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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich will sie doch gleich einmal fragen«, meinte Pierre, erhob sich und ging auf die Tür der Baracke zu.

Doch in dem Augenblick, als Pierre auf die Tür zuschritt, trat von außen mit zwei Soldaten jener Korporal herein, der Pierre am Tag zuvor seine Pfeife angeboten hatte. Sowohl der Korporal als auch die Soldaten waren marschmäßig ausgerüstet, mit Tornister und Tschakos, mit heruntergebundenen Schuppenbändern, was den wohlbekannten Gesichtern einen ganz anderen Ausdruck verlieh.

Der Korporal kam zur Tür herein, um sie auf Befehl seines Vorgesetzten abzuschließen. Vor dem Abmarsch mußten die Gefangenen noch einmal gezählt werden.

»Korporal, was wird aus dem Kranken?« fing Pierre an.

Doch während Pierre dies sagte, fing er an zu zweifeln, ob dies der ihm bekannte Korporal oder ein fremder Mensch war, so anders sah der Franzose in diesem Augenblick aus. Außerdem ertönten, gerade als er zu sprechen begann, von zwei Seiten Trommelwirbel. Der Korporal runzelte bei Pierres Worten die Stirn, murmelte ein paar sinnlose Schimpfworte vor sich hin und warf die Tür zu. In der Baracke wurde es halbdunkel. Von beiden Seiten wirbelten schrill die Trommeln und übertönten das Stöhnen des Kranken.

Da ist es! … Wieder das! sagte sich Pierre, und unwillkürlich lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. In dem veränderten Gesicht des Korporals, im Klang seiner Stimme, in dem aufregenden und betäubenden Wirbeln der Trommeln erkannte er jene geheimnisvolle, unerbittliche Kraft, die die Menschen gegen ihren Willen zwingt, ihresgleichen zu morden, jene Kraft, deren Wirkung er bei der Hinrichtung kennen gelernt hatte. Furcht zu zeigen, sich zu bemühen, dieser Kraft zu entrinnen, oder sich mit Bitten und Vorstellungen an die Menschen zu wenden, die ihr zum Werkzeug dienten, war nutzlos. Das wußte Pierre jetzt. Man mußte warten und dulden. Darum ging Pierre nicht wieder zu dem Kranken hin und sah ihn nicht wieder an. Stumm und finster blieb er an der Tür der Baracke stehen.

Als die Tür dann geöffnet wurde und die Gefangenen wie eine Hammelherde, einander drückend und stoßend, hinausdrängten, schob sich Pierre durch sie hindurch und trat auf jenen Hauptmann zu, der nach der Versicherung des Korporals bereit war, alles für Pierre zu tun. Auch der Hauptmann war feldmarschmäßig ausgerüstet, und aus seinem kalten Gesicht blickte ebenfalls dieses Etwas, das Pierre aus den Worten des Korporals und aus dem Trommelwirbel herausgehört hatte.

»Marsch, marsch«, sagte der Hauptmann streng und finster und musterte die an ihm vorbeidrängenden Gefangenen.

Pierre wußte, daß sein Versuch vergeblich sein werde, aber er trat doch an ihn heran.

»Eh bien, was gibt’s?« fragte der Offizier und blickte Pierre kalt an, als kenne er ihn nicht.

Pierre sagte etwas von dem Kranken.

»Er wird schon laufen können, hol ihn der Teufel!« erwiderte der Hauptmann. »Marsch, marsch!« fuhr er fort, ohne Pierre zu beachten.

»Aber er liegt doch im Sterben …« wollte Pierre wieder anfangen.

»Machen Sie, daß Sie …« schrie der Hauptmann wütend und mit finsterem Gesicht Pierre zu.

Tram-ta-ta-tam, tam-tam, wirbelten die Trommeln. Und Pierre begriff, daß sich die geheimnisvolle Macht schon ganz dieses Menschen bemächtigt hatte, und daß es somit zwecklos war, noch etwas zu sagen.

Die gefangenen Offiziere wurden von den Mannschaften getrennt und erhielten den Befehl, voranzugehen. Es waren dreißig Offiziere, unter ihnen auch Pierre, und dreihundert Soldaten.

