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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als sich der Körper, aus dem der Geist schon entschwebt war, in den letzten Zuckungen wand, waren Prinzessin Marja und Natascha bei ihm.

»Es ist zu Ende!« sagte Prinzessin Marja, als der Körper schon einige Minuten, regungslos und starr werdend, vor ihnen lag. Natascha trat näher, schaute in die toten Augen und beeilte sich, sie ihm zuzudrücken. Sie drückte sie zu, küßte sie aber nicht, sondern beugte sich nur über die tote Hülle, die die nächste Erinnerung an ihn selbst war.

»Wohin ist er gegangen? Wo ist er jetzt? …«

Als der Leichnam gewaschen und neu bekleidet eingesargt auf dem Tisch lag, kamen alle herein, um Abschied zu nehmen. Alle weinten.

Nikoluschka weinte vor schmerzlichem Nichtbegreifenkönnen, das ihm das Herz zerriß. Die Gräfin und Sonja weinten aus Mitleid mit Natascha und darüber, daß er nun nicht mehr war. Der alte Graf weinte, weil es ihm nun wohl bald selber bevorstand – das fühlte er – diesen furchtbaren letzten Schritt zu tun.

Natascha und Prinzessin Marja weinten jetzt auch, aber sie weinten nicht über ihren eignen Kummer, sie weinten aus andächtiger Rührung, die ihre Seelen ergriffen hatte, als sie sich des schlichten, erhabenen Mysteriums des Todes bewußt geworden waren, das sich vor ihnen vollzogen hatte.

Dreizehnter Teil

1

Der menschliche Verstand vermag den Zusammenhang der Ursachen aller Erscheinungen nicht zu begreifen, aber der Trieb, diese Ursachen zu erforschen, schlummert in des Menschen Seele. Und da er in die vielen kunstvoll verworrenen Grundbedingungen aller Erscheinungen nicht eindringen kann, von denen jede einzelne als Ursache gelten könnte, greift er nach der ersten besten, die ihm am verständlichsten ist und am nächsten liegt, und behauptet: Das ist die Ursache.

Bei geschichtlichen Ereignissen, wo die Kämpfe der Menschen untereinander den Gegenstand der Beobachtung bilden, ist das, worauf der Mensch zuerst verfällt und was ihm am nächsten liegt, der Wille Gottes und dann die Willensäußerungen aller der Personen, die auf dem sichtbarsten Platz bei den Ereignissen stehen: der Helden der Weltgeschichte. Aber man braucht nur in das Wesen jedes geschichtlichen Ereignisses einzudringen, das heißt in die Tätigkeit der gesamten Masse der Menschen, die an den betreffenden Ereignissen teilgenommen haben, um überzeugt zu sein, daß der Wille eines Helden der Weltgeschichte nicht etwa die Handlungen der Massen lenkt, sondern ständig selber von ihnen geleitet wird.

Es könnte scheinen, als sei es ganz gleichgültig, ob man nun die Bedeutung eines historischen Ereignisses so oder so auffaßt. Aber zwischen einem Menschen, der behauptet, daß die westlichen Völker deshalb nach Osten gezogen seien, weil Napoleon dies gewollt habe, und einem anderen, der sagt, es sei geschehen, weil es habe geschehen müssen, besteht derselbe Unterschied, wie er zwischen den Leuten bestand, die behaupteten, die Erde stehe fest und die Planeten kreisten um sie, und denen, die sagten, sie wüßten nicht, wodurch die Erde gehalten werde, wüßten aber, daß die gleichen Gesetze sowohl ihre Bewegung als auch die der anderen Planeten bestimmten.

Für ein historisches Ereignis gibt es keine Ursache und kann es keine geben außer der einzigen Ursache aller Ursachen. Aber es gibt Gesetze, die die Ereignisse lenken. Zum Teil sind sie uns unbekannt, zum Teil können wir sie fühlen. Ein Erkennen dieser Gesetze ist aber erst dann möglich, wenn wir uns abgewöhnt haben, die Ursache geschichtlicher Ereignisse im Willen eines einzelnen Menschen zu suchen, ebenso wie das Erkennen der Planetenbewegungen erst dann möglich wurde, als sich die Menschen von der Vorstellung losgemacht hatten, daß die Erde feststehe.

Nach der Schlacht bei Borodino, der Einnahme Moskaus durch den Feind und der Einäscherung der Stadt war nach Ansicht der Geschichtsschreiber das wichtigste Kriegsereignis des Jahres 1812 die russiche Truppenbewegung von der Rjasaner nach der Kalugaer Straße und nach dem Lager von Tarutino, der sogenannte Flankenmarsch von Krasnaja-Pachra. Die Historiker schreiben den Ruhm dieser genialen Tat verschiedenen Personen zu und streiten darüber, wem er in Sonderheit zukomme. Sogar ausländische, selbst französische Geschichtsschreiber erkennen die Genialität der russischen Feldherren an, wenn sie von diesem Flankenmarsch sprechen. Unverständlich aber ist, warum die Schreiber dieser Kriegschroniken und mit ihnen alle übrigen Menschen annehmen, daß dieser Flankenmarsch die äußerst tiefsinnige Erfindung einer einzelnen Persönlichkeit gewesen sei, durch die Rußland gerettet und Napoleon zugrunde gerichtet worden sei. Erstens kann man schon schwer verstehen, worin bei dieser Truppenbewegung das Tiefsinnige und Geniale gelegen haben soll, denn um herauszufinden, daß die beste Stellung für eine Armee, wenn sie nicht angegriffen wird, dort ist, wo sie am bequemsten verpflegt werden kann, dazu bedarf es doch wohl keiner allzu großen geistigen Anstrengung. Das konnte jeder, sogar ein dummer Junge von dreizehn Jahren, ohne Mühe herausfinden, daß im Jahre 1812 nach dem Rückzug von Moskau die günstigste Stellung für die Armee an der Kalugaer Straße war. So kann man erstens nicht einsehen, welche Vernunftschlüsse die Historiker dahin geführt haben, in diesem Manöver etwas Tiefsinniges zu erblicken. Zweitens ist noch schwerer zu begreifen, worin sie eigentlich das Rettende dieses Manövers für die Russen und seine Verderblichkeit für die Franzosen erblicken, denn dieser Flankenmarsch hätte, wenn andere Umstände vorhergegangen, dazugekommen und nachgefolgt wären, ebenso gut für das russische Heer verderblich und für die Franzosen heilsam werden können. Wenn sich auch von jener Zeit an, da diese Bewegung vorgenommen worden war, die Lage des russischen Heeres besserte, so folgt hieraus doch nicht, daß diese Bewegung die Ursache gewesen ist.

