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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als es anfing zu dämmern, weckte man Graf Orlow, der eingeschlafen war. Man führte ihm einen Überläufer aus dem französischen Lager vor. Es war ein polnischer Unteroffizier vom Korps Poniatowskis. Dieser Unteroffizier erklärte auf polnisch, er sei übergelaufen, weil man ihn im Dienst gekränkt habe, er hätte schon lange Offizier werden müssen, weil er tapferer gewesen sei als alle, und deshalb habe er sie nun im Stich gelassen und wolle sich rächen. Er erzählte, Murat habe eine Werst von ihnen entfernt sein Nachtquartier aufgeschlagen, und wenn man ihm hundert berittene Soldaten mitgebe, könne er ihn lebendig gefangen nehmen.

Graf Orlow-Denissow beriet mit seinen Kameraden hin und her. Der Vorschlag war zu verführerisch, als daß man ihn hätte abweisen können. Alle wollten mitreiten, alle rieten, es zu versuchen. Nach vielem Überlegen und Hinundherreden entschloß sich Generalmajor Grekow, mit zwei Kosakenregimentern dem Unteroffizier zu folgen.

»Aber denke daran«, sagte Graf Orlow-Denissow zu dem Unteroffizier, als er ihn entließ, »wenn du gelogen hast, lasse ich dich aufhängen wie einen Hund, hast du aber die Wahrheit gesprochen, sollst du hundert Dukaten haben.«

Der Unteroffizier erwiderte nichts, stieg mit entschlossener Miene zu Pferd und ritt mit Grekow fort, dessen Regimenter sich schnell gesammelt hatten. Sie verschwanden im Wald. Graf Orlow, der Grekow ein Stück begleitet hatte, schauderte in der Frische des anbrechenden Morgens vor Erregung über das gewagte Stück, das er auf eigne Faust unternommen hatte. Er trat aus dem Wald und fing an, das feindliche Lager mit den niedergebrannten Wachtfeuern zu betrachten, das jetzt im Licht des anbrechenden Morgens nebelhaft sichtbar wurde. Rechts von Orlow-Denissow, auf einem freien Berghang, mußten sich unsere Kolonnen zeigen. Graf Orlow blickte hin, doch obgleich man sie von fern hätte bemerken müssen: die Kolonnen waren nicht zu sehen. Im französischen Lager fing es an lebhaft zu werden, wie es dem Grafen Orlow schien, was ihm sein äußerst scharfsichtiger Adjutant bestätigte.

»Also wirklich zu spät«, sagte Graf Orlow, während er nach dem Lager hinschaute.

Es wurde ihm auf einmal, wie das oft zu geschehen pflegt, wenn man einen Menschen, dem man Vertrauen geschenkt hat, nicht mehr vor Augen sieht, vollkommen klar und augenscheinlich, daß dieser Unteroffizier ein Betrüger war, der gelogen hatte, und nun durch das Fehlen dieser beiden Regimenter, die er Gott weiß wohin führte, den ganzen Angriff zunichte machte. War es denn überhaupt möglich, aus einer solchen Masse von Truppen einen Oberbefehlshaber herauszugreifen?

»Er hat tatsächlich gelogen, dieser Halunke«, rief der Graf.

»Man könnte ihn noch zurückholen«, riet einer aus dem Gefolge, der ebenso wie Graf Orlow beim Anblick des feindlichen Lagers ein Mißtrauen gegen das Unternehmen in sich aufsteigen fühlte.

»So? wirklich? … Was denken Sie? Sollen wir sie ziehen lassen? Oder nicht?«

»Befehlen Sie, daß man sie zurückhole?«

»Jawohl, man rufe sie zurück!« befahl plötzlich Graf Orlow in entschiedenem Ton und sah nach der Uhr. »Es wird zu spät sein, es ist schon ganz hell.«

Ein Adjutant sprengte durch den Wald Grekow nach. Als Grekow zurückgekehrt war, geriet Graf Orlow-Denissow durch diesen fehlgeschlagenen Versuch, durch das vergebliche Warten auf die Infanteriekolonnen, die immer noch nicht erschienen waren, und auch die Nähe des Feindes – alle Leute seiner Abteilung hatten das gleiche Gefühl – in fieberhafte Aufregung und beschloß, zum Angriff vorzugehen.

Flüsternd kommandierte er: »Aufsitzen!« Die Mannschaften sammelten sich und bekreuzigten sich … »Mit Gott!«

»Hurraaaaa!« dröhnte es durch den Wald, und lustig wie Nüsse aus dem Sack flog eine Schwadron Kosaken nach der anderen mit eingelegten Lanzen über den Bach auf das Lager zu.

Ein entsetzter, verzweifelter Aufschrei des einen Franzosen, der zuerst die Kosaken erblickt hatte – und alles, was sich im Lager befand, ließ unbekleidet und aus dem Schlaf aufgeschreckt Kanonen, Flinten und Pferde im Stich und rannte kopfüber davon, wohin jeder nur rennen konnte.

