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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Nein, hier ist er nicht, und der General ist auch nicht da.«

Der Ordonnanzoffizier schwang sich wieder aufs Pferd und ritt zu einem anderen General.

»Nein, es ist niemand da, sie sind alle ausgeritten.«

Wenn man mich nur nicht für die Verzögerung verantwortlich macht! Wie ärgerlich! dachte der Offizier. Er ritt das ganze Lager ab. Einer sagte, er habe gesehen, wie Jermolow mit anderen Generälen dahin und dorthin geritten sei, ein anderer wieder behauptete, er müsse jetzt sicherlich schon wieder zu Hause sein. Ohne ans Mittagessen zu denken, suchte ihn der Offizier bis sechs Uhr abends. Jermolow war nirgends zu finden, und niemand wußte, wo er war. In aller Eile stärkte sich der Gardereiteroffizier etwas bei einem Kameraden und ritt dann wieder zur Vorhut zu Miloradowitsch. Miloradowitsch war ebenfalls nicht zu Hause, aber hier sagte man ihm, Miloradowitsch sei auf einem Ball beim General Kikin, und wahrscheinlich sei Jermolow auch dort.

»Aber wo ist das?«

»Draußen in Jetschkino«, erwiderte ein Kosakenoffizier und zeigte auf ein Gutshaus in der Ferne.

»Wie können sie denn dort sein? Das ist doch hinter der Postenkette?«

»Man hat zwei Regimenter bis an die Kette vorgeschickt. Dort geht es heute hoch her, alle Wetter noch mal! Zwei Musikkapellen und drei Sängerchöre!«

Der Offizier ritt über die Vorpostenkette hinaus nach Jetschkino. Als er sich dem Haus näherte, vernahm er schon von weitem den lustigen Chorgesang eines Soldatentanzliedes.

»Auf den Auen … auf den Auen …« hörte er durch Pfeifen und Musikklänge hindurch, ab und zu von dem Geschrei lustiger Stimmen übertönt. Dem Offizier wurde es bei diesen Klängen ganz heiter ums Herz, obgleich er Angst hatte, man werde ihm die Schuld geben, daß er den wichtigen ihm anvertrauten Befehl erst so spät überbrachte. Es war bereits neun Uhr. Er stieg vom Pferd und trat auf die Freitreppe des großen, gänzlich unversehrt gebliebenen Gutshauses, das mitten zwischen russischen und französischen Truppen lag. Im Vorzimmer und im Büfettraum schwirrten Lakaien mit Weinflaschen und Speisen hin und her. Unter den Fenstern standen die Sänger. Man führte den Offizier zur Tür herein, und nun erblickte er mit einemmal alle die hervorragenden Generäle der Armee zusammen, unter ihnen auch die große, ins Auge fallende Gestalt Jermolows. Die hohen Offiziere standen mit aufgeknöpften Uniformröcken und roten, angeregten Gesichtern laut lachend in einem Halbkreis da. Mitten im Saal tanzte ein hübscher, kleiner General mit rotem Gesicht forsch und gewandt den Trepak.

»Ha, ha, ha! Seht nur den Nikolaj Iwanowitsch! Ha, ha, ha!«

Der Offizier fühlte, daß, wenn er in diesem Augenblick mit seinem wichtigen Auftrag hervortrat, seine Schuld sich verdoppeln werde, und nahm sich deshalb vor zu warten. Doch einer der Generäle hatte ihn gesehen und erfahren, warum er gekommen sei, und es Jermolow mitgeteilt. Mit finsterer Miene trat Jermolow auf den Offizier zu, hörte ihn an und nahm ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Papiere ab.

»Glaubst du etwa, er sei zufällig ausgeritten gewesen?« sagte an diesem Abend ein Kamerad vom Stab zu dem Gardereiteroffizier über Jermolow. »Das sind alles nur Finten, das war Absicht. Nur um Konownizyn hereinzulegen. Paß mal auf, was das morgen für ein Kuddelmuddel werden wird!«

5

Am nächsten Tag ließ sich der alte, schwache Kutusow frühmorgens wecken, verrichtete sein Morgengebet, zog sich an, setzte sich mit dem unangenehmen Bewußtsein, daß er heute eine Schlacht zu leiten hatte, die nicht nach seinem Sinn war, in seinen Wagen und fuhr von Letaschowka, fünf Werst hinter Tarutino, nach der Stelle, wo sich die angreifenden Kolonnen sammeln sollten. Während er fuhr, nickte er ab und zu einmal ein, wachte aber immer wieder auf und lauschte, ob man rechts nicht schon Schüsse höre und das Gefecht nicht schon begonnen habe. Aber es war alles still. Ein feuchter, trüber Herbsttag begann eben erst heraufzudämmern.

Als Kutusow in die Nähe von Tarutino kam, sah er ein paar Kavalleristen, die ihre Pferde über den Weg, den sein Wagen fuhr, zur Tränke führten. Kutusow sah sie genauer an, ließ den Wagen halten und fragte sie, zu welchem Regiment sie gehörten. Die Kavalleristen gehörten zu einer Kolonne, die schon längst weit vorn im Hinterhalt hätte liegen müssen. Vielleicht ein Versehen, dachte der alte Oberkommandierende. Er fuhr weiter und sah Infanterieregimenter, bei denen die Gewehre zusammengestellt waren und die Soldaten in Unterhosen Grütze kochten und Holz sammelten. Er ließ den Offizier rufen. Der Offizier meldete, er habe keinen Befehl zum Ausrücken erhalten.

»Wieso keinen Be…« fing Kutusow an, schwieg aber sogleich wieder und befahl, die höheren Offiziere zu rufen. Er stieg aus dem Wagen, ging mit gesenktem Kopf schweratmend auf und ab und wartete schweigend. Als der gewünschte Offizier, der Generalstäbler Eichen, erschien, wurde Kutusow dunkelrot, nicht etwa, weil dieser Offizier an dem Irrtum schuld gewesen wäre, sondern weil er in ihm ein würdiges Objekt für den Ausbruch seines Zornes fand. Zitternd und vor Wut fast erstickend fiel der alte Mann in jenen Zustand von Raserei, der manchmal über ihn kam und in dem er sich dann vor Wut auf der Erde wälzte, über den armen Eichen her, bedrohte ihn mit den Fäusten und schrie und schimpfte in den gemeinsten Ausdrücken. Ein zweiter, noch herzueilender Offizier, ein Hauptmann Brosihn, der ganz und gar nichts dafür konnte, mußte das gleiche Schicksal erleiden.

»Was? Noch so eine Canaille? Erschießen müßte man sie! Diese Schandbuben!« brüllte er mit heiserer Stimme und fuchtelte so mit den Armen, daß sein ganzer Körper ins Schwanken geriet.

Er empfand einen körperlichen Schmerz. Er, der Oberkommandierende, der Durchlauchtige, dem alle Welt beteuerte, daß nie jemand in Rußland eine solche Macht besessen habe wie er, er war in eine solche Lage versetzt, war vor der ganzen Armee lächerlich gemacht worden. Umsonst habe ich so inbrünstig für den heutigen Tag gebetet, umsonst eine schlaflose Nacht verbracht und mir alles durch den Kopf gehen lassen, dachte er bei sich. Als ich noch ein grünes Bürschchen von Offizier war, hätte keiner gewagt, sich so über mich lustig zu machen … und jetzt! Er empfand einen physischen Schmerz wie von einer körperlichen Züchtigung und konnte gar nicht anders, als ihn durch zorniges, gequältes Schreien zum Ausdruck bringen. Doch bald ließen seine Kräfte nach. Er sah sich um und fühlte, daß er vieles gesagt hatte, was nicht schön war, setzte sich in seinen Wagen und fuhr schweigend zurück.

Der einmal ausgegossene Zorn war verronnen, und mit matt zugekniffenen Augen hörte nun Kutusow alle Rechtfertigungs- und Verteidigungsreden an – Jermolow selber erschien erst am folgenden Tag bei ihm –, hörte mit an, wie Bennigsen, Konownizyn und Toll darauf bestanden, daß der mißlungene Vorstoß am nächsten Tag unternommen werden sollte. Und wieder blieb Kutusow nichts anderes übrig, als ja dazu zu sagen.

6

Am folgenden Tag versammelten sich die Truppen bereits am Abend an den bestimmten Plätzen und rückten in der Nacht vor. Es war eine Herbstnacht mit schwarzvioletten Wolken, doch regnete es nicht. Die Erde war feucht, aber nicht schmutzig, und die Truppen bewegten sich lautlos vorwärts. Nur ab und zu hörte man ein schwaches Klirren bei der Artillerie. Es war verboten, laut zu reden, Pfeife zu rauchen und Feuer anzuzünden, sogar die Pferde wurden am Wiehern gehindert. Das Geheimnisvolle des Unternehmens erhöhte noch seinen Reiz. Die Leute marschierten in heiterer Stimmung. Einige Kolonnen machten halt, stellten die Gewehre zusammen und lagerten sich auf der kalten Erde in der Annahme, an der ihnen bestimmten Stelle angelangt zu sein, andere wiederum, und das war die Mehrzahl, marschierten die ganze Nacht hindurch und konnten offenbar niemals dorthin gelangen, wohin zu marschieren ihnen befohlen worden war.

Graf Orlow-Denissow mit seinen Kosaken, die unbedeutendste Abteilung von allen, war der einzige, der zur richtigen Zeit auf dem richtigen Platz anlangte. Diese Abteilung machte am Waldsaum halt an einem Fußpfad, der die Dörfer Stromilowa und Dmitrowskoje verband.

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