Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Pierre kehrte um, aber nicht zu dem Lagerfeuer, nicht zu seinen Kameraden, sondern zu einer abgespannten Fuhre, wo niemand war. Er schlug die Beine unter, senkte den Kopf, setzte sich neben das Rad des Wagens auf die kalte Erde und blieb so regungslos und in Gedanken versunken lange sitzen. Über eine Stunde verging. Niemand störte ihn. Plötzlich fing er mit seiner satten, gutmütigen Stimme so laut zu lachen an, daß sich von verschiedenen Seiten die Leute erstaunt nach diesem seltsamen Lachen umsahen, das offenbar von einem Einsamen herrührte.
»Ha-ha-ha«, lachte Pierre und sagte dann laut vor sich hin: »Ein Soldat läßt mich nicht durch. Haben mich festgenommen, eingesteckt, halten mich gefangen. Wen? Mich? Mich? Meine unsterbliche Seele! … Hahaha! … Ha-ha-ha!« lachte er wieder, und Tränen traten ihm in die Augen.
Ein Mann stand auf und kam, um nachzusehen, worüber dieser seltsame dicke Mensch so allein lachte. Pierre hörte auf zu lachen, stand auf, ging weiter von dem Neugierigen weg und sah sich um.
Das riesengroße, endlose Biwak, das soeben noch vom lauten Lärm der prasselnden Feuer und schwatzenden Menschen erfüllt gewesen war, lag jetzt ganz still. Die roten Lagerfeuer waren niedergebrannt und verblichen. Hoch am hellen Himmel stand der Vollmond. Wälder und Felder, die man vorher außerhalb des Lagers nicht hatte sehen können, traten jetzt in der Ferne hervor. Und noch hinter diesen Feldern und Wäldern sah man die helle, gaukelnde, endlose Ferne, die lockend rief. Pierre blickte zum tiefen Himmel empor, wo die Sterne wandelten und blitzten. Und all das ist mein, ist in mir, und alles das bin ich! dachte er. Und all das haben sie eingefangen und in einen Schuppen gesperrt, der mit Brettern vernagelt ist! Und er lächelte und ging zu seinen Kameraden und legte sich schlafen.
15
In der ersten Hälfte des Oktobers kam zu Kutusow noch ein Parlamentär mit einem Friedensangebot und einem Brief Napoleons, der, um Kutusow irrezuführen, noch aus Moskau datiert war, während sich Napoleon schon nicht mehr weit von Kutusow auf der alten Kalugaer Straße befand. Kutusow gab auf diesen Brief dieselbe Antwort wie auf den ersten, der ihm von Lauriston überbracht worden war: er erwiderte, von Frieden könne gar nicht die Rede sein.
Kurz darauf lief aus Dolochows Freischärlerabteilung, die links von Tarutino marschierte, die Meldung ein, daß sich in Fominskoje Truppen gezeigt hätten, daß diese Truppen aus der Division Broussier bestünden und, da sie von anderen Heeresabteilungen getrennt seien, leicht zu Boden geschlagen werden könnten. Soldaten und Offiziere verlangten vorzugehen. Die Generäle vom Stab, denen die Erinnerung an den leichten Sieg bei Tarutino noch in den Nerven lag, drängten Kutusow, Dolochows Vorschlag anzunehmen. Kutusow dagegen hielt jeden Angriff für unnütz. Man wählte den Mittelweg. Es kam, wie es kommen mußte: eine kleine Abteilung wurde nach Fominskoje geschickt, die Broussier angreifen sollte.
Durch einen merkwürdigen Zufall erhielt diesen Auftrag, der, wie sich später zeigen sollte, äußerst schwierig und hochwichtig war, Dochturow, gerade jener bescheidene, kleine Dochturow, den uns niemand beschrieben hat, wie er vor den Regimentern hergeflogen sei oder Schlachtenpläne entworfen oder Orden auf die Batterien geworfen habe und so weiter, den alle für unentschlossen und wenig scharfsinnig hielten, aber derselbe Dochturow, den wir während aller Kriege Rußlands mit den Franzosen, von Austerlitz bis zum Jahre 1813, immer als Befehlshaber überall da finden, wo die Lage schwierig wird. Bei Austerlitz bleibt er als letzter auf dem Damm von Aujesd, sammelt die Regimenter und rettet, was er kann, in einem Augenblick, als alles flieht und untergeht und kein einziger General bei der Nachhut zu finden ist. Das Fieber hat ihn gepackt, und doch zieht er nach Smolensk, um mit zwanzigtausend Mann die Stadt gegen Napoleons ganze Armee zu verteidigen. In Smolensk ist er kaum am Malochowtor unter Fieberschauern eingeschlummert, als ihn die Kanonade gegen Smolensk wieder aufweckt: und Smolensk hält sich einen ganzen Tag. Als in der Schlacht bei Borodino Bagration gefallen ist und die Truppen unseres linken Flügels im Verhältnis von neun zu eins zusammengeschmolzen sind, als sich die ganze Kraft der französischen Artillerie nur auf die eine Stelle richtet – auch da schickt man keinen anderen, sondern gerade den unentschlossenen, wenig scharfsinnigen Dochturow hin, und Kutusow, der schon einen anderen entsandt hatte, beeilt sich, diesen Fehler wieder gutzumachen. Und so reitet der kleine, stille Dochturow hin, und Borodino wird der schönste Ruhmestag für das russische Heer. Viele Helden sind uns in Liedern und in Prosa geschildert worden, aber über Dochturow verlautet fast kein Wort.
Wieder wird Dochturow hingeschickt, nach Fominskoje und von dort aus nach Malo-Jaroslawez, an den Ort, wo der letzte Kampf mit den Franzosen stattgefunden hat, wo der Untergang der Franzosen bereits offenkundig seinen Anfang nimmt, und wieder werden uns während dieser Zeit des Feldzugs viele geniale Führer und Helden beschrieben, und wieder hören wir über Dochturow kein Wort oder nur weniges, nur Zweifelhaftes. Doch dieses Totschweigen Dochturows beweist uns offenkundiger als alles seinen Wert.
Es ist ganz natürlich, daß ein Mensch, der den Bau einer Maschine nicht kennt, glaubt, wenn er sie in Betrieb sieht, daß ihr wichtigster Teil jenes Spänchen ist, das durch Zufall hineingeriet und nun aufgeregt darin herumfährt, aber den Gang der Maschine nur stört. Ein Mensch, der den Bau der Maschine nicht kennt, kann nicht begreifen, daß nicht dieses störende, Unheil stiftende Spänchen, sondern jenes kleine, vermittelnde Zahnrad, das sich lautlos dreht, einer der wesentlichsten Teile der Maschine ist.
Am 10. Oktober, am selben Tag, an dem Dochturow den halben Weg bis Fominskoje zurückgelegt und in dem Dorf Aristowo haltgemacht hatte, um dort alle Vorbereitungen zur pünktlichen Ausführung des ihm erteilten Befehls zu treffen, schwenkte die ganze französische Armee, die in krampfhafter Bewegung, angeblich um eine Schlacht zu liefern, bis zu Murats Stellung vorgedrungen war, plötzlich ohne Grund nach rechts auf die neue Kalugaer Straße ab und marschierte auf Fominskoje zu, wo Broussier bisher allein gestanden hatte. Dochturow hatte zu der Zeit unter seinem Kommando außer Dolochows Freischar nur die beiden kleinen Abteilungen Figners und Seslawins.
Am Abend des 11. Oktober kam Seslawin mit einem gefangenen französischen Gardisten nach Aristowo zu seinem Oberkommando. Der Gefangene sagte aus, daß die Truppen, die heute nach Fominskoje gekommen seien, die Vorhut der ganzen großen Armee seien, daß Napoleon selber hier stehe und die ganze Armee schon vor fünf Tagen von Moskau ausgerückt sei. Am selben Abend erzählte ein herrschaftlicher Diener, der aus Borowsk gekommen war, er habe dem Einzug eines gewaltigen Heeres in der Stadt beigewohnt. Auch Kosaken aus Dolochows Abteilung meldeten, sie hätten französische Garde gesehen, die auf dem Weg nach Borowsk vorgerückt sei. Aus allen diesen Berichten trat offen zutage, daß dort, wo man nur eine Division zu finden geglaubt hatte, jetzt die ganze französische Armee stand, die aus Moskau abgerückt war und unerwartet die Richtung nach der alten Kalugaer Straße eingeschlagen hatte. Dochturow wollte nichts unternehmen, da ihm nicht recht klar war, worin nun seine Pflicht bestand. Ihm war befohlen, Fominskoje anzugreifen. Doch in Fominskoje war bisher nur Broussier gewesen, jetzt stand die ganze französische Armee dort. Jermolow wollte nach eignem Gutdünken handeln, aber Dochturow bestand darauf, er müsse erst einen Befehl vom Durchlauchtigen haben. So wurde beschlossen, dem Stab eine Meldung zu schicken.
Dazu wählte man einen einsichtsvollen Offizier namens Bolchowitinow, der außer der schriftlichen Meldung eine mündliche Darstellung der ganzen Sache überbringen sollte. Um zwölf Uhr nachts sprengte Bolchowitinow, nachdem er den Brief und den mündlichen Auftrag erhalten hatte, von Kosaken mit Ersatzpferden begleitet, zum Generalstab davon.