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Die Suche nach dem Auge der Welt

Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:

In dem abgeschiedenen Dorf Emondsfelde erzählt man sich noch immer die alten Geschichten um den Dunklen König und die Magierinnen der Aes Sedai, die das Rad der Zeit drehen. Niemand ahnt, auch der junge Bauernsohn Rand al'Thor nicht, wieviel Wahrheit in diesen Legenden steckt. Dann jedoch berfallen blutrnstige Trollocs, die Häscher des Dunklen Königs, das Dorf und brennen den Bauernhof von Rands Familie nieder. Die Magierin Moiraine verhilft dem Jungen in letzter Minute zur Flucht. Eine phantastische Reise beginnt, während der Rand in sein Schicksal hineinwachsen wird, der Wiedergeborene Drache und der Retter der Welt zu sein ... Dieser Band vereint — wie in der Originalausgabe — den kompletten Auftakt zu Robert Jordans Meisterwerk Das Rad der Zeit.
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Er verdrehte sich noch ein bißchen mehr auf dem Stuhl und legte den Kopf zurück auf die Lehne. Tam war sein Vater, und niemand konnte ihm befehlen, was er seinem Vater zu erzählen oder nicht zu erzählen hatte. Er mußte nur wach bleiben, bis Tam erwachte. Er mußte nur...

9

Was das Rad sagt...

Rands Herz raste, weil er so schnell rannte. Voller Grauen starrte er auf die kahlen Hügel, die ihn umgaben. Dies war kein Ort, an dem der Frühling nur sehr spät einzog; hier hatte es nie einen Frühling gegeben, und es würde nie Frühling werden. Nichts wuchs in der kalten Krume, die unter seinen Stiefeln knirschte; nicht einmal kleine Flechten zeigten sich. Er stolperte vorbei an Felsbrocken, die zweimal so hoch waren wie er. Die Steine waren mit Staub überzogen, als hätte sie noch nie ein Regentropfen berührt. Die Sonne war ein angeschwollener blutroter Feuerball, feuriger noch als am heißesten Sommertag, und hell genug, um ihm die Augen zu versengen, und sie hob sich grell vom bleiernen Kessel des Himmels ab, an dem von Horizont zu Horizont scharf umrissene silberne und schwarze Wolken einherrollten und kochten. Trotz der vielen wirbelnden Wolken war jedoch kein Hauch einer Brise über dem Land zu spüren, und trotz der bösartigen Sonne brannte die Luft vor Kälte wie im tiefsten Winter.

Rand blickte beim Rennen oft über die Schulter zurück, doch er konnte seine Verfolger nicht sehen. Nur öde Hügel und zerklüftete schwarze Berge. Aus vielen dieser Erhebungen stiegen hohe schwarze Rauchsäulen, die sich mit den einherschwellenden Wolken vereinten. Zwar konnte er seine Jäger nicht sehen, doch er hörte sie, wie sie hinter ihm herheulten. Kehlige Stimmen schrien ihre Jagdlust heraus, heulten in Vorfreude auf das Blut, das bald fließen würde. Trollocs. Sie kamen näher, und seine Kraft war beinahe am Ende.

In verzweifelter Eile kletterte er zur Spitze eines scharfkantigen Grats hinauf und fiel dort mit einem Ächzen auf die Knie. Unter ihm befand sich eine steile Felswand, eine tausend Fuß hohe Klippe, die in eine riesige Schlucht abstürzte. Dicke Nebelschwaden bedeckten den Boden der Schlucht. Die dichte graue Masse rollte in zornigen Wellen, schlug gegen die Klippe unter ihm und brach sich daran, doch viel langsamer, als sich je eine Welle im Ozean bewegt hatte. Nebelfetzen glühten für einen Augenblick rot auf, als flammten unter ihnen große Feuer, und dann erstarb die Glut wieder. Donner grollte in den Tiefen der Schlucht, und Blitze zuckten durch das Grau. Manchmal zuckten die Blitze nach oben gen Himmel.

Es war nicht die Schlucht selbst, die ihm die Kraft aussaugte und die verbleibende Leere mit Hilflosigkeit füllte. Aus dem Mittelpunkt des zornigen Wolkengewühls erhob sich ein Berg, höher als alle, die er je in den Verschleierten Bergen gesehen hatte, ein Berg, so schwarz wie der Verlust aller Hoffnung. Diese düstere Steinspitze, ein Dolch, der den Himmel erstach, war der Ursprung seines Verderbens. Er hatte ihn nie zuvor gesehen, aber er wußte es. Die Erinnerung daran entschlüpfte ihm wie Quecksilber, als er sie zu fassen versuchte, aber sie war vorhanden. Er wußte, daß sie da war.

Unsichtbare Finger berührten ihn, zupften an seinen Armen und Beinen, versuchten, ihn zu dem Berg hinzuziehen. Sein Körper zuckte, bereit, zu gehorchen. Arme und Beine versteiften sich ihm, als könne er seine Finger und Zehen in den Stein eingraben. Geisterfäden wickelten sich um sein Herz, zogen ihn, riefen ihn hin zu dem aufragenden Berg.

