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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Nur eins bereitete Giovanni Sorge: der ewig grübelnde Vater. Heute würde er bei Meister Benedetto vorbeikommen. Aber er hatte ihm nicht den Grund seines Besuches verraten. «He, Giovanni, komm mal zu mir!» rief der Meister.

Giovanni legte den Balken zur Seite. Er sah schon am Gesicht Benedettos, daß dieser sich wieder etwas ausgedacht hatte.

Meister Benedetto hockte sich behende wie ein Junger nieder und steckte den Zeigefinger in den Sand. «Hier liegt Murano! Siehst du das?»

Giovanni nickte lächelnd.

Der Meister bezeichnete in einem Fuß Entfernung einen zweiten Punkt und sagte: «Und dort liegt der schwarze Erdteil, wo die Ungläubigen wohnen, wo Gläubige und Ungläubige sich die Köpfe einschlagen.»

Ein dritter Punkt bedeutete Byzanz und das schwarze Meer, ein vierter Rußland, ein fünfter Deutschland, ein sechster Frankreich und Spanien.

«Da hast du die ganze Welt, mein Sohn. Ein Bootsbauer muß das wissen. Rings um Murano also liegt die ganze Welt.»

Er legte seine Stirn in ernste Falten und fuhr dann fort: «Was du hier siehst, ist nur Sand, feiner gelber Sand, wie du ihn nirgends schöner findest… Lache nicht! Ich habe den Sand benutzt, weil man mit dem Zeigefinger keine Löcher in einen Kupferkessel stechen kann. Verstehst du das?»

«Nein, Meister Benedetto!»

«Dann paß gut auf! Die Erde also ist wie ein umgestülpter Kupferkessel, rings von Wasser umgeben. Sie schwimmt sozusagen auf dem Wasser. Und oben, genau in der Mitte, liegt Murano.» Er hob bedeutungsvoll den Zeigefinger. «Das wollte ich dir nämlich sagen: Murano ist der Mittelpunkt der Erde, verstehst du; Murano ist eine kleine Erde für sich, kann man sogar sagen. Sieh sie dir nur genau an! Ist sie nicht wie ein umgestülpter Kupferkessel? Ist sie nicht rings von Wasser umgeben? Na, siehst du, alles stimmt, was ich dir sage.»

Er erhob sich und wollte zufrieden in den Schuppen zurückgehen. Doch Giovanni hielt ihn mit einer Frage zurück: «Meister Benedetto, was ist dann aber Venedig? Murano ist doch nur ein Anhängsel von Venedig!»

«Oh, dieser Junge», stöhnte Meister Benedetto und blieb stehen.

«Wenn du mir mit Venedig kommst, dann sag ich dir: Murano ist die Sonne, und Venedig ist der Mond!»

«Ist der Mond etwa größer als die Sonne?» fragte Giovanni harmlos.

«Geh an deine Arbeit, Faulpelz!» befahl Meister Benedetto und versuchte vergeblich, das lustige Spiel der Fältchen um seine Augen zu verbergen.

«Es bleibt dabei, Murano ist der Mittelpunkt der Erde!» Er griff hinter sich in die Holzspäne und holte einen Krug hervor. Als er ihn an die Lippen heben wollte, tönte die scharfe Stimme Polissenas durch die Luft. «Benedetto! Benedetto!»

«Der Mittelpunkt der Erde, hab ich's nicht gesagt? Da ist er!» murmelte er, zog sich eilig in den Schuppen zurück und begann laut zu hämmern.

Etwa eines Steinwurfs Weite vom Ufer entfernt, hatte ein Fischer seinen Kahn festgelegt! «Benedetto! Benedetto!» schrie Polissena zum zweitenmal.

Die Hühner, die nach Würmern scharrten, kümmerten sich nicht darum.

Meister Benedetto hämmerte verzweifelt weiter. «Schrei nur, Alte», brummte er.

«Benedetto! Benedetto!» schallte es vom Wasser zurück. War es das Echo, oder rief es der Spaßvogel in seinem Boot?

Empört gackernd liefen sieben Hühner hinter einem achten her, das einen fetten Regenwurm im Schnabel davontrug. Der Hahn krähte mit stolz gespreiztem Gefieder.

Filiberto, Giulio und Aurelio lachten. Lachten und klopften, was das Zeug hielt! Giovanni hielt sich hinter dem Schuppen versteckt.

Polissena rief zum dritten- und letztenmal, stemmte beide Fäuste in die Hüften und blickte zornig von ihrem erhöhten Standpunkt auf das friedliche Bild der emsig arbeitenden Männer hinab.

«Wartet nur!» sagte sie und begab sich in kriegerischer Stimmung wieder an ihren Nudelteig.

