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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Schweigend ritt Kutusow auf seinem grauen Pferdchen und gab auf alle Anregungen zum Vorgehen nur lässige Antworten.

»Ihr führt immer das Wort ›Angreifen‹ im Mund, seht aber nicht ein, daß wir keine komplizierten Manöver ausführen können«, sagte er zu Miloradowitsch, der ihn bat, zur Offensive überzugehen.

»Wir sind heute früh weder imstande gewesen, Murat lebendig gefangen zu nehmen, noch überhaupt zur Zeit auf unseren Plätzen zu sein, jetzt ist nichts mehr zu machen«, erwiderte er einem anderen.

Als man Kutusow meldete, daß im Rücken der Franzosen, der nach den Berichten der Kosaken bisher unbedeckt gewesen war, jetzt zwei Bataillone Polen standen, schielte er nach Jermolow hin, mit dem er seit gestern noch kein Wort gesprochen hatte.

»Da drängen sie immer zur Offensive und legen allerlei Pläne vor, wenn’s aber dann losgeht, ist nichts bereit, und der Feind riecht Lunte und kann seine Maßnahmen treffen.«

Jermolow kniff die Augen zusammen und lächelte ein wenig, als er diese Worte hörte. Er wußte, daß für ihn das Gewitter vorübergezogen war und daß es Kutusow bei dieser Anspielung bewenden lassen werde.

»Nun macht er sich auf meine Kosten lustig«, sagte Jermolow leise und stieß Rajewskij, der neben ihm hielt, mit dem Knie an.

Kurz darauf ritt Jermolow zu Kutusow vor und meldete ehrerbietig: »Die Zeit ist noch nicht verloren, Durchlaucht, noch ist der Feind hier – wenn Sie den Angriff jetzt befehlen. Sonst wird die Garde nicht einmal den Pulverdampf zu sehen bekommen.«

Kutusow erwiderte nichts darauf. Als ihm aber gemeldet wurde, daß Murats Truppen zurückwichen, gab er den Befehl vorzugehen, ließ jedoch alle hundert Schritt dreiviertel Stunden Rast machen.

Die ganze Schlacht war eigentlich nur das, was die Kosaken Orlow-Denissows vollbracht hatten. Die übrigen Truppen büßten nur ganz umsonst einige hundert Mann ein.

Für diese Schlacht erhielt Kutusow einen Orden mit Brillanten, Bennigsen ebenfalls Brillanten und hunderttausend Rubel, und auch die anderen erhielten ihrem Rang entsprechend Auszeichnungen und Belohnungen. Außerdem wurden nach dieser Schlacht im Stab wieder neue Veränderungen vorgenommen.

»Das war wieder mal ganz so, wie es immer bei uns zu sein pflegt: alles ging schief!« sagten die russischen Offiziere und Generäle nach der Schlacht bei Tarutino, wie sie es auch noch heute sagen, wenn sie durchblicken lassen wollen, daß die oben alles dumm und verkehrt, sie selber aber es anders gemacht hätten. Doch Leute, die so etwas sagen, verstehen entweder nichts von der Sache, über die sie reden, oder täuschen sich absichtlich. Keine Schlacht – weder die bei Tarutino noch die bei Borodino oder Austerlitz – hat sich je so vollzogen, wie ihre Lenker und Leiter vorausgesehen haben. Das liegt nun einmal in der Natur der Dinge.

Eine zahllose Menge ungebundener Kräfte – denn nirgends ist der Mensch freier als in einem Gefecht, wo es um Leben und Tod geht – üben auf den Gang einer Schlacht ihre Wirkung aus. Deshalb kann dieser Gang auch nie vorausgesehen werden und wird sich nie mit der Richtung einer einzelnen Kraft decken.

Wenn viele verschiedenartig gerichtete Kräfte gleichzeitig auf einen Körper einwirken, so kann die Richtung, die dieser Körper nimmt, nie mit der einer einzelnen Kraft übereinstimmen, sondern wird immer die mittlere, kürzere Richtung sein, die man in der Mechanik die Diagonale des Parallelogramms der Kräfte nennt.

Wenn wir in den Schilderungen mancher Geschichtsschreiber, namentlich französischer, finden, daß sich bei ihnen Kriege und Schlachten immer nach einem vorher festgelegten Plan vollziehen, so ist die einzige Schlußfolgerung, die wir daraus ziehen können, die, daß ihre Schilderungen nicht den Tatsachen entsprechen.

