Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Er blickte sie an, ohne sich zu rühren, und sah, daß sie nach dieser Bewegung gern aus voller Brust aufgeatmet hätte, sich dies aber doch nicht getraute und nur ganz vorsichtig Atem holte.
Im Troizakloster hatten sie von der Vergangenheit gesprochen, und er hatte zu ihr gesagt, daß er, wenn er am Leben bleibe, Gott ewig für seine Verwundung danken werde, da sie ihn wieder mit ihr zusammengeführt habe. Doch seit jener Zeit hatten sie nie wieder über die Zukunft gesprochen.
Kann das sein oder kann das nicht sein? dachte er jetzt, während er sie betrachtete und dem leisen Klappern der Stahlnadeln lauschte. Kann mich das Schicksal nur deshalb in so seltsamer Weise wieder mit ihr zusammengeführt haben, damit ich nun sterben soll? … Hat sich andrerseits die Wahrheit des Lebens mir nur deshalb geoffenbart, damit ich nun weiter in der Lüge leben soll? Und doch liebe ich sie mehr als alles in der Welt. Was soll ich tun, wenn ich sie doch so sehr liebe? dachte er und stöhnte plötzlich unwillkürlich auf, wie er sich das während seiner Leidenszeit angewöhnt hatte.
Als Natascha dieses Stöhnen hörte, legte sie den Strumpf beiseite, neigte sich zu ihm hinüber, kam, als sie seine leuchtenden Augen sah, mit leichten Schritten zu ihm hin und beugte sich über ihn.
»Sie schlafen nicht?«
»Nein, ich habe Sie lange angesehen. Ich fühlte, wie Sie hereinkamen. Nur Sie schenken mir diese weiche Stille … dieses Licht. Fast möchte ich weinen vor Freude.«
Natascha beugte sich noch näher zu ihm. Ihr Gesicht strahlte vor Entzücken und Freude.
»Natascha, ich liebe Sie zu sehr. Mehr als alles in der Welt.«
»Und ich?« Sie wandte sich einen Augenblick ab. »Aber warum zu sehr?« fragte sie.
»Warum zu sehr? … Nun, was denken Sie, wie fühlen Sie es in Ihrem Herzen, in tiefster Seele: werde ich am Leben bleiben? Was glauben Sie?«
»Ich bin davon überzeugt, ganz überzeugt!« erwiderte Natascha fast aufschreiend und ergriff mit leidenschaftlicher Gebärde seine beiden Hände.
Er schwieg.
»Wie schön wäre das«, sagte er dann, nahm ihre Hand und küßte sie.
Natascha war glücklich und erregt, aber gleich fiel ihr ein, daß dies doch nicht gut für ihn war, daß er Ruhe brauchte.
»Aber Sie haben nicht geschlafen«, sagte sie, ihre Freude unterdrückend. »Versuchen Sie doch einzuschlafen … bitte.«
Er drückte ihr noch einmal die Hand und ließ sie dann los. Sie ging zum Licht und setzte sich wieder auf ihren alten Platz. Zweimal sah sie sich nach ihm um, und seine Augen strahlten ihr entgegen. Sie nahm sich an ihrem Strumpf eine gewisse Anzahl Runden vor und gelobte, sich nicht eher wieder umzusehen, bis sie damit fertig wäre.
Und wirklich hatte er bald darauf die Augen geschlossen und war eingeschlummert. Doch er schlief nicht lange und wachte plötzlich erregt und mit kaltem Schweiß bedeckt wieder auf.
Beim Einschlafen hatte er immer an das gedacht, was die ganze Zeit über seine Gedanken in Anspruch genommen hatte: an das Leben und an den Tod. Doch mehr noch an den Tod. Dem fühlte er sich jetzt näher.
Liebe? Was ist Liebe? dachte er. Liebe hindert den Tod. Liebe ist Leben. Alles, alles was ich verstehe, verstehe ich nur deshalb, weil ich liebe. Alles ist, alles lebt nur dadurch, daß ich liebe. Nur die Liebe verknüpft alles. Die Liebe ist Gott, und sterben bedeutet für mich, der ich ein winziges Teilchen dieser Liebe bin, zur gesamten und ewigen Quelle dieser Liebe zurückzukehren. Diese Gedanken schienen ihm tröstend. Aber es waren eben nur Gedanken. Etwas in ihnen reichte nicht aus, etwas war einseitig, persönlich, rein geistig an ihnen, es fehlte die handgreifliche Augenscheinlichkeit. Und wieder kam die Unklarheit über ihn. Er schlief ein.
Ihm träumte, er liege in demselben Zimmer, in dem er sich in Wirklichkeit befand, sei aber nicht verwundet, sondern gesund. Mancherlei Leute, unbedeutende und gleichgültige, erscheinen vor ihm. Er spricht mit ihnen, streitet sich mit ihnen über irgend etwas Überflüssiges herum. Sie schicken sich an, wieder wegzugehen. Fürst Andrej fühlt dunkel, daß dies alles nichtig ist und daß er andere wichtigere Sorgen hat, aber doch spricht er weiter und setzt die anderen durch leere, witzige Worte in Erstaunen. Nach und nach verschwinden alle diese Personen unbemerkt, und an ihre Stelle tritt nur noch die eine Frage: die Tür. Er steht auf und geht nach der Tür, um den Riegel vorzuschieben und sie abzuschließen. Davon, ob er sie rechtzeitig zuschließt oder nicht, hängt jetzt alles ab. Er geht und hastet, aber seine Füße bewegen sich nicht von der Stelle. Er weiß, daß er nicht rechtzeitig hinkommen wird, um die Tür zu verschließen, trotzdem strengt er krampfhaft alle seine Kräfte an. Qualvolle Angst kommt über ihn. Es ist die Todesangst. Hinter der Tür steht Es. In dem Augenblick, da er kraftlos bis an die Tür herangehumpelt ist, drängt auch schon dieses entsetzliche Etwas von draußen gegen die Tür und droht sie zu zerbrechen. Etwas Unmenschliches, der Tod, will zur Tür herein, man muß sie zuhalten. Fürst Andrej packt die Tür, strengt seine letzten Kräfte an, verschließen geht schon nicht mehr, aber zuhalten, zuhalten. Doch seine Kräfte sind zu schwach, zu ungeschickt. Die Tür gibt dem Entsetzlichen, das Eindringen will, nach, geht auf, schließt sich aber gleich wieder. Noch einmal drängt Es von außen dagegen an. Fürst Andrejs letzte, übermenschliche Anstrengungen sind vergeblich. Beide Türflügel haben sich lautlos geöffnet. Es tritt herein. Es ist der Tod. Und Fürst Andrej stirbt. Aber in dem Augenblick, als er stirbt, fällt ihm ein, daß er ja nur schläft, er strengt sich gewaltsam an und erwacht.
Ja, das war der Tod. Ich starb und bin erwacht. Der Tod ist ein Erwachen, leuchtete es plötzlich in seinem Geist auf, und der Schleier, der ihm bisher das Unbegreifliche verhüllt hatte, war vor seinem geistigen Auge aufgehoben. Er fühlte, wie alle Kräfte in ihm, die vorher gebunden gewesen waren, sich lösten, und empfand jene seltsame Leichtigkeit, die ihn nun nicht wieder verließ.
Als er, in kaltem Schweiß gebadet, aufwachte und sich auf dem Diwan bewegte, trat Natascha auf ihn zu und fragte ihn, was er habe. Er gab ihr keine Antwort, verstand sie nicht und sah sie nur mit seltsamen Blicken an.
Das war es, was zwei Tage vor Prinzessin Marjas Ankunft mit ihm geschehen war. Von diesem Tag an hatte das kraftraubende Fieber, wie der Arzt sagte, einen bösartigen Charakter angenommen. Aber Natascha kümmerte sich nicht um das, was der Arzt meinte, sie sah nur die furchtbaren, seelischen Anzeichen, die für sie untrüglich waren. An diesem Tag hatte für den Fürsten Andrej zusammen mit dem Erwachen aus dem Schlaf das Erwachen aus dem Leben angefangen. Und im Verhältnis zur Länge des Lebens kam ihm dieses Erwachen nicht länger vor als das Erwachen aus einem Traum.
Es lag nichts Furchtbares und Schroffes in diesem entsprechend langsamen Erwachen.
Seine letzten Tage und Stunden nahmen den gewöhnlichen, schlichten Verlauf. Sowohl Prinzessin Marja als auch Natascha, die nicht von seiner Seite wichen, fühlten dies. Sie weinten nicht und entsetzten sich nicht, fühlten aber, daß sie in der letzten Zeit nicht mehr ihn selber pflegten – er war bereits nicht mehr, er war von ihnen gegangen –, sondern nur die nächste Erinnerung an ihn: seinen Körper. Die Gefühle der beiden Mädchen waren so stark, daß auf sie die äußere, furchtbare Seite des Todes gar nicht wirkte und sie es nicht für nötig fanden, ihre Wunde immer wieder aufzureißen. Sie weinten weder in seiner Gegenwart noch wenn sie allein waren und sprachen miteinander nie von ihm. Sie fühlten, daß sie das, was sie empfanden, nicht in Worten auszudrücken vermochten.
Sie beide sahen, wie er immer tiefer und tiefer, langsam und ruhig vor ihren Augen versank, und wußten beide, daß es so sein mußte und daß es gut war.
Man nahm ihm die Beichte ab und reichte ihm das heilige Abendmahl, und alle kamen, um Abschied zu nehmen. Als man ihm sein Söhnchen brachte, drückte er ihm die Lippen auf die Stirn und wandte sich dann ab, nicht weil es ihm zu schwer und zu traurig gewesen wäre – Prinzessin Marja und Natascha verstanden es so –, sondern nur, weil er annahm, daß man dies alles von ihm fordere. Und als man ihm dann sagte, er solle ihn noch segnen, tat er, was man von ihm verlangt hatte, und sah sich dann um, als wolle er fragen, ob er nun noch etwas tun müsse.