Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
An dieses Geschehnis mußte Giovanni jetzt denken, als er den gewohnten Weg zur Arbeitsstätte ging. Er grüßte entgegenkommende Bauern und Glasmacher und blieb, da er noch ein wenig Zeit hatte, am Kanal stehen. Gemüsekähne, voll beladen mit Kohlköpfen, Mohrrüben und Küchenkräutern, Fischerboote mit glitzernden Fischleibern in Fässern und Netzen schwammen vorbei. Alles schien nach Venedig zu strömen, die Früchte des Landes, das Vieh, die Glaswaren. Der Segen Muranos floß nach der unersättlichen Stadt und kam in klingender Münze zurück, um in den Taschen Messer Celsis und der Patroni der Glasbläsereien zu verschwinden. Ein Rest blieb auch für die Bauern und Glasbläser übrig.
Zu seiner Rechten führte die baufällige Holzbrücke, vor der ihn Giannina erwartet hatte, über das Wasser. Während Giovanni weiterging, dachte er an seinen Vater, den die erzwungene Untätigkeit immer verschlossener und mürrischer machte. Wie könnte er ihm nur helfen? Heute morgen, als er sich verabschiedete, hatte der Vater mit unfrohem Lachen gesagt, daß er vielleicht im Laufe des Tages bei Meister Benedetto vorbeikommen werde. Aber vorher hätte er erst etwas anderes zu erledigen.
Vieles ging Giovanni durch den Kopf, bis er endlich nach der letzten Wegbiegung das gewohnte Bild vor sich sah: das Gerippe einer großen Barke, mit Brettern überdacht, unmittelbar neben dem Lagunensee den Holzstapelplatz und das Wohnhaus mit den steinernen Stufen, die zu einer viereckigen Veranda im ersten Stock emporführten. Meister Benedetto trat gerade von der Küche auf die Veranda hinaus und blickte zu den Inseln, die vor San Nicolo lagen.
Ein frischer Luftzug wehte Giovanni entgegen. Die Sonnenpfeile drangen siegend durch den zarten Morgendunst, es gleißte und flimmerte, daß man den Blick abwenden mußte. Fischerkähne, mit den zwergenhaft über den Bootsrand ragenden Oberkörpern der Männer, lagen nah und fern auf der Lagune. Giovanni blieb einen Augenblick stehen, um das schöne heimatliche Bild in sich aufzunehmen. Der Duft des Holzes stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an die Arbeit.
Es war nun Zeit, zum Frühstück zu gehen. Die Gesellen saßen vielleicht schon hungrig um den Tisch; es konnte allerdings auch sein, daß sie noch auf ihren Strohsäcken lagen. Sie wohnten in einer Kammer des geräumigen Holzhauses, die sich im Erdgeschoß befand. Giovanni genoß die Vergünstigung, jeden Abend nach Hause gehen zu können. Meister Benedetto hatte es ihm erlaubt, damit er dem Vater zur Hand gehen könne. Der Meister schätzte Ernesto und versuchte ihm zu helfen, so gut es ging. Darum hatte er auch seinen Jungen in die Lehre genommen, und er hatte es bisher noch keinen Augenblick bereut.
Giovanni sprang die Steinstufen hoch und öffnete nach kurzem Klopfen die Küchentür.
«Buon giorno, Frau Meisterin, buon giorno, Meister Benedetto, buon giorno, Gesellen», rief er seinen morgendlichen Gruß in die geräumige Küche hinein.
«Die Gesellen sind ja noch gar nicht da, siehst du das denn nicht?» schrie die Meisterin aus dem Hintergrund, «lauf hinunter und hol sie, sonst kriegen sie nichts zu essen!»
Polissena, die Meisterin, war klein und rundlich wie Benedetto, trotz ihres Alters hatte sie noch pechschwarzes Haar. Im Grunde genommen war sie recht gutmütig, und man konnte gut mit ihr auskommen. Nur hatte die Natur ihr eine durchdringende Stimme verliehen, die den weit entfernt auf der Lagune liegenden Fischern einen Schauer über den Rücken jagte, wenn sie von der Veranda herab ihre Anweisungen durch den stillen Morgen schrie. Meister Benedetto hatte zudem die Angewohnheit, so zu tun, als ob er schwer höre, was Polissena jedesmal veranlaßte, ihre Stimmkraft zu ungeahnten Leistungen zu steigern.
Gähnend traten die drei Gesellen Filiberto, Giulio und Aurelio ein. «Da sind wir schon, Frau Meisterin», sagte Filiberto und strich bedächtig seinen Bart.
