El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ich denke nicht daran! Que impudencia, solches von mir zu verlangen! Laß mich los, elender tramposo!«
Michel ließ ihn los, holte jedoch im gleichen Augenblick aus und gab dem hochgeborenen Hidalgo eine solche Ohrfeige, daß er der verkleideten Gräfin vor die Füße fiel.
Escamillo sprang wutentbrannt auf und riß seinen Degen aus der Scheide.
»Valgame Dios, Feigling, willst du mit einem Waffenlosen kämpfen?« rief der Kleine und stellte sich schützend vor den bedrohten Michel.
»Leiht mir Euern Degen, Senor Jardin«, bat Michel seinen Beschützer. Dieser reichte ihm die Waffe mit einer respektvollen Verbeugung. »Mein Leben für Euch, Senor«, sagte er.
»Pah«, mischte sich Escamillo bellend ein, »wie traurig für diesen Lümmel, wenn du ihm nichts
zu bieten hast als dein lächerliches Leben, das Leben eines verrückten Zwerges.«
»Diablo, ich erwürge dich mit meinen bloßen Händen, du adliger Gallespucker!«
Der Kleine machte Anstalten, sich auf ihn zu stürzen. Aber Michel hielt ihn zurück.
»Laßt ab, Senor Jardin, ich werde dem Burschen eine Lektion erteilen, an die er sein Leben lang denken soll. Ich nehme Euer Leben an und biete Euch dafür das meine«, lächelte er dem Kleinen zu.
Das war eine Höflichkeitsbezeugung und die offene Erklärung einer Freundschaft, wie sie unter Tausenden von Menschen nur ganz selten ausgetauscht wird. Ein Bund wird so besiegelt, der bis ans Lebensende Gültigkeit besitzt.
Mit einem schrillen Wutschrei stürzte sich Escamillo de Fuentes jetzt auf Michel. Dieser wehrte in geschickten Paraden ab und begann auf einmal, teuflische Pfiffe auszustoßen. Dann aber ging er zum Angriff über und trieb den Ersten Offizier wie einen Maulesel vor sich her, die Treppe hinauf.
Das Klirren der Waffen hatte die Wachen angezogen. Sie versperrten die Luke so, daß Escamillo nicht mehr weiter zurückweichen konnte. »Platz da!« schrie er.
Aber die Wächter hatten die strikte Anweisung, niemanden mehr an Deck zu lassen. So kreuzten sie die altmodischen Piken.
Escamillo wehrte sich auf der obersten Stufe mit Verzweiflung.»Capitan«, rief er laut, »befehlt den Pikenieren, daß sie mir den Weg frei geben.«
Der Kapitän folgte dem Wunsch seines Ersten; denn an sich mochte er ihn gut leiden und wollte ihn retten.
»Laßt Don Escamillo durch«, schrie er. Das Pikenkreuz öffnete sich. Escamillo machte einen Schritt rückwärts.
Dann standen die Wächter wieder unbeweglich. Michel war praktisch von seinem Gegner abgeschnitten.
Es fiel ihm nicht ein, die Pikeniere anzugreifen. Escamillo aber ließ unter dem sicheren Schutz der gekreuzten Hellebarden den Degen sinken und warf dem Silbador eine Flut von schmutzigen Schimpfwörtern ins Gesicht.
Da faßte Michel plötzlich den geliehenen Degen bei der Spitze, wirbelte ihn zweimal um den Kopf und ließ ihn zwischen den Wächtern hindurchzischen. Die Schneide der scharfen Waffe trennte im Flug dem Ersten Offizier die Degenhand vom Arm. Ein furchtbarer Schrei erklang. Und ein dicker Blutstrahl schoß auf Deck.
Die Posten waren erschrocken zurückgewichen. Jetzt ließen sie die Piken fahren und eilten unter Schreckensrufen davon. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Sie mußten den Senor, der als Fahrgast auf ihrer Galeone weilte, für den leibhaftigen Satan halten.
Marina, der Kapitän und der Kleine drängten sich die Treppe empor. Wie einen Geist starrten sie Michel an, der bereits dabei war, seinem Feind die Ader abzubinden, was dieser sich ohne weiteres gefallen ließ.
Michel beachtete die bewundernden Ausrufe der Anwesenden nicht.
