Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Andrej, möchtest …« sagte plötzlich Prinzessin Marja mit zitternder Stimme, »möchtest du Nikoluschka sehen? Er hat die ganze Zeit immer nach dir gefragt.«
Fürst Andrej lächelte zum erstenmal kaum merklich, aber Prinzessin Marja, die sein Gesicht so genau kannte, begriff mit Entsetzen, daß dies kein Lächeln der Freude noch der Zärtlichkeit für seinen Sohn war, sondern ein feiner, milder Spott darüber, daß sie das ihrer Ansicht nach letzte Mittel anwandte, um seine Teilnahme zu erwecken.
»Ja, ich freue mich sehr auf Nikoluschka. Ist er gesund?«
Als man ihm Nikoluschka brachte, der mit erschrockenen Augen den Vater ansah, aber nicht weinte, weil es die anderen auch nicht taten, küßte ihn Fürst Andrej, wußte aber offenbar nicht, was er zu ihm sagen sollte.
Als Nikoluschka wieder hinausgeführt worden war, trat Prinzessin Marja noch einmal auf ihren Bruder zu, küßte ihn, konnte nicht länger die Tränen zurückhalten und fing an zu weinen.
Er sah sie forschend an.
»Weinst du wegen Nikoluschka?« fragte er.
Prinzessin Marja nickte bestätigend unter Tränen.
»Marie, du kennst doch das Evang…« er brach plötzlich ab.
»Was meinst du?«
»Nichts. Hier ist kein Grund zu weinen«, sagte er und sah sie wieder mit denselben kalten Blicken an.
Als Prinzessin Marja in Tränen ausgebrochen war, hatte er verstanden, daß sie darüber weinte, daß Nikoluschka nun bald keinen Vater mehr haben werde. Mit großer Anstrengung hatte er sich bemüht, zum Leben zurückzukehren und sich noch einmal auf ihren Gesichtspunkt zu stellen.
Ja, das muß ihnen auch traurig vorkommen, hatte er gedacht. Aber wie einfach ist doch dies alles.
Die Vögel unter dem Himmel säen nicht und ernten nicht, und unser himmlischer Vater nähret sie doch, hatte er zu sich gesagt und dasselbe auch Prinzessin Marja sagen wollen.
Aber nein, sie werden das auf ihre Art verstehen, werden das nicht verstehen! Das können sie nicht begreifen, daß alle diese Gefühle, die ihnen so lieb und teuer sind, alle unsere, alle diese Gedanken, die uns so wichtig scheinen, nichtig und unnütz sind. Nein, wir können einander nicht mehr verstehen. Deshalb war er plötzlich verstummt.
Der kleine Sohn des Fürsten Andrej war sieben Jahre alt. Er konnte kaum lesen und wußte noch nichts. Er erlebte noch vieles nach diesem Tag, erwarb sich Wissen, Scharfblick und Erfahrung, hätte er aber schon damals alle diese später erworbenen Fähigkeiten besessen, er hätte kein besseres, tieferes Verständnis für die ganze Bedeutung der Szene haben können, die er zwischen seinem Vater, Prinzessin Marja und Natascha mit ansah, als er es jetzt schon besaß. Er hatte alles verstanden, ging ohne zu weinen aus dem Zimmer, trat still auf Natascha zu, die ihm folgte, und sah sie schüchtern mit seinen schönen, nachdenklichen Augen an. Seine hochgezogene rote Oberlippe zuckte, er lehnte sein Köpfchen an sie und fing an zu weinen.
Seit diesem Tag mied er Dessalles, ging der Gräfin, die ihn verhätschelte, aus dem Weg und saß entweder allein oder schlich schüchtern zu Prinzessin Marja oder zu Natascha, die ihm jetzt lieber schien als seine Tante, und liebkoste sie leise und scheu.
Als Prinzessin Marja vom Fürsten Andrej herauskam, hatte sie ganz verstanden, was ihr Nataschas Gesicht vorhin gesagt hatte. Sie sprach mit ihr nicht mehr über die Hoffnung, daß sein Leben noch gerettet werden könne. Abwechselnd mit ihr saß sie neben seinem Diwan und weinte nicht mehr, betete aber ununterbrochen und wandte ihre Seele dem Ewigen, Unerreichbaren zu, dessen unmittelbare Nähe über dem Sterbenden jetzt so fühlbar war.
16
Fürst Andrej wußte nicht nur, daß er sterben werde, sondern fühlte auch, daß er starb und schon halb gestorben war. Er war sich seiner Abkehr von allem Irdischen bewußt und empfand eine seltsame, frohe Leichtigkeit des Seins. Ohne Erregung und Hast erwartete er, was ihm bevorstand. Das Drohende, Ewige, Unbekannte, Ferne, das er zeit seines Lebens ständig empfunden hatte, war jetzt ganz nahe gerückt und ihm, dank jener seltsamen Leichtigkeit des Seins, die ihn erfüllte, fast verständlich und fühlbar geworden …
Früher hatte er sich vor dem Tod gefürchtet. Zweimal hatte er jenes furchtbare, quälende Gefühl der Todesangst, der Angst vor dem Ende, empfunden, jetzt aber dachte er schon nicht mehr daran.
