Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
16
Es war eine dunkle, warme, herbstliche Nacht. Seit vier Tagen regnete es schon. Nachdem Bolchowitinow zweimal die Pferde gewechselt und in anderthalb Stunden dreißig Werst auf der schmutzigen, versumpften Straße zurückgelegt hatte, langte er um zwei Uhr nachts in Letaschowka an. Er stieg vor dem Haus ab, an dessen Flechtzaun ein Schild »Generalstab« hing, gab sein Pferd einem Kosaken und trat in den dunklen Hausflur.
»Schnell zum General vom Dienst! Etwas sehr Wichtiges!« sagte er zu einem Burschen, der sich in dem dunklen Flur schnarchend erhob.
»Der Durchlauchtige war am Abend sehr krank und hat schon die dritte Nacht nicht geschlafen«, flüsterte die Stimme des Burschen, der für seinen Herrn besorgt war. »Sie sollten schon zuerst den Hauptmann wecken.«
»Es ist etwas sehr Wichtiges vom General Dochturow«, sagte Bolchowitinow, tastete nach der Tür, öffnete sie und trat ein.
Der Bursche ging voran und weckte jemanden.
»Euer Wohlgeboren! Euer Wohlgeboren! Ein Kurier!«
»Wie? Was? Von wem?« fragte eine verschlafene Stimme.
»Von Dochturow und von Alexej Petrowitsch. Napoleon ist in Fominskoje«, erwiderte Bolchowitinow. Er konnte zwar in der Dunkelheit den, der ihn gefragt hatte, nicht sehen, vermutete aber dem Klang der Stimme nach, daß es nicht Konownizyn sei.
Der Mann, den man geweckt hatte, gähnte und dehnte sich.
»Ich möchte ihn nicht aufwecken«, sagte er und tastete nach etwas. »Er ist nicht wohl. Vielleicht sind es nur Gerüchte.«
»Hier ist die Meldung«, versetzte Bolchowitinow. »Ich habe den Befehl, sie unverzüglich dem General vom Dienst zu übergeben.«
»Warten Sie, ich mache gleich Licht. Wo kramst du nur immer alles hin, du verflixter Kerl?« wandte er sich an den Burschen und dehnte sich wieder. Es war Schtscherbinin, der Adjutant Konownizyns. »Da ist es, ich habe es gefunden«, fügte er dann hinzu.
Der Bursche schlug Feuer. Schtscherbinin tastete nach dem Leuchter.
»Ach, diese elenden Kerle«, murmelte er mit Abscheu.
Beim Schein der Funken erblickte Bolchowitinow das junge Gesicht Schtscherbinins, der das Licht in der Hand hielt, und vorn in der Ecke noch einen zweiten Menschen, der schlief. Das war Konownizyn.
Als der Schwefelfaden vom Zunder angebrannt war und erst in blauer, dann in roter Flamme brannte, zündete Schtscherbinin die Talgkerze an, während die Schaben, die sie benagt hatten, am Leuchter hinunterliefen. Dann betrachtete er den Boten. Bolchowitinow war ganz mit Schmutz bedeckt, und auch sein Gesicht war, da er es mit dem Ärmel abgewischt hatte, gänzlich beschmiert.
»Wer hat denn die Meldung gemacht?« fragte Schtscherbinin und nahm den Brief entgegen.
»Es ist eine zuverlässige Nachricht«, antwortete Bolchowitinow. »Sowohl die Gefangenen als auch die Kosaken und die Kundschafter, alle sagen einstimmig dasselbe.«
»Da hilft nichts, da muß ich ihn doch wecken«, stöhnte Schtscherbinin und ging zu dem Mann in der Nachtmütze hin, der sich mit seinem Mantel zugedeckt hatte.
»Peter Petrowitsch!« rief er. Konownizyn rührte sich nicht. »Für den Generalstab!« fügte er hinzu und lächelte, weil er wußte, daß diese Worte ihn sicherlich aufwecken würden.
Und wirklich, der Kopf in der Nachtmütze fuhr augenblicklich in die Höhe. Konownizyns hübsches, energisches Gesicht mit den wie vom Fieber geröteten Wangen behielt noch einen Augenblick den wirklichkeitsfernen Ausdruck der Verträumtheit bei, dann aber fuhr er plötzlich zusammen, und sein Gesicht nahm den gewohnt ruhigen und festen Ausdruck an.
»Nun, was gibt’s? Von wem?« fragte er sogleich, doch nicht hastig, und blinzelte gegen das Licht.