Die gefangenen Offiziere, die aus anderen Baracken kamen und Pierre fremd waren, trugen alle bessere Kleidung als er und sahen ihn in seinen Schuhen mißtrauisch und befremdet an. Nicht weit von Pierre ging ein dicker Major mit aufgeschwemmtem, gelbem, zornigem Gesicht; er trug einen Kasanschen Rock, der mit einem Handtuch umgürtet war, und schien sich der allgemeinen Achtung seiner gefangenen Kameraden zu erfreuen. Die eine Hand mit dem Tabaksbeutel hatte er in die Brust gesteckt, mit der anderen stützte er sich auf ein Pfeifenrohr. Prustend und schnaufend brummte er vor sich hin und ärgerte sich über alle, weil ihm schien, als ob alle stießen und vorwärtshasteten, wo doch gar nichts zu hasten war, und als ob alle sich über etwas wunderten, wo es doch gar nichts zu verwundern gab. Ein anderer Offizier, ein kleiner, dürrer Mensch, fing mit allen Unterhaltungen an und stellte Mutmaßungen auf, wohin sie wohl geführt und wie weit sie wohl heute kommen würden. Ein Beamter in Filzstiefeln und Kommissarsuniform lief von einer Seite auf die andere, überblickte das eingeäscherte Moskau und verkündete laut seine Beobachtungen, was abgebrannt sei, und ob das dieser oder jener Stadtteil sei, der noch zu sehen war. Ein dritter Offizier, seiner Sprache nach polnischer Herkunft, stritt sich mit dem Beamten herum und suchte ihm zu beweisen, daß er sich in der Bezeichnung der Stadtteile irre.

»Worüber streitet ihr da?« fragte ärgerlich der Major. »Ob das nun Nikolaj oder Blasius war, ist doch ganz einerlei. Ihr seht ja, es ist alles abgebrannt, und damit Schluß … Was stoßen Sie mich denn, haben Sie vielleicht nicht Platz genug?« wandte er sich wütend an seinen Hintermann, der ihn gar nicht gestoßen hatte.

»O je, o je, o je! Was haben sie da angerichtet!« hörte man dennoch bald hier, bald dort die Gefangenen ausrufen, wenn sie nach der Brandstätte hinschauten. »Der ganze Stadtteil hinter der Moskwa und Subowo und der Kreml … Seht nur, die halbe Stadt ist ein Trümmerhaufen. Ich habe euch gleich gesagt, daß der ganze Stadtteil hinter der Moskwa niedergebrannt ist, und so ist es auch!«

»Na, wenn ihr denn schon wißt, daß alles abgebrannt ist, warum schwatzt ihr denn dann immer wieder davon«, brummte der Major.

Als sie durch Chamowniki[216], einen der wenigen Stadtteile Moskaus, die nicht niedergebrannt waren, und an der Kirche vorbei marschierten, drängte der ganze Trupp der Gefangenen plötzlich nach der einen Seite, und man hörte Ausrufe des Entsetzens und des Abscheus.

»Pfui, diese Bestien! Das sind doch die reinen Heiden! Ein Toter, wirklich ein Toter … mit etwas beschmiert haben sie ihn!«

Auch Pierre ging an die Kirche heran, wo sich das befand, was den Gefangenen diese Ausrufe entlockt hatte, und sah undeutlich, daß etwas gegen die Kirchenmauer gelehnt war. Aus den Worten seiner Kameraden, die es besser sehen konnten als er, entnahm er, daß es ein menschlicher Leichnam war, den man aufrecht an die Mauer gelehnt und dem man das Gesicht mit Ruß geschwärzt hatte.

»Marchez, sacré nom … Filez … trente mille diables …« hörte man das Schimpfen der Geleitmannschaften, und mit erneuter Wut trieben die französischen Soldaten mit ihren Seitengewehren den Trupp Gefangener auseinander, die den Leichnam betrachteten.

14

Durch die Gassen und Gäßchen von Chamowniki marschierten die Gefangenen mit ihrer Begleitmannschaft allein, hinterher fuhren die Wagen und Fuhrwerke, die dieser Mannschaft gehörten. Doch als sie bei den Proviantmagazinen aus den Gassen herauskamen, gerieten sie mitten in eine gewaltige, gedrängt vorrückende Artilleriekolonne, die mit Privatfuhren untermischt war.

Dicht vor der Brücke[217] machten alle halt und warteten, bis die Vordermänner hinüber waren. Von der Brücke aus konnten die Gefangenen vor und hinter sich endlose Reihen anderer Wagenzüge sehen, die sich ebenfalls vorwärtsschoben. Zur Rechten, dort, wo die Kalugaer[218] Landstraße um den Neskutschnygarten biegt und sich dann in der Ferne verliert, zogen sich endlose Reihen von Truppen und Bagagewagen hin. Es waren die Truppen des Korps Beauharnais, die früher als alle anderen aufgebrochen waren, und weiter hinten, die Uferstraße entlang und über die Kamennybrücke zogen die Truppen und Fuhrparkkolonnen Neys.

Die Truppen Davousts, zu denen die Gefangenen gehörten, marschierten über die Krimfurt und waren schon zum Teil bis auf die Kalugaer Straße vorgedrungen. Aber die Fuhren zogen sich so lang hin, daß die letzten Wagen Beauharnais’ noch nicht aus Moskau heraus auf die Kalugaer Straße gekommen waren, als die ersten Truppen Neys bereits aus der großen Ordynka

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216

Chamowniki: Stadtteil im Südwesten Moskaus.

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217

vor der Brücke: die Krimskijbrücke über die Moskwa.

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218

die Kalugaer Straße: jenseits der Brücke große Ausfallstraße in den Süden.

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