Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Ein französischer Korporal mit gemütlich aufgeknöpftem Rock, einer Zipfelmütze auf dem Kopf und einem Pfeifchen im Mund kam um die Ecke des Schuppens, blinzelte Pierre freundschaftlich an und trat auf ihn zu.
»Schön in der Sonne, was, Monsieur Kiril?« so nannten die Franzosen Pierre. »Man könnte denken, es wäre Frühjahr.«
Der Korporal lehnte sich an die Tür und bot Pierre seine Pfeife an, obgleich Pierre, sooft ihm diese schon angeboten worden war, immer dankend abgelehnt hatte.
»Wenn man bei solchem Wetter wie heute losmarschieren würde …« fing er an.
Pierre fragte, ob er noch nichts über den Abmarsch gehört habe, und der Korporal erzählte ihm, fast alle Truppen seien schon beim Ausrücken, und noch heute müsse der Befehl über die Gefangenen eingehen. Einer der Soldaten in Pierres Baracke namens Sokolow war todkrank, und Pierre fragte den Korporal, wie wohl über diesen Soldaten verfügt werde. Der Korporal erwiderte, Pierre solle sich deswegen nicht beunruhigen, für solche Fälle gebe es bewegliche und feste Lazarette, man werde schon für die Kranken Anordnungen treffen, da ja überhaupt alles, was sich nur ereignen könne, von der obersten Militärbehörde vorgesehen werde.
»Und dann, Monsieur Kiril, brauchen Sie nur dem Hauptmann ein Wort zu sagen, wissen Sie. Oh, c’est un … er vergißt nie etwas. Sagen Sie es dem Hauptmann, wenn er seine Runde macht, er wird alles für Sie tun.«
Dieser Hauptmann, von dem der Korporal sprach, unterhielt sich oft und lang mit Pierre und zeigte ihm alle nur mögliche Nachsicht.
»›Siehst du, St. Thomas‹, sagte er neulich zu mir, ›Kiril ist ein Mensch, der Bildung hat und Französisch spricht; das ist ein großer russischer Herr, der Unglück gehabt hat, aber er ist doch ein Mann. Der hat doch Verständnis. Wenn er um etwas bitten sollte, sage es mir, es soll ihm nicht abgeschlagen werden. Wenn man selber etwas gelernt hat, siehst du, dann weiß man die Bildung und die guterzogenen Menschen zu schätzen.‹ Ich sage Ihnen das ganz im Vertrauen, Monsieur Kiril. Die Sache neulich, wenn Sie da nicht gewesen wären, hätte übel ablaufen können.«
Die Sache von neulich, die der Korporal erwähnt hatte, war eine Prügelei zwischen Gefangenen und Franzosen gewesen, wo es Pierre gelungen war, seine Kameraden zur Ruhe zu bringen. Der Korporal schwatzte noch ein Weilchen und ging dann weg. Einige der Gefangenen hatten gehört, wie sich Pierre mit ihm unterhielt, und kamen nun gleich und fragten, was er gesagt habe. Während Pierre seinen Kameraden berichtete, was der Korporal vom Abmarsch erzählt hatte, trat ein magerer, gelber und zerlumpter Franzose in die Tür der Baracke. Mit einer schnellen, scheuen Bewegung legte er die Finger zum Zeichen des Grußes an die Stirn, wandte sich an Pierre und fragte ihn, ob sich in dieser Baracke ein Soldat Platoche befinde, dem er ein Hemd zum Nähen gegeben habe.
Vor acht Tagen hatten die Franzosen Leder und Leinwand geliefert bekommen und alles den Gefangenen übergeben, damit diese für sie Schuhe fertigen und Hemden nähen sollten.
»Es ist fertig, es ist fertig, mein Falke!« rief Karatajew und kam mit einem sorgfältig zusammengelegten Hemd herbei.
Karatajew hatte wegen der Wärme und um besser arbeiten zu können, nur die Hosen und ein pechschwarzes, zerlumptes Hemd an. Sein Haar hatte er, wie es die Gesellen machen, mit Bast zusammengebunden, und sein rundes Gesicht sah dadurch noch runder und freundlicher aus.
»Wer was verspricht und hält es nicht, der ist fürwahr mein Bruder nicht! Wie ich gesagt habe, zum Freitag, so habe ich es auch fertig bekommen«, bemerkte Platon lächelnd und schlug das von ihm genähte Hemd auseinander.
Der Franzose sah sich unruhig um und zog dann, als hätte er alle Bedenken überwunden, die Uniform aus und das Hemd über. Er trug unter seiner Uniform kein Hemd, sondern nur eine lange, schmierige, geblümte Seidenweste auf seinem nackten, gelben, mageren Körper. Offenbar hatte er Angst, die Gefangenen würden sich über ihn lustig machen, wenn sie das sähen, und fuhr deshalb eilig mit dem Kopf in das Hemd hinein. Keiner der Gefangenen sagte ein Wort.