»Senor Jardin«, bat er höflich, »helft mir, den Verwundeten unter Deck zu bringen. Ich hoffe, wir finden genügend Instrumente und Bandagen, um ihn zu verarzten und zu verbinden.«
»Ihr wollt Euern eigenen Feind verbinden, Senor?« fragten der Kleine und der Kapitän ungläubig. »Ihr habt ihn besiegt und könnt ihn nach dem Seerecht der Ehre töten.« »Was hätte ich wohl davon?« lächelte Michel. »Ich mußte ihn für seine Beleidigungen bestrafen, weil es der Ehrenkodex so erfordert. Und ich wollte ihn nachhaltig bestrafen, um in Zukunft sicher zu sein vor seinen Angriffen. Fechter, die einsehen, daß sie immer verlieren werden, sobald sie gegen mich kämpfen, greifen oft zu unerlaubten Finten. So ist es besser, wenn die Degenhand keine Dummheiten mehr machen kann.«
»Das verstehe ein anderer«, meinte der Kapitän und kratzte sich am Kopf. »Sagt mir, was ich mit einem Ersten Offizier soll, der keine rechte Hand besitzt.«
»Sehr einfach, Kapitän, macht ihn zum Zweiten Offizier und den Zweiten zum Ersten«, gab Michel zurück.
Der Kapitän sah ihn verblüfft an. Senor Jardin wurde über und über rot vor Verlegenheit. Der Kapitän nickte jedoch und ließ die Leute zusammenrufen. Als er ihnen die Beförderung erklärt hatte, brach ein donnerndes Hurra aus den Kehlen der Seeleute, die nie besonders viel .von dem vornehmen und hochnäsigen Escamillo gehalten hatten. Nur der Steuermann war nicht ganz einverstanden, enthielt sich aber jeglicher Kritik.
Als Michel nun in des Doktors Garcia Koje den Verwundeten kunstgerecht verband, ging ihm der angebliche »Arztgehilfe« unaufgefordert zur Hand.»Schaffen wir ihn in seine Kabine« bat Michel Jardin, der eben eintrat. Jardin zögerte.
»Ich mag einen Ehrlosen nicht mehr anfassen.« Michel lächelte bittend.
»Amigo, ging es Euch nicht ähnlich, als wir beide das Vergnügen miteinander hatten? Verzeiht, daß ich Euch daran erinnern muß; aber man sollte nie vergessen, menschlich zu sein. Niemand ist ehrlos, nur weil er sich einmal schlecht benimmt. Wir Menschen könnten alle in schönster Eintracht leben, wenn sich nicht immer der eine über den anderen erheben und sich besser dünken würde als sein Nächster. Sind wir nicht frei geboren, und haben wir nicht Verstand mitbekommen in die Wiege, damit wir unsere Gefühle damit kontrollieren? Bitte, faßt an.« Der Kleine, nunmehr Erster Offizier, sah beschämt zu Boden. Während er vorsichtig den Verletzten bei den Füßen ergriff, um seinem neuen Freund beim Transport des Ohnmächtigen behilflich zu sein, gingen ihm die sonderbarsten Gedanken durch den Kopf. Ja, warum mußten sich die Menschen stets gegenseitig das Leben zur Hölle machen? Warum vertrugen sie sich nicht? Wozu war denn der Verstand überhaupt da, wenn nicht dazu, daß man sich selbst mit seiner Hilfe Zügel anlegte?
Eigenartig, daß Alfonso zum erstenmal in seinem Leben solche Gedanken hatte. Und dabei konnte er lesen und schreiben, hatte viel gesehen von der Welt und hatte sich entschlossen, seine Kraft in den Dienst der Freiheit zu stellen. Denn nicht, weil dieses Schiff, auf dem er nun Erster Offizier war, eine Art königliche Seeräubergaleone darstellte, nein, weil es den Rebellen der Freiheit in jenem weiten Amerika Hilfe bringen wollte, deshalb hatte er hier Heuer genommen. Ihm lag nicht viel an Geld. Zum Sattwerden hatte er genug. Das Abenteuer reizte ihn und das wilde Leben eines Freibeuters, wobei er allerdings den einen Denkfehler machte, daß er Freiheit mit Freibeutertum verwechselte. Für ihn waren die Soldaten Washingtons die gleichen Menschen wie die Piraten, die auf den Antillen hausten und sich außerhalb der königlichen Gesetze gestellt hatten. Amerika war im weiteren Sinne also das Gleiche wie Caribien. Auch hier wollte man sich vom Joch eines Königs befreien und leben, wie es einem gefiel. Das Große in der Erhebung jenes Volkes mit dem Sternenbanner erkannte Jardin nicht; denn so weit reichten seine Gedanken nicht, die jetzt von Michels Stimme unterbrochen wurden.