El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Die »Trueno« segelte unter französischer Flagge, da Spanien sich offiziell in den amerikanischen Konflikt nicht einzumischen gedachte. Die französischen Kapitäne, die zu Washingtons Unterstützung ausgesandt waren, sahen es jedoch auch nicht gern, wenn ein fremdes Schiff unter ihrer Flagge fuhr.
Michel wandte sich zur Seite. Der Strom seiner Gedanken versiegte.
Plötzlich aber war er wieder hellwach. An der Tür seiner Koje machte sich irgend jemand zu schaffen.
Er beobachtete seine Umgebung mit gespannter Aufmerksamkeit, und trotz der herrschenden Finsternis entging es ihm nicht, daß sich eine Gestalt in seine Kabine schob, vorsichtig Zentimeter um Zentimeter die Dielenplanken mit dem Fuß abtastend, um knarrende Geräusche zu vermeiden.
Die Gestalt kam immer näher. Jetzt stand sie dicht vor ihm. Ein Anschlag auf sein Leben? Ein neuer Mord auf diesem Schiff?
Ein Messer blitzte durch die Dunkelheit. Michel war bereit zur Gegenwehr. Da fiel die Waffe, ohne Schaden angerichtet zu haben und ohne daß Michel etwas dazu getan hatte, klirrend auf den Boden. Eine Stimme seufzte auf. Und dann fiel ein Körper auf ihn, und zwei feuchte, schwellende Lippen preßten sich auf seinen Mund.
Michel war im ersten Augenblick erstarrt. Dann richtete er sich mit einem Ruck auf. Die Gestalt taumelte zurück. Es war Marina.
Michel schlug Feuer und entzündete eine Kerze. Verwundert und zornig starrte er die Ruhestörerin an.
»Ist Euch nicht wohl, Gräfin?«
Marina schlug — zum erstenmal seit Michel sie kannte — die Augen zu Boden.
»Verzeiht«, murmelte sie, »einmal mußte es so kommen. Entweder mußte ich Euch töten oder
Euch küssen. Ich liebte Euch, seit ich Euch das erstemal sah. Ich ließ Euch damals in den Kerker
werfen--weil ich Euch liebte.--Versteht Ihr das?«
Michel betrachtete sie mit Spott.
»Und als Ihr mich jetzt erstechen wolltet, da kam es plötzlich über Euch, wie?« fragte er. Sie nickte.
»Ich konnte es nicht tun, weil die Liebe stärker war als der Haß. Ich war nicht fähig, Euch das Messer in die Brust zu stoßen.«
»Solche Gefühle hattet Ihr wohl nicht, als Ihr Garcia vergiftetet?« Marina fuhr zurück.
»Ihr wißt — daß ich es — getan — habe?«
Michel verschränkte die Hände hinter dem Kopf undlegte sich zurück. Mit gelangweiltem Ausdruck blickte er zur Decke.
»Das war mir von der ersten Minute an klar. Der Mann stand nach Eurer Meinung zwischen Euch und mir. Nun, es ist gewiß nicht schade um ihn; denn er hatte wahrscheinlich noch mehr auf dem Kerbholz als Ihr. Dennoch ist es Mord, ganz einfach heimtückischer Meuchelmord.« Seine Stimme wurde hart. »Ich habe Euch verschont, um Euch nicht in die Hände von besseren Seeräubern fallen zu lassen. Sonst hätten diese ein Lösegeld von Graf Esteban erpreßt. Und Graf Esteban hätte gezahlt. Das weiß ich, so wahr ich Michel Baum heiße. Für Euch aber auch noch Lösegeld zu zahlen, hieße die Pesetas sinnlos zum Fenster hinauszuwerfen. Nur um das zu verhindern, habe ich dem Kapitän nicht verraten, was Ihr in Wirklichkeit seid. Ich hoffe, Ihr habt mich verstanden.« Marina bebte innerlich. Furchtbarer Zorn stieg in ihr auf.
Jeden Wutausbruch dieses Mannes hätte sie ertragen, jeden Schlag von ihm hätte sie als Liebkosung empfunden. Aber diese kalte Verachtung, diese eisige Ablehnung ihrer Leidenschaft raubte ihr für Sekunden die Besinnung.
