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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Prinzessin Marja verstand alles.

Aber trotzdem hoffte sie noch und fragte in Worten, an die sie nicht glaubte: »Aber wie ist denn seine Wunde? Wie ist sein Zustand überhaupt?«

»Sie … Sie … werden sehen …« konnte Natascha nur hervorbringen.

Sie blieben noch einige Zeit unten neben seinem Zimmer sitzen, um ihrer Tränen Herr zu werden und mit ruhigen Gesichtern zu ihm hineinzugehen.

»Wie ist denn die ganze Krankheit verlaufen? Geht es ihm schon lange so schlecht? Wann ist das eingetreten?« fragte Prinzessin Marja.

Natascha erzählte, zuerst habe er wegen des dauernden Fiebers und der großen Schmerzen in Gefahr geschwebt, aber das sei in Troiza vorübergegangen. Dann habe der Arzt nur eines befürchtet: den Wundbrand. Aber auch diese Gefahr sei vorbei. Als sie nach Jaroslawl gekommen seien, habe die Wunde zu eitern angefangen – Natascha kannte jetzt alles, was Eiterungen und dergleichen betraf –, aber der Arzt habe gesagt, diese Eiterung könne normal verlaufen. Dann sei wieder Fieber eingetreten, doch der Doktor habe gemeint, dieses Fieber sei nicht gefährlich.

»Aber vor zwei Tagen«, fing Natascha wieder an, »trat das plötzlich ein …« sie hielt ihr Schluchzen zurück. »Ich weiß nicht, woher es kam … aber Sie werden sehen, wie er ist.«

»Er ist wohl ganz schwach, ganz mager geworden?« fragte Prinzessin Marja.

»Nein, das nicht, schlimmer. Sie werden sehen. Ach, Marie, er ist zu gut, er kann nicht, kann nicht leben, weil …«

15

Als Natascha mit gewohntem Griff die Tür zum Zimmer des Fürsten Andrej öffnete und Prinzessin Marja vorausgehen ließ, fühlte diese, wie ihr ein Schluchzen die Kehle zuschnürte. So sehr sie sich auch vorbereitet hatte und bemühte, ruhig zu scheinen, so wußte sie doch, daß sie nicht imstande sein werde, ihn ohne Tränen wiederzusehen.

Prinzessin Marja konnte sich wohl denken, was Natascha meinte, als sie gesagt hatte: »Vor zwei Tagen trat das plötzlich ein …« Sie glaubte, das solle bedeuten, er sei plötzlich weich geworden, und diese Weichheit, diese gerührte Stimmung seien Vorzeichen seines Todes. Als sie in die Tür trat, sah sie im Geist schon das Gesicht Andrjuschas vor sich, wie sie es aus ihrer Kindheit kannte, das zärtliche, sanfte, gerührte Gesicht, das er so selten gezeigt und das deshalb immer um so stärker auf sie gewirkt hatte. Sie wußte, daß er sanfte, zärtliche Worte zu ihr sprechen werde, wie sie der Vater vor seinem Tod zu ihr gesagt hatte, und daß sie dies nicht ertragen und in Schluchzen ausbrechen werde. Aber früher oder später mußte es doch nun einmal sein, und so trat sie ins Zimmer. Das Schluchzen schnürte ihr mehr und mehr die Kehle zu, während sie mit ihren kurzsichtigen Augen immer klarer und deutlicher seine Gestalt sah und seine Züge zu unterscheiden suchte, und auf einmal sah sie sein Gesicht, und ihre Augen begegneten einander.

In seinem Schlafrock aus Eichhörnchenpelz lag er auf einem Diwan, weich in Kissen gebettet. Er sah mager und blaß aus. In der einen durchsichtig weißen Hand hielt er sein Taschentuch, mit der anderen strich er mit einer leisen Bewegung der Finger über seinen feinen, jetzt lang gewachsenen Schnurrbart. Seine Augen blickten auf die Eintretenden.

Als Prinzessin Marja sein Gesicht sah und seinen Augen begegnete, mäßigte sie plötzlich die Schnelligkeit ihrer Schritte und fühlte, daß ihre Tränen jäh versiegten und ihr Schluchzen aufhörte. Nachdem sie den Ausdruck seines Gesichtes und Blickes gesehen hatte, wurde sie auf einmal befangen und fühlte sich schuldig.

Aber wodurch habe ich mich denn schuldig gemacht? fragte sie sich.

Dadurch, daß du lebst und an einen Lebenden denkst, während ich … antwortete ihr ein kalter, strenger Blick.

In dem tiefen Blick des Fürsten Andrej, der nicht aus sich heraus, sondern in sich hinein schaute, lag fast etwas Feindseliges, als er ihn langsam auf seine Schwester und Natascha richtete.

Er küßte sich Hand in Hand mit der Schwester, wie sie das immer zu tun pflegten.

