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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der berühmte Flankenmarsch bestand nur darin, daß das russische Heer, das sonst immer in einer dem Angriff entgegengesetzten Richtung zurückgegangen war, in dem Augenblick, als es nicht mehr von den Franzosen angegriffen wurde, von der anfänglich eingeschlagenen geraden Richtung abbog und, da es keine Verfolger mehr hinter sich sah, ganz naturgemäß nach der Seite abschwenkte, wo die überreichen Vorräte lockten.

Stellt man sich keine genialen Feldherren an der Spitze der russischen Armee vor, sondern nur einfach ein Heer ohne Führer, so hätte auch ein solches nichts anderes tun können, als sich in einem Bogen auf Moskau zurückzuziehen, und zwar nach der Seite hin, wo der meiste Proviant zu finden und die Gegend am fruchtbarsten war.

Dieser Marsch von der Nishnij Nowgoroder nach der Rjasaner, Tulaer und Kalugaer Straße war so etwas Natürliches, daß selbst die Marodeure der russischen Armee sich diese Richtung ausgesucht hatten, und daß man aus Petersburg forderte, Kutusow solle diese Straße wählen. In Tarutino erhielt der Oberkommandierende vom Kaiser fast eine Zurechtweisung, weil er seine Armee auf die Straße nach Rjasan geführt hatte: der Kaiser schrieb ihm dieselbe Stellung bei Kaluga vor, in der er sich bereits befand, als er den Brief erhielt.

Wie eine Kugel in der Richtung zurückrollt, die sie bei einem Zusammenprall erhalten hat, so war auch das russische Heer anfangs in der Richtung zurückgewichen, die es während des ganzen Feldzuges und zuletzt durch den Zusammenstoß bei Borodino erhalten hatte. Als aber dann die Kraft des Anpralls nachgelassen hatte und keine neuen Stöße erfolgt waren, nahm das Heer wie von selbst die Lage ein, die ihm die natürlichste war.

Kutusows Verdienst bestand nicht, wie man zu sagen pflegt, in einem genialen strategischen Manöver, sondern darin, daß er allein den Sinn des sich vollziehenden Ereignisses verstand. Er allein begriff schon damals die Bedeutung der Untätigkeit des französischen Heeres, er allein fuhr fort zu behaupten, daß die Schlacht bei Borodino ein Sieg gewesen sei, er allein, der doch, wie es scheinen möchte, durch seine Stellung als Oberkommandierender zum Angriff hätte drängen sollen, verwandte all seine Kräfte darauf, die russischen Truppen vor nutzlosen Schlachten zu bewahren.

Das bei Borodino angeschossene Wild lag dort irgendwo, wo es der davoneilende Jäger liegengelassen hatte, ob es aber noch lebte, noch Kräfte hatte und sich nur tot stellte, das wußte der Jäger nicht. Da hörte er dieses Wild plötzlich aufstöhnen.

Dieses Aufstöhnen des angeschossenen Wildes, der französischen Armee, war die Sendung Lauristons in Kutusows Lager mit der Bitte um Frieden.

Napoleon, in seiner Überzeugung, daß nicht das gut war, was allgemein dafür galt, sondern das, was ihm gerade in den Kopf kam, schrieb an Kutusow die ersten besten Worte, die ihm in die Feder flossen, obwohl sie gar keinen Sinn hatten:

»Fürst Kutusow, ich sende Ihnen einen meiner Generaladjutanten, daß er mit Ihnen über einige wichtige Dinge verhandle. Ich bitte Euer Durchlaucht, allem, was er sagen wird, Glauben zu schenken, vor allem, wenn er Ihnen die Gefühle der Hochachtung und besonderen Anerkennung, die ich seit langer Zeit für Sie hege, zum Ausdruck bringen wird. Auch mit diesem Brief bezwecke ich nichts anderes und bitte Gott, Fürst Kutusow, daß er Sie unter seinen heiligen, gnädigen Schutz nehme.

Moskau, den 3. Oktober 1812.

Gezeichnet: Napoleon.«

»Die Nachwelt würde mich verfluchen, wenn sie mich für den Urheber irgendeines Übereinkommens halten müßte. Und von demselben Geist ist auch mein ganzes Volk beseelt«, antwortete Kutusow und verwandte auch fürderhin all seine Kräfte darauf, das Heer von einem Angriff zurückzuhalten.

Während der vier Wochen, in denen die französischen Truppen in Moskau plünderten, die russischen aber ruhig in Tarutino lagen, vollzog sich bei beiden eine Veränderung der Kräfte, sowohl in ihrer Stimmung wie in ihrer Zahl, die ein Übergewicht der Russen zur Folge hatte. Obgleich Lage und Stärke der französischen Truppen den Russen unbekannt waren, trat doch, sobald sich das Verhältnis verschoben hatte, die Notwendigkeit eines Angriffs durch eine Menge Anzeichen klar zutage. Solche Anzeichen waren: die Sendung Lauristons, die Überfülle an Proviant in Tarutino, die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten über die Untätigkeit und Verlotterung der Franzosen, die Ergänzung unserer Regimenter durch Rekruten, das schöne Wetter, die lange Erholungszeit der russischen Soldaten, die gewöhnlich aus einer so langen Ruhepause entstehende Ungeduld der Truppen, das zu vollbringen, um dessentwillen sie zusammengerufen sind, die Neugier, was in der französischen Armee vorgehe, die man so lange nicht gesehen hatte, die Verwegenheit, mit der jetzt die russischen Vorposten die bei Tarutino stehenden Franzosen umspähten, die Nachrichten von dem leichten Sieg der Bauern und Freischaren über die Franzosen, der Neid, den das erregte, der Wunsch nach Rache, der in der Seele jedes Soldaten brannte, seit die Franzosen in Moskau waren, vor allem jedoch das unklare, aber im Herzen jedes Russen aufkeimende Bewußtsein, daß sich das Verhältnis der Kräfte verschoben hatte und die Übermacht jetzt auf unserer Seite war. Das tatsächliche Kräfteverhältnis hatte sich geändert, und deshalb war der Angriff zu einer Notwendigkeit geworden. Und ebenso pünktlich und sicher, wie in einer Uhr das Glockenwerk zu spielen anfängt, wenn der Zeiger seine Kreisbahn vollendet hat, so setzte auch sogleich in den höheren Sphären entsprechend der tatsächlichen Veränderung der Kräfte eine verstärkte Bewegung ein: das Glockenspiel fing an zu tönen.

3

Die russische Armee wurde sowohl von Kutusow und seinem Stabe wie auch vom Kaiser von Petersburg aus geleitet. Noch ehe die Nachricht von der Preisgabe Moskaus in Petersburg eingetroffen war, hatte man dort einen ausführlichen Plan des ganzen Krieges ausgearbeitet und Kutusow zur Anleitung zugeschickt. Obgleich dieser Plan noch unter der Voraussetzung entworfen war, daß sich Moskau in unseren Händen befand, wurde er doch vom Stabe gebilligt und zur Ausführung angenommen. Kutusow schrieb nur, Diversionen aus der Entfernung seien immer schwer durchzuführen. Und so schickte man ihm, um alle in den Weg tretenden Hindernisse zu beseitigen, neue Anweisungen und neue Persönlichkeiten, die seine Aktionen überwachen und darüber Bericht erstatten sollten.

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