere Schlacht stattgefunden hätte, gehören zu den lehrreichsten Erscheinungen, die uns die Weltgeschichte bietet.
Alle Geschichtsschreiber sind darüber einig, daß sich das Wirken der Staaten und Völker nach außen hin bei Zusammenstößen durch Kriege bekundet, und daß unmittelbar auf Grund der größeren oder kleineren Erfolge im Krieg die politische Macht eines Staates oder Volkes größer oder geringer wird.
Wie seltsam es in den geschichtlichen Schilderungen auch klingen mag, daß ein König oder Kaiser, der sich mit einem anderen König oder Kaiser gezankt hat, ein Heer sammelt, sich mit dem Heer seines Feindes schlägt, den Sieg davonträgt, drei-, fünf- oder zehntausend Menschen hinmordet und sich dadurch den feindlichen Staat und ein ganzes Volk von mehreren Millionen unterwirft, wie unbegreiflich es auch ist, warum eine Niederlage des Heeres allein, also bloß eines Hundertstels der gesamten Volkskraft, einen Staat zur Unterwerfung zwingen kann – so bestätigen doch alle Tatsachen der Geschichte, soweit sie uns bekannt ist, die Richtigkeit der Behauptung, daß größere oder kleinere Erfolge im Krieg der Grund oder wenigstens die wesentlichsten Anzeichen der wachsenden oder schrumpfenden Macht eines Volkes sind. Hat das Heer einen Sieg errungen, so dehnen sich sogleich die Rechte des siegreichen Volkes auf Kosten des besiegten aus; hat es eine Niederlage erlitten, so sieht sich das ganze Volk je nach dem Grad dieser Niederlage sogleich seiner Rechte beraubt und muß sich bei einer vollständigen Niederlage seines Heeres gänzlich unterwerfen.
So war es, wie die Geschichte lehrt, von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Alle Kriege Napoleons dienen dieser Tatsache zur Bestätigung. Nach dem Grad der eignen Niederlagen verlor Österreich seine Rechte, während die Rechte und Kräfte Frankreichs dadurch wuchsen. Der Sieg der Franzosen bei Jena und Auerstedt machte der selbständigen Stellung Preußens ein Ende.
Und nun ereignet sich im Jahre 1812 plötzlich dies: die Franzosen siegen vor Moskau, nehmen die Stadt ein, und als Folge davon hört, ohne daß eine neue Schlacht geliefert worden wäre, nicht etwa Rußland auf zu existieren, sondern die sechsmalhunderttausend Mann starke französische Armee und gleich darauf das ganze Napoleonische Frankreich. Den Grundsätzen der Geschichte zuliebe den Tatsachen Gewalt anzutun und zu behaupten, das Schlachtfeld bei Borodino sei in den Händen der Russen geblieben, oder es seien nach der Einnahme Moskaus noch weitere Schlachten geschlagen worden, die die Napoleonische Armee vernichtet hätten, ist unmöglich.
Nach der Schlacht bei Borodino fand weder eine Generalschlacht noch überhaupt irgendein Zusammenstoß von Bedeutung statt, und das französische Heer hörte dennoch auf zu existieren. Was bedeutet das? Wäre dies ein Beispiel aus der Geschichte Chinas, so könnten wir sagen, dieser Fall sei kein historischer – die gewöhnliche Ausrede der Geschichtsschreiber, wenn ihnen etwas nicht in den Kram paßt –, hätte es sich um einen vorübergehenden Zusammenstoß gehandelt, an dem nur eine geringe Anzahl Truppen teilgenommen hätte, so könnten wir diese Erscheinung für eine Ausnahme halten. Aber dieses Ereignis vollzog sich vor den Augen unserer Väter, für die es über Leben und Tod ihres Vaterlandes die Entscheidung brachte, und dieser Kampf war einer der größten aller Kriege, die wir kennen,
Die Periode im Feldzug des Jahres 1812 von der Schlacht bei Borodino bis zur Vertreibung der Franzosen hat bewiesen, daß eine gewonnene Schlacht nicht nur kein Grund zu Eroberungen, sondern nicht einmal ein zuverlässiges Anzeichen dafür ist, und daß die Kraft, die das Schicksal der Völker entscheidet, nicht auf Eroberungen, ja nicht einmal auf Armeen und Schlachten fußt, sondern auf etwas ganz anderem.
Französische Geschichtsschreiber, die uns die Lage ihrer Armee vor dem Abmarsch aus Moskau schildern, behaupten, daß bei diesem großen Heer mit Ausnahme der Kavallerie, Artillerie und des Trains alles in Ordnung gewesen sei, es habe eben nur an Futter für Pferde und Zugtiere gefehlt. Und diesem Mangel sei auch nicht abzuhelfen gewesen, da die Bauern der Umgegend ihr Heu verbrannt hätten, statt es den Franzosen auszuliefern.