»Guten Tag, Marie, wie kommst du denn hierher?« fragte er, und seine Stimme klang ebenso gleichgültig und fremd, wie sein Blick war. Hätte er verzweifelt aufgeschrien und gestöhnt, so hätte sich Prinzessin Marja über dieses Schreien weniger entsetzt als über den Klang dieser Stimme.

»Und Nikoluschka hast du mitgebracht?« fragte er ebenso gleichmütig und langsam; es kostete ihn sichtlich Mühe, sich zu erinnern.

»Wie geht es dir jetzt?« fragte die Prinzessin Marja, selber erstaunt, daß sie sprechen konnte.

»Darüber mußt du den Arzt befragen, meine Liebe«, sagte er, sichtlich bemüht, freundlich zu sein. Er sprach nur mit dem Mund, und man sah, daß er gar nicht an das dachte, was er sagte. Dann fuhr er fort: »Merci, chère amie, d’être venue.«

Prinzessin Marja drückte ihm die Hand. Bei diesem Händedruck runzelte er kaum merklich die Stirn. Er schwieg, und auch Prinzessin Marja wußte nicht, was sie sagen sollte. Jetzt verstand sie, was seit zwei Tagen mit ihm geschehen war. Aus seinen Worten, aus dem Ton seiner Stimme und vor allem aus seinem Blick, aus diesem kalten, fast feindseligen Blick fühlte man die Abkehr von allem Irdischen heraus, die für jeden noch lebenden Menschen so furchtbar ist. Es fiel ihm sichtlich schwer, alles, was das Leben betraf, zu verstehen, und doch machte sich dabei fühlbar, daß er es nicht etwa deshalb nicht verstand, weil ihm die Kraft gefehlt hätte, sondern nur deshalb, weil er jetzt etwas anderes verstand, etwas, das die Lebenden nicht begriffen und nicht begreifen konnten und das ihn jetzt ganz erfüllte.

»Ja, das Schicksal hat uns auf eigenartige Weise wieder zusammengeführt!« sagte er, das Stillschweigen brechend, und zeigte auf Natascha. »Sie pflegt mich immer.«

Prinzessin Marja hörte und konnte es nicht fassen, was er sagte. Er, der feinfühlige, zartsinnige Fürst Andrej konnte in Anwesenheit derjenigen, die er liebte und die ihn wiederliebte, so etwas sagen. Hätte er geglaubt, am Leben zu bleiben, so hätte er das nicht in solch kaltem, beleidigendem Ton gesagt. Hätte er nicht gewußt, daß er sterben mußte, wie hätte er so wenig Mitleid mit ihr haben und so in ihrer Gegenwart reden können? Dafür gab es nur die eine Erklärung: daß ihm alles gleichgültig war, und zwar gleichgültig deshalb, weil sich ihm etwas anderes, Höheres geoffenbart hatte.

Das Gespräch war kühl und zusammenhangslos und brach jeden Augenblick ab.

»Marie ist über Rjasan gefahren«, sagte Natascha.

Fürst Andrej achtete nicht darauf, daß sie seine Schwester Marie nannte. Doch Natascha selber merkte, daß sie die Prinzessin in seiner Gegenwart zum erstenmal so genannt hatte.

»Nun, und was weiter?« fragte er.

»Man hat ihr erzählt, daß Moskau vollständig niedergebrannt sei, und daß …« Natascha hielt inne, sie war nicht imstande weiterzusprechen. Er gab sich sichtlich Mühe, ihr zuzuhören, konnte es aber trotzdem nicht.

»Ja, es soll ganz niedergebrannt sein«, sagte er. »Das ist sehr traurig …« und er fing an, vor sich hinzusehen, und strich sich mit der Hand über den Bart.

»Du hast den Grafen Nikolaj getroffen, Marie?« fragte plötzlich Fürst Andrej in dem sichtlichen Wunsch, ihnen etwas Angenehmes zu sagen. »Er hat hierher geschrieben, daß er dich sehr liebgewonnen hat«, fuhr er einfach und ruhig fort, offenbar nicht mehr imstande, alle die vielsagenden Bedeutungen, die diese Worte für lebende Menschen haben, zu verstehen. »Wenn du ihn ebenfalls lieb hast, so wäre es doch sehr gut … wenn ihr euch heiraten würdet«, fügte er etwas schneller hinzu, als freue er sich über diese Worte, die er lange gesucht und endlich gefunden hatte.

Prinzessin Marja hörte seine Worte, aber sie hatten für sie keinen anderen Sinn als den, daß sie ihr bewiesen, wie furchtbar fern er jetzt allem war, was das Leben betraf.

»Warum von mir reden!« sagte sie ruhig und sah Natascha an. Natascha fühlte diesen Blick, sah sie aber nicht an. Wieder schwiegen alle.

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