Wenn die Kosaken die Franzosen verfolgt hätten, ohne sich darum zu kümmern, was hinter ihnen und um sie herum vorging, hätten sie Murat und alle, die um ihn waren, gefangengenommen. Die führenden Offiziere wollten dies auch. Aber es war unmöglich, die Kosaken von der Stelle zu bekommen, als sie erst einmal bis zu der Beute und zu den Gefangenen vorgedrungen waren. Keiner hörte auf das, was befohlen wurde. Es wurden daselbst fünfzehnhundert Gefangene gemacht, achtunddreißig Geschütze und Fahnen erbeutet und, was für die Kosaken noch wichtiger war, Pferde, Sättel, Decken und andere Gegenstände vorgefunden. Mit alledem mußte man erst fertigwerden: die Gefangenen und die Kanonen mußten fortgeschafft, die Beute geteilt werden; dabei schrien alle durcheinander, und es gab sogar Prügeleien. Und so hatten denn die Kosaken alle Hände voll zu tun.

Als die Franzosen sich nicht mehr verfolgt sahen, kamen sie wieder zur Besinnung, sammelten sich in Abteilungen und fingen an zu schießen. Orlow Denissow wartete immer noch auf die Infanteriekolonnen und griff nicht weiter an.

Inzwischen waren die Infanterietruppen der verspäteten Kolonnen, die Bennigsen kommandierte und Toll leitete, gemäß der Disposition: »Die erste Kolonne marschiert …« vorschriftsmäßig ausgerückt und auch irgendwo angelangt, nur nicht, wie das immer zu sein pflegt, an der Stelle, für die sie bestimmt waren. Und wie immer machten nun die Leute, die vergnügt ausgezogen waren, mürrisch halt; man hörte Äußerungen der Mißbilligung, alle wurden sich bewußt, daß etwas nicht richtig war, und man ging aufs Geratewohl zurück. Die vorüberreitenden Adjutanten und Generäle schrien, ärgerten sich, zankten und behaupteten, die Kolonne gehöre gar nicht hierher und komme viel zu spät, dann schimpften sie auf irgend jemanden und so weiter, aber schließlich winkten sie alle nur mit der Hand ab, und die Soldaten marschierten weiter, um nur irgendwohin zu kommen. »Irgendwohin werden wir schon kommen!« Und sie kamen auch wirklich irgendwohin, nur nicht an die für sie bestimmte Stelle, und wenn einige von ihnen trotzdem noch hingelangten, so kamen sie so spät, daß ihr Erscheinen keinen Nutzen mehr brachte, kamen nur hin, um beschossen zu werden. Toll, der in dieser Schlacht die Rolle Weyrothers bei Austerlitz spielte, sprengte emsig von einem Ort zum anderen und fand, daß überall alles drüber und drunter ging. So kam er zu Bagowuts Korps herangesprengt, das, als es schon ganz hell war, noch im Wald lag, während es doch schon längst dort bei Orlow-Denissow hätte sein müssen. Aufgeregt und durch den Mißerfolg erbittert, sprengte Toll, überzeugt, daß doch jemand schuld daran sein müsse, auf den Korpskommandeur zu, machte ihm ernste Vorwürfe und sagte, dafür müsse er eigentlich erschossen werden. Bagowut, ein alter, diensterfahrener, ruhiger General, der durch all den Aufenthalt, die Verwirrung und die Widersprüche ebenfalls gereizt war, geriet zur Verwunderung aller ganz gegen seinen Charakter in rasende Wut und sagte Toll die unangenehmsten Sachen.

»Ich lasse mir von niemandem Lektionen erteilen, und mit meinen Soldaten zu sterben, das verstehe ich ebenso gut wie jeder andere auch«, schrie er und ging mit nur einer Division vor.

Als er auf das Feld in die Schußlinie der Franzosen herauskam, überlegte sich der tapfere Bagowut, aufgeregt wie er war, nicht erst lange, ob sein Eingreifen ins Gefecht mit nur einer Division jetzt nützlich war oder nicht, sondern ging gerade vor und führte seine Truppen ins Feuer. Gefahr, Kanonenkugeln und Gewehrgeschosse, das war es, was er jetzt in seinem Zorn brauchte. Eine der ersten Kugeln streckte ihn nieder, die folgenden töteten viele seiner Soldaten. Und so stand seine Division eine Zeitlang ohne jeden Zweck im Feuer.

7

Inzwischen hätte an der Front eine andere Kolonne über die Franzosen herfallen müssen, aber bei dieser Kolonne befand sich Kutusow. Er wußte nur zu gut, daß bei dieser gegen seinen Willen gelieferten Schlacht nichts als ein Wirrwarr herauskommen werde, und hielt, soweit es in seiner Macht lag, seine Truppen zurück. Er rührte sich nicht.

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