Die Schlacht bei Tarutino erreichte offenbar nicht das Ziel, das Toll dabei im Auge gehabt hatte: die Truppen nach der Disposition der Reihe nach in den Kampf zu führen; aber auch nicht jenes Ziel, das Graf Orlow gehabt haben mochte: Murat gefangen zu nehmen; oder das Ziel der sofortigen Vernichtung eines ganzen französischen Korps, wie sich Bennigsen und andere Persönlichkeiten das gedacht haben mochten, oder das Ziel irgendeines Offiziers, der nur ins Gefecht zu kommen und sich auszuzeichnen wünschte, oder das eines Kosaken, der gern noch mehr Beute gemacht hätte, als er schon an sich gerissen hatte, und so weiter. War aber dieses Ziel das, was sich tatsächlich vollzog, das, was damals der gemeinsame Wunsch aller Russen war: die Vertreibung der Franzosen aus Rußland und die Vernichtung ihrer Armee, so tritt klar zutage, daß die Schlacht bei Tarutino gerade infolge ihres unvorschriftsmäßigen Ganges doch eben das war, was in jener Periode des Feldzuges not tat. Es ist schwer, ja unmöglich, sich einen zweckmäßigeren Ausgang dieser Schlacht vorzustellen als den, den sie in Wirklichkeit gehabt hat. Bei geringster Anstrengung, größter Verwirrung und unbedeutendsten Verlusten wurde ein Erfolg erzielt, wie er größer im ganzen Feldzug nicht errungen worden war: der Übergang vom Rückzug zur Offensive war gefunden, die Schwäche der Franzosen aufgedeckt und jener Anstoß gegeben, auf den die Napoleonischen Truppen nur warteten, um die Flucht zu ergreifen.

8

Napoleon zieht nach dem glänzenden Sieg de la Moscowa in Moskau ein, einem Sieg, an dem nicht zu zweifeln ist, da ja das Schlachtfeld in den Händen der Franzosen bleibt. Die Russen ziehen sich zurück und geben ihre Hauptstadt hin. Moskau, reich an Proviant, Waffen, sonstigem Gerät und unermeßlichen Kostbarkeiten, fällt in Napoleons Hand. Das russische Heer, nur halb so stark wie das französische, unternimmt innerhalb eines ganzen Monats nicht einen einzigen Angriff. Napoleons Lage ist die denkbar glänzendste. Um mit noch einmal so starken Kräften über die Reste der russischen Armee herzufallen und sie ganz zu vernichten, um einen günstigen Frieden zu diktieren oder bei einer Weigerung einen drohenden Vorstoß auf Petersburg zu unternehmen, um, wenn auch dies fehlschlagen sollte, sich nach Smolensk oder Wilna zurückzuziehen oder in Moskau zu bleiben, mit einem Wort, um sich auf der glänzenden Höhe zu halten, auf der sich die französische Armee die ganze Zeit über befand, hätte es, sollte man meinen, keiner besonderen Genialität bedurft. Es hätte das Allereinfachste und Allerleichteste genügt: die Truppen vom Plündern abzuhalten, Winterkleidung zu beschaffen, die man in Moskau für die ganze Armee vorgefunden hätte, und ordnungsgemäß den Proviant zu sammeln, von dem sich nach dem Zeugnis französischer Geschichtsschreiber in Moskau soviel befand, daß es für das ganze Heer über ein halbes Jahr gereicht hätte. Napoleon aber, dieses Genie aller Genies, der, wie die Historiker behaupten, die Macht besaß, eine Armee zu lenken und zu leiten, tat nichts von alledem.

Und er tat nicht nur nichts von alledem, sondern verwandte sogar seine ganze Macht nur dazu, von allen ihm für sein Handeln offenstehenden Wegen den zu wählen, der der allertörichtste und verderblichste war. Von allem, was Napoleon hätte tun können: den Winter über in Moskau bleiben, nach Petersburg ziehen oder nach Nishnij Nowgorod, zurückgehen in nördlicherer oder südlicherer Richtung auf demselben Weg, den dann Kutusow einschlug, kurz, was er sich auch hätte ausdenken mögen, etwas Törichteres und Verderblicheres als das, was er tat, das heißt: bis zum Oktober in Moskau bleiben und die Truppen die Stadt ausplündern lassen, dann nach langem Schwanken eine Garnison zurücklassen und aus Moskau fortziehen, Kutusow verfolgen, keine Schlacht beginnen, sich nach rechts wenden, bis Malo-Jaroslawez kommen, abermals die Gelegenheit zum Durchbruch versäumen, nicht den Weg marschieren, den dann Kutusow nahm, sondern über Moshaisk die verheerte Smolensker Landstraße zurückmarschieren – etwas Törichteres und seinen Truppen Verderblicheres konnte er sich gar nicht ausdenken, wie das denn auch die Folgen bestätigt haben. Man lasse die geschicktesten Strategen einmal nachdenken und sich vorstellen, Napoleon habe zum Ziel gehabt, seine ganze Armee zugrunde zu richten, ob sie sich wohl eine andere Kette von Aktionen ausdenken könnten, die mit solcher Sicherheit und so unabhängig von allem, was die russischen Truppen unternehmen mochten, das ganze französische Heer so restlos vernichtet hätten wie das, was Napoleon tat!

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