Zum erstenmal hatte er dieses Gefühl damals gehabt, als sich die Granate wie ein Brummkreisel vor ihm drehte und er das Stoppelfeld, die Sträucher und den Himmel angeblickt und gewußt hatte, daß es der Tod war, der vor ihm stand. Als er dann nach seiner Verwundung wieder zu sich gekommen war und sich plötzlich in seiner Seele, wie von der sie bedrückenden Schwere des Lebens befreit, jene Blume der ewigen, grenzenlosen, von diesem Leben unabhängigen Liebe entfaltet hatte, da hatte er den Tod nicht mehr gefürchtet und nicht mehr an ihn gedacht.
Je mehr er sich in jenen Stunden schmerzensreicher Einsamkeit und halben Fieberwahnes, die er nach seiner Verwundung durchlebte, in das Urwesen jener ihm neu erschlossenen, ewigen Liebe hineindachte, um so mehr löste er sich, ohne es zu bemerken, vom irdischen Leben los. Alle und alles lieben und immer sich selbst opfern für diese Liebe, das bedeutete, niemanden lieben, bedeutete, an diesem irdischen Leben keinen Teil haben. Und je mehr er von diesem Urwesen der Liebe durchdrungen wurde, um so mehr entfremdete er sich dem Leben und um so vollständiger vernichtete er jene furchtbare Schranke, die, wenn die Liebe fehlt, zwischen Leben und Tod steht. Wenn es ihm in jener ersten Zeit dann wieder einfiel, daß er ja sterben mußte, sagte er sich: Was schadet es? Um so besser!
Aber nach jener Nacht in Mytischtschi, als er halb wachend, halb träumend jene eine, nach der er sich gesehnt hatte, vor sich gesehen und ihre Hand an seine Lippen gedrückt hatte und in stille Freudentränen ausgebrochen war, hatte sich die Liebe zu diesem einen Weibe wieder in sein Herz geschlichen und ihn von neuem ans Leben gefesselt. Frohe, unruhige Gedanken waren ihm gekommen. Wenn er sich jetzt an jenen Augenblick auf dem Verbandplatz erinnerte, als er Kuragin gesehen hatte, konnte er nicht mehr zu jenem Gefühl der Liebe zurückkehren, ihn quälte die Ungewißheit, ob er noch am Leben war. Aber er wagte nicht, danach zu fragen.
Seine Krankheit nahm ihren physischen Verlauf, doch der Zustand, den Natascha mit: »Da trat das bei ihm ein« bezeichnet hatte, hatte sich erst zwei Tage vor Prinzessin Marjas Ankunft eingestellt. Es war der letzte innere Kampf zwischen Leben und Tod, bei dem der Tod den Sieg davongetragen hatte, das unerwartete Bewußtwerden, daß er doch noch am Leben hing, das in Gestalt der Liebe Nataschas noch einmal vor ihn hintrat, und der letzte, schließlich überwundene Anfall eines Grauens vor dem Unbekannten.
Es war an einem Abend gewesen. Wie gewöhnlich nach Tisch befand er sich in einem leichten Fieberzustand, aber seine Gedanken waren außerordentlich klar. Sonja saß am Tisch. Er war eingeschlummert. Plötzlich überkam ihn ein Glücksgefühl.
Ah, das muß sie sein, die hereingekommen ist, dachte er.
Wirklich saß jetzt an Sonjas Stelle Natascha, die eben mit unhörbaren Schritten eingetreten war. Seit der Zeit, da sie angefangen hatte, ihn zu pflegen, hatte er immer jenes körperliche Gefühl ihrer Nähe empfunden.
Sie saß auf einem Sessel, die eine Seite ihm zugewandt, so, daß sie durch ihre Gestalt das Licht der Kerze von ihm abhielt, und strickte an einem Strumpf. Sie hatte Strümpfestricken gelernt, seit Fürst Andrej einmal zu ihr gesagt hatte, niemand könne so gut Kranke pflegen wie die alten Kindermuhmen mit dem Strickstrumpf in der Hand, es liege in diesem Stricken etwas Beruhigendes. Ihre feinen Finger bewegten schnell die Nadeln, die ab und zu leise klapperten, und das nachdenkliche Profil ihres gesenkten Kopfes war ihm deutlich sichtbar. Da bewegte sie sich, das Knäuel rollte von ihren Knien. Sie zuckte zusammen, sah sich nach Fürst Andrej um, hielt die Hand vor die Kerze, beugte sich mit einer behutsamen, geschmeidigen, raschen Bewegung herab, hob das Knäuel auf und setzte sich wieder hin wie zuvor.