«Schon… schon!» schrie Polissena und klatschte den Teig auf den Tisch.
«Oh, Käse aus Stutenmilch!» Giulio, der Spötter, sog schnuppernd und mit verzücktem Gesichtsausdruck den Küchenduft ein.
«Und hinterher ein Schöppchen Wein, nicht wahr, Meister, dann schmeckt die Arbeit besser», gab auch der hagere, hochgewachsene Aurelio seinen Soldo dazu.
Und wie es jeden Morgen geschah, verteidigte Meisterin Polissena ihren Stutenmilchkäse, von dem sie einen größeren Posten billig bei einem Händler erworben hatte. Er war schon etwas trocken gewesen und schmeckte nach Meinung der Gesellen von Tag zu Tag mehr nach Stroh, aber die Meisterin pries ihn als den fettesten, wohlschmeckendsten Käse, der jemals die weißgescheuerte Platte ihres Küchentisches geziert hätte.
«Daß du mir keinen Wein holst, Benedetto! Und du, Giulio, mach den Käse nicht schlecht!»
Sie stellte die dampfende Ziegenmilch auf den Tisch und schnitt von dem in der Ecke hängenden Schinken einige Scheiben ab.
«So!» sagte sie. «Gebt auch dem Jungen seinen Teil, ihr Vielfraße!» Nachdem Meister Benedetto das Tischgebet gesprochen hatte, begannen sie zu essen. Während des Frühstücks war kein Wort zu hören. Giovanni fegte die Veranda, holte aus der nahen Zisterne Wasser für die Meisterin, hackte Holz und trieb die Ziegen hinaus, damit sie das spärliche Gras abfressen konnten. Dann meldete er sich bei Meister Benedetto zur Arbeit.
Die im Rohbau fast fertige Barke war auf dem sanft geneigten Ufer auf Stapel gesetzt. Schon in den nächsten Wochen würden der Bildschnitzer und der Vergolder kommen, um mit den Verschönerungsarbeiten zu beginnen. Die Barke gehörte dem spanischen Gesandten Don Manuel Colmeiro di Guadalajara und sollte mit äußerster Pracht ausgestattet werden.
Die drei Gesellen sägten und hämmerten, daß es weit durch die klare Luft hallte. Filiberto und Giulio saßen auf dem Gerüst, Aurelio bearbeitete mit der Axt einen schlanken Kiefernstamm, der für den Mast vorgesehen war.
Wie das Gerippe eines riesigen Vogels ruhte die Barke auf den Holzblöcken, die über starke Balken gelegt waren. Diesen Vergleich hatte Giovanni von Meister Benedetto gehört. Der Kiel sei das Rückgrat, hatte er ihm erklärt, der Vordersteven der Brustknochen, und die Spanten stellten die Rippen dar.
Giovanni hatte in der kurzen Lehrzeit schon eine ganze Menge gelernt. Jetzt sollte er sogar selbständig die Unterlage für eine größere Warenbarke zurechtlegen, die als nächste gebaut werden würde. Hin und wieder rief Meister Benedetto ihn zu sich, um ihm etwas zu erklären.
Der Meister arbeitete allein in einem Holzschuppen, zu dem noch nicht einmal Polissena und die Gesellen Zutritt hatten. Er war damit beschäftigt, eine neue Bootsart zu bauen, die auf den engen Kanälen wie ein Vogel, lautlos und schnell, dahinschweben sollte. Sonderbar sah das Gerippe in dem Schuppen aus, wie ein schlanker Raubfisch, etwa dreißig Schuh lang und viel leichter gebaut als die bisher verwendeten Boote. An der Spitze des Vorderteils war ein beilförmiges Eisen befestigt, unter dem mehrere Zähne hervorragten.
Giovanni war durch die tägliche Beschäftigung im Freien und den Stutenmilchkäse kräftiger geworden; die Brust hatte sich geweitet, und die Oberarmmuskeln konnten sich sehen lassen. Er war auch gewachsen. Wenn man ihn mit geöffneter Hemdbrust arbeiten sah, vergaß man über der athletischen Gestalt des Jungen mit den breiten Schultern den kleinen Höcker am rechten Schulterblatt. Giovanni war auch lebensfroher geworden; die Schwermut auf dem Grund seiner Augen, die sich oft wie ein Schatten über seine Empfindungen gelegt hatte, war fast verschwunden.
Manchmal fing er ohne Aufforderung an, ein Lied zu singen: