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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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[219] herauskamen.

Auf der Krimfurt konnten sich die Gefangenen nur schrittweise vorwärtsbewegen, blieben stehen und rückten dann wieder ein wenig vor. Von allen Seiten drängten sich Menschen und Wagen immer enger zusammen. Sie brauchten für die wenigen Schritte von der Brücke bis zu der Kalugaer Straße über eine Stunde. Als sie auf den Platz hinauskamen, wo die Straßen von Samoskworetschje auf die Kalugaer Straße einmünden, machten die Gefangenen, zu einem dichten Haufen zusammengedrängt, halt und blieben an diesem Kreuzweg einige Stunden lang stehen. Wie das Rauschen des Meeres hörte man von allen Seiten ununterbrochen das Rattern der Räder und Stampfen der Füße sowie ein ständiges wütendes Anschreien und Schimpfen. Pierre stand an die Mauer eines ausgebrannten Hauses gelehnt und lauschte diesem Geräusch, das in seinem Geist mit dem Rasseln der Trommeln zusammenfloß.

Einige der gefangenen Offiziere waren, um besser Umschau halten zu können, auf die Mauer des ausgebrannten Hauses geklettert, neben dem Pierre stand.

»Nein, dieses Volk! Seht nur dieses Volk! … Sogar die Kanonen haben sie bepackt! Seht nur, die Pelze …« sagten sie. »Guck mal, was diese Aasknochen alles gemaust haben … Was hat denn der dahinten, der auf der Bauernkarre?… Bei Gott, das ist von einem Heiligenbild! … Das müssen Deutsche sein. Und da auch einer von unseren Bauern, wahrhaftig! … Diese Halunken! … Seht mal, der hat sich so viel aufgepackt, daß er kaum gehen kann! … Da hört doch alles auf, sogar die Droschken schleppen sie mit! … Schau, der hat sich auf seine Koffer oben draufgesetzt … Alle guten Geister! … Jetzt verprügeln sie sich auch noch!…«

»Immer in die Fresse hauen, so, noch einmal! Sonst wirst du ja bis zum Abend nicht fertig! … Seht nur, seht … Das gehört gewiß Napoleon selber … Schau, was das dort für Pferde sind! Mit Namenszug und Krone! … Dort ein zerlegbares Zelt … Der dort hat einen Sack verloren und merkt es nicht … Eine Frau mit einem Kindchen, eine hübsche Person … Ja, natürlich, die lassen sie durch … Seht nur, das nimmt ja gar kein Ende … Dort, russische Dirnen, wahrhaftig, lauter Dirnen. Wie sie in ihren Kutschen sitzen, als wäre nichts geschehen!«

Wieder trieb eine Welle gemeinsamer Neugier die Gefangenen wie bei der Kirche in Chamowniki zum Weg hin, und Pierre sah dank seines hohen Wuchses über die Köpfe der andern hinweg, was die Neugier der Gefangenen so erregt hatte. In drei Kutschwagen, die zwischen Munitionsfuhren geraten waren, saßen, eng aneinandergedrängt, in grelle Farben gekleidete, geschminkte Frauenzimmer, die mit kreischenden Stimmen laut schwatzten.

Von dem Augenblick an, als Pierre das Wiederauftauchen der geheimnisvollen Macht gespürt hatte, kam ihm nichts mehr seltsam oder schrecklich vor: weder die zum Scherz mit Ruß beschmierte Leiche noch diese Frauenzimmer, die irgendwohin hasteten, noch der Schutt- und Trümmerhaufen Moskau. Alles, was er jetzt sah, machte auf ihn fast keinen Eindruck, als weigere sich seine Seele, die sich zu einem schweren Kampf vorbereitete, Eindrücke aufzunehmen, die ihre Kraft schwächen könnten.

Der Zug der Frauen fuhr vorbei. Dann kamen wieder Bauernwagen, Soldaten, Fuhren, Soldaten, Pulverkasten, Kutschwagen, Soldaten, Fuhrpark, Soldaten, ab und zu auch Weiber.

Pierre sah nicht die einzelnen Menschen, sondern sah nur, wie sie sich bewegten.

Alle diese Menschen, Menschen und Pferde schienen wie von einer unsichtbaren Macht vorwärtsgepeitscht. Im Verlauf der Stunde, während Pierre sie beobachtete, strömten sie aus den verschiedenen Straßen, alle mit dem gleichen Wunsch, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Einer wie der andere stießen sie sich, erbosten sich, prügelten sich, fletschten die weißen Zähne, runzelten die Stirn, warfen einander dieselben Schimpfworte an den Kopf, und auf allen Gesichtern lag derselbe kühn entschlossene und grausam kalte Ausdruck, den Pierre schon am Morgen beim Klang der Trommeln auf dem Gesicht des Korporals wahrgenommen hatte.

Es war schon gegen Abend, als der Führer der Geleitmannschaft seine Leute sammelte und mit Schreien und Schimpfen zwischen die Fuhrwerke hineindrängte, und so gelangten die Gefangenen, von allen Seiten eingepfercht, auf die Kalugaer Straße.

Nun gingen sie sehr rasch, ohne auszuruhen, und machten erst halt, als die Sonne schon unterzugehen begann. Die Fuhrwerke kamen eines nach dem anderen heran, und die Mannschaften rüsteten sich zum Übernachten. Alle schienen ärgerlich und unzufrieden. Lange vernahm man noch von verschiedenen Seiten Schimpfen, wütendes Anschreien und Prügeleien. Ein Kutschwagen war von hinten gegen eine der Fuhren der Geleitmannschaft gefahren und hatte sie mit der Deichsel durchbohrt. Mehrere Soldaten liefen von verschiedenen Seiten auf die Fuhre zu; die einen schlugen die Pferde des Kutschwagens auf die Köpfe, um sie zur Seite zu treiben, die anderen verprügelten die Gegenpartei, und Pierre sah, wie sie einem Deutschen mit dem Seitengewehr eine schwere Kopfwunde beibrachten.

Es machte den Eindruck, als ob diese Menschen jetzt, da sie in der kalten Dämmerung des Herbstabends mitten auf freiem Feld haltmachen mußten, alle das gleiche unangenehme Gefühl empfänden: das Gefühl des Erwachens aus jener Hast und irgendwohin gerichteten Bewegung, die sich ihrer bei ihrem Abmarsch aus Moskau bemächtigt hatte. Es war, als ob ihnen allen jetzt, da sie haltmachten, zum Bewußtsein käme, daß es ja ungewiß war, wohin sie marschierten, und daß dieser Marsch ihnen noch viel Mühsal und Beschwerden bringen könne.

Während dieser Rastzeit behandelte die Geleitmannschaft die Gefangenen noch schlechter als beim Aufbruch. An Stelle ihrer bisherigen Fleischportion erhielten sie zum erstenmal Pferdefleisch.

Es war, als empfände jeder der Franzosen, von den Offizieren angefangen bis zum Soldaten, eine persönliche Erbitterung gegen jeden der Gefangenen, die unerwartet allen früheren freundschaftlichen Beziehungen ein Ende gemacht habe.

Diese Erbitterung wuchs noch mehr, als sich beim Zählen der Gefangenen ergab, daß während der Aufregung des Abmarsches aus Moskau ein russischer Soldat, der Leibweh simuliert hatte, davongelaufen war. Pierre sah, wie ein Franzose einen Russen schlug, weil dieser zu weit vom Weg abgewichen war, und hörte, wie sein Freund, der Hauptmann, den Unteroffizier wegen der Flucht des Gefangenen zur Rede stellte und ihm mit dem Kriegsgericht drohte. Der Unteroffizier wollte sich damit herausreden, der Soldat sei krank gewesen und habe nicht mehr laufen können, aber der Offizier erwiderte, es sei doch befohlen, alle, die zurückblieben, zu erschießen. Pierre fühlte, daß jene verhängnisvolle Macht, die ihn während der Hinrichtung niedergeschmettert hatte, dann aber während seiner Gefangenschaft mehr in den Hintergrund getreten war, jetzt wieder Herr über sein Dasein wurde. Eine Furcht kam über ihn, aber er fühlte: je emsiger diese verhängnisvolle Macht versuchte, ihn zu zermalmen, um so stärker wuchs in ihm, ungehindert durch diese feindliche Macht, die Lebenskraft.

Pierre nahm sein Abendbrot ein, eine Roggenmehlsuppe mit Pferdefleisch, und unterhielt sich mit seinen Kameraden.

Weder er noch einer seiner Kameraden sprach von dem, was sie in Moskau gesehen hatten, oder über die rauhe Behandlung durch die Franzosen oder über den Befehl zum Erschießen, der ihnen verlesen worden war. Sie alle waren, wie zum Trotz gegen die verschlimmerte Lage, besonders lebhaft und heiter. Sie erzählten sich persönliche Erinnerungen an komische Szenen, die sie während des Marsches gesehen hatten, und vermieden es, die jetzige Lage zu berühren.

Die Sonne war schon lange untergegangen. Helle Sterne leuchteten hier und dort am Himmel auf, der rote Glanz des aufgehenden Vollmondes ergoß sich wie der Schein eines Brandes über den Horizont, und der riesige rote Ball tauchte wunderbar schwankend aus dem grauen Nebelmeer empor. Es wurde hell. Der Abend war zu Ende, doch die Nacht noch nicht angebrochen. Pierre stand von seinen neuen Kameraden, den Offizieren, auf und ging zwischen den Wachtfeuern hindurch auf die andere Seite des Weges hinüber, wo, wie man ihm gesagt hatte, die gefangenen Soldaten lagerten. Er wollte mit ihnen sprechen. Doch auf dem Weg wurde er von einer französischen Wache angehalten, die ihm befahl umzukehren.

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219

aus der großen Ordynka: Straße, die in den Süden Moskaus, auf den Serpuchowskij-Platz führt.

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