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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Jene furchtbaren Augenblicke, die er während der Hinrichtung erlebt hatte, hatten gleichsam für immer aus seiner Vorstellung und Erinnerung jene erregenden Gedanken und Gefühle fortgespült, die ihm bisher als so wichtig erschienen waren. Mit keinem Gedanken dachte er mehr an Rußland, an den Krieg, an die Politik, an Napoleon. Es war ihm jetzt ganz klar, daß dies alles nicht ihn betraf, daß er nicht berufen war und deshalb über dies alles auch kein Urteil hatte. »Für russisches Land ist Sommerszeit nie ein Verbündeter im Streit«, wiederholte er sich Karatajews Worte, und dieser Ausspruch übte eine seltsam beruhigende Wirkung auf ihn aus. Seine Absicht, Napoleon zu töten, und seine Berechnungen der kabbalistischen Zahl und des Tiers der Apokalypse kamen ihm jetzt unbegreiflich und sogar lächerlich vor. Sein Ingrimm gegen seine Frau und die Besorgnis, sie könne seinen Namen beschimpfen, erschienen ihm jetzt nichtig, ja fast komisch. Was ging das ihn an, wenn diese Frau dort irgendwo ein Leben führte, wie es ihr gefiel? Was machte es für irgend jemanden aus und nun gar für ihn selber, ob man erfuhr oder nicht erfuhr, daß dieser Gefangene Graf Besuchow hieß?

Oft erinnerte er sich jetzt an ein Gespräch mit dem Fürsten Andrej und fühlte immer mehr Verständnis für ihn. Nur faßte er Bolkonskijs Gedanken ein wenig anders auf. Fürst Andrej hatte gedacht und geäußert, das Glück sei nur etwas Negatives. Aber er hatte das mit einem Anflug von Bitterkeit und Ironie gesagt, als wolle er damit noch einen anderen Gedanken ausdrücken, den Gedanken nämlich, daß all dieses in uns wohnende Streben nach besonderem Glück uns nur deshalb eingegeben sei, um uns durch sein stetes Unbefriedigtsein zu quälen. Pierre dagegen erkannte jetzt die Richtigkeit des ersten Ausspruches völlig an, jedoch ohne Hintergedanken. Das Verschontsein von Leiden, die Befriedigung der Bedürfnisse und die daraus entspringende Freiheit der Wahl in der Beschäftigung, das heißt der ganzen Art zu leben, erschienen Pierre jetzt unzweifelhaft als das höchste menschliche Glück. Erst hier und erst jetzt lernte Pierre zum erstenmal kennen und schätzen, was für eine Wonne es war, zu essen, wenn man Hunger hatte, zu trinken, wenn einen dürstete, zu schlafen, wenn man müde war, sich zu wärmen, wenn man fror, und mit einem Menschen zu sprechen, wenn man sich unterhalten und eine menschliche Stimme hören wollte. Die Befriedigung der Bedürfnisse: gutes Essen, Sauberkeit, Freiheit, erschienen Pierre jetzt, da er sich all dessen beraubt sah, als vollkommenes Glück, und die Wahl einer Beschäftigung oder Lebensweise kam ihm jetzt, da diese Wahl für ihn so begrenzt war, leicht und einfach vor, und er vergaß vollkommen, daß Überfluß an Lebensbequemlichkeiten alles Glück zunichte macht, das aus der Befriedigung der Bedürfnisse stammt, und daß eine zu große Freiheit in der Wahl der Beschäftigung, eine Freiheit, wie sie ihm Bildung, Reichtum und Stellung in der Welt im Leben geschenkt hatten, diese Wahl unvergleichlich erschwert, wenn sie nicht das Bedürfnis als solches und jede Möglichkeit einer Beschäftigung überhaupt aufhebt.

Pierres ganzes Sinnen und Trachten war jetzt nur auf die Zeit gerichtet, wenn er wieder frei sein würde. Und doch dachte und sprach er später sein ganzes Leben lang mit Begeisterung von diesem Monat der Gefangenschaft, von diesen unwiederbringlichen, starken und frohen Gefühlen und vor allem von dem gänzlichen Seelenfrieden und der vollkommenen inneren Freiheit, die er nur während dieser Zeit genossen habe.

Als er am ersten Tag frühmorgens aufgestanden und in der Morgendämmerung aus dem Schuppen getreten war, als er die zuerst noch dunkeln Kuppeln und Kreuze des Jungfernklosters, den kalten Tau auf dem staubigen Gras, die Gipfel der Sperlingsberge und die sich am Fluß hinwindenden und in der schwarzblauen Ferne verschwindenden waldigen Ufer gesehen hatte, als er den Hauch der frischen Luft gespürt und das Krächzen der aus der Stadt aufs Feld hinausfliegenden Dohlen gehört hatte, und als dann plötzlich im Osten das Licht durchgebrochen und der Rand der Sonnenkugel triumphierend aus den Wolken aufgetaucht war und die Kuppeln, die Kreuze, der Tau, die fernen Ufer, der Fluß, kurz alles in freudigem Glanz aufgeleuchtet hatten, da hatte Pierre ein neues, nie gekanntes Gefühl empfunden: er hatte gefühlt, wie froh und stark das Leben war.

Und dieses Gefühl blieb nicht nur während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft in ihm, sondern wuchs und verstärkte sich sogar noch, je drückender seine Lage wurde.

Dieses Gefühl, ein Gefühl der inneren Spannkraft und Bereitschaft zu allem, wurde in Pierre nur noch mehr gestärkt durch die hohe Meinung, die seine Kameraden von ihm bekommen hatten, sobald er in ihre Baracke eingezogen war. Pierre mit seinen Sprachkenntnissen, mit der Achtung, die ihm die Franzosen erwiesen, in seiner schlichten Art, mit der er alles hingab, worum man ihn bat – er erhielt als Offizier drei Rubel die Woche –, mit seiner Kraft, die er den Soldaten zeigte, wenn er Nägel in die Wand der Baracke drückte, mit seiner Sanftmut, die er im Verkehr mit seinen Kameraden bewies, mit der ihnen unbegreiflichen Fähigkeit, regungslos dazusitzen und zu denken, ohne etwas zu tun, – Pierre erschien den Soldaten als ein geheimnisvolles höheres Wesen. Dieselben Eigenschaften, die in jener Welt, in der er früher gelebt hatte, für ihn, wenn auch nicht schädlich, so doch störend gewesen waren: seine Kräfte, seine Gleichgültigkeit gegen alle Lebensannehmlichkeiten, seine Zerstreutheit, sein schlichtes Wesen – dies alles verschaffte ihm hier unter diesen Menschen fast die Stellung eines Helden. Und Pierre hatte das Gefühl, als ob ihm diese Meinung eine Pflicht auferlege.

13

In der Nacht vom 6. zum 7. Oktober nahm der Abzug der Franzosen seinen Anfang: die Küchen und Baracken wurden abgebrochen, die Wagen bepackt, und Truppen und Fuhrwerke setzten sich in Bewegung.

Um sieben Uhr morgens stand die ganze französische Geleitmannschaft, marschfähig ausgerüstet mit Tschako, Tornister, Gewehren und riesigen Säcken, vor den Baracken, und ein lebhaftes französisches Gespräch, mit Schimpfworten untermischt, lief durch die Reihen.

Auch drinnen waren alle bereit: angekleidet, gegürtet, beschuht, und warteten nur noch auf den Befehl zum Ausrücken. Nur der kranke Soldat Sokolow saß blaß und abgezehrt, mit schwarzen Ringen unter den Augen, unangekleidet und ohne Schuhwerk auf seinem Platz. Mit seinen infolge der Magerkeit hervortretenden Augen blickte er die Kameraden fragend an, die ihm keine Aufmerksamkeit schenkten, und stöhnte leise und gleichmäßig. Man sah, daß nicht nur seine Krankheit – er litt an der roten Ruhr –, sondern auch der Kummer und die Angst, allein zurückzubleiben, ihn stöhnen machten.

Pierre in Schuhen, die Karatajew aus Teeballenpackleder genäht hatte, das von einem Franzosen zum Besohlen seiner Stiefel geliefert worden war, und mit einem Strick umgürtet, trat zu dem Kranken und kauerte neben ihm nieder.

»Was ängstigst du dich, Sokolow? Sie gehen doch nicht ganz weg! Sie haben doch hier ein Lazarett. Vielleicht hast du es da besser als wir«, sagte Pierre.

»O Gott! Das ist mein Tod! O Gott!« stöhnte der Soldat lauter.

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