»Siehst du, es paßt dir gleich«, rief Platon und zog das Hemd zurecht.
Der Franzose kroch mit dem Kopf und den Armen durch, sah sich, ohne die Augen aufzuheben, das Hemd an seinem Leib an und untersuchte die Nähte.
»Was willst du, mein Falke, wir haben doch hier keine Schneiderwerkstatt, nicht einmal ordentliches Handwerkszeug ist da, und es heißt doch:
sagte Platon, und sein ganzes rundes Gesicht lächelte; er freute sich sichtlich selber über seine Arbeit.
»C’est bien, c’est bien, merci. Aber du mußt doch wohl noch Leinwandreste haben?« fragte der Franzose.
»Es wird dir noch besser passen, wenn du es auf den bloßen Körper ziehst«, meinte Karatajew und fuhr fort, sich über seine Arbeit zu freuen. »Da hast du nun etwas Schönes und Angenehmes …«
»Merci, merci, mon vieux, aber der Rest …« wiederholte der Franzose lächelnd, zog eine Banknote hervor und überreichte sie Karatajew. »Aber die Leinwandreste …«
Pierre sah, daß Platon das, was der Franzose sagte, nicht verstehen wollte, und blickte, ohne sich einzumischen, zu ihnen hinüber. Karatajew bedankte sich für das Geld und fuhr fort, seine Arbeit zu bewundern. Der Franzose bestand auf der Wiedergabe der Reste und bat Pierre, das, was er sagte, zu übersetzen.
»Was nützen ihm die Reste?« meinte Karatajew. »Für uns hätte das prächtige Fußlappen gegeben. Na, meinetwegen.«
Und mit plötzlich verändertem, traurigem Gesicht zog Karatajew ein Bündel Leinwandflicken unter seiner Brust hervor und gab es dem Franzosen, ohne ihn anzusehen. »So!« sagte er und ging zurück. Der Franzose sah auf die Leinwand, dachte nach, blickte Pierre fragend an, und es war, als ob Pierres Blick ihm etwas sagte.
»Platoche, dites donc, Platoche«, rief der Franzose plötzlich errötend mit kreischender Stimme. »Behalte das für dich«, fügte er hinzu, gab ihm die Reste, drehte sich um und ging fort.
»Da sieht man es«, sagte Karatajew und wiegte den Kopf hin und her. »Es heißt immer, sie seien keine Christen, aber sie haben doch auch ein Herz im Leibe. Es ist schon so, wie die Alten immer sagten: Schweißige Hand ist freigebig, trockene Hand hartherzig. Er war selber nackt und hatte doch noch was wegzugeben.«
Karatajew betrachtete nachdenklich lächelnd die Reste und schwieg eine Weile.
»Das gibt tadellose Fußlappen, Freundchen«, sagte er dann und kehrte in die Baracke zurück.
12
Vier Wochen waren vergangen, seit sich Pierre in Gefangenschaft befand. Obwohl die Franzosen ihm angeboten hatten, ihn aus dem Soldatenschuppen ins Offizierslager zu überführen, war er trotzdem in derselben Baracke verblieben, in die er am ersten Tag geraten war.
In dem zerstörten und niedergebrannten Moskau erlitt Pierre fast das Äußerste an Entbehrungen, was ein Mensch ertragen kann, aber dank seiner kräftigen Konstitution und Gesundheit, deren er sich bisher gar nicht so bewußt gewesen war, und vor allem infolge des Umstandes, daß diese Entbehrungen so unmerklich herankamen, daß man nicht einmal sagen konnte, wann sie eigentlich angefangen hatten, ertrug er seine Lage nicht nur leicht, sondern freudig. Und gerade während dieser Zeit kam jene Ruhe und Zufriedenheit mit sich selbst über ihn, nach der er früher immer vergeblich gestrebt hatte. Sein Leben lang hatte er diese Ruhe gesucht, dieses innere Gleichgewicht, das, was ihm an den Soldaten in der Schlacht von Borodino so aufgefallen war, hatte es gesucht in der Menschenliebe, im Freimaurertum, in den Zerstreuungen der großen Welt, im Wein, in Taten heldenhafter Aufopferung, in seiner romantischen Liebe zu Natascha, hatte es auf dem Weg des Grübelns zu erlangen gesucht – aber alle diese Bestrebungen und Versuche hatten ihn betrogen. Und nun war diese Ruhe und dieses innere Gleichgewicht über ihn gekommen, ohne daß er daran gedacht hatte, nur durch die Schrecken des Todes, durch die Entbehrungen und durch das, was ihm Karatajew zum Bewußtsein gebracht hatte.
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die Sperlingsberge: Anhöhe im Süden Moskaus.