Jäh bückte sie sich und ergriff das Messer, das noch immer unbeachtet auf dem Boden lag. Michel reagierte blitzschnell. Sein Fuß, an dem noch die Strümpfe saßen, fuhr unter der Decke hervor und trat auf ihre Hand, hart und erbarmungslos.
Ein leiser Aufschrei entwich ihren Lippen. Sie ließ das Messer fahren und öffnete und schloß die mißhandelten Finger. Und plötzlich standen Tränen in ihren Augen. »Weshalb glaubt Ihr nicht an meine Liebe?« fragte sie mit kläglicher Stimme. Michel betrachtete ihre ebenmäßigen, unschuldig wirkenden Züge. Ihre Schönheit war überraschend. Sie hätte auch einen weniger empfindsamen Menschen als ihn entzündet. Aber er wehrte sich mit der ganzen Kraft seiner aufrechten Seele gegen das aufkommende Gefühl der Leidenschaft.
»Geht in Eure Koje, Gräfin. Ich möchte, daß wir das Gespräch beenden. Es führt zu nichts, wenn ich mir Euretwegen die Nacht um die Ohren schlage.« Deutlicher konnte er seiner Ablehnung nicht Ausdruck verleihen.
Doch die Frau kauerte sich nieder. Sie konnte sich nicht lösen von diesem Mann, in dessen Herz sie die reine Liebe vermutete. Wie von Sinnen starrte sie ihn mit brennenden Augen an. »Nehmt mich doch wenigstens wie eine Dirne, bevor Ihr mich wegwerft«, flehte sie. »Ich will nicht. Ich würde selbst nach Jahren völliger Abgeschiedenheit das Gefühl nicht aufbringen, das zur Erfüllung Eures Verlangens nötig wäre. Ich hasse Euch nicht und ich liebe Euch nicht. Ich kann Euch nur verachten.«
Michel fuhr immer gröberes Geschütz auf, um sich von ihrer Anwesenheit zu befreien. Er spürte bereits, daß er den strahlenden Augen dieses Weibes nicht mehr lange würde widerstehen können.
Marina stand plötzlich wie eine Katze neben seinem Lager. Ihre Augen funkelten, und ihre rötlich schimmernden Haare glänzten im Schein der flackernden Kerze. »Ihr werdet mich nicht mehr loswerden, Silbador. Es sei denn, Ihr werft mich ins Meer oder verratet mich dem Kapitän. Warum bringt Ihr mich nicht um? Es wird Euch doch niemand dafür bestrafen.Im Gegenteil, Ihr vollstreckt damit nur ein Urteil, das jedes Gericht in Spanien über mich verhängt hätte.« »Ich bin kein Henker«, anwortete Michel, und seine Kehle war strohtrocken. »Muy bien, Senor Silbador«, lächelte sie mit halbgeschlossenen Augen, »ich werde Euch überall hin verfolgen. Ich werde mein ganzes Leben nur noch damit verbringen, Euch im Wege zu sein. Und ich werde unter Euern Augen Verbrechen begehen, bis — bis Ihr mich entweder tötet oder durch Eure Liebe erlöst.«
»Pah«, sagte Michel nur. Es fiel ihm nichts weiter ein.
»Ihr werdet«, fuhr sie unbeirrt fort, »immer an mich erinnert werden. Und wenn Ihr je eine andere Frau lieben solltet, so werde ich Euch in den Weg treten. Vielleicht werde ich Euch nochmals mit Gewalt in meine Macht bringen. Dann sollt Ihr um meine Liebe betteln, die Ihr jetzt verschmäht. Euch zu lieben und Euch dabei langsam zu töten, wird der höchste Augenblick in meinem Leben sein.«
»Geht!« schrie Michel heiser. »Geht, ehe ich Euch schlage. Fluch über die Mutter, die Euch geboren hat. Laßt mich in Ruhe.«
Marina ging lächelnd Schritt um Schritt zurück, bis sie im Dunkel des Ganges verschwunden war.
Michel erhob sich. Alles in ihm war Aufruhr. Sein Herz tobte in wilden Sprüngen. Das Blut stieg ihm zu Kopf, und Schweiß brach ihm aus allen Poren.