Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Uber Benedettos Gesicht flog ein freudiges Leuchten; gleich darauf aber wiegte er bedenklich den Kopf. «Wie bringen wir's nur an Land, ohne daß es die Alte merkt?» fragte er besorgt.
Jetzt war es Kapitän Matteo, der in ein dröhnendes Lachen ausbrach, und Benedetto, der ihn beschwor, doch leise zu sein.
«Wird schon gemacht», sagte Matteo, nachdem er sich beruhigt hatte. «Verlaß dich auf mich!»
Giovanni hatte die Gespräche und Gebärden der beiden aus einiger Entfernung beobachtet. Jetzt sah er zu seinem großen Erstaunen, daß sie in dem Schuppen verschwanden, den weder die Meisterin noch die Gesellen betreten durften. Der Besitzer der schwarzen Barke schien bei Meister Benedetto gut angeschrieben zu sein.
Die beiden Männer, von Jugend an befreundet, sprachen dem Wein zu und tauschten alte Erinnerungen aus. Meister Benedettos schlaue, gutmütige Augen glänzten schon verdächtig, als der Krug zur Neige ging. Aber seine Gedanken arbeiteten klar.
«Muß ja ein kräftiger Kerl gewesen sein, der dich so zugerichtet hat», sagte er.
Kapitän Matteo sah nachdenklich auf die Werkbank. «Es ist schade um ihn. Ich kann mir das gar nicht erklären, aber er hat mir, auf den ersten Blick gefallen…» «Gefallen hat er dir?» fragte Benedetto zweifelnd. Doch Matteo zeigte keine Lust mehr, über das nächtliche Erlebnis zu sprechen. Die Erinnerung daran erzeugte Traurigkeit und Unlust in ihm.
«Hast du keinen Wein mehr?» fragte er rauh. Benedetto drehte bekümmert den Krug um.
Durch die Ritzen und Löcher der Bretter schienen die Sonnenstrahlen und zeichneten flirrende Bahnen in dem umherfliegenden Holzstaub. «Krummbein, komm mal her!» rief Matteos dröhnende Stimme. «Giovanni! Giovanni!» schrie Meister Benedetto. Flüsternd gab Kapitän Matteo dem herbeigeeilten krummbeinigen Steuermann eine Anweisung.
Giovanni erhielt den Auftrag, der Meisterin die Ankunft Kapitän Matteos zu melden und ihr mitzuteilen, daß er zum Mittagessen bleiben würde.
Die Meisterin nahm die Nachricht mit grimmigem Gesicht auf; denn sie wußte genau, daß eine Begegnung zwischen Benedetto und Matteo zu einem feuchtfröhlichen Trinkgelage zu führen pflegte. Die Gesetze der Gastfreundschaft verboten ihr jedoch, das zu sagen, was sie auf der Zunge hatte.
Der Krummbeinige schleppte indes mit größter Geschwindigkeit das Fäßchen mit Wein von Bord und übergab es Meister Benedetto, der es in den dunkelsten Winkel des Schuppens stellte.
«So, das hätten wir geschafft», sagte er aufatmend, nahm den Krug und hielt ihn unter den hölzernen Zapfen.
«Ein Göttergeräusch, hörst du, Matteo?»
Der Wein fiel in vollem Strahl auf den Boden des Kruges. Andächtig lauschte Meister Benedetto.
Draußen spielte der Wind mit den kleinen Wellen, klopften die Gesellen gegen das Holz, raschelte das welkende Laub.
«Kannst du denn ein Boot bauen, ohne den Wein zu lieben?» philosophierte Benedetto. «Sag, Matteo, kann man das?»
«Trink nur, Benedetto!» erwiderte der Kapitän. Und seine Knollennase glühte im Vorgefühl des edlen Trunkes.
Giovannis Vater war, als sein Junge die Tür hinter sich geschlossen hatte, mühsam aufgestanden und auf einem Bein zum Fenster gehüpft.
Da ging Giovanni, ohne sich umzusehen, schwenkte sein Werkzeugbündel und summte ein Lied oder wunderte sich über den mürrischen Vater. Von den Obstbäumen im Vorgarten fielen gelbe Blätter auf die fruchtbare, schwarze Erde, Herbstblumen blühten, Spatzen lärmten in den Zweigen, und die ersten Sonnenstrahlen mühten sich, Licht und Frohsinn in das Grübeln des Einsamen zu tragen.
Da ging Giovanni in geschenkten Strümpfen und plumpen Schuhen, die er ihm aus einer geschenkten Ziegenhaut, so gut er es eben konnte, angefertigt hatte.
Ernesto sah seinem Jungen nach, bis er zwischen den Bäumen, die sich wie eine Pforte öffneten und in der Ferne schlossen, immer kleiner wurde und nicht mehr zu sehen war.
Eine Schar Krähen, gestört durch einen flüchtenden Hasen, flog von den Äckern auf und ließ sich in einiger Entfernung nieder. Totenvögel! Schwarz und häßlich, ungeschickt im Flug.