Tränen rannen ihm über das Gesicht, und er sackte zu Boden. Er fühlte, wie sein Wille zerrann wie Wasser aus einem löchrigen Eimer. Nur ein wenig länger, und er würde gehen, wohin er gerufen wurde. Er würde gehorchen und tun, was man ihm befahl. Plötzlich entdeckte er ein weiteres Gefühclass="underline" Zorn. Schieb ihn, zieh ihn — er war doch kein Schaf, das man zum Pferch trieb. Der Zorn verknotete sich in ihm, und er klammerte sich daran, wie er sich in der Flut an ein Floß geklammert hätte.

Diene mir, flüsterte eine Stimme in seinen gelähmten Verstand hinein. Eine wohlbekannte Stimme. Wenn er genau genug hinhörte, da war er sicher, würde er sie erkennen. Diene mir. Er schüttelte den Kopf in dem Versuch, die Stimme loszuwerden. Diene mir! Er schwang die Faust in Richtung auf den schwarzen Berg zu. »Das Licht verschlinge dich, Shai'tan!«

Plötzlich lag der Geruch des Todes in der Luft. Eine Gestalt ragte über ihm auf mit einem Mantel von der Farbe getrockneten Blutes, eine Gestalt mit einem Gesicht... Er wollte das Gesicht nicht sehen, das auf ihn herunterblickte. Er wollte nicht an dieses Gesicht denken. Es tat weh, daran zu denken, verbrannte seinen Verstand zu Asche. Eine Hand streckte sich nach ihm aus. Es war ihm gleich, ob er über die Kante des Abgrunds fiel. Er warf sich aus dem Weg dieser Hand. Er mußte weg. Weit weg. Er fiel, schlug in der Luft um sich, wollte schreien und hatte den Atem dazu nicht. Er bekam keine Luft mehr.

Mit einem Mal war er nicht mehr in dem unfruchtbaren Land und fiel auch nicht mehr. Seine Stiefel trampelten über winterbraunes Gras, das wie ein Blumenteppich wirkte. Er lachte beinahe vor Glück, als er vereinzelte Bäume und Büsche sah, obwohl sie kahl waren; Punkte auf einer welligen Ebene, die ihn nun umgab. In einiger Entfernung ragte ein einzelner Berg auf, der Gipfel zerbrochen und gespalten, doch dieser Berg strahlte weder Angst noch Verzweiflung aus. Es war einfach ein Berg, wenn er auch ziemlich fehl am Platz wirkte, da kein weiterer Berg sichtbar war.

Ein breiter Strom floß vor dem Berg vorbei, und auf einer Insel in der Mitte dieses Stroms stand eine Stadt wie aus der Erzählung eines Gauklers, eine Stadt, eingeschlossen von hohen Mauern, die unter der warmen Sonne weiß und silbern glänzten. Erleichterung und Freude erfaßten ihn, als er sich den Mauern näherte. Er wußte irgendwie, daß er dahinter Ruhe und Geborgenheit finden würde. Beim Näherkommen entdeckte er himmelsstürmende Türme, viele von ihnen durch erstaunliche Stege miteinander verbunden. Hohe Brücken schwangen sich von beiden Flußufern zu der Inselstadt. Sogar aus dieser Entfernung erkannte er das kunstvoll durchbrochene Gemäuer der Pfeiler. Es schien zu zerbrechlich, um der starken Strömung zu widerstehen, die unter ihnen hinweg rauschte. Jenseits dieser Brücken lag die Sicherheit. Zuflucht.

Plötzlich rann ihm ein Schauer durch die Gebeine, seine Haut wurde eisig klamm und die ihn umgebende Luft modrig und feucht. Ohne zurückzublicken, rannte er los, rannte weg vor dem Verfolger, dessen eisige Finger seinen Rücken streiften und an seinem Umhang zupften, rannte weg vor der lichtfressenden Gestalt mit dem Gesicht, das... Er konnte sich an das Gesicht nicht erinnern, sah es nur als eine Maske des Schreckens. Er wollte sich nicht an das Gesicht erinnern. Er rannte, und der Boden glitt unter seinen Füßen davon, wellige Hügel und flache Ebene... Und er wollte heulen wie ein übergeschnappter Hund. Die Stadt entfernte sich von ihm. Je schneller er rannte, desto weiter weg trieben die leuchtenden weißen Mauern und die Sicherheit. Sie wurde kleiner und kleiner, bis nur ein blasser Fleck am Horizont übrig war. Die kalte Hand seines Verfolgers griff nach seinem Kragen. Er wußte: Berührten ihn diese Finger, dann würde er dem Wahn verfallen. Oder noch schlimmer. Viel schlimmer. Und in dem Moment, als ihn dieses Bewußtsein überfiel, stolperte und stürzte er... »Neeeiiin!« schrie er...

... und japste, als er auf die Pflastersteine aufschlug, daß ihm die Luft wegblieb. Erstaunt stand er auf. Er stand in der Auffahrt zu einer jener wundervollen Brücken, die er gesehen hatte, wie sie den Strom überspannten. Lächelnde Menschen gingen auf beiden Seiten an ihm vorbei, Menschen, die in so viele verschiedene Farben gekleidet waren, daß er an ein Feld wild wachsender Blumen erinnert wurde. Einige von ihnen sprachen ihn an, doch er verstand sie nicht, obwohl die Worte klangen, als sollte er sie verstehen. Aber die Gesichter waren freundlich, und die Menschen winkten ihm zu, er solle weitergehen — über die Brücke mit den kunstvoll verzierten Steingeländern und weiter zu den leuchtenden, mit Silber durchsetzten Mauern und den Türmen dahinter. In die Sicherheit, die auf ihn wartete.

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