Die gewonnene Schlacht zeitigte nicht die gewohnten Resultate, weil die Bauern Karp und Wlas, die nach dem Einzug der Franzosen mit ihren Fuhrwerken nach Moskau kamen, um in der Stadt zu plündern, und die auch sonst keine heldenmütigen Gefühle an den Tag legten, ihr Heu ebenso wie die ungezählten anderen Bauern für all das gute Geld, das man ihnen bot, nicht in die Stadt fuhren, sondern lieber verderben ließen oder verbrannten.
Stellen wir uns zwei Männer vor, die nach allen Regeln der Fechtkunst mit dem Degen ein Duell ausfechten. Der Kampf hat schon eine ziemliche Weile gedauert. Da fühlt sich der eine verwundet, sieht ein, daß es kein Scherz ist, sondern um Leben und Tod geht, wirft den Degen beiseite, greift nach dem ersten besten Knüppel und fängt an, mit diesem um sich zu schlagen. Stellen wir uns weiter vor, daß dieser Kämpfer, der sich so vernünftig des besten und einfachsten Mittels zur Erreichung seines Zweckes bedient hat, später, weil er für die Überlieferungen des Rittertums schwärmt, den wahren Sachverhalt verheimlichen und darauf bestehen wollte, daß er den Sieg nach allen Regeln der Kunst mit dem Degen errungen habe. Man kann sich vorstellen, was für eine Verwirrung und Unklarheit aus einer solchen Darstellung des Duells entspringen würde.
Der Fechter, der den Kampf nach allen Regeln der Kunst herausforderte, waren die Franzosen, sein Gegner, der den Degen beiseite warf und zum Knüppel griff, waren die Russen, die Leute, die sich Mühe geben, alles nach den Regeln der Kunst zu erklären, sind die Historiker, die dieses Ereignis beschrieben haben.
Mit dem Brand von Smolensk hatte ein Krieg eingesetzt, der mit keiner Tradition früherer Kriege zu vergleichen war. Das Einäschern der Städte und Dörfer, der Rückzug nach gewonnener Schlacht, der Schlag bei Borodino und dann nochmals der Rückzug, der Brand Moskaus, das Abfangen der Marodeure, die Wegnahme von Transporten, der Freischärlerkrieg – dies alles waren Abweichungen von der Regel.
Napoleon fühlte dies, und seit der Zeit, da er sich in der regelrechten Pose eines Fechters in Moskau hingestellt und gesehen hatte, daß der Gegner statt des Degens einen Knüppel über seinem Haupt schwang, beklagte er sich ununterbrochen bei Kutusow und Kaiser Alexander darüber, daß der Krieg gegen alle Regeln geführt werde, als ob es für das Hinmorden von Menschen Regeln gäbe. Doch trotz aller Klagen der Franzosen über das Mißachten der Kriegsregeln, und obgleich es auch allen Russen höheren Standes aus irgendeinem Grund beschämend schien, mit dem Knüppel dreinzuschlagen, und sie lieber nach allen Regeln der Kunst eine Quart- oder Terzlage eingenommen oder einen kunstvollen Ausfall in der Prime gemacht hätten, erhob sich der Knüppel des Volkskrieges mit all seiner drohenden, majestätischen Kraft, fragte nach niemands Geschmack und nach keinerlei Regeln, sondern erhob sich in dummer Einfalt, aber Zweckmäßigkeit, ohne viel zu bedenken, schlug zu und verprügelte die Franzosen so lange, bis das ganze Invasionsheer niedergemacht war.
Und Dank sei unserem Volk, das nicht wie die Franzosen im Jahre 1813 nach allen Regeln der Kunst salutiert, den Degen umgewendet und ihn anmutig und höflich einem großmütigen Sieger übergeben hat, sondern im Augenblick der Prüfung, ohne zu fragen, nach welchen Regeln andere Völker in ähnlichen Fällen losgeschlagen haben, mit Einfalt und Harmlosigkeit zum ersten besten Knüppel gegriffen und mit ihm so lang losgedroschen hat, bis sich das Gefühl der Erbitterung und Rache in seiner Seele in Verachtung und Mitleid aufgelöst hatte.
2
Eine der handgreiflichsten und vorteilhaftesten Abweichungen von den sogenannten Kriegsregeln ist das Vorgehen Vereinzelter gegen eng zusammengeschlossene Menschenhaufen. Ein solches Verfahren tritt immer dann in Erscheinung, wenn der Krieg einen volkstümlichen Charakter annimmt. Es besteht darin, daß sich die Mannschaften, statt Haufe gegen Haufe vorzugehen, auflockern, einzeln angreifen und sofort fliehen, wenn größere Kräfte über sie herfallen, dafür aber später, sobald sich wieder eine Gelegenheit bietet, von neuem angreifen. So machten es die Guerilla-Kämpfer in Spanien