Der Palast des Grafen Este steht am Canal Grande, weißer Marmor spiegelt sich stolz im Wasser; eine Barke, mit Teppichen reich geschmückt, legt an der Riva an, der Graf reicht seiner Dame die Hand, führt sie die Stufen hinauf und streicht im Vorbeigehen über den glatten, rotgeäderten Marmorblock, der Ernestos Bein zerschmettert hat.
Ernesto, die Hände auf das Fensterbrett gestützt, sah hinaus, ohne die Bäume, die Äcker, die Blumen, die Sonne wahrzunehmen.
Pietro, Gianninas Vater, ging vorbei und grüßte. Die Glashütte wartete auf ihn. Er fühlte zwischen den Fingern geschliffenes Spiegelglas.
Ernesto schloß die Augen. Die Stube wartete auf ihn, die Bank am Kamin wartete auf ihn, die Krücken warteten auf ihn. Es schmerzte, auf einem Bein zu stehen. Manchmal verlor er das Gleichgewicht und stürzte, aber Hände und Arme waren stark und fingen den Fall auf.
Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, auf einem Bein zu gehen. Es war auch nicht leicht. Selbst für den geduldigen Ernesto war es nicht leicht.
Elena, Gianninas Mutter, eilte vorbei und grüßte ihn. Sie ging zum Kloster, um Geflügel zu rupfen, Wein aus dem Keller zu holen und eine Botschaft nach Venedig zu tragen.
In Venedig war Karneval.
Ernesto hüpfte zur Bank zurück.
Das Fenster war klein, und die Stube war groß; wenig Licht fiel herein. Wo die Sonnenstrahlen lagen — auf dem Tisch, dem gestampften Fußboden, dem gemauerten Grund des Kamins — war jedes Stäubchen zu sehen.
Ernesto dachte an Marietta, an ihre Augen, die so hell wie die Giovannis gewesen waren. Sie ruhte auf der Friedhofsinsel San Michele, abseits von den in Stein gemeißelten Grabdenkmälern, in einem stillen grünen Eckchen. Er war seit seinem Unfall nicht mehr dagewesen und nahm sich vor, in den nächsten Tagen, bevor er das andere Leben begann, ihr Grab aufzusuchen.
Giovannis ernstes Gesicht, seine Gestalt, die zwischen den hohen Bäumen verschwunden war, mahnten ihn. Steh auf, Ernesto, schieb es nicht mehr länger auf!
Er griff zu den Krücken, schob sie unter die Arme und schwang sich zur Tür. Mit einer keimenden Hoffnung im Herzen stand er vor dem Haus.
Der Morgen war hell und von einem frischen Wind durchweht. Ernesto machte sich auf den Weg. Die Glasbläser, die ihn fast alle kannten, riefen ihm ermunternde Worte zu.
«Sieht man dich auch mal wieder?»
«Kommst ja schneller vorwärts als wir, Ernesto!»
«Mach dir nichts daraus, Ernesto, dir fehlt ein Bein, und uns geht die Lunge kaputt.»
Er antwortete ihnen und beschleunigte seine Schritte. Es ging besser, als er gedacht hatte. Was für einen Sinn hatte es auch, am Kamin zu sitzen und Trübsal zu blasen? Er mußte sich endlich damit abfinden, daß er nicht mehr als Steinbauer arbeiten konnte. Natürlich fiel es ihm schwer, zum Messer Celsi zu gehen und um zweihundert Zechinen zu bitten. Er machte sich Vorwürfe, daß er das Geld damals nicht genommen hatte. Messer Celsi würde jetzt auf dem hohen Roß sitzen und Bedingungen diktieren, die sicher schlechter ausfielen als beim ersten Angebot.
Ernesto versuchte den Gedanken an die bevorstehende Unterredung auszuweichen, indem er beobachtete, was links und rechts des Weges geschah. Drei schwarze Kühe weideten auf einer Wiese; im Umkreis eines Baumes, der auf dem Rasen stand und weit sein Blätterdach ausbreitete, lag gelbes Laub. Zwei Hunde wälzten sich spielend am Boden, sprangen auf, umkreisten einander und liefen ausgelassen davon. Auf den Äckern arbeiteten Knechte und Mägde.
Als Ernesto gemeldet wurde, saß Messer Celsi gerade bei seinem reichhaltigen Frühstück. Das Frühstück war für ihn so wichtig wie der Gottesdienst, den er regelmäßig mit seiner Frau besuchte. Er schob die schwarze Haarsträhne aus der Stirn und leckte sich die fetttriefenden Lippen ab. Heute gab es keinen Kapaun; Messer Celsi wollte in Zukunft jeden Morgen gebratenen Speck essen, weil ihm ein Apotheker in Venedig verraten hatte, daß diese Speise die Verstandeskräfte schärfe, während der Genuß von Kapaunenfleisch das Gehirn träge mache.