Nachdem er die Meldung des Offiziers angehört hatte, erbrach Konownizyn den Brief und las ihn durch. Kaum hatte er ihn gelesen, als er mit den Beinen, die in wollenen Strümpfen steckten, auf den Lehmboden niederfuhr und sich die Stiefel anzuziehen begann. Dann nahm er die Nachtmütze ab, strich sich das Schläfenhaar glatt und zog den Uniformrock an. »Bist du schnell hergelangt? Komm mit zum Durchlauchtigen.«
Konownizyn hatte sogleich begriffen, daß die eingelaufene Meldung von großer Wichtigkeit war und man nicht säumen durfte. Ob sie gut oder schlecht schien, daran dachte er nicht und fragte auch nicht danach. Das interessierte ihn nicht. Er betrachtete alle Kriegsangelegenheiten nicht mit seinem Verstand, nicht mit seiner Urteilskraft, sondern auf andere Weise. Er hatte im Herzen die feste, unausgesprochene Überzeugung, daß alles gut enden werde, doch daß man dem nicht allzu sehr vertrauen und noch weniger davon sprechen dürfe, sondern nur seine Pflicht zu tun habe. Und diese seine Pflicht erfüllte er und widmete ihr alle seine Kräfte.
Peter Petrowitsch Konownizyn wird ebenso wie Dochturow gewissermaßen nur anstandshalber auf der Liste der sogenannten Helden des Jahres 1812 zwischen den Namen Barclay, Rajewskij, Jermolow, Platow, Miloradowitsch und anderen geführt, stand ebenso wie Dochturow im Ruf eines Menschen von äußerst beschränkten Fähigkeiten und Kenntnissen, entwarf ebenso wie Dochturow niemals Schlachtenpläne, ist aber immer da zu finden, wo die Lage am schwierigsten ist. Seit er zum diensttuenden General ernannt worden war, schlief er immer bei offener Tür und hatte befohlen, daß jeder Bote ihn wecken solle. Während der Schlacht war er immer im Feuer, so daß Kutusow ihm deswegen Vorwürfe machte und Angst hatte, ihn irgendwohin zu schicken. So war er ebenso wie Dochturow eines der unscheinbaren Zahnräder, die, ohne hin und her zu fahren und Lärm zu machen, den wesentlichsten Teil einer Maschine bilden.
Als Konownizyn aus der Hütte in die feuchte, dunkle Nacht hinaustrat, zog er die Stirn kraus, teils weil seine Kopfschmerzen ärger geworden waren, teils wegen der unangenehmen Gedanken, die ihm jetzt in den Sinn kamen, wenn er sich vorstellte, in was für eine Aufregung alle diese einflußreichen Persönlichkeiten vom Stabe bei dieser Nachricht geraten würden, besonders Bennigsen, der seit Tarutino mit Kutusow bis aufs Messer verfeindet war; wie sie Vorschläge machen, sich streiten, Befehle erteilen und Veränderungen vornehmen würden. Und dieses Vorgefühl war ihm unangenehm, obgleich er wußte, daß es ohne dies nicht abging.
Und wirklich fing Toll, den er aufsuchte, um ihm diese neue Nachricht mitzuteilen, auch sogleich an, einem General, mit dem er zusammen wohnte, seine Ansichten auseinanderzusetzen, bis Konownizyn, der schweigend und müde zuhörte, ihn daran erinnerte, daß sie zum Durchlauchtigen gehen mußten.
17
Wie alle alten Leute schlief auch Kutusow in den Nächten wenig. Am Tag nickte er oft plötzlich einmal ein, aber nachts legte er sich unausgekleidet aufs Bett, überließ sich seinen Gedanken und schlief meist nicht.
So lag er auch jetzt auf seinem Bett, den schweren, großen, unförmigen Kopf in die fleischige Hand gestützt, blickte mit dem einen offenen Auge in die Dunkelheit und grübelte.
Seit Bennigsen mit dem Kaiser in brieflicher Verbindung stand, die größte Macht im Stabe besaß und ihm aus dem Weg ging, war Kutusow in einer Beziehung ruhiger geworden: nämlich, daß man ihn und das Heer nun nicht wieder zwingen werde, an einer zwecklosen Offensive teilzunehmen. Und dann dachte er, daß die Lehre der Schlacht bei Tarutino und des vorhergegangenen Tages, der ihm noch schmerzlich im Gedächtnis haftete, doch auch nicht ohne Wirkung bleiben könne.
Sie müssen doch einsehen, daß wir nur verlieren, wenn wir angreifen. Geduld und Zeit – das sind meine Kämpen im Streit! dachte Kutusow. Er wußte, daß man den Apfel nicht pflücken darf, solange er noch grün ist. Er fällt von selber ab, wenn er reif ist; pflückt man ihn aber grün, so schadet man nicht nur dem Apfel, sondern auch dem Baum und beißt sich selber die Zähne stumpf. Als erfahrener Jäger wußte er, daß das Wild verwundet war, und zwar so verwundet, wie nur die ganze russische Kraft verwunden konnte; ob aber die Wunde tödlich war oder nicht, das war noch eine ungeklärte Frage. Jetzt, nach Lauristons und Berthémys Sendung und nach den Meldungen der Freischärler, war sich Kutusow beinahe sicher, daß es tödlich verwundet war. Aber es fehlten noch die Beweise, man mußte noch warten.