Dieser Flankenmarsch hätte der russischen Armee nicht nur keinerlei Vorteil bringen, sondern ihr sogar verderblich werden können, wenn nicht andere Umstände mitgewirkt hätten. Was wäre geschehen, wenn Moskau nicht niedergebrannt wäre? Wenn Murat die Russen nicht aus den Augen verloren hätte? Wenn Napoleon nicht müßig geblieben wäre? Wenn die russische Armee auf Anraten Bennigsens und Barclays bei Krasnaja-Pachra eine Schlacht geliefert hätte? Was wäre geschehen, wenn die Franzosen die Russen auf dem Weg nach Pachra überfallen hätten? Wenn Napoleon, als er nach Tarutino kam, die Russen nur mit dem zehnten Teil jener Energie angegriffen hätte, mit der er bei Smolensk vorgegangen war? Was wäre geschehen, wenn die Franzosen nach Petersburg gezogen wären? … Bei allen diesen Voraussetzungen konnte die rettende Kraft des Flankenmarsches ins Gegenteil umschlagen, das zum Untergang führen mußte.

Das dritte, Unbegreiflichste, ist, daß Leute, die Geschichte studieren, absichtlich nicht sehen wollen, daß man den Flankenmarsch unmöglich einer einzigen Person zuschreiben kann, daß niemand ihn vorausgesehen hat, daß dieses Manöver ebenso wie der Rückzug bei Fili, während man es unternahm, niemandem in seiner Gesamtwirkung vor Augen stand, sondern Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, nach und nach aus einer zahllosen Masse der allerverschiedenartigsten Vorbedingungen entsprungen ist und erst dann in seiner Gesamtwirkung dastand, als es vollbracht war und bereits der Vergangenheit angehörte.

Auf dem Kriegsrat in Fili herrschte bei den russischen Befehlshabern der Gedanke vor, selbstverständlich in gerader Richtung zurückzugehen, das heißt: auf der Straße nach Nishnij Nowgorod. Beweis dafür ist, daß die Mehrzahl der Stimmen im Rat in diesem Sinn abgegeben wurde, und dann vor allem das bekannte Gespräch des Oberkommandierenden nach der Beratung mit Lanskoj, der das Proviantwesen unter sich hatte. Lanskoj meldete ihm, daß der Proviant für die Armee vorzugsweise an der Oka entlang, in den Gouvernements Tula und Kaluga aufgestapelt liege, und daß, falls die Armee sich nach Nishnij zurückzöge, die Vorräte vom Heer durch den Okastrom getrennt wären, über den in der ersten Winterszeit die Überfahrt unmöglich sei. Dies war das erste Anzeichen, daß ein Abweichen von der geraden Richtung nach Nishnij geboten sei, die anfänglich als die natürlichste erschienen war. So hielt sich die Armee mehr südlich auf der Rjasaner Straße, in der Nähe der Vorräte. Später wurden die Truppen durch die Untätigkeit der Franzosen, die das russische Heer sogar aus den Augen verloren hatten, durch die Sorge um den Schutz der Tulaer Gewehrfabrik und vor allem durch die vorteilhafte Nähe der Vorräte dazu bewogen, noch weiter südlich auf die Straße nach Tula abzubiegen. Als das Heer in einer hoffnungslosen Bewegung hinter Pachra auf die Tulaer Straße übergegangen war, hatten die Heerführer der russischen Truppen vor, bei Podolsk zu bleiben, und keiner dachte noch an eine Stellung bei Tarutino. Doch zahllose Umstände: das Wiederauftauchen französischer Truppen, die die Russen bisher aus den Augen verloren hatten, Schlachtenpläne und vor allem der ungeheure Proviantvorrat in Kaluga zwangen unsere Armee, noch südlicher abzubiegen und von der Tulaer auf die Kalugaer Straße überzugehen bis nach Tarutino, also mitten in ihre Proviantgegend hinein. Und so kann die Frage, wann und durch wen beschlossen wurde, nach Tarutino zu marschieren, ebenso wenig beantwortet werden wie die, wann Moskau preisgegeben wurde. Erst als die Truppen, von zahllosen grundverschiedenen Kräften getrieben, bereits in Tarutino angekommen waren, dämmerte in allen die Überzeugung auf, daß man dies beabsichtigt und schon lange vorausgesehen habe.

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