Ein frischer Hauch kam von der Lagune, die rein und klar, in durchsichtig grünen und blauen Farben im Sonnenlicht glänzte und die Boote auf ihrer gekräuselten Oberfläche sanft wiegte. Die Ferne war in Dunst gehüllt, und alle Helligkeit des graublauen, hohen Herbsthimmels schien sich auf Meister Benedettos Mittelpunkt der Erde zu konzentrieren.

Nachdem die Meisterin wieder in ihr Küchenreich entschwunden war, klangen die Geräusche der arbeitenden Männer gedämpfter. In dem geheimnisvollen Schuppen war der Arbeitslärm gänzlich verstummt. Meister Benedetto steckte vorsichtig den Kopf hinaus und warf einen schnellen Blick auf die Veranda. Befriedigt zog er ihn zurück, setzte den Krug an die Lippen und trank in vollen Zügen. Die Arbeit ging ihm nun doppelt so schnell von der Hand.

Giovanni war voller Eifer dabei, die Balkenlage nach den angegebenen Maßen zurechtzulegen.

Die Stunden verrannen. Höher stieg die Sonne; der laue, feuchte Wind streichelte Menschen, Tiere, Pflanzen und ließ trotz letzter Sommerzärtlichkeit den kommenden Winter ahnen.

Es ging dem Mittag zu, als eine größere Warenbarke mit seltsam gefärbten Segeln auf Meister Benedettos Grundstück, das im stumpfen Winkel in das Wasser hineinragte, zuhielt. Die Konturen hoben sich wie ein Schattenriß von dem hellfarbigen Hintergrund ab und verliehen dem schnell sich nähernden Schiff etwas Düsteres, Drohendes.

Giovanni richtete sich auf und sah, mit der Hand die Augen beschattend, auf das gleißende Wasser. Er hatte sich angewöhnt, die Bauart eines Schiffes, das Verhältnis der Länge zur Breite, die Takelung, die Segelfläche und viele Einzelheiten kritisch zu betrachten. Die Barke gefiel ihm, sie war schön und zweckmäßig gebaut. Um so mehr wunderte er sich über den Anstrich. Je näher sie kam, um so deutlicher erkannte er, daß sie mit schwarzer Farbe angestrichen war. Er lief zum Meister Benedetto, um ihm die Ankunft der Barke zu melden. «Eine schwarze Barke mit dunkelroten Segeln legt bei uns an, Meister», sagte er aufgeregt.

«Was sagst du da?» Meister Benedetto, der in Gedanken versunken vor seinem Boot stand, hob mißtrauisch den Kopf. «Eine schwarze Barke?»

Als Giovanni eifrig nickte, trat er aus seinem Schuppen heraus, um sich selbst zu überzeugen.

Die Segel glitten an den Masten herab, kurze Zurufe ertönten, Taue wurden um die Pfosten gewunden, und der Anker wurde ins Wasser geworfen. Behende sprang ein stämmiger Mann auf den Bootssteg.

Polissena, die von ihrem Fenster die Ankunft der Barke beobachtet hatte, ging auf die Veranda, um sie näher zu betrachten. Als sie den Mann, augenscheinlich den Besitzer der Barke, gewahrte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und lief wieder in die Küche zurück. Erst drinnen wagte sie eine zornige Verwünschung auszustoßen, hielt aber gleich darauf erschrocken die Hand vor den Mund und murmelte: «Verzeiht, heilige Mutter Gottes!»

Ganz anders verhielt sich Meister Benedetto. «Du bist es, Matteo», rief er mit frohem Gesicht dem Entgegenkommenden zu. «Aber wie siehst du nur aus?»

Kapitän Matteo blinzelte ihn mit einem Auge an, das andere lag unter einer blutunterlaufenen Geschwulst verborgen.

«Ein kleiner Unfall, Benedetto», sagte er verlegen. «Hat nichts zu bedeuten. Auch die Barke hat etwas abgekriegt. Ihr müßt sie mir gleich wieder herrichten.»

Ha — ha — ha — ha — ha!» lachte Benedetto aus vollem Halse. «Du machst ja schöne Sachen. Entschuldige, aber wenn ich dich so sehe und deine Barke dazu! Ha — ha — ha — ha — ha! Wie ein Zyklop siehst du aus! Und die Barke — wie ein Sarg mit Segeln! Mann kennt sie gar nicht mehr. Was hast du nur wieder angestellt?»

Kapitän Matteo hob die mit Binden umwickelte Hand. «Sei doch ruhig, Benedetto», sagte er mit gedämpfter Stimme. «Du weißt, ich liebe kein Aufsehen…»

Meister Benedetto winkte, noch immer lachend, ab. «Ist schon gut, Matteo! — Filiberto, Giulio!» rief er. «Geht an Bord und seht, was es zu reparieren gibt! Los, los, ihr Faulpelze!» «Ich habe ein Fäßchen Edlen mitgebracht», flüsterte Matteo.

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